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SWR4 Abendgedanken
„Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“ (Lukasevangelium 2,10f) – Im Krippenspiel in unserer Kirche haben die kleinen Engel diesen Satz allen Gottesdienstbesuchern zugerufen. Seitdem klingt dieser Ruf in mir nach.
Das ist mein Gänsehautmoment an Heiligabend. Wenn die kleinen, schüchternen Mädchen, die die Engel spielen, über sich selbst hinauswachsen und mutig und fröhlich allen zurufen, dass wir uns nicht fürchten müssen.
Und dass wir uns nicht fürchten müssen, hat einen ganz einfachen Grund: Weil Gott zu uns Menschen kommt. Als Kind. Klein, verletzlich. Gott teilt unser Leben. Er ist angewiesen auf die Fürsorge anderer, er lacht und weint, er lernt Menschen kennen, trauert mit anderen, er ist hungrig, wird ausgelacht, nicht ernstgenommen. Er muss sich seinen Platz in der Welt erarbeiten, muss seinen Weg finden.
Gott teilt unser Leben. Ganz und gar. Mit allem, was dazu gehört.
Letztendlich stirbt er auch. So wie auch ich irgendwann einmal sterben muss. Und dann, wenn mit dem Tod nach meinem menschlichen Denken alles vorbei ist, dann kommt wieder ein Wendepunkt. An Ostern! Dann rufen die Engel wieder: „Fürchtet euch nicht!“
Wenn ich noch über den Tod nachdenke, wenn die Frauen den toten Jesus besuchen wollen, da kommen wieder die Engel ins Spiel. Sie sitzen am Grab, wo kein toter Jesus zu finden ist und sagen den Frauen: „Fürchtet euch nicht. Jesus ist nicht hier. Gott hat ihn von den Toten auferweckt!“ (Matthäusevangelium 28,5)
An den entscheidenden Punkten des Lebens – am Anfang und am Ende – gilt dieselbe Botschaft: Fürchtet euch nicht! Aber diese Botschaft gilt auch mittendrin. Mitten in meinen Alltag und meinen Routinen, auch da muss ich mich nicht fürchten.
Ich muss mich nicht ängstigen vor dem, was das Leben mir bringt und was ich noch gar nicht wissen kann. Gott ist da. Ich muss keine Angst haben vor Veränderungen, vor dem, was mir fremd und unbekannt ist, Gott geht mit. Auch wenn ich ihn manchmal nicht fassen kann, so ist Gott dabei. An meiner Seite.
Zwischen Weihnachten und Ostern liegt ein ganzes Leben. Das Leben, das Jesus gelebt hat. Zwischen Krippe und leerem Grab liegt mein Leben mit all dem, was es ausmacht, worum ich mich sorge, was mich ängstigt, was mich glücklich macht und über mich hinauswachsen lässt. Gott spricht uns durch die Engel zu: Ich bin da! Fürchtet euch nicht!
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Das neue Jahr ist schon 22 Tage alt und ich schaue auf meine guten Vorsätze für dieses Jahr. Stolz und zufrieden kann ich sagen, dass ich noch nicht wirklich gescheitert bin.
Nein, es ist nicht so, dass ich mir nichts vorgenommen hätte. Das wäre ja irgendwie auch komisch. Aber ich habe mir ein „weniger“ statt „mehr“ vorgenommen. Für die vergangenen Jahre hatte ich oft Großes vor: Dieses Jahr mache ich mehr Sport! Dieses Jahr möchte ich mehr mit Freunden unternehmen! Da bin ich meistens schon nach wenigen Wochen gescheitert. Mehr Sport? Wann? Ausreden gab es genügend. Und so war es nach ein paar sportlichen Tagen schon vorbei mit dem guten Vorsatz.
