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27JUL2022
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Ich frage einen Freund: „Wie hieß eigentlich deine Mutter?“ Ich weiß, dass sie schon viele Jahre tot ist. Er stutzt und meint: „Meine Mutter hieß Anna.“ Er zögert. „Aber ich würde eher sagen ‚Meine Mutter heißt Anna‘ – selbst wenn sie jetzt schon lange Zeit verstorben ist, ist und bleibt sie doch meine Mutter, die Anna heißt. Oder nicht?“

Das hat mich ganz schön ins Nachdenken gebracht. Eigentlich würde ich die Vergangenheitsform verwenden, aber es stimmt schon, was er sagt. Außerdem ist letztlich nur entscheidend, wie er es wahrnimmt. Mir wird noch mal deutlich, wie sensibel und individuell das Gespräch mit jemandem ist, der oder die einen geliebten Menschen verloren hat. Dabei sind nicht irgendwelche Rahmendaten wie das Alter oder die Anzahl an Jahren, die inzwischen seit dem Tod vergangen sind, wichtig. Das, was zählt, ist allein das jeweilige Empfinden der Person, die mit dem verstorbenen Menschen verbunden ist.

Ich fühle die Gegenwart geliebter Menschen, die verstorben sind, und das klingt für mich auch im folgenden Bibelvers an: „Ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ (Jes 49,15f).

Ich vertraue darauf: Geliebte Menschen, die verstorben sind, sind in Gottes Gegenwart aufgehoben – und zwar mit allem, was sie ausmacht und eben vor allem mit ihrem Namen.

Und wenn ich mich an einzelne Begebenheiten mit diesen geliebten Menschen erinnere, werden diese Szenen für den Moment wieder Teil meiner Gegenwart. Das schmerzt oft, weil der Verlust noch einmal deutlich wird, gleichzeitig schenkt die Erinnerung ein Gefühl von Nähe und die schönen Erinnerungen zaubern vielfach ein Lächeln ins Gesicht. Die Menschen sind über ihren Tod hinaus präsent in meinem Leben. In besonderer Weise sind sie das an Tagen, an denen ich eh an sie denke, wie an ihrem Geburtstag oder ihrem Todestag.

Aber auch Kleinigkeiten lösen die Erinnerung aus: das Lied im Radio, das mich immer an eine Freundin erinnert. Wir haben es auf der Gartenparty gehört, bevor sie starb. Oder der Anblick der beiden Apfelbäume im Garten, die mein Opa gepflanzt hat.

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26JUL2022
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Mit einer Freundin bin unterwegs zu einer ganz besonderen Fortbildung: Es geht um Honigmassage. Laut Programm lernen wir Massagetechniken kennen und probieren diese gegenseitig aus. Meine Freundin fragt mich: „Magst du es eigentlich berührt zu werden?“

Gute Frage! Seit der Pandemie ist jemanden anpacken bzw. selbst berührt werden ja so eine Sache. Das Händeschütteln fehlt mir zum Beispiel nicht. Ich brauche es nicht, um mein Gegenüber freundlich zu begrüßen.

Aber liebe Menschen zu umarmen und von ihnen umarmt zu werden war vor der Pandemie für mich schön und selbstverständlich. Inzwischen bin ich es nicht mehr so gewöhnt. Von daher bin ich tatsächlich sehr gespannt auf den Massageworkshop.

Nach einer kurzen theoretischen Einführung geht es schon ans Ausprobieren. Dazu bekommt jedes Team einen eigenen Raum, der liebevoll hergerichtet ist. Es soll ein ganzheitliches Erleben sein. Wir arbeiten uns von den Händen und Armen über die Füße und Beine, zu Rücken und Oberkörper vor. Die Bewegungen sind am Anfang etwas zögerlich, aber mit der Zeit immer sicherer. Und dabei stets im Blick: Was tut meinem Gegenüber gut?

Als ich selbst massiert werde, merke ich, wie ungewohnt solch intensive Berührungen für mich geworden sind. Aber ich merke auch, wie gut mir die Berührungen tun und genieße den Moment.

