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15MRZ2022
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In der irischen Hauptstadt Dublin kann man in einer Kathedrale die „Tür der Versöhnung“ besichtigen. Sie hat schon seit Jahrhunderten in der Mitte ein Loch, gerade groß genug, dass man mit einer Hand hindurchgreifen kann. Dieses Loch und ihren Namen „Tür der Versöhnung“ verdankt die Tür einer Begebenheit, die sich 1492 zugetragen hat. Zwei irische Adlige waren aneinander geraten. Es kam zu einer gewalttätigen Auseinan­dersetzung zwischen ihnen und ihren Gefolgsleuten. Einer der beiden Grafen hat sich mit einigen Getreuen in höchster Not in die Kathedrale gerettet. Sie haben sich in einen Nebenraum geflüchtet und sich hinter der Tür verschanzt. Raus konnten sie nicht mehr. Ihre bewaffneten Gegner haben die Tür belagert. Die drau­ßen haben irgendwann angeboten: „Kommt raus, dann reden wir.“ Die drin haben sich natürlich nicht getraut. Schließlich ließ der Graf, der außen stand, mit Streitäxten ein Loch in die Tür hauen. Durch das Loch haben sie miteinander gesprochen. Dann hat einer der beiden unglaublich viel riskiert: er hat seine Hand und seinen ganzen Arm durch das Loch gestreckt, dem Widersacher entgegen. Er war komplett wehrlos in dem Moment. Ich vermute, alle haben den Atem angehalten. Auf beiden Seiten der Tür.

Mir geht diese Geschichte nach. Jesus hat mal gesagt: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Genau genommen hat er gesagt: Selig sind, die Frieden „tun“. Also nicht nur darüber reden, sondern selbst etwas tun. Aktiv werden. Und: dafür etwas riskieren. Die Geschichte von dem Loch in der Tür erzählt eindrücklich: Aufeinander zugehen kostet womöglich mehr Überwindung und mehr Mut als aufeinander losgehen.

Ich hoffe und wünsche, dass die Verantwortlichen dieser Welt genau diese Überwindung und diesen Mut aufbringen. Und auch für mich persönlich nehme ich diese Herausforderung mit: Rede nicht nur über Frieden. Tu was dafür!

Und was ist mit der Hand des Grafen an der Tür vor 500 Jahren geschehen? Der andere hat sie ergriffen. Der Friede hat am Ende gewonnen.

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14MRZ2022
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Heute ist der internationale Stell-eine-Frage-Tag. Vermutlich ist es kein Zufall, dass dieser Tag auf den 14. März gelegt worden ist. Denn heute hat Albert Einstein Geburtstag. Und der wusste nicht nur viele Antworten, er hat auch gesagt, dass man nie aufhören soll zu fragen. Nur wenn ich frage, lerne ich dazu.

Wenn ich frage, zeige ich: Ich weiß noch lange nicht alles, und es gibt noch so viel zu entdecken.

Ich weiß nicht von allein, wie es meiner Freundin geht. Also frage ich bei ihr nach und höre zu. Oder ich kenn mich mit einem komplizierten Thema, über das viel diskutiert wird, nicht gut aus. Also frage ich bei Fachleuten nach und lese etwas dazu. Und wenn mir dabei eine Antwort serviert wird, die mir zu einfach oder vorschnell vorkommt, dann frage ich nach und hinterfrage.

Wer irgendwann aufgehört hat zu fragen, der könnte bei Kindern in die Schule gehen. Die erobern sich die Welt mit ihren Fragen, Und wenn sie richtig loslegen, treibt es uns Erwachsenen ja manchmal Schweißperlen auf die Stirn. „Warum ist der Himmel blau? Mami, wo war ich, bevor ich in deinem Bauch war? Wie fühlt man sich, wenn man tot ist? Wieso gibt es Krieg?“ Kinder erschließen sich die Welt, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie schließen sich mit ihren Fragen neue Räume auf, betreten die neugierig und orientieren sich.

Schon Kinder in biblischen Zeiten waren offenbar „Löcher-in-den Bauch-Frager“. Das fünften Buch Mose rät den Erwachsenen, sich gut darauf vorzubereiten, dass ihre heranwachsenden Kinder sie fragen werden: „Wieso lebt ihr so, wie ihr lebt? Nach welchen Geboten, nach welchen Werten lebt ihr? Was glaubt ihr?“ So fragt eine Generation die Generation ihrer Eltern und Lehrer und Politikerinnen: „Wonach richtet ihr euch? Erzählt mal. Und lasst es uns sehen. Lebt uns vor, worauf es euch ankommt.“

Mose hat damals den Erwachsenen gesagt: Hört ihnen zu. Und dann antwortet ihnen. Versucht es zumindest, so wie ihr es könnt. Nehmt diese Fragen ernst. Und wenn ihr euch selbst und anderen solche Fragen lange nicht mehr gestellt habt, dann fangt damit an. So erschließt ihr auch für euch neue Räume.

