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04SEP2022
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Von Paulus wird erzählt, dass er vor Damaskus in Syrien eine Erscheinung hatte. Jesus hat sich ihm gezeigt und ihn bekehrt. Und das hat Jesus so gründlich getan, dass alle überrascht waren. Jeder kannte Saulus als eifrigen Pharisäer und  als Christenhasser. Und plötzlich war er selbst der gläubigste Christ und wurde als Paulus zum Missionar. (Apg 9, 21)

Ich habe vor kurzem so einen Paulus getroffen. Also, natürlich nicht den Paulus der Bibel. Aber einen, der ebenfalls seine bisherigen Leben von Jetzt auf Nachher über den Haufen geschmissen hat: Sascha. Sascha hat lange auf der Straße gelebt. Nach seiner Lebensgeschichte gefragt, erzählt er:

„Ich wusste nicht weiter mit meinem Leben. Ehe kaputt, Job verloren, Drogen, Alkohol. Ich war ohne Plan für mein Leben  Dann hatte ich aber im Traum eine Erscheinung. Meine Vorfahren sind mir erschienen und haben gesagt: Zieh los nach Mainz, fang neu an. – Und das hab ich gemacht. Auch wenn ich wusste, dass ich auf der Straße anfangen muss.“

Sascha hat dann von diesem Erlebnis in einem Gespräch einem Pfarrer erzählt. Der hat ihm daraufhin eine Bibel geschenkt. Sascha hat darin gelesen und tut das bis heute. Was er entdeckt hat? Sascha sagt: „Gott hat für alles einen Plan. Also hat er auch für mich einen Plan. Wenn ich in der Bibel lese, finde ich darin Vertrauen.“ Außerdem hat er auch Gemeinschaft in einem Hauskreis gefunden.

Mittlerweile hat Sascha einen Job und auch eine Wohnung. Drogen nimmt er auch keine mehr. Das Gespräch mit ihm hat mich sehr beeindruckt.

Und genau wie Paulus muss auch Sascha heute damit leben, dass die Leute sich lustig machen. Über das Kreuz an der Kette, das er jetzt trägt. Dass jetzt selbst mal zwei, drei Euro in die Sammelmütze wirft, wo er doch früher selbst Passanten um Geld angefragt hat.

Er erträgt das mit großer Geduld und sagt: „Es geht um den Zusammenhalt. Auf der Straße ist kein Zusammenhalt mehr. Aber wenn jeder nur noch Einzelkämpfer ist, gewinnt keiner. Früher gab es auf der Straße mehr Zusammenhalt. Und das will ich zurückbringen.“

Deshalb sucht Sascha die alten Orte auf, an denen er seine Zeit verbracht hat. Büsche in der Innenstadt. Eine Bank in einer Nebenstraße. Eine kleine Parkanlage in der Nähe eines Discounters. Dort gibt er den Männern, die er dort findet oft ein Bier aus. Er sagt: Alkohol gehört auf der Straße dazu. So zu tun als wüsste man es besser, bringt nichts. Dann fühlt sich der andere nicht ernst genommen.

Dann spricht er mit ihnen. „Ich sag denen dann, dass sie mal jemanden auf ihrer Matratze schlafen lassen sollen, wenn sie unterwegs sind. Bei der Stadt gibt es Möglichkeiten, Wäsche zu waschen. Das geht also. – Oder ich erkläre ihnen, dass sie sich ein Schließfach für die Wertsachen besorgen sollen. Klar, dass klingt nicht nach Zusammenhalt. Aber wo jeder auf seine Sachen aufpasst, macht Gelegenheit keine Diebe.“

Es gibt für Sascha solche und solche Tage. Manchmal haben die Männer ein offenes Ohr. Manchmal sagen sie, er solle abhauen. Er habe ja gut Reden, heißt es dann. Aber Sascha gibt nicht auf.

Die Begegnung mit diesem Straßenpaulus hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Angefangen hat bei ihm alles mit einem Traum von seinen Vorfahren. Wir aufgeklärten Westmitteleuropäer haben ja so unsere Schwierigkeiten mit sowas. Wenn einer Erscheinungen hat, machen wir uns eher Sorgen, bevor wir uns für ihn oder sie freuen. Aber hier habe ich wirklich jemanden erlebt, der wie Paulus ist.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, so einen modernen Paulus bei mir auf der Straße zu treffen. Aber da war er. Nicht im Fernsehen, nicht bei den Influencern, nicht bei den superklugen Köpfen.

Paulus war auch viel auf den Straßen des römischen Reichs unterwegs. Aus seinem Engagement ist eine weltweite Glaubensgemeinschaft geworden. Ich würde es Sascha gönnen, wenn er wie Paulus immer wieder Freude über seine Erfolge empfinden kann.

Ich jedenfalls werde weiter von Sascha erzählen. Und wie er sich vorstellt, dass mehr Zusammenhalt das Leben für alle sicherer macht. Mich inspiriert das – Sie vielleicht auch? Saschas Hingabe und Begeisterung können uns nur Vorbild sein.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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06JUN2022
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An Pfingsten feiern die Kirchen, dass Gott seinen Geist zu uns Menschen schickt - als Beistand und treuen Begleiter fürs ganze Leben. Das hört sich großartig an. Aber – wie sieht das konkret aus?

In der Bibel wird dazu eine Geschichte erzählt, die ich sehr mag. Mose zieht mit dem Volk Israel durch die Wüste. Gott steht seinem Volk treu bei und sorgt für genug Essen auf dem Weg, allerdings recht einseitig: Jeden Tag gibt es Manna, das nach Honigkuchen schmeckt. Das hört sich erstmal gut an, aber 40 Jahre Honigkuchen können einem Menschen auch lang werden. Deshalb beschwert sich das Volk bei Mose immer wieder. Sie sagen: Wir wollen zurück nach Ägypten, auch wenn es Sklaverei bedeutet. Da gab es Kürbisse, Melonen, Fische, Zwiebeln und Knoblauch.

In dem Moment bricht Mose innerlich zusammen. Er hält es nicht mehr aus, wie krass falsch das Volk seine Lage einschätzt, und was für Luxus-Probleme es hat. Die Freiheit von der Sklaverei ist erreicht – und das soll eingetauscht werden gegen Fische und Knoblauch? Mose will nicht mehr derjenige sein, der die Menschen motiviert, weiterzugehen. Er will nicht mehr der einzige sein, der unbeirrt in die Zukunft blickt und Optimismus ausstrahlt. Er kann einfach nicht mehr und betet: Gott, wenn Du mir sonst keine Hilfe angedeihen lässt, dann töte mich lieber. Ich hab es satt!

Gottes Antwort lautet: Suche 70 Männer. Denen will ich von meinem Geist geben, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst (Num, 11, 17). So zum Beispiel sieht es konkret aus, wenn Gott seinen Geist schickt. Mose bekommt Menschen geschickt, die ihm helfen, seine Last zu tragen.

Die Geschichte von Mose erzählt von einer Erfahrung, die viele auch heute kennen:
Ich denke zum Beispiel an Erika. Erika verteilt in ihrer Kirchengemeinde regelmäßig ein kostenloses Mittagessen an Bedürftige. Diese Arbeit hat ihr immer Spaß gemacht. Aber dann kam Corona:  viele Helferinnen und Helfer aus ihrem Team sind  ausgefallen. Die Arbeit ist ihr irgendwann über den Kopf gewachsen. Irgendwann hat sie der Gemeindeleitung gesagt, dass sie es nicht mehr schafft, und hat das auch in einem Gottesdienst öffentlich zugegeben. Das hat sich herumgesprochen, und Tage später haben sich lauter junge Familien gemeldet, um zu helfen.