Also habe ich mir für dieses Jahr ein „weniger“ vorgenommen. Ein „weniger“ an Dingen, die ich ganz oft mache. Weniger Zeit am Handy verbringen. Es also auch mal klingeln lassen oder vielleicht sogar ab und zu mal zu Hause liegen lassen, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin. Weniger Stress habe ich mir auch vorgenommen. Das heißt nicht, dass ich weniger arbeite, sondern dass ich meine Termine versuche so zu legen, dass ich mehr Zeit dazwischen habe.
Das sind meine guten Vorsätze, die mich nicht belasten, nicht unter Druck setzen und mir nicht zusätzlich mein Leben erschweren. Denn genau das wollte ich dieses Jahr nicht. Keinen zusätzlichen Stress, keine unnötige Last, keinen vermeidbaren Druck durch gute Vorsätze. So möchte ich meinen Weg durch das Jahr gehen.
Vor vielen, vielen Jahren hat jemand gebetet: „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.“ (Psalm 37,5) In diesem uralten Gebet aus der Bibel steckt für mich eine Lebenserfahrung, die ich auf mein neues Jahr übertragen möchte.
Ich möchte meine Wege Gott anvertrauen, auf ihn vertrauen. Ich muss nicht alles alleine machen. Ich muss nicht immer perfekt sein. Ich muss mich nicht mit guten Vorsätzen gleich nach wenigen Tagen zermürben. Gott verlangt von mir keinen perfekten Plan für das neue Jahr, er erwartet keine guten Vorsätze, die mich gleich wieder scheitern lassen, sondern er freut sich daran, wenn ich mit mir selbst ein wenig freundlicher, barmherziger und gnädiger bin.
Weniger statt mehr, was meine guten Vorsätze betrifft. Aber mehr statt weniger Vertrauen auf Gott und seine Wege mit mir.
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Heute ist Weltknuddeltag. Dieser Tag soll mich daran erinnern öfter mal Gefühle zu zeigen. Also jemanden, den ich mag, mal in den Arm zu nehmen, ihm zu sagen, was er mir bedeutet, eine Freundin spüren zu lassen, wie wichtig sie mir ist.
Nun bin ich nicht der Knuddelmensch. Aber meine Gefühle kann ich ja auch anders zeigen: durch meine Worte oder mit meinem Verhalten insgesamt.
Neulich habe ich mich über eine Freundin geärgert, weil sie etwas gemacht hat, was mir nicht gefallen hat, aber vor allem, weil sie es einfach gemacht hat. Ohne mich zu fragen. Die Absicht war gut. Sie wollte mich entlasten. Sie hat einfach schon alles für eine Bastelaktion eingekauft. Ohne zu fragen, ob ich die Idee gut finde, ob ich genau das basteln möchte oder doch etwas anderes. Plötzlich war alles da. Vorbereitet. Eingekauft. Andere waren eingeladen. Und ich habe mich richtig geärgert.
Aber ich habe den Ärger nicht in mich hineingefressen, sondern meine Gefühle gezeigt. Ich habe ihr eine Email geschrieben, beschrieben, wie es mir mit der Situation geht. Leider zu ehrlich und zu direkt. Das hat die Sache nicht geklärt, sondern verschlimmert. Also haben wir uns getroffen. Uns Zeit genommen, geredet, und uns dann aufrichtig beieinander entschuldigt: Ich mich für meine klaren, zu harten Worte, sie sich für ihr übergriffiges Verhalten.
Mich hat das an ein Wort des Apostel Paulus erinnert. Er hat vor beinahe 2000 Jahren geschrieben: Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. (Epheser 4,15)
Wahrhaftig und ehrlich zu sein in der Liebe – das bedeutet doch: Ehrlich sein zu sich selbst und zu anderen. Nicht zu schweigen, weil es bequemer ist, sondern auch zu kritisieren. Aber sachlich, nicht verletzend. Aufrichtig, nicht heuchlerisch.
Aber es dann auch gut sein zu lassen. Den Fehler nicht weiter nachzutragen, immer wieder auszukramen, sondern wirklich zu verzeihen. So wie Jesus es auch getan hat.