Dieses ganzheitliche Sorgen für meinen Körper – auch und gerade mit solch sinnlichen Erfahrungen – ist die letzten Jahre einfach zu kurz gekommen. Und auch als Theologin ist mir der Blick auf den Körper wichtig, denn viel zu lang hat die Kirche Leibfeindlichkeit gepredigt. Dabei bin ich von Gott eben mit Geist und Körper geschaffen.

Und so genieße ich die Zeit der Honigmassage ganz besonders und meiner Freundin geht es wohl ebenso, denn sie grinst mich irgendwann nur an und meint: „Ich habe völlig mein Zeitgefühl verloren.“

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25JUL2022
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Dieses Jahr ist ein recht gutes Jahr für Bienen, Wespen, Hummeln und Co. Als Imkerin habe ich Fortbildungen über Hornissen und Wespen gemacht und so darf ich diese umsiedeln. Daher hat mich ein Freund gebeten nach seinem Wespennest hinter der Balkonverkleidung zu schauen.

Das Nest sitzt etwas ungünstig: Wenn man durch die Balkontür geht, kreuzt man schnell die Flugbahn der Wespen. Umsiedeln ist in diesem Fall aber schwierig. Also probieren wir, mit einigen Schrauben und festem Stoff, die Flugbahn der Tiere umzulenken. Die Wespen fliegen nun von oben in ihr Nest und der Gang durch die Balkontür ist wieder frei.

Der Freund erzählt: „Normalerweise hab‘ ich da nicht lang gefackelt. Ich bin da immer mit einer Sprühdose rangegangen. Dann war das erledigt. Ich wusste nichts über Wespen – außer, dass sie nerven können.“

Umso bemerkenswerter ist daher die Begegnung mit einer Bekannten von ihm, nachdem wir mit der Arbeit am Wespennest fertig sind. Als sie beim Stichwort schon das Gesicht verzieht und mit: „Uhhh, Wespen!“ reagiert, nennt ihr der Freund prompt die vielfältigen Aufgaben der schwarz-gelben Tierchen: wie Bienen bestäuben sie Pflanzen und sammeln Raupen, Läuse und Ähnliches als Futter für den Nachwuchs. Und sie sind auch als Gesundheitspolizei tätig, wenn sie zum Beispiel tote Insekten wegräumen.

Inzwischen findet der Freund Insekten richtig interessant und beobachtet sie gerne auch mal genauer. Einmal allerdings ein bisschen zu nah: Er ist mit einer Wespe zusammengestoßen, die ihn dann gestochen hat. Schmerzhaft, aber er hat sich tapfer geschlagen. Es sind halt keine Kuscheltiere.

Die Haltung: Ich sprühe weg, was mir nicht in den Kram passt, finde ich schwierig. Wer bin ich denn, dass ich entscheide: Honigbienen sind beliebt und dürfen bleiben – Wespen sind doof und können umgebracht werden? Ich erinnere mich dann immer an den Leitspruch von Papst Johannes XXIII – der zu sich selbst gesagt hat: „Nimm dich nicht so wichtig!“ Er sagte das immer, wenn er fand, dass ihm die Menschen zu viel Bedeutung zugemessen haben. Und auch ich bin mit Blick auf die Wespen hier eben nicht die Chefin, sondern nur ein Teil vom Ganzen oder biblisch gesprochen, ich soll die Welt wie einen Garten pflegen und beschützen.

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24JUL2022
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In meiner Kindheit waren Sonntage ganz anders als die anderen Tage der Woche. Das fing am Samstagabend mit dem Baden an. Dann wurden die Haare über Nacht auf Lockenwickler gedreht, damit am Sonntagmorgen in der Kirche alles schön aussah. Es gab extra Sonntagskleidung, besonderes Essen und vor allem war: Ruhe im Karton. Für mich als Kind war es allerdings etwas zuviel Ruhe.