Erika hat mir erzählt: „Es ist unglaublich, wie viele Menschen plötzlich da sind. Damit war überhaupt nicht zu rechnen. Das ist so eine Entlastung.“

Ich finde, das ist genau die Mosegeschichte aus der Bibel - bloß in der Gegenwart. Ich bin mir sicher: Die Geschichte von Mose ist brandaktuell. Menschen fühlen sich auch heute schwach, allein und hilflos.

Mein Eindruck ist aber auch: Schwäche zeigen, erzählen, dass man sich alleine fühlt – das ist nicht einfach. Schon in der Schule müssen Kinder immer mehr zu Alleskönnern werden. Nur ja keine schlechte Note in irgendeinem Fach. Ja keine Schwachstelle zeigen.Im Beruf geht das weiter, und Ellbogen sind immer noch wichtig. Facebook, Instagram, TikTok und YouTube produzieren Bilder von Schönheit und Perfektion, die unerreichbar sind.

Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit mit Jugendlichen, dass die Not größer wird, über die eigenen Schwächen, über Einsamkeit und Hilflosigkeit zu sprechen. Ich merke immer wieder: Erwachsene sollten offene Ohren für die Jugendliche haben. Einfach damit wir als Gesellschaft nicht unfähig werden, Schwäche, Einsamkeit und Hilflosigkeit wahrzunehmen.

Und das ist, denke ich, wieder sehr nah an Gottes Antwort an Mose dran. Er hat ja gesagt: andere sollen Dir tragen helfen, damit Du nicht alleine tragen musst. Es geht also bei Gott gar nicht darum, dass plötzlich alles, was schwer ist, verschwindet. Aber Gottes Geist sorgt dafür, dass andere mittragen.

Und das tolle ist: Schwächen zuzugeben bedeutet keine Niederlage. Wer die eigene Überforderung ausspricht, der öffnet die Tür für Gottes Geist. So wird aus Schwäche gemeinsame Stärke. Aus Einsamkeit Gemeinschaft und aus Hilflosigkeit wird Zupacken. Und mal ehrlich: wenn ich die Nachrichten schaue über Corona und Krieg in Europa – dann wünsche ich mir so einen Geist für die Menschen und zwischen den Menschen sehr.

Jetzt muss ich noch eines sagen: Es klingt vielleicht zu wunderbar, was ich hier beschreibe. Und Hilfe kommt trotzdem nicht automatisch nach dem Motto: Einfach sagen „ich kann nicht mehr“ und schwupps kommt der Heilige Geist und sorgt für Abhilfe. Das wäre schön. Die eigene Schwäche auszusprechen ist nicht die fertige Lösung - aber nötig, damit sich eine Tür auftut.

Aber ich glaube, dass Pfingsten ein gutes Datum ist, um an den Geist zu erinnern. Ein gutes Datum dafür ist, zur eigenen Schwäche zu stehen. Weil sie von Gott gesehen wird und danach hoffentlich auch von Menschen, mit denen man nicht rechnet.

Also: Nutzen Sie dieses Datum und sagen Sie es jemandem ehrlich, wenn es Ihnen einmal alles zu viel wird. Es besteht Grund zur Hoffnung, dass Ihre Worte dann auch von Gott gehört werden, der seinen Geist sendet, damit Ihnen beim Tragen geholfen wird.

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13MRZ2022
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Ich gehe nicht gerne in Krankenhäuser. Sogar zu Verwandten gehe ich selten. Zu selten sogar. Ich weiß das. Und ich schäme mich deshalb auch. Irgendetwas in mir will Leid und Schmerz nicht an sich ranlassen. Das ist sogar so, wenn mir jemand vom Krankenhaus erzählt. Da werde ich immer ganz still.

Vielleicht liegt es daran, dass mein Vater 9 Monate in einem Krankenhaus war, als ich 14 war. Bei unseren Besuchen habe ich auch viele kranke Kinder gesehen. Ich nehme an, dass mich das damals überfordert hat. So dass ich einfach viele Jahre bei Leid und Krankheit lieber weggeschaut habe.  

Andererseits: Mein Vater ist damals aus dem Krankenhaus gekommen. Ein Kind, das dort behandelt wurde und jahrelang auf Krücken angewiesen war, kann heute – als junger Mann – ohne Krücken gehen. Ich möchte es so beschreiben: die Monate mit den Krankenhausbesuchen haben  mich mit viel Leid konfrontiert. Durch sie habe ich aber auch ein gewisses Vertrauen ins Leben und auch in die Medizin gewonnen.

Bis heute ist das so: Obwohl ich Freunde und Verwandte nicht gerne im Krankenhaus besuche bin ich doch beruhigt, dass sie im Krankenhaus SIND - und dass ihnen jemand hilft. Besonders nachts tut mir das gut - und ich kann beruhigt schlafen. Dass das irgendwie zusammengehört hat mir – und das hat mich überrascht – die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane eröffnet.

Jesus weiß, dass er verraten und verhaftet werden wird. Es ist Nacht, und Jesus hat Angst. Mit drei seiner Jünger geht er in den Garten zum Beten und sagt zu ihnen: Bleibt mit mir wach und betet mit mir (Mt 24,38). Dann geht er ein paar Schritte weiter und betet dort. Und die Jünger schlafen ein. Das wiederholt sich dreimal.

Ich verstehe diese biblische Erzählung immer besser: je älter ich werde und je mehr Verwandte und Bekannte ich selbst begleiten musste bei Krankheit und auch beim Sterben. Mir wird  die Not Jesu immer deutlicher. Er hat Angst, fühlt sich allein und braucht, dass seine Jünger, seine Freunde, da sind. Es geht um das Gefühl: ich bin nicht allein. Doch das bleiben sie ihm schuldig.

Möglicherweise weil sie die Gefahr, in der sie sich befinden, unterschätzt haben. Weil Jesus bisher aus allen brenzligen Situationen herausgekommen ist. Ihr Vertrauen wurde nie enttäuscht, und immer ist es gut gegangen. Warum sollte es diesmal anders sein?

Ich habe mich in diesen Jüngern entdeckt. Und ich habe beides: Sympathie für diese seelenruhigen Schläfer. Aber auch Abneigung, dass sie dem Freund die wenigen wachen Minuten schuldig bleiben.

Was heißt das jetzt aber für den eigenen gesunden Schlaf, wenn jemand zum Beispiel im Krankenhaus liegt? Oder Corona hat? Ist Einschlafen unmoralisch?

Schlaf in der Bibel ist erstmal gut. Vielleicht kennen Sie den Spruch: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Das stammt aus einem biblischen Gebet, aus Psalm 127. Und gemeint ist: Abends die Augen schließen können, gehört zum Tag dazu. Und das trotz aller Sorgen und Nöte - vielleicht sogar trotz aller Katastrophen.  Es nützt nichts, jede Sorge durch endloses Drehen und Wenden und Bedenken noch größer zu machen. Eine Lösung ergibt sich mitunter über Nacht - und wir können nichts dafür tun.

