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08APR2022
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Es war während meines Studiums in Paris, eine Party im Wohnheim. Sie war auch da, obwohl sie keiner eingeladen hatte. Sie war dicklich, unbequem, unbeholfen und auch nicht die Klügste. Irgendwer hat ihr an diesem Abend seine Gitarre geliehen und sie fing an zu singen, ein Chanson: Ne me quitte pas – Verlass mich nicht. Aus dem unförmigen Körper erklang eine glockenreine Stimme, schmelzend, werbend, alle Abgründe der Liebe und des Liebesschmerzes umgreifend. Es war atemberaubend. Für fast fünf Minuten – so lange dauert das Chanson – verstummten alle Gespräche, sie hatte die volle Aufmerksamkeit. Dann verwandelte sie sich wieder in eine Randfigur. Der Abend ging weiter. Ich weiß nicht mehr ihren Namen, ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Aber ich habe sie nicht vergessen.

Ne me quitte pas – dieses berührende Chanson hat Jacques Brel geschrieben und gesungen. Jaques Brel – heute ist sein Geburtstag. Der Sänger wurde am 8.April1929 in Belgien geboren. Bis heute faszinieren seine Chansons die Menschen, obgleich Jacques Brel schon seit fast einem halben Jahrhundert tot ist. Er war ein rastloser Mensch, unkonventionell, auf der Suche, auch narzisstisch. Und – das verbindet ihn mit der Sängerin an diesem Abend in Paris - er war keine Schönheit. Viele fanden ihn sogar hässlich. Einer hat ihm empfohlen, das Singen auf der Bühne lieber anderen zu überlassen und besser backstage zu bleiben. Sein Aussehen war ein Thema, und Aussehen ist ein Thema bis heute. Inzwischen wird zwar selbst bei Models mehr auf Diversität geachtet, doch ich glaube nicht wirklich, dass es die Menschen deshalb sehr viel leichter haben, die dem gängigen Schönheitsideal nicht entsprechen. Auf der anderen Seite: Vielleicht konnte Jacques Brel gerade deshalb diese faszinierenden Lieder schreiben, weil er anders war. Nicht schön. Sperrig. Schwierig. Irgendwann war er übrigens so berühmt, dass die Frauen sich von seinem Aussehen nicht mehr abschrecken ließen. Erfolg macht sexy. Ne me quitte pas hat er wahrscheinlich für seine Ehefrau geschrieben, die mit den Kindern in Belgien gelebt hat, während er in Paris mit wechselnden Freundinnen unterwegs war.

Zurück zu dem Abend in Paris und der Studentin, deren Namen ich vergessen habe. Ob ihr wohl ihre berührende Stimme irgendwann geholfen hat? Ob jemand sie liebgewinnen konnte? Ich jedenfalls habe an diesem Abend in Paris eine Ahnung davon gewonnen, wie wohl Gott uns Menschen anblickt. Unbeeindruckt von unserem Aussehen, unserer Klugheit, unserer Vergangenheit und unserer Schönheit. Ne me quitte pas. Im Grunde ist die Antwort darauf ein göttliches Versprechen. Ich verlasse dich nicht. Niemals.

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07APR2022
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Wir Menschen sind trostbedürftige Wesen. Jedes Lebewesen wird, von klein auf, damit konfrontiert, dass im Leben nicht nur die Sonne scheint. Düstere Tage gehören zu jedem Leben dazu. Merkwürdig daher, dass uns Menschen das Trösten meistens so schwerfällt. Wir müssten es doch im Lauf der Menschheitsgeschichte gelernt haben! Doch wir sind über die Jahrtausende eher zu Meisterinnen und Meistern des Vertröstens als des Trostes geworden. Schon in der Antike gab es eine reichhaltige Ratgeberliteratur zum Thema. Die antiken Tipps ähneln dem, was heute auch gerne gesagt wird, wenn jemand traurig ist: Kopf hoch, wird schon, auf jeden Abend folgt ein neuer Morgen oder – diesen Ratschlag finde ich besonders schlimm: Es wird schon irgendein tieferer Sinn dahinterstecken. Schlimm, weil ich bei manchem Kummer nun wirklich nicht erkennen kann, welcher Sinn das sein sollte. Und selbst wenn bleiben die Traurigen trostbedürftig. Und zwar bedürftig nach echtem Trost.