Wenn ich mich jetzt daran erinnere, scheint das arg weit weg. Inzwischen muss ich oft auch an Sonntagen arbeiten und manchmal habe ich den Eindruck, der Tag unterscheidet sich gar nicht so sehr von den anderen sechs Wochentagen. Schade eigentlich. Denn die Unterbrechung, die der Sonntag in meiner Kindheit etwas zu viel hatte, hat er jetzt etwas arg wenig.

Dabei finde ich die Idee wertvoll: der Sonntag bietet eine Unterbrechung des Alltags. Es geht nicht wie in einer Endlosschleife einfach immer weiter, sondern ich kann bewusst andere Akzente setzen: Das können Kleinigkeiten sein wie das Frühstücksei und der Sonntagskuchen. Das kann freie Zeit für mich allein oder mit anderen zusammen sein oder eben auch Zeit für meine Beziehung zu Gott.

Wenn ich in der Woche überlege, was an einem Tag ansteht, zähle ich die Dinge meistens mit „ich muss“ auf. Ich muss noch den und den anrufen, ich muss noch einkaufen, ich muss noch den und den Termin vorbereiten. Für mich ist es einfach ein Segen, dass über dem Sonntag ein großes „ich darf“ steht und eben nicht ein „ich muss“.

Und so darf ich mich heute einfach mal extra lang mit meinem Milchkaffee und Croissant zum zweiten Frühstück in den Garten setzen.

Es ist Sonntag! Wie schön!

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07MAI2022
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Ich packe unwahrscheinlich gerne aus! Und das nicht nur an meinem Geburtstag. Gerade über die kleinen, unerwarteten Gelegenheiten, bei denen ich etwas auspacken kann, freue ich mich sehr.

Vor einigen Tagen habe ich eine besonders schöne Art der Verpackung kennen gelernt. Ein Freund überreichte mir ganz unerwartet und ohne ersichtlichen Anlass ein kleines Päckchen. Ich bin etwas erstaunt, denn ich habe ein Stoffknäuel mit einer Knopfreihe in der Hand. Es fühlt sich eher weich an. Wie spannend! Ich fange an, die Knöpfe einzeln aufzuknöpfen. Schön langsam und nicht der Reihe nach – das erhöht die Spannung. Denn sonst sehe ich schnell schon viel vom dem, was sich hinter der Verpackung versteckt. Es sieht nach einem Stoff aus. Erst nachdem ich alle sieben Knöpfe geöffnet habe und den Stoff auseinanderfalte, erkenne ich: Es ist eine Schürze mit dem Motiv einer Linzer Torte, meinem Lieblingskuchen. Ich freue mich riesig! Die Schürze sieht toll aus! Ich merke wie die Spannung von mir abfällt und ich völlig entspannt meine neue Schürze und den Freund angrinse.

Diese unerwarteten und ungeplanten Momente, in denen mir jemand „einfach so“ eine Freude machen möchte, genieße ich sehr. Jemand mag mich und zeigt mir das.

Diese Freude ist für mich zugleich ein ganz zentraler Ausdruck meines Glaubens. Gott hat diese Welt – hat mich – zur Freude geschaffen (Jes 65,19). Und so geht es für mich darum, Freude am Leben zu haben und anderen Freude zu schenken. Das müssen nicht immer materielle Dinge sein. Geschenkte gemeinsame Zeit finde ich genauso schön. Und gerade in diesen schwierigen Zeiten, wenn das Leben nicht rund läuft, sind kleine Momente, die mir Freude bereiten und Kraft schenken, besonders wertvoll.

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06MAI2022
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Mit einer Freundin sitze ich vor einigen Wochen im Bistro. Auf der Karte stehen „Jahrgangs-Sardinen“. Wir schauen uns ratlos an. Daraufhin erzählt uns die Besitzerin von der offensichtlich von mir völlig unterschätzten Welt des konservierten Fisches in der Dose. Wir erfahren: diese Sardinen werden auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung und meist von kleineren Familienbetrieben gefangen. Danach werden sie schließlich mit bestem Olivenöl konserviert.