Bestimmt haben die drei Jünger, die mit Jesus im Garten waren, diesen Psalm gekannt. Vielleicht sind sie deshalb damals eingeschlafen. Mit dem guten Vertrauen auf ihren Gott, der am nächsten Morgen die Welt für Jesus ganz anders aussehen lässt. Also: Erstmal ist Schlafen natürlich nicht unmoralisch.

Allerdings haben die Jünger, als ihre Augenlider zugefallen sind, auch die Ängste übersehen, die Jesus hatte. Und das ist nicht gut. Sie haben Jesus nicht ernst genommen. In diesem Sinne verstehe ich seine Aufforderung „seid wach!“. Er hätte also auch sagen können: „Nehmt meine Ängste ernst!“, „Lasst mich nicht allein!“ „Seht mich!“

Die Angst des Mitmenschen ernst nehmen, füreinander da sein. - Und gleichzeitig ruhig schlafen. Kann man das verknüpfen?
Vielleicht ist der richtige Weg, sehenden Auges schlafen zu gehen.

Für mich heißt das: ernst nehmen, dass ein Krankenhausaufenthalt den Betroffenen Angst macht. Dass die Sorgen der Welt Angst machen. Gottvertrauen kann helfen, ist aber keine Garantie, dass einfach alles gut geht. Ich stelle deshalb mein Bedürfnis, Krankenhäuser zu meiden, hinten an. Besuchen, anrufen, fragen: „wie geht’s?“ Das ist wichtiger. Aneinander denken, zeigen, dass man da ist - und das nicht nur im Krankenhaus. Und dann abends die Augen schließen. 

Als ich mich in den Jüngern entdeckt habe, habe ich mich schon erschreckt. In einer Situation wie Jesu Jünger und Jesus damals im Garten Gethsemane finden wir uns zwar hoffentlich selten und noch lieber nie wieder. Aber wenn ich aus der Geschichte eine allgemeine Lebensregel rausziehe, dann diese: Wachet und betet heißt die Gefühle und Bedürfnisse der anderen sehen und ernst nehmen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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12DEZ2021
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Wenn ein Kommentar deplatziert ist.

Es ist schwer, die Meinung anderer auszuhalten. Wie schwer, das erleben wir gerade bei der Diskussion rund um Corona: Impfpflicht, Meinungsfreiheit, Entscheidungsfreiheit… Die Politik muss schwere Entscheidungen treffen. Dass die verschiedenen Gruppen mit ihren unterschiedlichen Meinungen gar nicht mehr miteinander reden, macht die Sache nicht leichter.

Richtig Streiten will gelernt sein. Eine gute Gelegenheit dafür sind die Tagungen des evangelischen Jugendverbandes. Ich war Anfang November bei so einer Veranstaltung.  Die meisten der Anwesenden waren zwischen 16 und 27. Aber natürlich waren auch ein paar ältere Leute dabei.  

Das Besondere an diesen evangelischen Jugendtagen: Die jungen Leute üben Demokratie. Das heißt:  Sie debattieren über die gegenwärtige politische Lage oder auch über die Lage der Kirchen, und dass sie immer mehr Mitglieder verliert. Die Jungen gehen unbefangen und mit frischem Wind in die Diskussion. Da kriegen die Älteren ab und zu ganz schön was zu hören. Die meisten können das ganz gut einordnen, schließlich hat man ab einem gewissen Alter etwas mehr Erfahrung. Trotzdem. Für die älteren   gilt, auszuhalten, was die Jugendlichen sagen. Und die langen im Eifer des Gefechts auch mal ganz schön daneben.

Zum Beispiel auf meiner Tagung Anfang November: Die Gruppe debattierte, ob man nicht mehr Geld für die Jugendarbeit ausgeben sollte. Das ist, zugegeben, ein schwieriges Thema. Die Kirche muss sparen, wie Sie vielleicht wissen. Zusätzliche Stellen für Pädagogen oder Jugendreferentinnen kommen deshalb nicht in Frage. Wegfallen tun aber auch keine.

Evelina, 18 Jahre, hat das wohl nicht so genau gewusst. Sie war zum ersten Mal bei der Tagung dabei und hat gesagt: „Überall werden Stellen für Pädagogen gestrichen. Da haben wir bestimmt keine Chance, einen anzustellen.“ Danach war einen Moment Stille im Raum. Wir anderen sind ein bisschen auf unseren Stühlen umhergerutscht. Mutig von Evelina, etwas zu sagen. Aber – halt falsch.

Willi, 62 Jahre, seit 30 Jahren auf diesen Tagungen, hat massiv die Stirn gerunzelt und Evelina gefragt: „Wo werden denn Stellen gestrichen?“ So zu fragen war eigentlich eine Gemeinheit, weil Evelina damit vorgeführt wurde. Sie hatte einen Schuss ins Dunkle gewagt und einfach etwas behauptet, ohne vorher nachzufragen. Willi hat sie energisch korrigiert: „Es gibt einen Plan für die Stellen, da werden keine gestrichen.“ Und dann hat er noch einen drauf gesetzt: „Man kann sich ja mal informieren, bevor man hier irgendetwas sagt.“

Wissen Sie, ich finde: Es gehört dazu, auch mal auszuhalten, wenn ein Mensch was Falsches sagt. Sogar dann, wenn  das nicht nur falsch, sondern sogar was Dummes war. Dass hier ein erfahrener Mensch eine Anfängerin vorführt, geht, wie man heute sagt, gar nicht. Auch, wenn es nicht leicht ist, falsche Aussagen auszuhalten: Es gehört dazu. In einem Verband, in der Demokratie und nicht zuletzt auch für die christlichen Kirchen.

Lob fürs Aushalten

Gerade in der Diskussion rund um die richtigen Corona-Maßnahmen finde ich das wichtig. Aber das war es auch schon vor 2000 Jahren. Damals haben sich die Christen in der Stadt Korinth die Köpfe heiß diskutiert und miteinander gestritten über die richtige Art, an Gott zu glauben. Die Gemeinschaft in Korinth fing an, sich zu spalten. Die eine Gruppe sagte: Wir orientieren uns an der Meinung des Apostels Paulus. Eine andere Gruppe sagte: Wir orientieren uns an Paulus‘ Mitarbeiter. Und die dritte Gruppe sagte: Wir aber orientieren uns am Mitarbeiter von Paulus‘ Mitarbeiter. Jede Partei wollte recht haben und die anderen am liebsten mundtot machen.

Paulus konnte das irgendwann nicht mehr mit ansehen. Und er schrieb den Korinthern einen Brief: Hört auf, Euch an einzelnen Menschen zu orientieren.“ heißt es darin. „Orientiert Euch lieber an Jesus Christus. Er ist der Grundstein, auf dem Ihr lebt. Hört auf, über einander zu richten. Denn nur Gott darf richten“ (1. Kor 4,5). Die Pointe bei Paulus: Gott entscheidet. Er richtet ohne zu strafen. Paulus weiß, dass er die loben wird, die nicht gerichtet haben. Gott lobt die Menschen dafür, wenn sie  eine andere Meinung aushalten.