Menschen spüren meist sehr genau, ob sie vertröstet werden sollen oder ob man sie in ihrer Not ernst nimmt. Das ist schon bei kleinen Kindern so. Meine Mutter hat immer gesagt: Ein Kinderkummer ist auch ein Kummer. Das gilt selbst dann, wenn die Erwachsenen das aus ihrer Perspektive ganz anders sehen. Bei Kummer, so fand meine Mutter, ist Trösten angesagt. Und das bedeutet: Ernst nehmen, in den Arm nehmen, das Leid gemeinsam aushalten, auch mal gemeinsam schweigen und weinen. Erst danach mag man den Blick in die Zukunft richten und überlegen, wie es denn weitergehen könnte. Ob man die kaputte Puppe eventuell reparieren kann. Oder wie es nach der vergeigten Mathearbeit weitergeht mit dem Lernen. Oder, bei Erwachsenen: was für Perspektiven es geben kann, wenn ein wichtiger Plan in die Brüche gegangen ist. Oder wenn ich Angst um geliebte Menschen habe.

Christen glauben an einen Gott, der selbst gelitten hat und trostbedürftig war. Die Passionszeit, in der wir gerade leben, erinnert jedes Jahr daran. Doch selbstverständlich ist die Botschaft nicht, dass Gott selbst verletzbar ist. Schon der Apostel Paulus hat konstatiert, dass das vielen Menschen lächerlich vorkommt oder ärgerlich aufstößt. Tatsächlich haben aber über Jahrtausende Menschen erlebt, dass sie gerade das getröstet hat. Sie haben sich in ihrer Traurigkeit nicht gottverlassen gefühlt, sondern im Gegenteil Gott ganz nahe. Mag sein, dass die Umgebung nicht trösten kann oder will, dieser Gott kennt das Leid. Und versteht die Leidenden. Daran erinnert das Kreuz, und deshalb ist sehr vielen Menschen dieses Symbol ganz wichtig. Jeder trostbedürftige Mensch hat es verdient, getröstet zu werden. Und ist in seinem und ihrem Leid Gott nicht fern, sondern besonders nah.

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29JAN2022
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Wie duftet die Welt? Meine kleine Enkelin entdeckt das gerade. Es ist eine spannende Entdeckungsreise in die geheimnisvolle Welt der Aromen. Zugleich erschnuppert das kleine Wesen genau, was der Duft von Heimat ist und zu wem und wohin sie gehört. Wenn sie weint, dann nehmen sie Papa oder Mama in den Arm und sie schnüffelt den beruhigenden Hautgeruch ihrer Eltern. Noch bevor sie bewusst darüber nachdenken wird, lernt sie so genau, wie Heimat riecht. Das prägt sich ein. Und das bleibt, selbst wenn es dieses Zuhause gar nicht mehr gibt. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, den Geruch meines Elternhauses zu konservieren – ich würde ihn heute noch unter tausenden herausfinden können. Gleiches gilt für die Nachtcreme meiner Mutter. Und bis heute habe ich den typischen Geruch von Bohnerwachs in der Nase, wenn ich an meine Kindergartenfreundin denke – so roch es bei ihr im Treppenhaus.