Er hat den Menschen wirklich verziehen. Nichts hat dann mehr zwischen ihm und den Menschen, zwischen ihm und Gott gestanden. So will ich es auch handhaben. Mich an Jesus orientieren. Ehrlich sein. In Liebe. Nicht nur am Weltknuddeltag, sondern am besten an jedem Tag. Ein ehrliches „Es-tut-mir leid“ ist wie eine wohltuende, zärtliche Umarmung. Es streichelt die verletzte Seele und Wunden können heilen.
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Am Anfang des neuen Jahres räume ich immer auf. Das Aufräumen zieht sich über Tage, eigentlich über den ganzen Januar. Denn zuerst sortiere ich stapelweise Papiere, die sich im vergangenen Jahr in meinem Büro angesammelt haben. Dann überlege ich, was ich davon wirklich noch brauche und was ich wegwerfen kann. Aber allein das dauert schon. Denn mit jedem Stück Papier, das ich in der Hand habe, verbinde ich etwas: einen Einkauf, eine Begegnung, ein Gespräch oder gar eine besondere Aktion.
Bei manchen Dingen fällt es mir leicht, sie in den Papierkorb zu werfen: Alte Rechnungen, Kassenzettel, Aufgabenlisten. Erledigt. Weg damit. Bei schönen Postkarten, Konzertkarten, Notizzetteln mit Gedanken fällt mir die Entscheidung schon schwerer: Soll ich sie wegwerfen oder eventuell doch in meine Erinnerungsbox legen?
Wenn ich am Anfang des Jahres aufräume, befreie ich mich damit von Ballast, löse ich mich von alten Dingen und schaffe Platz für Neues.
Beim Aufräumen merke ich, dass das nicht nur für mein Büro und für meine Regale gilt, sondern dass ich damit auch in mir Platz für Neues schaffe. Ich löse mich, ich denke nach, ich lasse mich auf das ein, was kommt. Neugierig und offen. Und ich merke, dass ich auch in mir Ordnung schaffen kann. Vielleicht kann ich im neuen Jahr auch alte Gewohnheiten, die mich selbst nerven, einfach mal sein lassen und mich an Neues wagen? Muss ich wirklich immer alles gleich und sofort machen oder darf ich mir auch einfach mal Zeit nehmen?
Aufräumen und Ordnung schaffen, sortieren und ablegen, loslassen und Platz für Neues schaffen gilt also auch für mich und mein Inneres.
„Siehe, ich mache alles neu!“ sagt Gott (Offenbarung 21,5). Dieser Satz steht als Motto, als Losung über diesem Jahr. Ein Satz, der mir Hoffnung gibt. Denn ich höre daraus, dass Gott mir beim Aufräumen hilft, dass er meine alten Lasten von mir nimmt und so in mir Raum für Neues schafft. Ich muss das alte nicht mit mir rumschleppen, mich damit abmühen, ich darf es Gott anvertrauen und darauf vertrauen, dass er es neu macht. Wenn ich mich von alten Dingen löse, von alten Verletzungen, Fehlern, Strukturen, dann bin ich auch offen für all das Neue, das Gott mir schenkt. Wenn ich mich nicht selbst lösen kann, dann vertraue ich darauf, dass Gott das kann.
Neu wird nicht alles auf einmal. Aber Gott kann alles neu machen. Auch mich. Nicht nur zu Jahresbeginn.
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„Träum doch nicht!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Meistens dann, wenn ich mich nicht unterkriegen lassen will von all dem, was auf mich einprasselt an schlechten Nachrichten: Morgens, wenn ich die Zeitung aufschlage und als erstes davon lese, wo es Krieg gibt, wer wen übervorteilt hat und wo als nächstes Stellen abgebaut werden.
Dann überlege ich mir wie die Welt sein könnte, wenn alles anders wäre. Wenn wir Menschen friedlicher miteinander umgingen, uns nicht mit Waffen bekriegen würden, sondern uns stattdessen an einen Tisch setzen und reden würden. Wenn wir uns gönnen würden, was wir haben und einfach teilen würden, ohne zu überlegen, welchen Vorteil wir selbst daraus ziehen.