Jetzt bin ich mir natürlich voll bewusst, dass man heutzutage nicht einfach so auf Jesus als Grundstein verweisen kann.  In den hitzigen Diskussionsrunden über Politik oder Corona-Fragen streiten ja nicht nur Christen miteinander. Aber ich denke doch, dass das, was Paulus beschreibt, heute allgemein gültig ist. Wenn jede gesellschaftliche Gruppierunge meint, alleine recht zu haben – dann kann es nicht mehr gelingen, sich zu verständigen. Wozu auch? Man hat ja schon recht.

Für Paulus tut sich durch seinen Glauben eine Möglichkeit auf: Wenn nur Gott wirklich weise ist, dann muss ich in Betracht ziehe, falsch zu liegen. Die Möglichkeit, falsch zu liegen, ermöglicht überhaupt, dass Menschen gemeinsam ausloten, was richtig sein könnte. Irgendwann muss dann eine Entscheidung her - An dem Punkt sind wir jetzt in der Corona-Pandemie. Und eine Gruppe wird die andere überstimmen. Für die Gegner der beschlossenen Maßnahmen ist das schwer auszuhalten. Für die Befürworter ist es aber auch nicht leicht. Und eines sollten alle Beteiligten nicht vergessen: Wir müssen die Meinung der anderen aushalten, denn sonst wird unser Miteinander zerbrechen.

Machen Sie das doch in der kommenden Woche mal ganz bewusst! Sagen Sie sich: „Auch ich könnte mich irren.“ Halten Sie aus, wenn einer mal was Falsches sagt und wenn nicht, bleiben Sie fair. Denn auch Ihr Gegenüber könnte recht haben. Wer so lebt, verdient Lob.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche.

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12SEP2021
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Gestern vor 20 Jahren haben Terroristen das World Trade Center zum Einsturz gebracht. Fast 3000 Menschen sind damals gestorben. Ich weiß noch, wie ich an diesem Tag aus der Schule kam und meine Mutter gesagt hat: „Das World Trade Center ist weg.“ Am nächsten Tag in der Schule war mein amerikanischer Klassenkamerad kaum ansprechbar, so geschockt war er. Die ganze Schülerschaft ist zu einer Schweigeminute aufgestanden. Und ein paar Tage später haben wir eine Friedensmahnwache auf dem Schulhof gehabt.

Damals ist mir zum ersten Mal klargeworden, dass meine eigene Zukunft bedroht sein könnte. Mein Gefühl von Sicherheit hat einen Knacks bekommen und mein Vertrauen in die Menschen auch.

Und ich glaube, das ging nicht nur mir so. Wenn ich auf die letzten 20 Jahre zurückblicke dann sehe ich: Mit jeder neuen Krise wird der Ruf nach Sicherheit lauter. Öffentliche Plätze werden videoüberwacht, die Kontrollen an Flughäfen haben sich verschärft – alles um sich vor mögliche Gefahren durch andere Menschen zu schützen. Offensichtlich fällt es nicht leicht anderen Menschen zu vertrauen.  Seit 20 Jahren – so ist mein Eindruck – wird Sicherheit immer wichtiger. Vertrauen immer schwerer.

Aber das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei. Ich merke das vor allem bei den jungen Leuten, mit denen ich arbeite. Vor kurzem habe ich Jugendliche zwischen 14 und 21 in einem Lehrgang begleitet. Unter anderem haben wir das Thema Kindeswohl behandelt. Dazu gehört auch, zu erklären, was Kinder und Jugendliche brauchen, um an Leib und Seele gesund aufzuwachsen. Ein wichtiger Punkt auf der Liste: vertrauensvoller Umgang mit anderen Menschen. Pedro, 19 Jahre alt, hat reingerufen: „Ja, das ist natürlich super möglich in unserer Generation.“ Er ist richtig aufgebracht gewesen und hat seiner Angst in diesem kurzen Moment Raum gegeben. Und dann hat er erklärt: „Wie sollen wir denn Vertrauen in andere Menschen haben? Überall erlebe ich Misstrauen. Außerdem: Wir erben die Welt in einem sehr schlechten Zustand – und obwohl die Zuständigen immer wieder behaupten, dass sie etwas ändern bin ich mir nicht sicher, dass sich wirklich was tut.“

Seit dem Gespräch mit Pedro frage ich mich: geht das überhaupt: Vertrauen ohne Sicherheit? Menschen brauchen vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen um gesund an Leib und Seele zu bleiben. Wie kann das gelingen, wenn ich mir nicht sicher sein kann ob sie mein Vertrauen verdient haben. Ob sie halten was sie versprechen. Ob sich was ändert, zum Guten.

 

Jesus hatte von seinen Jüngern gefordert: „Vergebt einander. Und wenn einer Dir sieben Mal am Tag etwas tut und immer neu versichert „Ich ändere mich“ – dann vergib auch sieben Mal.“

Das ist ein ganz schöner Anspruch: immer vergeben. Immer wieder neu vertrauen. Selbst dann noch, wenn ich 7 Mal enttäuscht werde. Selbst dann, sagt Jesus ist es wichtig zu vertrauen. Darauf, dass der andere sich ändert. Darauf, dass die Zukunft anders – besser werden kann.nDie Jünger hören das und bitten Jesus deshalb: „Stärke unseren Glauben!“
Im griechischen Text steht für das Worte Glaube ein Wort, das auf Deutsch Vertrauen, aber auch Sicherheit und Verlässlichkeit heißen kann.

Wenn ich mir die Jünger jetzt vorstelle, dann denke ich: sie haben sich Sicherheit gewünscht. Sie wollten sein wie Jesus. Sie wollten sichergehen, dass sie das mit dem Vergeben auch schaffen. Verlässlichkeit.

Aber Jesus macht ihnen klar: 100prozentige Sicherheit gibt es nicht. Auf andere Menschen zu zugehen bleibt immer auch ein Wagnis. Auf seiner Wanderschaft hat er immer wieder Menschen getroffen, die sich in der Not an ihn gewandt haben. Mit der Bitte, gesund zu werden. So stellt sich Jesus Glauben vor: Als tiefes Vertrauen. Glauben heißt für ihn: immer wieder Vertrauen zu wagen. Selbst dann, wenn ich 7mal enttäuscht wurde. In der Zeit mit Jesus, so stelle ich mir das vor, haben die Jünger genau das geübt.

Und heute: Auch heute muss man das üben, fürchte ich. Immer wieder. Und wie das gehen kann, das sehe ich auch bei den jungen Leuten, mit denen ich arbeite. Ich habe über den Unterschied zwischen Sicherheit und Vertrauen mit Pedro, gesprochen. Er hat gesagt: „Mein Glaube gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Auch, wenn es manchmal schwer ist. Mein Glaube hilft mir zu vertrauen. Ohne Angst auf Menschen zu zugehen. Aber auch Vertrauen zu haben in diejenigen, die in der Politik Entscheidungen fällen. Darauf, dass sie zuhören und sich überzeugen lassen.“

Pedro engagiert sich politisch. Er tritt ein für das woran er glaubt. Und dafür, dass sich was ändern kann – zum Guten.  
Ich kann das nur empfehlen: Denn, Vertrauen ist wichtig um gesund zu bleiben an Leib und Seele. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern in jedem Lebensalter. Ich wünsche Ihnen immer wieder den Mut zu vertrauen – selbst wenn sie 7x enttäuscht worden sind.

Ich glaube so kann sich noch 20 Jahre nach dem Anschlag auf das world trade center etwas zum Guten wenden.
Ich wünsche Ihnen einen vertrauensvollen Sonntag und eine gute Woche.