Ich bin erstaunt. Das Thema Fisch ist für mich heikel. Die Meere werden überfischt, dann wird das ganze um die Welt transportiert und auch die Zuchtbedingungen ist als Thema immer mit an Bord, wenn es um Fisch geht. An einem Satz der Bistro-Besitzerin bleibe ich besonders hängen – sie sagt: „Nachhaltigkeit bedeutet auch weniger zu essen, dafür aber hochwertige und gute Lebensmittel.“

Das klingt beim ersten Hören nach einer teuren Diät. Tatsächlich ist das Thema „Nachhaltigkeit“ in Bezug auf unser gesamtes Essen unwahrscheinlich komplex und vielfältig. Aber eben auch wichtig.

Denn ich will nicht, dass auf meine Kosten Küken geschreddert werden. Ich will auch keine riesigen Monokulturflächen, die für Wildbienen eine unüberwindbare Steppe sind. Ich möchte keine Hochleistungskühe, die mit einem vollen Euter gar nicht mehr laufen können.

Es gibt endlos viele Punkte wie diese. Aber wenn ich all das nicht will, muss ich mein Verhalten ändern. Wenn ich nur rummaule, ändere ich nichts. Und eine mögliche Konsequenz ist eben für mich:

Ich esse weniger. Dafür aber ausgewählt und mit sehr guter Qualität. Klar – das wird mir jetzt nicht sofort und durchschlagend gelingen. Und es passt auch nicht für jede Person, jede Familiensituation oder für jedes Portemonnaie. Zunächst muss ich ja mal genau hinschauen: Was esse ich überhaupt?

Ich arbeite mich also voran. Und das ist mir auch von meinem Glauben her wichtig: Schließlich bin ich verantwortlich gegenüber allen Lebewesen in der Welt – christlich gesprochen in der Schöpfung – von der und in der ich ein kleiner Teil bin.

Und Nachhaltigkeit kann ja auch richtig Spaß machen. Zum Beispiel dann, wenn ich meine Jahrgangs-Sardine ganz bewusst genieße: Ich öffne den Deckel, sehe diese Schönheiten vor mir und freue mich über ihren wunderbaren Geschmack.

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05MAI2022
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Im Mai ist in meiner Imkerei Hochsaison. In jedem Volk schlüpfen am Tag etwa 2.000 Bienen, die Völker wachsen und vermehren sich. Sie produzieren Honig, der geerntet und geschleudert wird. Gefühlt fallen bei den Bienen gerade alle Aufgaben gleichzeitig an.

Und meine Liste mit Dingen, die erledigt werden sollen, wird über den Tag immer noch länger: Da gibt es weitere berufliche Termine und Telefonate, abends warten noch der Garten, Haushalt, Familie und Freundeskreis. Und dann gibt es ja noch die ungeplanten Dinge, die hinzukommen.

Die Situation führt bei mir inzwischen zu einem chaotischen Zeitmanagement: ständig verschiebt sich alles und das, was ich nicht geschafft habe, wartet automatisch am nächsten Tag auf mich. So habe ich das Gefühl, ich renne mir selbst hinterher. Auf Dauer geht mir das ziemlich auf den Keks.

Interessanter Weise macht ein Freund es ganz anders. Er sieht den neuen Tag nicht als Fortsetzung von gestern, sondern als ganz neuen Start. Das erinnert mich daran: nach meinem christlichen Glauben ist mir mein Leben von Gott geschenkt und damit auch jeder neue Tag.

Zwar knüpft der Freund praktisch natürlich an den Themen von gestern an. Aber er hat nicht das Gefühl, er arbeitet den liegengebliebenen Berg ab. Also zum Beispiel die Telefonate, zu denen er nicht kam. Stattdessen überlegt er morgens erst einmal: Was möchte ich mit den neuen 24 Stunden tun bzw. natürlich auch, was muss ich tun?

Momentan probiere ich das mal für mich aus. Zugegeben – natürlich könnte ich mir auch einfach weniger vornehmen. Ich mag es jedoch, wenn es trubelig ist und viele verschiedene Themen anstehen.

Aber mit diesem veränderten Blick auf den neuen Tag, starte ich morgens mit einem anderen Gefühl – ich freue mich über die neuen 24 geschenkten Stunden.

