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25JUN2022
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Inzwischen gibt es sie immer häufiger: die „Schwätzbänkle“. Eine Aktion gegen Einsamkeit.

Die Idee stammt aus England: an einem zentralen Ort eine Sitzbank aufstellen, damit Menschen dort mit anderen reden können. Seit einigen Monaten kümmern sich immer mehr Seniorenverbände und Kirchengemeinden darum, dass es auch bei uns solche Bänke gibt. Bei mir in der Kurpfalz heißen sie Babbelbank, andernorts Schwätzbänkle. Oft steht einfach ein Schild dabei: Schwätzbänkle. Dann weiß der, der seine Ruhe haben möchte: hier setze ich mich lieber nicht hin. Aber jemand, der womöglich den ganzen Tag noch niemand zum Reden hatte und sich gern unterhalten möchte: der nimmt Platz. Die Grundidee: Niemand soll tagelang einsam sein müssen. Alle sollen jemanden haben, mit dem sie reden können. Egal ob über den Spritpreis oder das Wetter oder die Ukraine, vielleicht über eine Frage, die einen beschäftigt, oder eine Sorge. Hier kann man über Gott und die Welt reden. Wer einfach plaudern möchte, kann plaudern. Wer sein Herz ausschütten möchte, kann auch das tun. Manchmal steht auch dabei, von wann bis wann auf jeden Fall jemand hier sitzt, um zuzuhören und zu plaudern. Das ist dann vielleicht jemand vom Stadtseniorenrat oder vom Frauenkreis der Kirchengemeinde oder ein Ruheständler, der das als seine Aufgabe sieht.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel steht der schöne Gedanke, dass Menschen als Gegenüber füreinander geschaffen sind. Da geht es nicht nur um die Zweisamkeit von Verliebten. Da geht es auch darum, überhaupt mit anderen in Kontakt zu sein, Zeit miteinander zu verbringen, Schönes, Alltägliches, Schwieriges miteinander zu teilen. Nicht einsam sein, sondern gemeinsam.

Vielleicht steht jemand vom Schwätzbänkle auf und nimmt die Idee mit, einen Bekannten anzurufen, mit dem er lang keinen Kontakt hatte. Oder einen Gruß an die Freundin im Pflegeheim zu schicken, die nicht mehr viel Besuch bekommt. Oder morgen früh in den Gottesdienst zu gehen und andere Leute zu treffen.

Wir sind als Gegenüber füreinander geschaffen. Ich finde, die Schwätzbänkle sind eine feine Idee, um das zu erleben.

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23JUN2022
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„Das verzeih ich Dir nie!“ Wieviel muss passiert sein, dass jemand das zu einem andern sagt?

Petrus, einer der 12 Jünger von Jesus, hat darüber nachgedacht: Wie oft soll ich jemandem vergeben, bis das Maß voll ist? Er hat Jesus gefragt: „Reicht 7mal?“ Vielleicht hat Petrus erwartet, dass Jesus beeindruckt ist von so viel gutem Willen. Ich jedenfalls finde 7mal ziemlich viel. Ich weiß nicht, ob meine Geduld und meine Vergebungsbereitschaft im Ernstfall so weit reichen würden.

Jesus aber antwortet: „Nein. Nicht 7mal, sondern 70mal 7mal.“ Ich vermute, dabei geht es nicht um Mathe. Also nicht: 70 mal 7 ist 490, das heißt, beim 491. Mal darf ich’s ihm dann endlich heimzahlen. Die 7 steht in der jüdischen Tradition für etwas Vollkommenes, für das Ganze. 70mal 7mal vergeben, das heißt: immer vergeben. Immer wieder. Ohne Maß, ohne Grenze.

Wohlgemerkt: da ist nicht vom Vergessen die Rede. Ich werde also nicht aufgefordert, zig mal in die gleiche Falle laufen, weil ich die schlechten Erfahrungen mit diesem Menschen großzügig beiseite gewischt und verdrängt habe. Aber ich werde aufgefordert, zu vergeben. Also es jemandem z.B. nicht nachzutragen, wenn er mich gekränkt hat. Keine leichte Übung. Aber das Wort „nachtragen“ redet sehr bildlich davon, dass ich mich selbst belaste, wenn ich jemandem etwas nachtrage, hinterhertrage. Ich laufe dann hinter ihm her – er also gibt die Richtung vor, nicht ich. Und ich trage ihm etwas nach, das heißt meine Hände sind nicht frei. Ich bin nicht frei. Solange ich einem anderen etwas nachtrage, hat er Macht über mich, die ihm nicht zusteht.