Unsere Sprache weiß um die Relevanz des Geruchssinns für Beziehungen. Wenn ich jemanden unsympathisch finde, dann kann ich ihn nicht riechen. Ich rümpfe die Nase; wenn ich etwas nicht gut finde, dann stinkt es mir. Umgekehrt kann man vom Duft des oder der Liebsten gar nicht genug bekommen. Im Hohelied, einem wunderschönen Teil der Bibel, schwärmt die Liebende von ihrem Freund: seine Wangen sind wie Balsambeete, auf denen Gewürzkräuter wachsen, sein Mund ist voll Süße. Sogar Gott riecht – das meint jedenfalls die Bibel. Er kann es gar nicht riechen, wenn Menschen ungerecht und unsozial handeln. Das Jesuskind bekommt von den drei Weisen duftende Geschenke. Kein Wunder also, dass das Wort für den Heiligen Geist ganz eng verwandt ist mit dem Wort für Duft und Geruch. Viele Menschen, auch solche, die gar nicht an Gott glauben, spüren in manchen Kirchen eine besondere Atmosphäre – ich meine, das hängt damit zusammen. Es klingt vielleicht etwas ungewöhnlich – aber ich meine schon, dass man in vielen Kirchen Gott erschnuppern kann.

Zurück zu meiner kleinen Enkelin: Sie erobert sich riechend ihre Heimat, zugleich eröffnet sich ihr gerade im Kindergarten eine neue Perspektive. Sie wird dabei, hoffentlich, lernen, dass nicht alles nach ihrer hübschen kleinen Nase geht. Sie wird auf kleine und große Menschen treffen, die anders riechen als sie es gewohnt ist, möglicherweise erst einmal sehr fremd. Doch: Menschen dürfen unterschiedlich riechen, und es ist gut so! Gerade die Vielfalt erhält uns lebendig. Wenn es gut geht, lernt meine Enkelin Toleranz und bleibt neugierig auf den Duft der großen weiten Welt. Denn sonst kann schnell aus dem Aroma der Heimat eine dumpfe Stube werden, in der es abgestanden müffelt.

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28JAN2022
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Wie schmeckt die Welt? Meine kleine Enkelin ist gerade dabei, das herauszufinden. Ich finde es faszinierend, sie dabei zu beobachten. Sie greift nach den Gegenständen, die ihr ins Auge fallen und steckt sie dann mit Bedacht, regelrecht sorgfältig, in den Mund oder leckt sie ab. Unermüdlich ist sie dabei, mit ihren Geschmacksknospen die Welt zu entdecken. Einmal ist das Objekt ihrer Neugierde mein Unterarm gewesen. Was sie wohl in ihrem kleinen Hirn als Ergebnis gespeichert hat? Meine Omi schmeckt leicht salzig?

Unsere Sprache weiß um die Relevanz des Schmeckens. Man bekommt Geschmack an einer Sache oder einer Tätigkeit, man kostet eine Begegnung oder einen Augenblick aus. Wenn jemand Stilgefühl besitzt, dann ist sein Heim geschmackvoll eingerichtet. Sogar an Gott kann man Geschmack finden: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist – so lautet klassisch die Einladung zum Abendmahl. Auch wenn der tatsächliche Geschmack einer Hostie aus kulinarischer Perspektive sicher nicht überwältigend ist – mir und Milliarden von Menschen bedeutet das Abendmahl trotzdem sehr viel. Weil sich Geschmack auch mit Erfahrung verbindet und ausbildet, in diesem Fall durch die sinnliche, mit Geschmacksknospen erlebbare Gemeinschaft mit anderen Menschen und mit Gott. Es war für mich und für viele andere daher ein schwerer Verlust, dass in der ersten Phase der Corona-Krise kein Abendmahl gefeiert werden konnte. Tatsächlich habe ich dann zum ersten Mal in meinem Leben ein digitales Abendmahl mitgefeiert. Das hat letztlich funktioniert, weil sich die Erfahrung analoger Gemeinschaft im Leibgedächtnis abgespeichert hat und so die Kachelgesichter ein leibhaftiges, vertrautes gemeinschaftliches Gefühl erzeugen konnten – auch wenn jede und jeder nur zu Hause am Küchentisch mit einem Stück Brot und einem Glas Wein saß.