„Träum doch nicht!“ Doch! Ich verschließe die Augen ja nicht vor der Wirklichkeit, ich bin auch nicht weltfremd oder naiv. Ich sehe die Welt und ich träume von einer anderen.
„I have a dream!“ – „Ich habe einen Traum!“ – Mit diesen Worten hat Martin Luther King 1963 seine Vision einer gerechteren Welt den Menschen ins Herz gesprochen. Er hat Rassismus gesehen, Gewalt und Ungerechtigkeit, und er hat angefangen laut von einer anderen Welt zu träumen. Er träumt davon, dass irgendwann einmal Menschen nicht mehr nach ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder anderem beurteiltet werden, sondern allein nach ihrem Inneren, ihrem Charakter.
Martin Luther Kings Traum war der krasse Gegensatz zu seiner Wirklichkeit. Aber genau deswegen war er so kraftvoll. Denn ohne Träume, wie die Zukunft auch sein könnte, bleibt alles so wie es ist. Martin Luther King hat sich nicht mit seiner Wirklichkeit arrangiert, er wollte sie verändern.
Sein Traum war und ist zutiefst christlich geprägt. Gott hat alle Menschen gleich geschaffen. Gott hat alle Menschen begabt. Gott hat allen Menschen Liebe ins Herz gelegt. Diese Überzeugung hat Martin Luther King zu seinem Traum gebracht.
Von wegen: Träum doch nicht! Vielleicht müsste ich in solchen Momenten einfach antworten: Hört bitte nicht auf zu träumen! Denn wenn ihr träumt, dann seht ihr das, was noch nicht ist, was aber noch werden kann.
Wenn ihr träumt, dann fangt ihr im Kleinen an, die Zukunft nach euren Träumen zu gestalten. Vielleicht streitet ihr dann weniger und redet mehr. Jede Veränderung beginnt mit einem Traum. Also träumt!
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„Wenn du merkst, dass du zu spät bist, dann fahr noch eine extra Runde!“ Das hat vor kurzem jemand zu mir gesagt.
„Wie bitte?“, war meine erste Reaktion, „Dann komme ich ja noch später!“
„Ja, wenn du zu spät bist, dann dreh noch eine weitere Runde! Denn du bist schon zu spät. Und je mehr du versuchst die Zeit einzuholen, um so gestresster wirst du ankommen. Wenn du eh schon zu spät bist, dann nimm die Situation mit Leichtigkeit. Nimm dir Zeit. Dann bist du nicht so hektisch, gestresst, sondern kommst ruhiger und entspannter an.“
Das leuchtet mir ein, ich kann es gut nachvollziehen. Wenn ich merke, dass ich zu spät bin, dann versuche ich, die Zeit wieder reinzuholen und alles, was vorher noch sein muss, irgendwie abzuhaken. Aber meistens dauert es dann noch länger als gewohnt, ich werde nervös, gestresst und gereizt. Dann kann ich die Zeit, die ich eigentlich habe, gar nicht sinnvoll nutzen.
Wenn ich zu spät zu einem Termin komme, dann möchte ich die Zeit, die ich noch habe, wirklich mit denen teilen, die auch da sind. Reden und zuhören, trösten, feiern, lachen, miteinander Musik machen, kochen, essen. Was auch immer. Die Zeit ist zu kostbar, um sie mit der Entschuldigung über die verlorene Zeit, über die Verspätung zu vergeuden.
In einem alten Lied in der Bibel heißt es: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12)
Ein Mensch denkt über sein Leben nach und über die Zeit, die er zum Leben hat. Manche Tage fliegen einfach so davon, ich kann sie nicht festhalten, manche Tage ziehen sich öde dahin. Und alles ist vergänglich. Begrenzt. Deswegen geht es darum, die Zeit, die ich habe, die mir geschenkt ist, zu nutzen, mit Leben zu füllen. Zu lieben, gerecht zu sein, Gott zu loben, miteinander den Alltag zu gestalten. Damit alles einen höheren Sinn bekommt.