Vergeben hat viel mit loslassen zu tun. Nicht unbedingt, weil ich so ein edler Mensch wäre, sondern weil ich selbst freier leben kann, wenn ich vergebe.

Jesus hat übrigens noch einen weiteren Grund genannt, anderen zu vergeben. Er sagt, Gott ist barmherzig, auch dir gegenüber. Du kannst Gott um Vergebung bitten, jederzeit. Er ist barmherzig mit dir. Sei du es auch mit anderen. Wenn dich jemand um Vergebung bittet, sei barmherzig. Um seinetwillen, aber auch um deinetwillen. Gib ihn frei. Und geh selbst frei weiter.

Bibeltext: Matthäus 18, 21ff

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22JUN2022
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Eine Randbemerkung über Toleranz. Mehr war es eigentlich nicht, was der Preußenkönig Friedrich der Große auf ein Schriftstück notiert hat, das ihm an einem 22. Juni vorgelegt worden ist. 1740 war das. Es ging um die Frage: Sollen katholische Schulen im evangelischen Preußen geschlossen werden? Wenn die Mehrheit der Bevölkerung evangelisch ist: soll es auch eine andere Glaubensrichtung geben dürfen? Viele Staaten jener Zeit haben Wert darauf gelegt, dass alle das gleiche glauben und der Religion des jeweiligen Machthabers angehören. Minderheiten waren nicht gern gesehen und hatten selten die gleichen Rechte wie die Mehrheit.

Friedrich der Große aber griff an jenem 22. Juni zur Feder und notierte an den Rand des Textes seine Entscheidung: „Die Religionen müssen alle toleriert werden. Hier muss ein jeder nach seiner Fasson selig werden.“ Die katholischen Schulen durften offen bleiben, katholische Christen ihren Glauben ausüben. Toleranz war ein wichtiger Wert in Preußen.

Allerdings nur Toleranz, wie Friedrich sie verstanden hat. Er hat sehr klar den Rahmen vorgegeben, in dem man sich zu bewegen und nicht aufzufallen hatte. Juden und Jüdinnen zum Beispiel wurden nicht toleriert. Sie haben auch bei Friedrich keine Chance bekommen, gleichberechtigt mit anderen zu leben. So weit ist seine Toleranz nicht gegangen.

Dabei kommt das Wort „Toleranz“ kommt vom lateinischen „tolerare“. Das heißt übersetzt „ertragen“! Da klingt schon an, dass es anstrengend sein kann, andere zu tolerieren. Es auszuhalten, dass der andere Mensch anders ist, mich irritiert und mir vielleicht in die Quere kommt. Wir sind unterschiedlich geprägt, haben verschiedene Überzeugungen, unterschiedliche Erfahrungen und ticken anders. Nicht nur, wenn es um Religion geht.

Wenn ich einen anderen Menschen toleriere, werfe ich meinen eigenen Standpunkt nicht über Bord. Aber ich ertrage, dass er einen anderen Standpunkt hat. Ich ertrage es, weil wir beide einen Platz auf dieser Erde haben. Dann haben wir womöglich eine Menge zu diskutieren. Und es kann es in der Sache geboten sein, in die Auseinandersetzung zu gehen und meinen eigenen Standpunkt klar zu benennen. Einander toll finden müssen wir nicht. Einander tolerieren, einander ertragen schon.

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21JUN2022
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Heute ist der Tag des Schlafes. Ja, den gibt es tatsächlich. Ein ganzer Tag, der dem Schlaf gewidmet ist. Erfunden von Leuten, die offenbar Sorge hatten, dass wir nicht genug oder nicht entspannt genug schlafen. Klingt etwas verrückt - aber so neu ist die Idee gar nicht. Einige hundert Jahre vor der Geburt Jesu hat jemand ein Lied geschrieben, das es bis in die Bibel geschafft hat. Dort heißt es: „Seinen Freunden gibt Gott es im Schlaf.“ Ein Hoch auf den Schlaf. Kein Hoch auf die Faulheit wohlgemerkt. Der Psalm wird dem König Salomo zugeschrieben. Der war ausgesprochen unverdächtig, was Faulheit angeht. Er hat als König einiges geleistet. Den Tempel in Jerusalem bauen, die Stadt schützen, sich um die Menschen im ganzen Land verantwortungsvoll kümmern – das waren große Aufgaben für ihn. Und doch war ihm klar: Arbeit ist nicht alles. Rund um die Uhr am Rad drehen: das geht nicht und es macht keinen Sinn.