Zudem hilft es mir, einen Tag abends besser loszulassen. Und bei den Tagen, die schlecht gelaufen sind, bin ich dann sehr froh, dass ich ein Häkchen dran machen kann. Morgen ist schließlich ein neuer Tag!

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09FEB2022
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Ich helfe manchmal beim Bäcker auf dem Markt aus. Beim letzten Mal gab es gegen Ende noch recht viele Schokobrötchen. Als ich deshalb eine Frau frage, ob sie zusätzlich noch ein Schokobrötchen möchte, schaut sie mich entsetzt an: „Sehe ich so aus als würde ich Schokolade essen?“ Ich bin irritiert. Ich schaue mir die Frau näher an. Sie sieht ganz normal aus. Ich antworte nichts. Sie geht empört davon.

Diese Szene geht mir nicht aus dem Sinn. Eine richtige Antwort hätte es vermutlich nicht gegeben. Mir schoss nur der Gedanke durch den Kopf: „Essen Sie lieber mal welche, das tut gut.“

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Schokolade in Apotheken als Stärkungsmittel verkauft. Und ich finde, Schokolade ist genau das: ein Stärkungsmittel. Ab und an muss sie sein. Gerne zum Abschluss der Mittagspause als Überleitung in die zweite Arbeitsrunde. Schokolade gibt mir Energie und ich genieße sie.

Eigentlich ist sie damit meinem christlichen Glauben ziemlich ähnlich.

Auch mein Glaube gibt mir Energie. Energie für meine Überzeugungen einzutreten: die Welt – die Schöpfung – muss erhalten und geschützt werden, und ich möchte für andere Menschen Zeit haben, um für sie da zu sein.

Und wie Schokolade schenkt mein Glaube mir Momente zum Genießen: denn es hängt nicht alles allein von mir ab. Und so kann ich mich auch einfach mal hinsetzen und die Aussicht genießen.

Und wenn nun Schokolade und mein Glauben – auf gewisse Weise – Ähnlichkeiten besitzen, finde ich die Frage der Frau „Sehe ich so aus als würde ich Schokolade essen?“ irgendwie wirklich schade.

Es geht doch im Leben auch vor allem darum, Freude zu haben. Und dafür muss ich mich wohlfühlen. Denn, dass ich mich selbst mag, ist die Basis für alles andere – und da bin ich quasi zwingend wieder bei meinem Glauben und der Schokolade.

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08FEB2022
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Vor einiger Zeit erwähnt meine Freundin im Gespräch: „Mein Bruder liest jetzt mehrere Stunden die Woche in der Bibel.“ Sie macht eine Pause. „Und? Stört dich das?“ frage ich sie. Sie zögert. „Das ist doch sehr ungewöhnlich. Ich finde das schon ein bisschen befremdlich.“

Ich finde das vor allem interessant! Eben weil es ungewöhnlich ist. In ganz vielen Haushalten gibt es wohl eine Bibel, aber darin lesen oder sie womöglich durchlesen? Und auch ich selbst als Theologin nehme die Bibel eher für die Arbeit in die Hand und kaum für mich persönlich. Und so gehen mir die Worte meiner Freundin nicht aus dem Kopf. Nach einigem Zögern kontaktiere ich ihren Bruder. Ich spreche ihn auf das Bibelthema an und frage, ob wir einen Kaffee trinken gehen wollen. Zu meiner Überraschung sagt er zu.

Vor dem Treffen bin ich ziemlich angespannt. Denn kann ich mit einer fremden Person direkt über so ein privates Thema wie den persönlichen Glauben reden? Aber als dann der erste Kaffee vor mir steht, entwickelt sich ein sehr angenehmes Gespräch. Er erzählt: bevor er 50 wurde, hatte er eigentlich keinen größeren religiösen Bezug. Vor einiger Zeit sei nun aber irgendwie die Frage nach dem Sinn des Lebens aufgebrochen. Und die tägliche Nachrichtenlage über die Krisenherde in der Welt, die vielen Naturkatastrophen und natürlich auch die Pandemie lassen die Welt trist erscheinen. Hinzu kommen Erfahrungen im Alltag, in denen er Menschen als gleichgültig oder auch aggressiv erlebt.