Das passt für mich zusammen: Eine extra Runde drehen und dabei begreifen, welche Zeit ich zum Leben habe. Vernünftig das Leben gestalten, das kann manchmal eine extra Runde bedeuten. Die muss ja nicht lang sein, aber sie hilft, wieder bei mir anzukommen.
Ich bin dann weiterhin zu spät. Das kann ich nicht ändern, aber ich bin entspannt zu spät. Und vor allem: Ich bin dann wirklich da. Und zeige allen um mich herum: Jetzt habe ich Zeit!
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Richtig warm war es zu Schulanfang in Rheinland-Pfalz. Und wir haben einen Gottesdienst zur Einschulung gefeiert. Aufgeregte Schulanfängerinnen und Schulanfänger, stolze Eltern, glückliche Großeltern und viele Freunde saßen beieinander. Alles schwatzte durcheinander, und es war so richtig schön trubelig in der Kirche. Ich bin dann nach vorne, an den Altar, habe mich umgedreht und habe mir dann – demonstrativ – eine dicke Wollmütze auf den Kopf gesetzt. Mit Bommel – obwohl es so warm war.
Als ich da so gut bemützt stand und schwitzte, haben die Kinder gelacht. Ich auch. Und ich habe von früher erzählt, davon, dass meine Mama mir immer im Winter eine Mütze aufgesetzt hat und im Sommer darauf bestanden hat, dass ich eine Kappe trage. Und dass mir das damals gar nicht gefallen hat.
Wollmütze im Winter- total uncool. Kappe im Sommer – warum denn das? Meine damaligen Zweifel konnten die aufgeregten, neugierigen Kinder gut nachvollziehen.
Als nächstes ist dann eine Lehrerin zu mir nach vorne gekommen, und hat sich einen Strohhut aufgesetzt. Die nächste hatte einen Fahrradhelm dabei, die nächste eine Strickmütze. Der Strohhut hat erzählt, dass er luftig leicht ist und vor der Sonne schützt, die Strickmütze hat darüber berichtet, dass sie für warme Ohren im Winter sorgt und der Fahrradhelm hat mit freundlichen Worten seinen Schutz bei Unfällen und Stürzen angepriesen.
Alle in der Kirche haben verstanden: Die Mützen und Hüte stehen für gute Wünsche. Nämlich, dass die Person, die sie trägt, behütet, bemützt und gesegnet sein soll. „Bitte zieh Deine Mütze auf!“ Das ist mehr als nur eine Aufforderung. Das ist eine Bitte und ein Segenswunsch zugleich: Zum einen die Bitte: Bitte sorg für dich. Und bitte, pass auf dich auf. Und zum anderen der Wunsch: Du sollst spüren, dass du gesegnet und behütet bist.
Einen solchen Wunsch gibt es auch in der Bibel: „Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.“ (Psalm 121,6)
Gottes guter Segen ist wie ein Sonnenhut, der mich vor der Sonne schützt. Er ist wie eine Wollmütze, die meine Ohren wärmt und auch wie ein Fahrradhelm, der mich vor Schlimmerem bewahrt. Jede Mütze, jeder Hut erinnert mich daran, dass Gott mit mir durchs Leben geht, dass sein Segen mich begleitet.
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Höher. Schneller. Weiter. Immer diese Vergleiche. Mich nervt das. Und gleichzeitig merke ich, dass auch ich selbst ständig am Vergleichen bin.
Mein Käsekuchen muss der Beste sein – jedenfalls besser als der meiner Oma. Und: Mögen mich meine Konfis eigentlich? Oder ist die Kollegin im Nachbarort beliebter?
Irgendwie muss ich immer gut, wenn nicht sogar besser oder gar am besten sein.