„Seinen Freunden gibt er es im Schlaf!“ Gott segnet nicht nur, wenn jemand Liebesmüh und Herzblut in seine Arbeit investiert. Er segnet den Schlaf.

Ausgerechnet den Schlaf. Wenn man so unproduktiv in den Federn liegt, nichts Kluges und nichts Dummes tut, keine aufregenden Neuigkeiten postet, sondern einfach nur schläft. Jeden Morgen können wir feststellen: Die Erde hat sich heute Nacht weitergedreht, während ich geschlafen habe. Ganz ohne mein Zutun. Lektion 1 des Königs Salomo für Menschen von heute: Nimm dich nicht so wichtig. Die Welt wird es locker überstehen, wenn Du Dich ausruhst und nichts tust. Womöglich wird sie sogar aufatmen…

Indem ich schlafe, setze ich Grenzen: meiner Arbeit und auch der Idee, dass ohne mich nichts geht. Jedes Mal wenn ich einschlafe, übe ich also loszulassen. Und ich übe, damit klarzukommen, dass vieles vorläufig ist, und nichts perfekt vollendet.

Einen Punkt spricht Salomo noch extra an: die Sorgen. Die haben einen vielleicht schon den ganzen Tag begleitet und werden abends so richtig munter, wenn es um einen herum etwas ruhiger wird. Das ist seine Lektion 2: Lass los. Vertrau deine Sorgen Gott an. Er ist heute bei dir. Und morgen wird er auch da sein.  

2 Lektionen des Königs Salomo. Nimm dich nicht so wichtig. Lass los.
Ich finde ja, das sind nicht nur gute Tipps für abends, für die Bettkante. Die sind etwas für den ganzen Tag.
Bibeltext: Psalm 127

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20JUN2022
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Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat die Friedenstaube wieder Hochkonjunktur. Man sieht sie auf Bannern und Plakaten, oder von Kinderhand gezeichnet. Manchmal hat sie einen kleinen Zweig im Schnabel. Sie ist keine Erfindung unserer Zeit, die Friedenstaube, sie geht auf eine Geschichte der Bibel zurück: die Geschichte von der Arche Noah. Noah war der, der von Gott vor der Sintflut gewarnt worden war: Die ganze Welt würde im Wasser untergehen. Er hat ein riesiges Schiff, eine Arche gebaut, seine Familie und viele Tiere an Bord genommen und dann ist die Arche wochenlang im Unwetter unterwegs gewesen.

Als es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich aufgehört hat zu regnen, hat Noah eine Dachluke geöffnet und eine Taube losgeschickt. Er wollte herausfinden: Gibt es irgendwo trockenes Land? Gibt es einen Weg für mich und meine Familie?

Die Taube ist zurückgekommen zur Arche. Sie hat kein trockenes Plätzchen gefunden. Überall nur Wasser. Noah hat nicht aufgegeben. Nach einigen Tagen hat er wieder eine Taube losgeschickt. Auch diese 2. Taube ist zurückgekommen. Aber sie hat etwas mitgebracht: Sie hatte einen Ölzweig im Schnabel. Nur ein kleiner Zweig, aber für Noah war der so wichtig. Er hat gewusst: Der Vogel hat Olivenbäume entdeckt, irgendwo. Ich kann sie noch nicht sehen, aber sie sind da. Es gibt Hoffnung. Wir werden wieder rauskönnen, wir können durchstarten. Das Leben wird weitergehen.

Ich bin ein Fan dieser Taube. Denn sie hätte ja wegbleiben können. Sich‘s im Olivenbaum gemütlich machen können oder so. Hauptsache, mir geht’s gut. Aber nein, sie ist zurück zu den andern und hat die frohe Kunde weitergegeben. Sie hat andere aufgebaut und ihnen Mut gemacht. So ist sie selbst ein Zeichen der Hoffnung geworden. Für Noah ist sie ein Zeichen geworden, dass Gott die Welt nicht aufgegeben hat. Da ist neues Leben. Ein neuer Anfang. Vielleicht nur ein ganz kleiner Anfang, aber doch: ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten. Wir leben.