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06JUN2021
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Ich sehe es noch vor meinem inneren Auge. Ich - damals ein Teenager - stehe in Vaters Keller. Am Boden um mich herum Werkzeuge, Farbdosen, Fliesenscherben und vor allem Nägel und Schrauben. In allen Größen und Dicken. Wochenlang hatte mein Vater mir gesagt, dass ich das Schwerlastregal ausräumen müsse. Ein Regalboden war bedenklich gebogen. Und jetzt war er eingeknickt, und ich musste alles einzeln auflesen.

Mein Vater hatte es mir ja mehrmals aufgetragen. Er konnte das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Ich habe es aber vor mir hergeschoben. Es waren doch seine Werkzeuge – was hatte ich damit zu schaffen? Heute denke ich: Ich hätte es einfach gleich machen können. Es hätte so einfach sein können: Alles in den Koffern, Schäferkästchen und Tüten greifen und umsortieren. Stattdessen hat sich die Arbeit verdoppelt.

Das war mir eine Lehre fürs Leben. Heute bin ich jemand, der sich am liebsten direkt daran macht, Dinge zu erledigen. Oder doch wenigstens einem Zeitplan folgt. Das klappt nicht immer. Aber ich habe im Hinterkopf behalten, dass ich mitunter einen Preis bezahle, wenn ich etwas aufschiebe.

Weil ich die Alltagsbelastungen gerne hinter mich bringe, schiebe ich dann aber oft Kontakte zu meiner Familie und meinen Freunden vor mir her. Vor allem schiebe ich Besuche bei meiner Mutter auf die lange Bank.

Immerhin: ich weiß, dass ich die Besuche bei ihr auf die lange Bank schiebe. Und ich weiß dann auch, dass ich mich mal melden sollte. Und dann wäge ich ab: Sollte ich die Mutter anrufen? Aber der Alltag ist so anstrengend, eigentlich hätte ich gerne ein Stündchen Ruhe. Und dann entscheide ich mich doch fürs Sofa. Und das holt mich dann ein. Bei meiner Mutter ist es geradezu unheimlich. Wenn ich mal in Ruhe da sitze und lese, ruft sie an. Unter Garantie. Da ist sie hartnäckig.

Und das ist auch gut so – und tief im Herzen bin ich auch dankbar dafür. Wenn ich sie besuche gibt es gutes Essen, viel zu lachen, wir machen Ausflüge. Ich weiß, dass sie es gut mir meint. Zu den Besuchen gehört aber auch immer eine To-Do-Liste von Gartenarbeit. Gartenarbeit ist nicht mein Fall. Aber ich freue mich, wenn sie sich an ihrem Garten freut. Von daher fahre ich gerne zu ihr, auch wenn es Arbeit bedeutet.

Die Menschen zur Zeit der Bibel kannten dieses Phänomen auch. Eine Geschichte erzählt davon.
Der Prophet Jona bekommt von Gott den Auftrag, die Großstadt Ninive zu besuchen. Die Menschen dort sollen ihr Leben ändern. Sie sollen sich bessern. Gott droht mit Konsequenzen: Wenn Ihr Euer Leben nicht ändert und bessert, werde ich Eure Stadt vernichten.

Jona will diesen Auftrag nicht erfüllen. Warum soll er sich um eine fremde Stadt kümmern? Und so besteigt Jona das nächstbeste Schiff. Er will so weit weg wie möglich. Auf See kommt ein Sturm auf. Jona weiß: Gott hat diesen Sturm geschickt, um mich aufzuhalten. Jona lässt sich über Bord werfen und wird von einem großen Fisch verschluckt. Drei Tage später spuckt ihn der Fisch wieder aus. Jona macht sich an seine Aufgabe. Geläutert zwar, aber es wird ein voller Erfolg. Die Einwohner von Ninive ändern sich. Die Stadt wird nicht vernichtet.

Für die Menschen zur Zeit der Bibel war klar: Unser Tun hat Konsequenzen. Für einzelne, aber auch für viele. Jona hat das doppelt lernen müssen. Seine Verweigerungshaltung hat ihm drei Tage Fischbauch eingebracht. In Ninive konnte er lernen, dass seine Botschaft die Einwohner verändert hat. Sie dürfen glücklich weiterleben.

Die Erzählung von Jona zeigt mir, dass es sich lohnt, seinen Mitmenschen nicht aus dem Weg zu gehen. Gott schickt uns zu anderen hin, weil das gute Konsequenzen hat! Und die spielen sich eben in den Beziehungen ab, die wir haben.

Mein Vater war damals nicht böse, als das Schwerlastregal zusammengebrochen war, aber ich hätte ihm eine Freude machen können. Und wenn ich meine Mutter lange nicht besucht habe, dann ruft sie hartnäckig an. Und das, dass sie mich immer hartnäckig anruft, ist das doch wie ein Fingerzeig. Dass ich nämlich wieder etwas vor mir herschiebe, was doch für alle gute Konsequenzen hätte.

Die Geschichte von Jona motiviert mich, den guten Konsequenzen mehr Chancen zu geben. Weil ich darauf vertrauen darf, dass Gott sich für die Menschen gute Konsequenzen wünscht.

Haben Sie vielleicht Lust bekommen, das auch auszuprobieren? Vielleicht fällt Ihnen ja jemand ein, den Sie schon längst mal anrufen wollten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche.

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25APR2021
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Teil 1– Auferstehung scheint unglaublich

Drei Wochen ist es her, da haben Christinnen und Christen Ostern gefeiert. Auferstehung: Jesus war tot und ist auferstanden von den Toten. Können Sie das glauben? Oder halten Sie es für unglaublich, dass Jesus auferstanden ist?

Wenn es Ihnen schwer fällt das zu glauben, dann sind sie in guter Gesellschaft. Schon im Neuen Testament wird erzählt, dass die Menschen in Europa die Geschichte unglaublich fanden. Der Apostel Paulus hatte deshalb zunächst wenig Erfolg beim Missionieren.

Paulus ist in Athen gewesen. Athen war damals schon eine Großstadt. Und wie das in den pulsierenden Metropolen so ist: Die Menschen sind begierig nach Neuem. Besonders, wenn dem Neuen ein Hauch Exotik anhängt. Und Paulus ist exotisch: Er erzählt von einem fremden Gott, den die Athener noch nicht kennen. Noch dazu kommt Paulus aus Palästina. Mehr Exotik ist kaum möglich. Klar: So einer muss direkt auf den Areopag gebracht werden.

Der Areopag ist in Athen eine Art Stadtrat gewesen. Zugang hatten nur wenige: Reiche, höhere Beamte, uralte Dynastien. Paulus muss klar gewesen sein: Wenn er vor diesen Menschen mit Erfolg predigen würde, dann stünden ihm in Athen alle Türen offen.

Paulus beginnt seine Predigt und erzählt, dass die Welt von einem großen Gott geschaffen wurde. Die Athener nicken dazu. Er sagt, dass Gott nicht in Tempeln oder Kirchen wohnt, sondern überall. Die Athener nicken dazu. Er erinnert daran, dass Gott jedem Menschen seine Lebensspanne zugeteilt hat. In dieser Zeit soll man diesen Gott suchen. Die Athener nicken dazu.