Schön wär‘s, es ist aber nicht realistisch. Und es setzt wahrscheinlich nicht nur mich immer wieder unter Druck.
Manchmal bin ich eben nur die zweitbeste, habe einen Fehler gemacht oder ich kann etwas gar nicht. Aber wenn ich das dann sage: „Tut mir leid, das liegt mir nicht so gut. Fragen Sie lieber meine Kollegin, die hat ein Händchen für Musik.“ Schwupps - schon bin ich angreifbar. „Die ist unmusikalisch, die kann das gar nicht!“. Ich gebe zu, dass mir das etwas ausmacht. Ich fühle mich dann einfach ein Stück kleiner und schwächer. Und muss mir eingestehen: Ich bin nicht vollkommen.
Beides anzunehmen, meine Stärken und meine Schwächen, bewahrt mich davor hochmütig zu werden. Zu den Schwächen stehen, macht nicht klein, sondern groß. Weil ich weiß, was ich kann und was nicht.
„Hochmut bringt einen Menschen zu Fall. Durch Demut kommt er zu Ehren.“ (Sprüche 29,23, Basisbibel) So heißt es in der Bibel. Und in diesem Satz steckt viel Lebenserfahrung. Nicht höher, schneller, weiter - gut, besser, am besten. Sondern: Du kannst vieles, du musst nicht alles können. Gott hat dir so viele Begabungen geschenkt. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, mach dich aber nicht größer als du bist. Sei du selbst. Tu, was du kannst, stehe zu dem, was du nicht kannst. Du kannst an deinen Schwächen arbeiten, aber du musst auch nicht alles können.
Mich entlastet das. Ich muss nicht alles können. Gott weiß, dass niemand alles kann. Auch ich nicht. Und er liebt mich trotzdem. Mit meinen Schwächen. Und deshalb kann ich auch zu diesen stehen, kann mich mit dem einbringen, was ich wirklich kann. Und kann das beruhigt abgeben, was andere besser können. Ohne mich klein zu fühlen.
Also soll Oma weiterhin den Käsekuchen backen und ich lasse die Finger davon. Denn ihrer ist – so finde ich – wirklich der Beste.
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Ich gehe spazieren: ein langer Spaziergang im Spätsommer – und plötzlich kann ich einen Satz aus der Bibel regelrecht „riechen“, „schmecken“ und „sehen“: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Psalm 34,9) Stimmt: ich rieche den Duft von Heu, sehe, wie die Hagebutten langsam rot werden, beiße in einen Apfel und denke mir: Wie gut es Gott in diesem Jahr mit uns meint.
Das Wetter war ideal für Obst und Früchte. Die Brombeerranken, die wild an dem kleinen schmalen Weg wachsen, sind voll von schwarzen Früchten. Mirabellen- und Zwetschgenbäume biegen sich unter der Last reifer Früchte. Auch die Birnen- und Apfelernte wird reich und üppig ausfallen.
So gehe ich gerne spazieren. Wenn ich eine Zwetschge probieren kann, die auf den Weg gefallen ist, mir die Finger klebrig werden vom Brombeersaft und die Beine zerkratzt sind von den Dornen.
Hier kann ich die ganze Fülle des Lebens schmecken, sehen und riechen.
Und dann kann ich nicht anders. Ich muss einfach etwas davon festhalten. Festhalten für später. Deswegen pflücke ich so gerne Brombeeren und mache daraus Marmelade. Weil die Marmelade mich dann auch in den Wintermonaten an die goldenen Tage im Spätsommer erinnert.
Aber ich behalte die Marmelade nicht nur für mich und meine Familie, sondern ich verschenke sich auch gerne. Gebe damit etwas weiter vom Segen der Ernte, von der Freundlichkeit Gottes, die ich beim Spaziergang empfunden habe.