Zurück zu meiner Enkelin: Sie kostet mit ihrer Zunge aus, wie die Welt schmeckt – und sie macht die Erfahrung, dass die Erwachsenen sie daran hindern, nun tatsächlich alles in den Mund zu nehmen. Waschpulver und Hundefutter gehören nicht in die kleine Schnute. Umgekehrt entdeckt sie viel durch das, was ihre Eltern ihr anbieten und was sie vielleicht nicht von sich aus probiert hätte: Ein Stück Karotte, einen Apfel. Ich war dabei, als sie zum ersten Mal eine Himbeere gekostet hat. Dieses Minenspiel, von Neugierde, leichter Skepsis bis hin zur letztlichen Begeisterung war sehenswert.

Ob sie auch einmal Geschmack am christlichen Glauben gewinnen wird? Das wird auch an den Erfahrungen liegen, die sie mit anderen Christenmenschen haben wird. Zum Erwachsenwerden gehört, schließlich selbständig herauszufinden, was einem schmeckt und was nicht. Was ich ihr und uns allen wünsche: Dass wir nie die Lust verlieren, das Leben zu kosten und auszukosten.

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27JAN2022
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Vor kurzem habe ich einen verstorbenen Bekannten gegoogelt. Er wohnte in unserer Nachbarschaft, als Kind bin ich ihm fast täglich über den Weg gelaufen. Neugierig habe ich in einem Wikipedia-Artikel über sein Leben gelesen und war schockiert und erschüttert. Einiges spricht dafür, dass er als Wissenschaftler über unmenschliche Versuche in Konzentrationslagern, z.B. in Auschwitz, informiert war und während des Dritten Reichs aktiv Informationen über solche Versuche erfragt hat, um seine eigene Forschung weiterzutreiben. Plötzlich rückte an einem kalten Wintertag das Grauen dieser Zeit leibhaftig und sehr unangenehm nahe. Ich bin immer noch etwas fassungslos: War der Professor ein aktiver Nazi gewesen? Ich habe ihn als stets freundlichen Mann in Erinnerung. Doch: Die Gesinnung eines Menschen ist nicht an einem Lächeln abzulesen oder daran, ob er freundlich mit Kindern umgehen kann. Wenn es stimmt, was im Netz über ihn vermutet wird: Wie lebt man mit so einer Schuld? Oder hat der Mann seine Vergangenheit nach dem Zusammenbruch des dritten Reichs in die Schublade des Vergessens gelegt? So wie viele andere Menschen auch? Tatsache ist, dass sehr viele Täter nach dem Krieg unbehelligt geblieben sind, am Ende noch hochdekoriert. So wie unser Bekannter. Er ist hochaltrig gestorben, geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz.

Weil es solche Geschichten wie die meines verstorbenen Bekannten gibt, finde ich es so wichtig, dass wir in Deutschland eine Erinnerungskultur pflegen. Heute, am 27. Januar, denken wir an die Befreiung von Auschwitz 1945. Dort sind mehr als zwei Millionen Juden vergast worden. In Auschwitz wurden auch entsetzliche Versuche an Menschen durchgeführt. Ich finde, die Opfer haben es verdient, dass wir sie und ihre furchtbaren Leiden nicht vergessen. Und was die Täter betrifft: Vergessen oder Verdrängen macht ihre Verbrechen nicht ungeschehen, im Gegenteil. Ungesühnte Schuld kann weiter unheilvoll wirken, das wissen wir heute dank der psychologischen Forschung. Über Generationen hinweg konnten die Traumata des Nationalsozialismus und des Krieges verhängnisvoll weiterwirken, weil über die Schrecken nicht gesprochen wurde.