Merke: wenn ich selbst frage, dann entdecke ich etwas Neues. Wenn ich gefragt werde und hinterfragt werde, dann auch. Ich wünsche Ihnen heute gute Fragen.

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13MRZ2022
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„Denk dran!“ Auf lateinisch „Reminiscere“. Das ist in der evangelischen Kirche der Name für den heutigen Sonntag.

„Denk dran“, das klingt erst mal wie „Mensch, vergiss das nicht“ Das noch tun, jenes noch erledigen. Aber hier wird kein Mensch aufgefordert, sondern Gott. Der Satz stammt aus einem Gebet, aus Psalm 25. „Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Herr!“ Denke an deine Güte! Denk bitte auch an mich.

Dieser Psalm wird heute in vielen evangelischen Gottesdiensten gebetet. „Denk dran!“

Nach den letzten Wochen nagt womöglich die Frage, ob Gott seine Güte vergessen hat. Und wir Menschen? Vielleicht neigen wir manchmal dazu, Schreckensnachrichten zu verdrängen. Manchmal sind wir hilflos - und irgendwie muss der Alltag schließlich weiter gehen. Aber heute ist Sonntag Reminiscere: Denk dran!

Schon seit einigen Jahren ruft die Evangelische Kirche in Deutschland an diesem Sonntag dazu auf, an Menschen zu denken, die von anderen unbarmherzig behandelt werden: Denkt an die, die in ihrer Heimat unterdrückt und verfolgt werden. Weil sie eine andere Religion als die Mehrheit haben, oder weil sie überhaupt eine Religion haben, welche auch immer. Wenn ihr selbst heute frei in die Kirche gehen könnt oder einen Gottesdienst in Radio oder Fernsehen mitfeiert, dann denkt an die, die so eine Freiheit nicht kennen. Denkt an die, die inhaftiert werden, weil sie sich für Menschenrechte stark machen und sich getraut haben, Unrecht anzuprangern. Oder die ein einem Lager einsitzen, nur weil sie zu einer Minderheit gehören, zu einer anderen Volksgruppe. Denkt an die, in deren Heimat Krieg geführt wird.

Betet für sie. Betet nicht nur für euch und eure Familie. Betet auch für die Verfolgten, deren Namen ihr nicht kennt. Für das uigurische Kind, den nigerianischen Christen, die Menschen in Belarus und der Ukraine. Zündet für sie eine Kerze an, daheim oder in der Kirche. Und bleibt interessiert: Informiert euch, wie es zugeht in der Welt. Schaut nicht weg.

Damit Menschen in Not erleben: wir sind nicht vergessen. Wir stehen nicht alleine da. Da sind Menschen an unserer Seite, die sich für uns interessieren und sich für uns einsetzen.
Heute will ich mir das wieder zu Herzen nehmen: Denk dran!

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24DEZ2021
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Eine heile Welt. So hat ein Künstler im 15. Jahrhundert die Weihnachtsgeschichte gemalt. Ich habe noch nie so einen sauberen Stall gesehen. Auf Hochglanz poliert. Kein Heu, kein Stroh, keine Tiere, natürlich auch keine Hirten (die hätten mit ihren schmutzigen Stiefeln ja nur Dreck gemacht). Und Maria ist keine erschöpfte Mutter, die soeben unter Schmerzen ein Kind geboren hat, sondern eine edel gewandete Dame, die Hof hält. Die 3 Könige sprechen nämlich gerade vor.

Es gibt keine genervten Leute, keine Anstrengung. Niemand hat vor irgendwas Angst. Keiner streitet. Alles super. Harmonie in Vollendung, wie man’s gerne hat am Heiligen Abend. Die Niederungen des Alltags sind ausgeblendet.

Mit der „echten“ Weihnachtsgeschichte aus der Bibel hat dieses Bild allerdings nichts zu tun. Mit dem echten Leben auch nicht. 