Er erzählt, dass Gott den Menschen Jesus vom Tod auferweckt hat. Da hören die Athener auf zu nicken. Sie fangen an über ihn zu spotten. „Auferweckt von den Toten?“ das kann nicht wahr sein. Ihre Erfahrung ist: Tot ist tot.

Und für viele Menschen ist das bis heute so. Es ist leichter Dinge zu glauben, die vor Augen liegen. Aber die Geschichte eines leeren Grabes vor 2000 Jahren? Unglaublich.

So hat es auch Saskia erlebt. Wir haben zusammen einen Ostergottesdienst vorbereitet. Es ging um ein Foto von einem leeren Tisch mit leeren Stühlen. Saskia hat angefangen zu erzählen, was ihr dazu einfällt. „Das erinnert mich an die leeren Restaurants.“ hat sie gesagt. Alle haben dazu genickt. „Das erinnert mich daran, dass es zur Zeit kein Abendmahl gibt.“ Alle haben dazu genickt. „Es sagt mir, dass wir uns weiter beim Kontakt zurückhalten sollen, damit die Tische wieder voll werden.“ Alle haben dazu genickt.

Und dann hat sie gesagt: „Es gibt mir Hoffnung, weil ich glaube, dass wir nach dem Tod mit Jesus gemeinsam am Tisch sitzen und ihn da wieder sehen.“ Da haben die anderen aufgehört zu nicken und sind verstummt. Irgendwann hat Clara gesagt: Das ist mir zu abstrakt. Können wir nicht über etwas Konkretes sprechen?“

Teil2  – Auferstehung ist aber da

Clara hat dann von ihrer Großmutter erzählt. Die hat schon ihre zweite Impfung bekommen. Da hat sie gleich ihre Freundin angerufen und endlich konnten sie sich wieder treffen. Sie haben Kuchen gegessen und Kaffee getrunken, haben sich umarmt und erzählt. Nach über einem Jahr. Clara hat gesagt: „Da ist so eine Last abgefallen. Das war das größte Geschenk. So stelle ich mir Auferstehung vor.“

Ich glaube, dass die Geschichte vom leeren Grab mit der Geschichte von Claras Großmutter etwas zu tun hat. Auferstehung heißt ja, das etwas zu Ende gegangen ist und etwas Neues beginnt. Christen und Christinnen glauben, dass das am Ende des Lebens so ist. Dass neues Leben beginnt.

Aber selbst als Pfarrer fällt es mir schwer, jeden Tag ganz fest darauf zu vertrauen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Und dass auch ich deshalb keine Angst vor dem Tod haben muss.

Aber weil ich an anderen Tagen ganz fest darauf vertraue, entdecke ich Alltagsostergeschichten. Wie die von Claras Oma: In dem Neuanfang nach den Impfungen taucht Ostern auf. Claras Großmutter kann wieder vor die Tür wie Jesus aus dem Grab. Sie trinkt Kaffee und isst Kuchen mit ihrer Freundin, so wie Jesus wieder mit seinen Jüngern gegessen hat. Es fällt eine Last ab, wie wenn ein großer Stein weggerollt wird.

Solche Erfahrungen aus dem Alltag nenne ich deshalb ‚Alltagsostern‘. Und das gibt es das ganze Jahr über. Jetzt im Frühling ganz besonders: Zum Beispiel, dass ich die Türen und Fenster wieder auflassen kann, damit frische Luft einströmt. Warme Luft, Sonnenlicht, offene Fenster – so stelle ich mir das leere Grab vor. Oder, dass die Bäume gegenüber auf dem Friedhof wieder ausschlagen. Kräftig grüne Lebenszeichen zwischen den Gräbern. Zeichen von Auferstehung mitten im Leben.

Ich brauche die alte biblische Geschichte und entdecke mit ihr Gottes Nähe in dieser Welt. Leicht ist es deswegen mit der Auferstehung immer noch nicht. Paulus hat den Athenern auf dem Areopag empfohlen: „Sucht Gott, ob Ihr in findet und fühlt. Denn er ist jedem von uns nah. Sucht nach den leeren Gräbern im Leben“ (Apg 17, 16 – 34).

Und ich empfehle Ihnen: Nehmen Sie doch heute mal die Geschichte von der Auferstehung Jesu für wahr. Nehmen Sie mal an, dass Gott uns Menschen mit dieser Geschichte angeboten hat, ihn zu finden. Mitten im Leben. Vielleicht entdecken Sie dann ja auch ganz alltägliche Auferstehungsgeschichten.  Probier’n Sie es aus!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie Gottes Spuren finden!

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27DEZ2020
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Die eigene Liste.

Haben Sie eine Bucket List? Das ist ein englischer Begriff, der sich nur schwer übersetzen lässt. Gemeint ist eine Liste mit Dingen, die man erledigt haben möchte, bevor das Leben vorbei ist. Seit 2007 ist dieser Ausdruck auch im Deutschen in Gebrauch. In diesem Jahr kam ein Film in die Kinos, der erzählt, wie zwei kranke Männer gemeinsam so eine Liste abarbeiten. Der Film heißt „Das beste kommt zum Schluss“. Der englische Titel ist „The Bucket List“.

Wenn man im Internet nach solchen Listen sucht, findet man eine ganze Menge. Anscheinend ist es vielen Menschen ein Bedürfnis, ihre Träume und Wünsche anderen mitzuteilen. Sie zeigen damit, was sie zu ihrem Glück brauchen. Gleichzeitig geben sie anderen ein Vorbild, was man im Leben so gemacht haben muss. Die Eintragungen sind sehr unterschiedlich. Da steht zum Beispiel ‚Barfuß im Regen tanzen‘ oder ‚den Mount Everest besteigen‘. Viele dieser Listen sind über 50 Wünsche lang.

Wissen Sie, ich persönlich mag solche Listen nicht. Klar, ich seh‘ schon den Vorteil: Man macht sich über seine Wünsche Gedanken. Aber mich stresst der Gedanke, meine Wünsche erfüllen zu müssen. Für mich wäre das zuviel Druck, weil ich dauernd in Sorge wäre, mein Glück nicht zu erreichen. Das setzt mich richtig unter Druck. Das ist nichts für mich. Das macht mich nicht glücklich. Aber natürlich habe ich auch Ziele: Zum Beispiel will ich nächstes Jahr einen Weitwanderweg laufen, vielleicht vom Odernwald zum Donnersberg. Mit Übernachtungen zwischendrin, das ging dieses Jahr nicht.

Warum ich solche Bucket Listen trotzdem nicht mag? Das Leben dreht manchmal ungeahnte Kurven. Ich halte es nicht für so planbar, dass ich eine Liste gezielt abarbeiten kann. Außerdem braucht es dafür natürlich auch Geld. Im Film ist der eine Mann Millionär mit eigenem Privatjet. Er kommt schnell von New York nach Indien. Ich konnte nicht mal Urlaub im Odenwald machen.

Ich habe Kolleginnen und Kollegen gefragt: „Was würdest Du sehen oder erleben wollen und könntest dann erfüllt abtreten?“ Alle haben gesagt: Das kann ich nicht beantworten. Es verändert sich laufend. Ich möchte gerne Leben. Gut, auf Rückfrage hab ich ein paar Details bekommen: Island bereisen, den Jakobsweg laufen. Aber Bucket Listen hat von den Menschen, die ich gefragt habe, keiner gemacht. Offensichtlich denken sie wie ich: Das Leben ist nicht planbar. In diesem Jahr haben wir ja gesehen, wie schnell man seine Pläne ändern muss.