Viele Täter wurden nie vor einem Gericht zur Verantwortung gezogen. Deshalb ist mir das biblische Bild vom Weltgericht ein echter Trost. Nach christlicher Vorstellung müssen alle Menschen für ihr Leben vor Gott geradestehen. Darin steckt eine große Hoffnung! Es geht beim Weltgericht nicht um Gewaltphantasien in Form von Höllenstrafen, sondern darum, Verantwortung übernehmen zu müssen. Ich finde es tröstlich, dass kein Täter einfach so davonkommen wird, dass jede und jeder sich einmal vor Gott rechtfertigen muss – gerade auch wenn ihn oder sie die weltliche Gerechtigkeit nicht zur Rechenschaft gezogen hat. Es wäre – so finde ich – unerträglich, wenn die Opfer mit ihrem Leid und ihrer Geschichte alleine bleiben würden. Ich jedenfalls glaube daran, dass sie nicht ungesühnt bleiben. Nur so kann es Hoffnung und Zukunft geben.

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01DEZ2021
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Eine Vision des Propheten Sacharja berührt mein Herz. Der Prophet stellt sich vor, dass alte Menschen friedlich auf den Plätzen der Stadt sitzen, Kinder spielen um sie herum. Ein Bild des Friedens, das in vielen Gegenden der Welt überhaupt nicht selbstverständlich ist. So auch nicht zu Zeiten des Propheten.

Alte und Kinder sind die ersten Opfer von Unfrieden, auch von sozialem Unfrieden. Die einen sind noch nicht in der Lage, für sich zu sorgen, die anderen nicht mehr. Im Krieg können Erwachsene sich gegebenenfalls verteidigen, Kindern und Alten bleibt oft nur die Flucht oder der Tod.

So lange ist das hier in Deutschland auch nicht her, dass Menschen fliehen mussten. Manche Ältere erinnern sich bis heute noch mit Schrecken an den furchtbaren, eiskalten Winter 1944/45 und an ihre Flucht aus dem Osten. Von ihren Mitmenschen wurden sie nicht überall willkommen geheißen. „Die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge werden wir nicht mehr los“ – so hat es mein Onkel gehört, der aus Schlesien fliehen musste. Wie kränkend das klingt, und schlimmer noch: Es war genau so gemeint. Mein Onkel hatte Glück. Er fand eine neue Heimat und eine große Liebe mit der Tochter des Bauern, der ihm damals Arbeit gegeben hatte. Sein Haus war dann immer gastfreundlich. Er hatte die Flucht nicht vergessen.

Die Vision des Propheten vom friedlichen Miteinander ist jedoch nicht nur ein Hoffnungsbild für Alte und Kinder in Kriegszeiten. Die prophetische Vision ist auch etwas für erwachsene Menschen, die sonst gut für sich sorgen können – außer vielleicht für ihre zarten Seiten. Viele Erwachsene sehnen sich danach, ihre empfindsamen Seiten zu zeigen, einmal schwach sein zu dürfen. Viele wünschen sich spielerische Leichtigkeit, sie vermissen Freiräume, um unbefangen, Schutzräume, um vertrauensvoll leben zu können. Sicher ist es kein Zufall: Diese Sehnsucht spüren sie gerade im Advent besonders deutlich.

Die Vision des Propheten macht Mut, sich diese Sehnsucht zu bewahren. Sowohl die Sehnsucht nach dem Frieden in der Welt als auch die Sehnsucht nach den eigenen zarten Seiten. Denn außen und innen gehören zusammen.

Ich stelle mir vor, in diesem Advent auf der Spur dieser Sehnsucht zu sein. Gemeinsam mit allen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Auf dem Weg zu einem Frieden, der allen Menschen gilt, auch den Alten, Schwachen und Kleinen, auch denen, die sich danach sehnen, sich zart und verletzlich zeigen zu dürfen.

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30NOV2021
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Tochter Zion freue dich – das ist eines der bekanntesten Adventslieder. Viele Menschen haben sicher sofort die festliche Musik von Georg Friedrich Händel im Ohr.