Und so wurde für ihn die Frage wichtig: Gibt es einen tieferen Sinn in der Welt? Und dann hat er sich hingesetzt und angefangen in der Bibel zu lesen.

Er sagt: das tut mir gut. Die Bibel verleiht der Welt keinen rosa Anstrich, aber er findet Sinn in ihr. So zum Beispiel in der Glaubensaussage: der Mensch ist von Gott geschaffen und gewollt. Oder: das Leben endet nicht mit dem Tod im Nichts, sondern der Mensch ist nach dem Tod bei Gott aufgehoben.

Ich bin beeindruckt. In einer solchen Situation auf die Idee zu kommen: ich setz mich hin und schau mal, ob und was die Bibel dazu sagt. In heutiger Zeit sicher nicht alltäglich.

Dieses Treffen ist also im wahrsten Sinn des Wortes ein Austausch über „Gott und die Welt“ gewesen. Und da ich es so angenehm gefunden habe, ist mir erst bei der Verabschiedung aufgefallen, dass unsere Verabredung vier Stunden gedauert hat.

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07FEB2022
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Eine Woche ist es jetzt her. Eine Polizistin und ein Polizist werden nachts bei einer routinemäßigen Fahrzeugkontrolle erschossen. Die Brutalität der Tat ist für mich unfassbar – es ist auch so unwirklich.

Der Tod dieser beiden jungen Menschen erschüttert mich.

Darüber hinaus fühle ich mich aber tatsächlich auch persönlich betroffen. Auch wenn ich die beiden selbst nicht kannte. Denn ich habe meine 21-jährige Nichte vor Augen, die vor sieben Monaten ihren Polizeidienst begonnen hat. Auch sie ist schockiert, wie brutal das war.

Ich bin aber auch deshalb so betroffen, weil diese Tat etwas mit mir zu tun hat. Denn diesen Dienst, den die beiden dort nachts verrichtet haben, haben sie auch für mich gemacht. Wieso? Weil der Dienst von jeder Polizistin und jedem Polizisten ganz konkret etwas mit mir zu tun hat:

Polizistinnen und Polizisten schützen die Rechte, die ich habe. Sie kümmern sich darum, dass bestehende Gesetze eingehalten werden. Und sie halten Gefahren von mir fern und sorgen damit dafür, dass ich mich sicher fühle.

Dass Frauen und Männer diesen Dienst für mich leisten, verlangt meinen Respekt und meine Dankbarkeit.

Aber in den Nachrichten ist nicht von Respekt und Dankbarkeit die Rede, sondern ich erfahre dort gefühlt täglich von wilden Beschimpfungen auf Polizistinnen und Polizisten. Diese treffen auch Feuerwehrleute, Rettungsdienstler sowie Politikerinnen und Politiker. Klingt harmlos? Ist es aber nicht! Worte sind nicht belanglos. Die verbale Respektlosigkeit gegenüber Personen, die sich für unsere Gesellschaft einsetzen, ist letztlich nur die Vorstufe von tätlichen Angriffen.

Ich bin davon überzeugt – und zwar auch auf dem Hintergrund meines christlichen Menschenbildes – : unser Zusammenleben funktioniert nur mit gegenseitigem Respekt und mit Dankbarkeit. Mir hilft dabei, eben nicht eine anonyme Gruppe zu sehen wie „die Polizei“ oder „die Politiker“, sondern die einzelne Person. Und wohl fast jede und jeder kennt einen Menschen, der sich in den unterschiedlichen Diensten für unsere Gesellschaft einsetzt. Bei mir ist es konkret meine Nichte, die – genau wie die etwa 9.000 Polizistinnen und Polizisten in Rheinland-Pfalz – tagtäglich ihren Dienst für mich verrichtet. Dafür begegne ich jeder und jedem einzelnen von ihnen respektvoll und vor allem dankbar.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34811