Trotzdem schaue natürlich auch ich zwischen den Jahren zurück und nach vorne. Dann frage ich mich: Was hab ich geschafft, was war gut? Was war schlecht? Und danach frag ich mich: Was hab ich vor? Wo will ich hin? Wann nehme ich Urlaub? Es ist ja schön, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Die christliche Bucket List

In der Bibel wird von einem Mann namens Simeon erzählt. Der hatte auch noch mindestens einen unerfüllten Wunsch. Simeon lebte in Jerusalem am Tempel. Er war schon alt, aber auf eines wartete er schon sein Leben lang: Gottes Messias, also den Erlöser, zu sehen. Und wie er da sitzt, kommen Maria und Josef mit dem 8 Tage alten Jesus zum Tempel und Simeon ruft: „Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung.“

Für Simeon war die Bucket List sehr kurz. Er wollte nur eine einzige Sache erleben! Er wollte spüren, dass es in seinem Leben Spuren von Liebe, Versöhnung und Friede gibt. Und in diesem Paar mit seinem Säugling hat er das gesehen. Alles, was Gott versprochen hat in diesem besonderen Kind! Es ist nicht ganz einfach, das Gefühl in Worte zu fassen, das Simeon gehabt hat. Ich denke, das richtige Wort dafür ist: Simeon war glücklich.

Simeon ist Gott begegnet in einem Kind. Er hat begriffen: hier fängt das an, was Gott für seine Menschen will: Liebe. Frieden. Versöhnung. Da war Simeon glücklich. Seine Bucket List hatte sich erfüllt. Er hat Gott gesehen. Wir Menschen heute haben natürlich den Nachteil, Gott nicht im Jesuskind zu sehen. Aber Liebe, Friede und Versöhnung finden sich auch bei uns noch. Davon bin ich überzeugt. Und dann fängt auch bei uns an, was Gott für seine Menschen will.

Zwei Tage nach Weihnachten ist mir ganz klar, dass Gott sich eher bescheiden in der Welt zeigt. Als Kind in der Krippe aus einer armen Familie. In dem harmonischen Moment bei der Familienfeier kurz bevor die Geschenke aufgerissen werden. Wenn für einen Augenblick alles gut scheint und fröhlich. In echter Freude eben. Und die können wir nicht herstellen. Die bekommt man geschenkt. Plötzlich ist sie da.

In dem Film „Das beste kommt zum Schluss“ wird das auf sehr sentimentale, aber durchschlagende Weise gezeigt. Auf der Liste steht Das schönste Mädchen der Welt küssen. Kurz vor dem Schluss lernt einer der beiden Männer seine Enkelin kennen. Weil er sich mit seiner Tochter zerstritten hatte, hatte er keinen Kontakt zu ihr. Er küsst sie und streicht diesen Wunsch durch. Da merkt er wie Simeon: Glücklich ist er, wo er Liebe, Versöhnung und Friede spürt.

Jetzt denke ich gerade: So eine Bucket List, die nach Liebe, Versöhnung und Friede sucht, kann ich mir auch für mich vorstellen. Das Glück geschenkt bekommen – darauf lass ich mich ein. Sie vielleicht auch?

Ich wünsche Ihnen gesegnete Tage und kommen Sie gut hinüber ins neue Jahr.

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11OKT2020
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Ich sollte als Pfarrer ein Kind taufen. Das Besondere: Die Familie väterlicherseits stammt aus Osterberlin. Gott und Religion spielen bis heute in der Familie nur eine kleine bis gar keine Rolle. Die Familie mütterlicherseits stammt ebenfalls aus Osterberlin. Die ist aber stark christlich geprägt und war auch in der Friedensbewegung der Kirche in der DDR aktiv.

Was sollte ich bei dieser Taufe tun? Ohne von Jesus Christus zu reden, kann man ein Kind nicht taufen. Es wird ja in seinem Auftrag und auf den Namen Gottes getauft. Ich habe bei dieser Taufe von einem Kinderbuch erzählt.. Es spielt im Tierreich und heißt „Irgendwie anders“. In diesem Buch wird eine Geschichte über den Herrn Anders erzählt. Der ist anders als die anderen und darf deshalb nicht mit ihnen spielen. Niemand will mit ihm essen. Und sie grüßen ihn auch nicht. Was er auch macht, er findet keinen Anschluss.

Eines Abends klopft es bei Herrn Anders und ein ganz merkwürdiges Tier steht vor der Tür. Es ist ein Etwas. Erst will Herr Anders, dass das Etwas sich davonschert. Dann aber freunden die beiden sich doch an. Am Ende klopft ein Junge an die Tür. Und obwohl der ganz anders ist, schicken sie ihn nicht weg, sondern sitzen ein bisschen zusammengerückt zu dritt auf einem gemütlichen Ohrenbackensessel.

Dann habe ich gesagt: Diese Geschichte könnte Jesus erzählt haben. Gerade, wenn man an die Taufe denkt,. Denn, auch wenn sie unterschiedliche Menschen sind, mit der Taufe haben die Getauften eine Gemeinsamkeit, die sie eng verbindet. Wenn wir andere nicht auf ihr Anderssein reduzieren, würde das der Welt gut tun. Ich wünsche der Familie und den Paten, dass sie ihr Kind in diesem Gedanken auf dem Lebensweg begleiten.

Nach dem Taufgottesdienst  hat der Ostberliner Großvater des Kindes zu mir gesagt: „Ick hab ja mit Jott nix am Hut, wa. Meene Jroßmutter, die war ja fromm, aber die hat dit nüsch weiterjejeben und dann kam dit nüsch bei mir an. Aber ick denk mir ooch, dattma eenfach ooch n juta Mensch is und sein sollte. Und ick nehm mir von die Relijonen immer wat mit und denk, dit is jut so. Und det hatma jefallen heute.“

Wissen Sie, ich glaube, dieser Mann hat etwas Wichtiges verstanden. Er will nicht nur vom Christentum, er will von allen Religionen lernen. Und mir kommt es auch in manchen Stellen in der Bibel so vor, als würde die Bibel über Christentum und Judentum hinausgehen. An einer Stelle heißt es sinngemäß: „Was ich, Gott, Euch sage, ist überhaupt nicht unverständlich. Ich möchte, dass Ihr in meinem Sinne lebt und meine Gebote und Empfehlungen haltet.“ (5. Mose 30, 11 – 16).

Ob der Berliner Großvater des Täuflings nah an Gott dran ist oder weit weg – darüber habe ich nachgedacht.

Ist dieser Mann nun heimlich Christ? Diese Frage habe ich mir gestellt. Und natürlich muss ich sagen: Nein, ist er nicht. Ich sage es so: seine Ethik für den Alltag ist christlich geprägt. Genau wie das Kinderbuch, aus dem ich zur Taufe vorgelesen habe. Es ist christlich geprägt. Es handelt von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Warmherzigkeit.

Aber ist es nicht faszinierend, dass dieser Mann genau wie ich bemüht ist, ein anständiges Leben zu führen? Und damit meine ich nicht Markenkleidung, teure Elektronik und Weltreisen. Ich meine eines mit so wenig Streit wie möglich. So wenig Bosheit wie möglich. So wenig Hass wie möglich. Eines von dem er wie ich sagen könnte: Es ist ein liebevolles Leben.