In der Weihnachtsgeschichte der Bibel gibt es eine Geburt in einer Notunterkunft. Ein erschöpftes junges Elternpaar, das natürlich überfordert ist. Wer wäre das nicht an ihrer Stelle? Und dann noch die Hirten, die Nachtwache schieben und rund um die Uhr arbeiten. Keine heile Welt.

Und genau dahinein wird Jesus geboren. Genau da leuchtet ein Licht auf, ein Lichtschein von Gottes Liebe. Das ist kein Fehler in der göttlichen Regie. Sondern genau so soll es sein. Da will Gott sein. Bei diesen Leuten. In dem, was sie gerade erleben.

Die Weihnachtsgeschichte ist etwas für uns normale Leute. Für die mit Alltagsstaub auf ihrer Seele. Für die, die erschöpft sind oder allein. Und auch für die, die das Gefühl haben: „Bei allen anderen um mich herum ist an Weihnachten heile Welt. Nur bei mir nicht.“

Ich glaube, die Ansage der Engel an die Hirten, die gilt auch für uns normale Leute. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Nicht irgendwelchen perfekten Menschen in einer heilen Welt. Sondern Euch. Euch kommt Gott nah. Euch gilt seine Liebe.

Da ist eine Liebe, die Menschen das Herz wärmt. Wir können sie miteinander teilen. Heil wird die Welt dadurch nicht. Aber ich finde, sie wird heller.

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23DEZ2021
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In vielen Städten und Dörfern leuchtet in diesen Tagen das Friedenslicht aus Bethlehem.
Seit 35 Jahren gibt es diesen Brauch: im Advent zündet ein Kind in der Geburtskirche in Bethlehem eine Kerze an. Das Friedenslicht. Mit dieser Kerze werden andere angezündet. So wird das Licht weitergegeben und mit anderen geteilt. Pfadfinderinnen und Pfadfinder tragen es in die Welt hinaus, über Grenzen von Ländern und Völkern hinweg.

Am 3. Advent ist es in Deutschland angekommen und wandert von Ort zu Ort. In meiner Stadt leuchtet es noch bis Heilig Abend vor einem Pfarrhaus. Wer möchte, kann mit einer Kerze dorthin kommen und sie am Friedenslicht entzünden, um das Licht mit heim zu nehmen. Manche erzählen auch, dass sie es anderen bringen, mit denen sie es gern teilen möchten. Das Friedenslicht wandert. Es wandert in KiTa’s und Rathäuser. Es wandert innerhalb einer Familie oder von Nachbarhaus zu Nachbarhaus, von Alteingesessenen zu Neuzugezogenen. Vielleicht gibt sich auch jemand einen Ruck und bringt es dem, den er lange nicht mehr gegrüßt hat oder den er noch nie gegrüßt hat.

Indem ich das Friedenslicht mit anderen teile, kann ich ein Zeichen setzen. „Friede sei mit dir!“ Der Friede soll leuchten in deinem Haus. Er soll dich wärmen, deiner Seele gut tun. Und er soll bestimmen, wie du mit anderen umgehst.

Ausgerechnet aus Bethlehem kommt das Friedenslicht. Aus einer unruhigen und umkämpften Region. Genau dort ist Jesus geboren worden. In einer Zeit, in der von Frieden auch keine Rede sein konnte. Mit diesem Kind hat Gott ein Zeichen gesetzt.

In der Weihnachtsgeschichte machen Engel die Hirten vor den Toren Bethlehems auf die Geburt Jesu aufmerksam. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“ Eine große Ansage zu einem kleinen Beginn in einem Stall.

Die Hirten waren die ersten, die von Jesus erzählt haben. Sie haben auf ihre Weise das Licht weitergegeben, von Mensch zu Mensch.

Dieses Licht leuchtet bis heute in die Dunkelheiten unserer Welt hinein. Immer wieder sind da Menschen, die einem andern das Licht weitergeben, das sie selbst empfangen haben. Es soll auch denen leuchten, die erschöpft sind, traurig oder zerstritten. „Tragt in die Welt nun ein Licht“, heißt es in einem Kinderlied. Das finde ich auch ein gutes Motto für uns Erwachsene. Tragt in die Welt nun ein Licht. Ein Friedenslicht.