Tochter Zion, freue dich – das ist ursprünglich ein Zitat aus dem Buch des biblischen Propheten Sacharja. Der Prophet hat die Vision eines Friedenskönigs, der auf einem Esel in die Stadt Jerusalem geritten kommt. Dem Propheten war es ganz wichtig, dass es ein reinrassiger Esel ist, kein Pferd und auch kein Maultier. Pferde und Maultiere wurden zu Zeiten des Propheten für den Krieg gezüchtet. Heute würde man sagen: Kein einziges Chromosom sollte das Reittier des Friedenskönigs mit dem Krieg gemeinsam haben. Ein Friedenstier trägt den Friedenskönig. Und wie der Esel nichts mit dem Krieg zu tun hatte, so hat der biblische Friedenskönig nichts mit den kriegerischen Königen seiner Zeit gemeinsam. Er ist gerecht, und – welch ein Skandal! Er ist arm und demütig. Deshalb wird es nach seiner Ankunft auch keinerlei Kriegsgerät mehr geben.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich bin ganz froh darum, dass der Prophet Sacharja mit seiner Vision zu den Menschen gegangen ist, sie mit vielen geteilt hat, und dass seine Zuhörenden sie weitererzählt haben. Denn an welchen Hoffnungsbildern sollte man sich sonst festhalten in einer Zeit, in der überall auf der Welt wieder Kriegsherren erstarken, die die ihnen anvertrauten Menschen quälen und alles andere als arm und demütig sind. Noch nicht einmal der Blick in die Nähe ist tröstlich. Denn ganz nahe in mir pocht mein häufig so friedloses und zorniges Herz.

Der Friedenskönig hat gar nichts gemeinsam mit der Gewalt. Er reitet auf seinem reinrassigen Friedenstier. Streitwagen und Kriegsbögen werden vernichtet und zerbrochen. Auch das gehört zur Vision des Propheten Sacharja. Kann es sein, dass die Gewalt doch eines Tages kapitulieren muss? Dass nicht die waffenstarrende Macht das letzte Wort hat, sondern die Friedensbotschaft? Dass dieser Friede den verzweifelten Menschen überall auf der Welt gilt und sogar mein friedloses Herz verwandelt und den Unfrieden in mir zerbricht?

Ich gebe zu: Ich weiß nicht, wie das gehen kann. Aber ich ahne: Der Weg zum Herzen der Menschen ist nicht mit Gewalt zu finden. Diesen Weg findet nur die Liebe, und offensichtlich haben sich davon immer wieder Menschen anrühren lassen.

Es ist eine kraftvolle Vision des Propheten Sacharja. Sie hilft mir, mich - manchmal trotz allem - zu freuen. Auch in diesem Advent: Tochter Zion, freue dich!

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29NOV2021
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Nach dem Tod seiner dritten Frau suchte der englische König Heinrich der VIII eine neue Herzdame. Also schickte er seinen Hofmaler Hans Holbein d.J. auf den Kontinent, um geeignete junge Adelsdamen zu portraitieren, die den riskanten Job als nächste Königin von England annehmen wollten. Holbein malte verschiedene junge Damen – eine Art Tinder des 16. Jahrhunderts – und das Portrait der Anna von Kleve konnte den englischen Herrscher überzeugen. Leider hat das am Ende weder den Maler noch Anna noch den König richtig zufrieden stellen können. Denn Heinrich fand die Anna aus Fleisch und Blut entschieden hässlicher als ihr Portrait und ließ die Ehe nach kurzer Zeit annullieren. Der Maler Holbein fiel in Ungnade und durfte nie wieder ein Mitglied der Königsfamilie portraitieren. Er starb am 29. November 1543. Überlebt haben sowohl sein Portrait des Königs als auch das der Anna von Kleve. Das Bild der Verstoßenen hängt heute prominent im Louvre und man ahnt, warum Heinrich VIII davon so hingerissen war. Es erfüllt mich allerdings mit einer gewissen Schadenfreude, dass es das Portrait des englischen Herrschers nicht nach Paris geschafft hat.