Noah hat übrigens noch ein paar Tage gewartet und hat dann Taube Nr. 3 losgeschickt. Die ist nicht mehr zurückgekommen. So hat sie den anderen das Zeichen für den Aufbruch gegeben: „Los, raus mit euch. In dieser Welt ist Platz für euch, für eure Ideen. Ihr habt eine Aufgabe. Gestaltet die Welt mit. So werdet ihr für andere ein Zeichen der Hoffnung.“

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19JUN2022
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Muss ich die ganze Welt retten? „Nein“, sagt Jesus. Aber achte auf den Menschen nebenan. Den Menschen vor deiner Haustür.

Jesus hat dazu eine Geschichte erzählt, über die heute in vielen evangelischen Gottesdiensten gepredigt wird. Er erzählt von zwei Menschen, die unmittelbar nebeneinander leben. Der eine ist sehr arm, bettelarm, der andere sehr reich. Der eine kämpft jeden Tag ums nackte Überleben, der andere lebt im Überfluss. Dem Armen gibt Jesus in seiner Geschichte einen Namen: Lazarus. Das ist hebräisch und heißt übersetzt „Gott hilft!“ Gott hilft. Der Reiche hilft nicht. Vielleicht hat er einfach andere Themen im Kopf. An Lazarus jedenfalls schaut er vorbei. Obwohl der direkt vor seiner Haustür liegt.

Beide sterben irgendwann. Der arme Lazarus wird von Engeln ins Paradies, in Abrahams Schoß getragen und lebt dort in Freuden. Der Reiche dagegen landet im schauerlichen Totenreich Hades. Er ist völlig irritiert und fängt an, mit Abraham zu diskutieren. Hilft ihm aber nichts. Er hat im Leben versagt und hat dem Armen nicht geholfen - und er hätte es besser wissen können.

Wohlgemerkt: in der Geschichte, die Jesus erzählt, wird von dem Reichen nicht erwartet, dass er die Last der ganzen Welt schultert und als Durchschnittsmensch mal eben die gesamte Weltwirtschaftsordnung ändert. Die Botschaft an die, die genug zum Leben haben, lautet: Achte auf den Menschen vor deiner Haustür, der in Not ist. Er hat einen Namen und eine Geschichte. Und er hat Sorgen, die ihn niederdrücken. Vielleicht ist es dein alter Nachbar, Herr Schmitt, oder deine Arbeitskollegin Karin oder Oksana aus der Ukraine oder Hassan im Sudan, wo die nächste Hungerkatastrophe längst in vollem Gange ist. Klar, das ist nicht alles vor unserer Haustür. Aber wir bekommen Informationen über Leid in aller Welt. Und wir lernen, Zusammenhänge zu unserem Wohlstand zu erahnen. Das Leid klopft eben doch an unsre Tür.

Lazarus an unserer Haustür: Er hat einen Platz am Herzen Gottes. Und er soll einen Platz an unsrem Herzen bekommen.

Der Reiche in der Geschichte sagt am Ende zu Abraham: „Na, das hab ich doch nicht ahnen können. Das sagt einem ja keiner.“ Abraham antwortet trocken: Ein Blick in die Bibel hätte gereicht. Ihr wisst doch, was zu tun ist. Also lebt entsprechend.
Bibeltext: Lukas 16, 19-31

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19MRZ2022
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Heute abend werde ich mich von dieser Woche verabschieden. „Wochenschluss“ nennt man das in der Kirche, wenn am Samstagabend die Kirchenglocken den Sonntag einläuten. An der Türschwelle zum Sonntag drehe ich mich nochmal um und schaue auf diese Woche. Das ist ein bisschen wie Silvester, wenn ich auf das ganze Jahr zurückschaue. Am Samstagabend schaue ich auf die Woche zurück.

Welchen Menschen bin ich begegnet? Welche Begegnung hat mir gutgetan?
Was hat mich genervt? Was beunruhigt mich?
Was ruft nach Veränderung?

Manches, was ich diese Woche erlebt habe, macht mich dankbar und zufrieden. Es tut mir gut, nicht einfach darüber hinwegzugehen, sondern mich daran zu erinnern.

Anderes habe ich nicht zuende bringen können – also überlege ich: Lasse ich es gut sein oder nehme ich es mit in die neue Woche?