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22DEZ2021
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Die Künstlerin Madeleine Dietz hat im Jahr 2000 ein Bild veröffentlicht: „Madonna mit dem Kinde“. Eigentlich nichts Besonderes, es gibt ja viele Bilder, die Maria mit dem kleinen Jesus zeigen. Erst im zweiten Moment habe ich die gelbe Stoff-Ente in der Hand des Kindes entdeckt. Nanu? Jetzt erst habe ich genauer hingeschaut und gemerkt: Die Künstlerin hat ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert genommen und hat es am PC bearbeitet. Das Kind auf dem Schoß der Maria ist nun ein Kind aus unserer Zeit. Mit Latzhose und rotem Pulli. Und es hat das Down-Syndrom. Ein Kind mit Behinderung. Und habe ich schon erwähnt, dass es ein Mädchen ist?

Ich bin aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Je länger ich das Bild angeschaut habe, umso mehr hat es mich berührt. Ein behindertes Kind, von Maria liebevoll im Arm gehalten. Ich habe das Bild Jugendlichen gezeigt, und sie haben tatsächlich nicht bemerkt, dass das Kind Down-Syndrom hat. Sie haben einfach nur ein Kind gesehen. Ein Kind, das geliebt wird, munter in die Welt guckt und vermutlich gerade jemandem die Stoff-Ente überreichen möchte.

Das allein wäre ja schon eine wichtige Botschaft: Jedes Menschenkind ist einfach nur ein Menschenkind, das geliebt werden möchte und geliebt werden soll. Perfekt ist keines. Oder alle sind es, auf ihre ganz eigene Weise.

Aber nun ist es ja auch noch ein Weihnachtsbild. Jesus, der Sohn Gottes, als Kind mit Behinderung. So kommt Gott zur Welt. Das hat einige Leute aufgeregt, als die Künstlerin ihr Bild vorgestellt hat. „So kann man doch nicht von Gott reden“, haben sie protestiert. „Gott ist doch makellosl!“ Das Bild hat Diskussionen ausgelöst, wie wir uns Jesus als Sohn Gottes vorstellen. War er perfekt und makellos? Vielleicht hatte er einen Seh-Fehler. Und wo steht eigentlich, dass er ein Mathe-As war oder besonders schnell von Begriff gewesen wäre? Er war einfach nur ein Kind. Verletzlich und liebebedürftig wie jedes Kind. So kommt Gott zu Welt. So kommt er mir nah.

Vielleicht habe ich mich über die Jahre so sehr an die Weihnachtsgeschichte gewöhnt, dass ich sie nicht mehr spannend und irritierend finde. Aber eigentlich ist es ja der Hammer. Der ewige Gott wird Mensch. Junge oder Mädchen? Mit Behinderung? Egal. Ein kleines Bündel Mensch, anderen Menschen anvertraut. So nah kommt mir Gott.
An Weihnachten will ich darüber wieder staunen.

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21DEZ2021
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Heute ist nach alter kirchlicher Tradition der Thomas-Tag. Thomas, das ist einer 12 Jünger Jesu. In der Bibel wird er als ein Mann beschrieben, der sich viele Gedanken macht. Wenn alle etwas super finden, ist das für ihn noch lang kein Grund, das auch super zu finden. Thomas fragt und hakt nach. Er wägt in aller Ruhe ab, bis er seine eigene Meinung gefunden hat. Blindlings vertrauen, das ist nicht seins.

Das hat ihm den Beinamen „der Ungläubige“ eingebracht. Aber ich denke, das wird ihm nicht gerecht. Fragen und zweifeln, das ist nichts, weswegen man sich schämen müsste. Genau genommen ist es eine Gabe. Jemand wie Thomas versucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn ich heutzutage jemanden wie ihn in meinem Team habe, wird er vermutlich dafür sorgen, dass wir nicht auf die Schnelle irgendwas machen. Jemand, der nachfragt wie er, sorgt dafür, dass ich genauer hinsehe. Auch wenn er manchmal anstrengend ist.

Anstrengend kann ein Charakter wie Thomas auch für sich selbst sein. Gerade wenn er vor einer Entscheidung steht, Antworten sucht und sie nicht findet. Ohne Antworten im Dunkeln zu tappen, kann einen zur Verzweiflung bringen. Darauf weist das Datum heute hin. Der Thomas-Tag ist nicht etwa im Frühjahr oder im Sommer. Nein, es sollte der 21. Dezember sein. Der kürzeste Tag, die längste Nacht des Jahres. Die längste Nacht, die steht symbolisch auch für Verzweiflung, für Dunkelheit im eigenen Herzen. Die Thomasnacht erinnert daran, dass der Grat zwischen Zweifeln und Verzweifeln womöglich ein schmaler sein kann.