Ich bin davon überzeugt, dass Gott mir diesen Menschen geschickt hat. Gott hat mir damit gezeigt: Schau, auch außerhalb Deiner Kirche bin ich bei den Menschen. Als Christ oder Christin und Gemeindeglied sieht man oft ja nur noch die „eigenen Leute“. Das geht mir als Pfarrer der Kirche auch so. Manchmal vergesse ich, dass Gott auch bei denen ist, die nicht zu mir in die Kirche kommen. Oder die vielleicht sogar von sich sagen: Ich halte nichts von Gott. Aber ist es nicht so: Gott hält trotzdem etwas von diesen Menschen.

Für mich war das wieder einmal ein Hinweis darauf, dass wir uns weniger um unsere Unterschiede kümmern sollten. Kirchenmitglieder und Kirchenferne gehen in eine gemeinsame Zukunft. Von der können sie träumen: von einem guten Miteinander. Von der Klimarettung. Vom Frieden. Wir sind alle irgendwie anders. Aber besser ist es, zusammenzustehen als die Unterschiede zu stark zu  betonen.

Denn es gibt einen gemeinsamen Grund: Den Traum von einer besseren Zukunft. Der Großvater hat später zu mir gesagt: „Dit mitm Beten hätt ick nich jebraucht.“ Aber, hat er hinzugefügt, die Botschaft, dass Jesus keine Unterschiede haben will – die findet er gut.

Ich finde: Wer so lebt, träumt, absichtlich oder nicht, wie Gott von einer guten Zukunft. Und Gottes Traum ist nicht unverständlich: rückt zusammen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen verträumten Sonntag.

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05JUL2020
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Dieser Tage wird viel über Rassismus gesprochen. Rassismus: Menschen mit bestimmten biologischen Merkmalen sind anderen unter- oder auch überlegen. Die einen meinen, dass sie besser sind als die anderen. . Ich möchte Ihnen heute Morgen eine Geschichte erzählen, die mir wieder eingefallen ist. Sie zeigt, wie das ist.

Ich habe mit Kolleginnen beim Mittagstisch gesessen. Am Nebentisch saßen zwei Männer und eine Frau, die sich angeregt unterhalten haben. Die drei wurden zunehmend lauter. Von Wirtschaftsflüchtlingen war die Rede, die uns auf der Tasche liegen – eben die Themen, die seit 2015 viele beschäftigen. Zufällig schlurfte ein junger schwarzer Mann vorbei. So wie junge Menschen eben manchmal schlurfen. Einer der Männer zeigte auf ihn und rief: „Da ist so ein Nichtsnutz. Der kann gerade heimgehen.“

Das Essen kam. Und ich habe mit mir gerungen. Gehste hin? Sagste was? Oder isst Du einfach? Ich bin aufgestanden und an den anderen Tisch gegangen. Ich habe zu dem Mann gesagt: „Bitte hören Sie auf so zu reden, sie verderben mir mein Mittagessen mit ihren Unappetitlichkeiten.“ Der Mann hat dann ein „Jaja“ gemault. Aber immerhin ging das Gespräch leise weiter.

Wissen Sie, ich fand mich damals ziemlich cool. Aber war das genug, was ich da gemacht habe? In den Zeitungen habe ich gelesen, das viele farbige Demonstranten in den USA sagen: „Hört uns doch erst zu, bevor Ihr diskutiert.“ Das habe ich in dem Restaurant auch nicht getan. Habe ich mich richtig verhalten?

Mein Gefühl für ‚richtig‘ und ‚falsch‘ ist natürlich auch vom Christentum geprägt. Ein ganz kerniger Satz ist zum Beispiel von Paulus. „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Den Satz fand ich immer gut. Kurz und prägnant. Der bleibt im Kopf. Für so eine konkrete Situation ist er aber – bei Licht betrachtet – gar nicht so klar.

Was war jetzt das Böse? Ich kannte den Mann am Nebentisch gar nicht. Vielleicht hatte er Angst vor den kulturellen Veränderungen. Vielleicht hat er auch Angst vor der Zukunft, dass ihm nicht genug zum Leben bleibt, wenn immer mehr Menschen Hilfe brauchen. So stelle ich es mir vor. Dass der Mann gesagt hat, wie es ihm geht, ist sicher nicht böse. Dass er es menschenfeindlich formuliert hat? Schon eher. Aber dass ich mit dem Hinweis auf mein Mittagessen wirklich etwas Gutes getan habe, glaube ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich hat sich der Mann dadurch noch mehr geärgert. Vielleicht wäre es richtig gut gewesen, den jungen Mann ins Restaurant zu holen und zu fragen: „Wer bist Du?“
Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen dem, was gut gemeint ist und dem, was tatsächlich gut ist.

Paulus sagt in der Bibel: Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Das ist ein Satz mit einer großen Herausforderung. Denn: Was ist eigentlich das Gute, wenn es fast nur noch Gewalt zu geben scheint?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber die Nachrichten aus den USA und England schockieren mich. Die Ermordung des Schwarzen George Floyd durch Polizisten ebenso wie die Demonstranten in Bristol, die jetzt überall Statuen von den Sockeln stoßen. Sie haben das vielleicht mitbekommen. Aus Protest haben Menschen Statuen von Männern der Kolonialzeit umgestoßen. Wer Menschen versklavt und ihr Land ausgeplündert hat, für den sollte es kein Denkmal geben haben sie gesagt. Auch in Deutschland wird immer wieder mal diskutiert, wie mit Denkmälern von Menschen umgegangen wird, die hierzulande Stiftungen gegründet haben mit Geld aus den Kolonien. So weit ist das Thema also nicht weg.

Anscheinend gibt es nur noch Extreme: Rassisten und Antirassisten. Und dann frage ich mich: Hat das Brückenbauen ausgedient? Ich stelle mir das immer so vor, dass sich alle mal an einen Tisch setzen. Und hören sich mal wirklich zu. Jeder denkt: Vielleicht hat der andere auch recht. Und ich könnte mich irren. Ich glaube: Dass fast nur noch die Extreme zu hören sind, ist das eigentlich Üble, das wir überwinden müssen. Und das Gute, das zu tun ist, ist Brückenbauen. So dass Menschen mit unterschiedlichen Interessen, einander begegnen können. Finden Sie nicht?

Genau das hatte Paulus im Sinn, meine ich: Der hat an die Gemeinde in Rom einen Brief geschrieben. Einige der Ratschläge können wir heute noch gut gebrauchen. Tut das Gute. Ein anderer: Soweit es möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden.

Ich kann mir denken, dass jetzt einige von Ihnen sagen: Ach, der Pfarrer wieder mit seinen romantischen Träumen, das Leben ist nicht so einfach. Wissen Sie, ich denke, das stimmt. Es ist nicht so einfach. Ich möchte sie heute Morgen ermutigen, das Schwierige zu wagen. So zu leben, dass einer für den anderen da ist. Aber dafür wäre es eben nötig, mal alle an den Tisch zu holen und zuzuhören. Und dort daran zu erinnern, dass das Zusammenleben neue Brücken braucht, gerade wenn die Extreme lauter werden. Neue Brücken zu bauen: Das ist das Gute, das getan werden muss, glaube ich. Erst dann kann neu verhandelt werden, was als nächstes dran ist. So geht Frieden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.

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