Es ist toll, wenn mir das gelingt: Wenn ich etwas verschenken kann von der Freude, die ich beim Pflücken hatte. Ein besonderes Gefühl, das ich da draußen empfinde, das ich kaum in Worte fassen kann. Es ist ein Glücksmoment: Brombeeren naschen, ernten, Marmelade aus diesem Reichtum zu kochen. Dieser Moment lässt sich nicht wirklich einfangen. Er passiert. Das ist für mich die Freundlichkeit Gottes. Aber die Brombeeren, die mich daran erinnern, die kann ich mitnehmen.
Sie erinnern mich an den Moment. An die Wärme, an die klebrigen Finger, an die reifen Früchte, an ein bestimmtes Geschmackserlebnis des Lebens. Und wenn ich so ein Glas Marmelade dann verschenke, dann verschenke ich diesen besonderen Geschmack.
Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist. Und manchmal zeigt sich mir diese Freundlichkeit dann einfach auf einem Butterbrot mit Brombeermarmelade. Dann ist der Spätsommer vielleicht schon lange vorbei, aber ich kann ihn auf meinem Brot noch immer riechen, schmecken und sehen.
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Wie das wohl war, als der Apostel Paulus seine Briefe geschrieben hat? Heute stehen sie fein säuberlich abgedruckt in der Bibel. Aber damals, da ist Paulus wahrscheinlich in einem Zimmer auf und ab gelaufen und hat einem Schreiber seine Briefe diktiert. Und einmal, da hat er am Schluss dem Schreiber die Feder aus der Hand genommen und hat selbst noch ein paar Zeilen dazugeschrieben – eigenhändig – einfach, weil ihm der Brief so wichtig war – und die Menschen, an die er ihn schicken wollte.
„Seht doch, mit was für großen Buchstaben ich euch jetzt eigenhändig schreibe.“ (Galater 6) So hat Paulus gegen Ende in einem seiner Briefe geschrieben.
Eigenhändig. Persönlich. Ich mag so was gerne. Vor kurzem hatte ich eine Postkarte in meinem Briefkasten. Eine Danksagung. Für meine Worte, den feierlichen Gottesdienst bei einer Hochzeit. Die Mutter der Braut hat mir geschrieben. Persönliche Worte in einer ganz individuellen Handschrift. Wie schön! Ich habe mich riesig gefreut und diese Karte viele Tage auf meinen Schreibtisch stehen lassen.
Ich freue mich natürlich auch, wenn ich einen Dank in meinem Emailpostfach finde, aber so eine handschriftliche Karte ist doch etwas anderes. Der Mensch, der mir da schreibt, kommt mir einfach näher, gibt mehr von sich selbst hinein in die Zeilen – mit seiner ganz persönlichen und einzigartigen Handschrift. Und das habe ich bei der Karte auf meinen Schreibtisch gespürt: Da hat jemand an mich gedacht. Dieser Karte habe ich so viel entnommen. Es war mehr als nur ein Gruß, ein Dank. Es war und ist ein Segen.
Der Apostel Paulus hat sich damals übrigens auch die Zeit genommen und hat der Gemeinde noch den Segen Gottes geschickt. „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch, liebe Brüder und Schwestern.“ Das ist für ihn ganz wichtig. So viel Zeit muss eben sein. Das Gebet für andere und der Wunsch, dass diese behütet und gesegnet sind, gehört für Paulus immer dazu.
„Seht doch, mit was für großen Buchstaben ich euch jetzt eigenhändig schreibe.“ Anscheinend hatte Paulus keine schöne Schrift, und seine Buchstaben sind deshalb etwas groß geraten. Meine Schrift ist auch nicht gerade die schönste. Aber: Das will ich zukünftig auch ab und an mal wieder machen. Mir Zeit nehmen für eine Karte, für einen Brief. In meiner Handschrift. Und an den Rand noch ein Blümchen malen. Ein buntes Blümchen. Einfach so. Weil es Spaß macht und Farbe ins Spiel bringt.
Und ganz am Schluss einen Wunsch schreiben: Bleib behütet.
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