Bei dem Jünger Thomas finde ich in der Bibel eindrücklich beschrieben, was ihm hilft. Thomas ist zwar ein kritischer Geist, aber er ist nicht überheblich. Er hält sich nicht für schlauer als alle anderen. Er sucht das Gespräch mit ihnen und hört zu. Und er kann zur Ruhe kommen und es gut sein lassen.

Dann wäre da noch Jesus. Der geht auf Thomas zu, begrüßt ihn mit dem Friedensgruß und nimmt seine Fragen ernst. Für Thomas eine Erfahrung, die ihm nahegeht.

Thomas heißt auf Deutsch übrigens „Zwilling“. Ich denke, er hat auch heute noch viele Zwillingsschwestern und -brüder. Auch ihnen sei der Tag heute gewidmet. Ich wünsche ihnen, dass auch sie den alten Friedensgruß Jesu hören: „Friede sei mit dir!“

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20DEZ2021
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„Fürchtet euch nicht!“ Was für ein Satz auf einer Briefmarke. Sonst sind auf den Marken eher Tierbabies abgebildet, oder aufrechte Demokraten oder Landschaften. Aber als Weihnachts-Briefmarke gibt es in diesem Jahr das Bild eines Engels und dazu den Satz: „Fürchtet euch nicht!“

Das stammt aus der Weihnachtsgeschichte der Bibel. Ein Engel sagt das, als er einfachen Hirten erscheint und ihr normales Leben durcheinander bringt. 9 Monate vorher hat der Engel es zu Maria gesagt, als sie erfahren hat, dass sie Mutter werden wird. Und auch dem Josef, der sich um Maria und das Kind Sorgen macht. Der Engel sagt den beiden, ganz persönlich adressiert, wie ein besonderer Gruß direkt aus Gottes Herzen: „Fürchte dich nicht, Maria!“ „Fürchte dich nicht, Josef!“

Ich finde, das ist so ein herrlich nüchterner Satz, weil er damit rechnet, dass wir uns sehr wohl fürchten. Wir schweben ja auch nicht locker-leicht durch’s Leben. Auch nicht in der Weihnachtswoche. Auch uns treffen Ereignisse, mit denen wir nicht gerechnet haben: Da liegen Menschen im Krankenhaus und andere sitzen besorgt an ihrem Bett. Manche sind in Kurzarbeit und fragen sich, wie es nächstes Jahr werden wird. Wir hören Nachrichten und können manchmal nur noch fassungslos den Kopf schütteln. Mitten in solche Situationen hinein wird uns gesagt: „Fürchtet euch nicht!“

Manchmal klingt es ganz leise, wie geflüstert. Zum Beispiel, wenn im richtigen Moment jemand da ist, der meine Hand nimmt und mir zuhört.

Manchmal tönt es laut wie ein Fanfarenstoß, um uns aufmerksam zu machen und uns herauszufordern. Lass dich nicht lähmen, heißt das vielleicht. Lass dich nicht kleinkriegen. Du bist nicht allein!

Den Hirten in der Weihnachtsgeschichte hat das „Fürchtet euch nicht“ jedenfalls einen Weg gezeigt. Sie haben ihre alltägliche Arbeit unterbrochen und sind zum neugeborenen Jesus gegangen. Sie haben über dieses Wunder der Liebe Gottes gestaunt.

Auch später werden sie immer wieder Grund zum Fürchten gehabt haben. Aber „Fürchtet euch nicht“ – das hat in ihnen nachgeklungen.

Ich finde diesen Satz auf einer Briefmarke genial. So kann die Botschaft ins Pflegeheim wandern oder zu Eltern, die nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, oder zu jemandem, der in diesen Tagen traurig ist oder verunsichert. Ein Gruß von Mensch zu Mensch und direkt aus dem Herzen Gottes: „Fürchtet euch nicht!

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02OKT2021
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„Hallo Julia“ hat die kleine Emma im Reli-Unterricht begeistert gesungen. Und ich hatte Mühe, ernst zu bleiben. Es ist aber auch schwer, dieses Wort: Halleluja. Es ist hebräisch. Auf Deutsch heißt Halleluja: „Lobt Gott.“

Das Halleluja ist keine Erfindung der Christen. Wir haben es aus dem jüdischen Gottes-dienst übernommen. Genauer gesagt: aus den Psalmen – dem uralten Gebet- und Liederbuch der Bibel. Da steht es oft drin: Halleluja. Lobt Gott.