Ich habe mich gefragt, warum Holbein Anna von Kleve so liebreizend gemalt hat, obwohl sie – zumindest nach Aussagen von Zeitgenossen – keine strahlende Schönheit und dazu ziemlich langweilig gewesen sein muss. Holbein war ja ein großartiger Maler, der sein Handwerk perfekt beherrscht hat. Vielleicht war es so: Holbein hat die Fähigkeit besessen, in Menschen eine ihnen eigene Schönheit zu erkennen. Vielleicht hat es ihn auch gereizt, diese Schönheit durch seine Malkunst noch zu betonen und auf dem Bild zum Strahlen zu bringen. Das ging zwar an der Zielvorgabe und dem Interesse des englischen Königs vorbei, doch gerade darin erkenne ich eine göttliche Parallele. Wie Holbeins künstlerischen Malerblick möchte ich mir den Blick meines Schöpfers vorstellen. Wie wunderbar wäre es, wenn Gott den Blick eines Künstlers hätte, der mich schön findet, obwohl meine Umgebung diese Einschätzung ganz gewiss nicht durchgängig teilen wird. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und das kann Auswirkungen haben.

Denn ich bin mir sicher, dass ein liebevoller Blick leibhaftig verändern kann. Wenn ich mir vorstelle, dass Gott mich schön findet, dann färbt das auf mich ab. Ich fühle mich wohler in meiner Haut und das hat leibhaftige Folgen. Vielleicht fange ich sogar an zu strahlen. Auch wenn ein Portrait von mir niemals im Louvre hängen wird:

Ich stelle mir gerne vor, dass mich Gott jeden Tag so liebevoll anschaut. Das hebt die Stimmung, selbst wenn draußen ein nebliger Novembertag wabert.

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06OKT2021
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Der Philosoph Michel Foucault hat sich mit besonderen Orten beschäftigt, er nennt sie AndersOrte, oder wissenschaftlich: Heterotopien. Diese Orte sind wie Fremdkörper in einer Stadt, zugleich haben sie für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Als Beispiele für solche AndersOrte nennt Foucault etwa Friedhöfe.

Ich bin sicher nicht die Einzige, die in einer fremden Stadt gerne über den Friedhof spaziert. Auch wer keine Ahnung von Michel Foucault und seiner Philosophie hat, kann auf einem Friedhof eine einzigartige Atmosphäre spüren. Ein Friedhof ist nicht nur für die Toten da, er ist viel mehr noch ein Ort der Lebenden, und das in einer sehr demokratischen Weise, denn auf einem Friedhof findet jeder Mensch seinen letzten Ruheplatz, ob reich oder arm, berühmt oder scheinbar unbedeutend.

Der Ritus der Bestattung auf dem Ort des Friedhofs bietet eine wichtige Entlastung – der Friedhof stellt sich als Ort zur Verfügung, der Anfang und Ende einer Biographie festhält. Nicht die Lebenden müssen das leisten, was eine furchtbare Überforderung wäre – der Friedhof nimmt es ihnen ab.

Der Friedhof bewahrt die Erinnerung an bedeutende Bürger einer Stadt, zugleich finden aber auch die kleinen Leute ihren Platz – und sei es auf dem anonymen Begräbnisfeld, das keine Namen der dort Bestatteten nennt. In meiner Stadt Mainz hat jeder Mensch, auch der Ärmste, das Recht, in einem Grab mit Namensschild beerdigt zu werden. Ich finde, das hat eine tiefe Weisheit und sollte beispielgebend für alle Städte in der Bundesrepublik sein! Der Tod trifft alle, Arme wie Reiche. Während es zu Lebzeiten meilenweite Unterschiede gibt, betrifft die Endlichkeit der Existenz jeden Menschen. Der Friedhof spiegelt uns diese unabänderliche Tatsache wider und zeigt uns zugleich, dass Arme wie Reiche etwas gemeinsam haben: Sie sind beim Namen genannt. Aus biblischer Perspektive hat das viel mit Gott zu tun. Er ruft Menschen beim Namen und so ins Leben. Allerdings: Während auf den Friedhöfen die Namen auch irgendwann mit der Aufhebung eines Grabes wieder gelöscht werden, hat Gott die Namen seiner Menschen in seine Hand geschrieben – Unauslöschlich, so heißt es im Buch des Propheten Jesaja.