Und manches tut mir im Nachhinein leid: ich nehme mir vor, daraus zu lernen. Überhaupt, das Lernen. Ich erinnere mich an einen Professor, der uns im Studium Woche für Woche nach seinem Seminar interessiert gefragt hat: „Was haben Sie heute gelernt?“ Ich finde, das ist auch eine gute Frage zum Ende der Woche. Was habe ich diese Woche gelernt?

Wenn ich zum Wochenschluss so über die Woche nachdenke, bleibt das alles nicht einfach nur im Raum stehen. Ich halte es Gott hin und bitte: „Nimm es in deine Hände. Alles, was war. Alles, was mich heute abend beschäftigt und was mir noch nachgeht. Bei dir lege ich es ab.“ So beende ich die Woche.

Im 2. Schritt kann ich nach vorne schauen und den Sonntag begrüßen. Ich will die neue Woche bewusst beginnen, sie aus Gottes Hand in Empfang nehmen. Manche zünden dabei ein Licht an, als Zeichen für Jesus Christus. Sein Licht soll uns leuchten. Am Sonntag und in der neuen Woche, in allem, was ich da erleben werde.

Ich wünsche Ihnen heute einen guten Wochenschluss. Und einen behüteten Start in die neue Woche.

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18MRZ2022
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Ich war zu Besuch in einer diakonischen Einrichtung. Da hat mich eine Frau angesprochen, die dort gewohnt hat. Sie war geistig behindert. „Wie heißt du?“, hat sie gefragt. „Ich bin Ute“, habe ich geantwortet. Da hat sie mich nachdenklich angeschaut und gefragt: „Kennst du die?“ Jetzt war ich verwirrt und habe nachgefragt: „Wen?“ Nun war sie auch irritiert und hat einen neuen Anlauf genommen: „Wie heißt du?“ Antwort: „Ute.“ Und wieder die gleiche Nachfrage: „Kennst du die?“ Hm. Eine ziemlich philosophische Frage. Kenne ich mich?

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu kapieren: Sie meint nicht mich. Sie kennt noch eine Ute. Eine andere Ute. Sie wollte wissen, ob ich die andere auch kenne, wenn wir schon den gleichen Vornamen haben. Da sie fand, das liegt auf der Hand, hat sie das Gespräch unterwegs etwas abgekürzt. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ich da nicht mitkomme.

Ein Missverständnis, aber die Frage, die sie mir gestellt hat, kommt mir seither trotzdem immer wieder in den Sinn. Vor allem, wenn ich mich selbst etwas rätselhaft finde. Zum Beispiel wenn ich mich frage, warum ich neulich so reagiert habe und nicht anders. „Kennst du die?“ Dann muss ich ehrlicherweise antworten: „Nicht wirklich.“ Also, ein bisschen schon und manchmal meine ich, ich kann mich ganz gut einschätzen. Aber dann bin ich mir doch wieder selbst ein Rätsel, überrasche mich selbst und freue mich darüber oder komme aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.

In einem Gebet der Bibel, dem Psalm 139, heißt es: „Herr, du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“

So betet ein Mensch, der weiß: Ich kann mich nicht selbst ergründen. Ich kann nicht meine eigene Seele ausloten. Muss ich auch gar nicht. Es wäre ein ziemlich vermessenes Unterfangen.

Gott, es reicht mir, dass du mich kennst und mich verstehst. Dass du um mich herum bist, egal, was gerade in mir vorgeht. Dann fühl ich mich gut aufgehoben.

Überraschen kann ich mich und andere dann immer noch. Wäre ja auch schade, wenn es anders wäre. Hauptsache, Du kennst mich.
Übrigens, falls jemand von Ihnen Ute heißen sollte: Ich kenne Sie nicht.

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17MRZ2022
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Was brauchen wir? Was ist wirklich nötig, um ein gutes Leben zu führen?

Eine Geschichte der Bibel erzählt davon, wie Menschen aus dem Volk Israel versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Gerade noch hatten sie gefeiert, dass sie der Sklaverei in Ägypten entkommen waren. Freiheit! Glücklich leben können. Aber es dauert nicht lange, da stehen sie vor neuen Problemen: Ihr Weg in die neue Heimat - durch die Wüste hindurch -, der ist unglaublich anstrengend. Zu anstrengend, finden viele. Ihre Sehnsucht nach Freiheit haben sie schnell vergessen. Jetzt ist es die Sicherheit von früher, nach der sie sich sehnen. Die brauchen wir, so meinen sie. Die Menschen sind enttäuscht und müde. So müde, dass sie nicht nach vorne schauen, nur noch nach hinten.