Wen sollen wir ehren? Klare Antwort: Gott. Schon vor 2500 Jahren musste man Menschen offenbar daran erinnern: Wir sind nicht der Nabel der Welt. Da ist noch einer über allem. Vor allem. Einer, von dem unser Leben herkommt. Einer, in den hinein unser Leben mündet. Halleluja! Denkt über ihn nach. Lasst ihn zum Maßstab werden für das, was euch wichtig ist, welche Werte ihr an eure Kinder weitergeben wollt. Euer Leben soll auf ihn hindeuten – wie ein Fingerzeig.

Das hat schon auch etwas Widerständiges. Halleluja heißt auch: Schwimmt nicht einfach nur mit dem Strom. Lobt Gott! Nicht irgendwen, der sich aufspielt. Dann kann ein Halleluja womöglich auch bedeuten: Ich halte nicht meinen Mund, wenn einem Unrecht geschieht. Ich trau mich, in der Masse auch mal aufzustehen und zu sagen: „Das sehe ich anders!“ Und wenn mir der Gedanke an mein Sterben Angst macht, oder wenn ich am Friedhof traurig an einem Grab stehe: Halleluja. Vielleicht erklingt mein Halleluja da ganz leise, auf dem Grund meiner Seele, nur geflüstert, und ich habe dabei Tränen in den Augen. Aber es erklingt. Und es erinnert mich, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.

Schon zu Zeiten Jesu hat man im Judentum gesagt: Mindestens einmal am Tag sollte man ein Halleluja sagen, denken, singen. Um Gott zu loben. Aber auch, um mich selbst an ihn zu erinnern, immer wieder. Um mir in Gedächtnis zu rufen und mir ins Herz zu sprechen: Da ist einer über allem. Vor allem. Ihn will ich ehren, mit meinem ganzen Leben.
Halleluja!

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01OKT2021
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Teilen ist in. In meinem Stadtteil gibt es z.B. ein öffentliches Bücherregal: wer ein Buch nicht mehr braucht, stellt es rein, wer eines haben möchte, nimmt es mit. Das funktioniert ganz gut.

Teilen ist eine uralte Idee. In der Bibel wird von den ersten Christen erzählt, dass sie das Teilen großgeschrieben haben. Nicht weil sie nachhaltig leben wollten, wie es heute oft ein Thema ist. Sondern um Not zu lindern. Viele waren damals finanziell nicht abgesichert, auch während einer Krankheit nicht. Andere haben dann zum Beispiel einen Acker verkauft und den Erlös der Gemeindeleitung gegeben. Die hat das Geld weitergegeben an Menschen, die es gerade nötig hatten. Die Grundidee dahinter: Was ich habe, ist nicht meins. Es ist mir von Gott anvertraut. Mein ganzes Leben ist mir nur anvertraut. Darum soll und kann ich mit anderen teilen.

Ob die Theorie damals in der Praxis immer funktioniert hat, weiß ich nicht. Aber in der biblischen Erzählung finde ich interessant, dass die Idee des Teilens erst mal als Grundsatzprogramm formuliert wird. Also: so wird das in der Gemeinde gelebt. Acker verkaufen – Geld abgeben – Menschen in Not wird geholfen. Dann aber zoomt die Geschichte ran an eine konkrete Person. Barnabas. Der verkauft einen Acker, gibt das Geld ab und anderen wird damit geholfen. Erst habe ich mich gewundert, dass das von ihm nochmal extra erzählt wird. Aber ich denke, es geht darum, dass der nicht bloß da sitzt und Sprüche klopft und sagt „Man sollte wirklich mal“ und „überhaupt die Politiker“. Barnabas klopft keine Sprüche. Er handelt. Er hat eine Idee, wie er als Christ gerade helfen kann. Und das macht er. So setzt er ein Zeichen. Ein anderer hatte vielleicht keinen Acker, den er verkaufen konnte. Der hatte vielleicht dafür Zeit übrig. Zeit, in der er jemandem helfen konnte. Und jemand anderes ist heute auf Facebook unterwegs und hält dagegen, wenn Leute ihre Hass-Parolen verkünden. Der nächste traut sich, einen Krankenbesuch bei einem alten Bekannten zu machen, auch wenn er nicht weiß, was er ihm sagen soll. Und wieder eine andere engagiert sich in der Politik, damit es gerechter zugeht in der Welt.

Teilen ist nicht kompliziert. Barnabas erinnert mich daran. Wir können teilen, was wir haben. Geld und Zeit. Lebensfreude und Gottvertrauen. Ideen für eine gerechtere Welt. Und manchmal auch einen Krimi im Bücherregal.

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