Wir verdanken unseren Friedhöfen viel! Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, dass Städte ohne Friedhöfe zu Städten des Todes werden. Es ist schon merkwürdig: Gerade weil wir in jeder Stadt und fast jedem Dorf Friedhöfe haben, werden wir uns des Lebens neu bewusst. Die Friedhöfe zeigen zwar die Gegenwart des Todes, zugleich hegen sie aber den Tod ein, begrenzen ihn auf ein Areal in der Stadt. Es ist schon so: Wovor ich die Augen verschließe, was ich verdränge, verschwindet dadurch nicht, sondern gewinnt eine unkontrollierte Macht. Insofern ist jeder Friedhof ein Ruf ins Leben!

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05OKT2021
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Der Philosoph Michel Foucault hat sich mit besonderen Orten beschäftigt, er nennt sie AndersOrte, oder wissenschaftlich: Heterotopien. Diese Orte sind wie Fremdkörper in einer Stadt, zugleich haben sie für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Als Beispiele für solche AndersOrte nennt Foucault Gefängnisse, Gärten oder auch Klöster.

In der Tat: Wer nicht völlig abgestumpft ist, spürt die besondere Atmosphäre solcher Orte. Man kann sich ihr kaum entziehen, selbst wenn man es wollte. Ich kann mich noch sehr gut an die leibhaftige Beklemmung erinnern, als wir während unserer Ausbildung im Vikariat mit dem Gefängnisseelsorger eine Justizvollzugsanstalt besucht haben. Jedes Gefängnis ist wie eine Sonderwelt und stellt Anfragen an die Gesellschaft.

Dagegen ist jeder schön gestaltete Garten wie ein kleines Paradies, wo Pflanzen, Tierlein und Menschen zur Ruhe kommen können. Und was die Klöster betrifft: Gerade erst habe ich während zehntägiger Schweigeexerzitien erfahren, wie wohltuend die besondere Atmosphäre eines Klosters sein kann. Jetzt bin ich evangelisch und nicht der Auffassung, dass man als Mönch oder Nonne ein heiligeres Leben führt als ein Busfahrer oder eine Grundschullehrerin. Trotzdem glaube ich, dass auch die Busfahrerin oder der Grundschullehrer spirituelle Kraftorte gut gebrauchen können. Bestimmt leisten die Menschen, die ein Kloster pflegen und aufrechterhalten, einen wichtigen Beitrag, jedenfalls, wenn sie es Menschen ermöglichen, dieses Klosterleben auf Zeit zu teilen. Sie halten spirituelle Orte vor, die es ohne sie nicht gäbe. Ich habe in meinen Exerzitien erlebt, wie einen die Ruhe und Stille eines Klosters in die Tiefe führen kann. Die Seele jedes Menschen braucht einen eigenen Resonanzraum, um zum Klingen zu kommen. Das kann theoretisch natürlich überall passieren. In der Praxis machen viele Menschen die Erfahrung, dass es in einem Kloster einfach besser funktioniert. Das liegt auch daran, dass wir leibliche Menschen sind, die Orte brauchen, um leben zu können. Doch wir brauchen eben nicht nur irgendwelche Orte, sondern - auch - diese besonderen, kraftvollen Orte. Übrigens: Es gibt auch evangelische Klöster!

Und es ist natürlich kein Zufall, dass zu den meisten Klöstern ein sorgfältig gestalteter Garten gehört, oft in einem Kreuzgang. So kombinieren sich zwei Heterotopien: Das Kloster und der Garten. Das verstärkt den Effekt.

Wenn übrigens kein Kloster zur Hand ist, kann man ersatzweise die Erfahrung der Tiefe auch im eigenen Garten suchen und hier erleben, wie die eigene Seele Flügel bekommt - und Tiefe.

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