Mose, der sie in die Freiheit geführt hatte, denkt anders: Wir brauchen den Blick nach vorne, auch wenn wir nicht wissen, was kommt. Wir brauchen Vertrauen. Gott wird uns einen Weg in die Zukunft zeigen.

Am nächsten Morgen finden sie, womit sie in der Wüste nicht gerechnet hatten. Sieht aus wie Hagelkörner oder kleine Beeren, und entpuppt sich als essbar. Es gibt ihnen Energie. „Manna“ nennen sie es. Himmelsbrot.

Sie sammeln, was sie für diesen Tag brauchen, nicht mehr. Manche wollen lieber einen Vorrat anlegen, aber der verdirbt in der Wüste. Das Himmelsbrot gibt ihnen immer nur Kraft für einen Tag. Am nächsten Morgen sammeln sie wieder. Sie üben zu vertrauen: Gott wird auch morgen da sein. Morgen werde ich wieder etwas finden, was mir Kraft gibt.

Vielleicht hatte Jesus diese Geschichte im Hinterkopf, als er Jahrhunderte später seinen Jüngern das Vaterunser beigebracht hat. „Unser täglich Brot gib uns heute“. Hilf mir herauszufinden, was ich heute brauche. Für diesen Tag. Kraft, Freundschaft, Gottvertrauen, Menschen an meiner Seite. Manna, Himmelsbrot für heute.

In Heidelberg haben eine evangelische Gemeinde und die Diakonie zusammen ein Café gegründet, dem sie den Namen „Manna“ gegeben haben. Für Leute, die wenig Geld haben oder sich über ein Gespräch freuen. Kurse kann man da auch belegen: zusammen kochen oder sich am PC fit machen lassen. Ich glaube, solche Ideen und Menschen, die anderen helfen, die sind auf ihre Weise auch Manna. Himmelsbrot, das wir füreinander sein können.  

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16MRZ2022
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Die Seiten in meinem Terminkalender füllen sich fast von allein. Und dann stehen immer noch Termine oder Aufgaben Schlange, die eigentlich auch noch untergebracht werden wollen. Möglichst bald.

In der Bibel habe ich einen Satz entdeckt, der mir hilft, mit der Fülle der Aufgaben umzugehen. „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ Im Buch Prediger steht das, mittendrin in Gedanken über Arbeit und Lebensfreude.

Als ich das das erste Mal gelesen habe, habe ich gedacht: Na, da baut aber einer ganz schön Druck auf. „Auf, los, da geht noch was, da geht noch mehr! Streng dich an!“
Aber inzwischen mag ich den Satz. Er ist hilfreich, wenn man ihn genau anschaut.

Ich soll tun, was mir vor die Hände kommt, heißt es zuerst. Aber das ist vielleicht nicht unbedingt das, was andere gerade von mir erwarten. Ob es jetzt für mich dran ist oder nicht, das muss ich schon selbst entscheiden. Es sind ja meine Hände, meine Kreativität, meine Zeit und meine Energie, um die es da geht.

Anregend finde ich außerdem, dass da von meiner Kraft die Rede ist. Also nicht: alles, was dir vor die Hände kommt, das mach. Und auch nicht alles, was dir gerade in den Sinn kommt. Nein, da ist so etwas wie ein Filter eingebaut. Meine Kraft. Die ist nicht unerschöpflich.

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“

Manches schaffe ich nicht. Und manches ist für mich gerade auch nicht dran. Der Satz aus der Bibel gesteht mir das zu. Und Martin Luther hat über diesen Satz mal trocken gesagt: „Ich tu, was ich kann. Und was ich nicht kann, davon muss es heißen: ‚Wem ein Stein zu schwer ist, der lass ihn liegen.‘“ So einfach. Wenn ich mich übernehme, ist niemandem gedient. Manches kann ich getrost liegen lassen. Vielleicht versuche ich mich in einem Jahr nochmal an diesem Stein. Aber vielleicht ist er auch für jemand anderes gedacht. Oder es ist so ein dicker Brocken, dass er in 50 Jahren immer noch da liegen wird. Macht nichts. Ich muss mich ja nur um das kümmern, was für mich gerade dran ist.

Heißt für mich: anschauen, was mir vor die Hände kommt, abwägen, was für mich gerade geht und was nicht. Und dann tun, was ich kann, und den Rest getrost liegen lassen.

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