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28MAI2022
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Die Sonne scheint. Nach Regen endlich mal wieder Wärme und sattes Grün. Blumen und frische Luft. Ich bin überwältigt. So ein strahlender Tag – und dann eine Beerdigung, die gar nicht sonnig ist. Die Frau, die ich beerdige, bei ihr würden viele von Scheitern reden.  Sie ist sehr krank gewesen, viele ihrer Beziehungen sind zerbrochen und sie hat viel Leid gekannt. Sie hat keinen Preis gewonnen und es nicht geschafft, alles in Ordnung zu halten. Man könnte viel über sie erzählen, was alles schiefging und man könnte auch sagen, das war´s jetzt. Aber ich bin überwältigt, welche Resonanz bei ihrer Beerdigung da ist.  Die Zahl der Menschen ist überschaubar, aber die zu spürende Trauer – überwältigend.

Diese Wertschätzung beeindruckt mich. Alle sagen: Bei allem Schwierigen, bei allem Scheitern war da ganz viel Herz. Sie war nicht erfolgreich, aber dafür auf jeden Fall warmherzig und liebevoll, so gut es ging. Sie war dankbar und echt.  Neben Versagen und Schuld gab es noch so viel mehr. Menschen, die ihr vieles vergeben konnten. Oder die Erfahrung von echtem Bemühen, von Versöhnung.

Was ist wichtiger im Leben als das? Dass wir uns versöhnen können. Und versuchen zu lieben und so zu leben, dass wir niemandem Leid zufügen.  Viele Biographien sehen von außen sicher perfekter aus. Und man wünscht niemanden solche Krankheiten und Krisen wie ihr. 

Trotzdem werde ich sie nicht vergessen, diese Frau mit Fehlern, aber mit viel Liebe, die im Krankenhaus im Nu das Herz aller Pflegenden erobert hatte.

Nachbarn und Verwandte, Fremde und Nahe kommen zusammen und fragen sich: Was bleibt von diesem Leben?  Wenn ein Mensch zeitlebens nach Liebe gesucht hat, und viel Schweres erlebt hat, dann hoffe ich in meinen Glauben, dass genau DAS ihr am Ende geschenkt wird. Liebe, die stärker ist als der Tod. Hoffnung, dass ein Mensch alleine nicht alles schaffen muss. Gott war bei ihr und er bleibt da, das wurde deutlich: im Moment, als bei der Beerdigung Hände gereicht wurden und die Frühlingsluft eine Ahnung brachte von der Hoffnung, die sich nicht unterkriegen lässt.

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27MAI2022
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Licht: wenn ich in eine Wohnung komme, ist das fast immer der erste Eindruck. Ich schaue, wo ist es hell, wo kann ich aus dem Fenster schauen? Wo scheint die Sonne rein?

Licht brauchen nicht nur Pflanzen zum Wachsen und Gedeihen. Auch mir tut Licht gut. Mehr sogar: ich brauche es zum Leben. Ich habe auch mal im Keller gewohnt, das hat sich auf Dauer nicht so gut angefühlt. Licht braucht nicht nur mein Auge und mein Körper -  ich bin überzeugt, dass auch meiner Seele ein Fenster guttut.

Ich habe mal gelesen: die Seele wohnt gut in einem Haus, wo sie nicht nur nach innen schaut. Wo sie nach draußen schauen darf und von Gottes Licht angestrahlt wird. Als ich das gelesen habe, da habe ich mir ein Haus vorgestellt, das keine Fenster hat, sondern nur Wände oder Spiegel.

Wo ich rausschauen will, schaue ich immer nur mich selber an. Eine Weile kann das gut gehen. Aber ich bin mir sicher: Auf Dauer würde mich das verkümmern lassen. Wie eine Pflanze ohne Licht.  Innere Schätze hat jeder -  und jede braucht auch Zeiten mit sich allein, in Stille, ohne Reize von außen. Aber wenn es nur Spiegel sind und ich nur mit mir selber beschäftigt bleibe, dann würde ich wohl verkümmern. Ich brauche den Blick nach Außen. Ein Zimmer mit Aussicht. Eine Chance, nicht nur um mich selber zu kreisen.  Vielleicht sehen wir nicht Gott selber durch das Fenster, aber Göttliches und Lichtvolles, Überraschendes und Fremdes. Eben das, was mich beseelt.

Wo ich wohne, da will ich mindestens ein helles Fenster haben, wo die Sonne zu sehen ist, wenn sie scheint. Wo ich etwas Anderes als mich sehe. Wo etwas hell und weit wird, selbst im kleinsten Zimmer. Das ist Leben, und das ist die Gabe der Seele: durchlässig zu sein, empfangsbereit für Gott und meine Mitgeschöpfe.

 Ein Fenster zu öffnen: das, was viele Menschen intuitiv machen, wenn jemand stirbt, Beim Tod das Fenster öffnen.  Dorthin, wo die Seele bisher nur geschaut hat, da fliegt sie jetzt hin. Zu dem Licht und der Weite, die wir schon im Leben suchen.

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25MAI2022
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Milchreis - das schmeckt für mich nach Kindheit. Das sagt mir eine Patientin, als ich sie besuche und wir über gute und schlechte Erinnerungen sprechen. Und sie schwelgt in der Erinnerung. Und ja – auch bei mir kommen bei bestimmten Geschmäckern gleich Erinnerungen hoch: ein duftendes Brot erinnert mich an ein schönes gemeinsames Frühstück. Oliven rufen den letzten Sommerurlaub ins Gedächtnis oder Kamillentee manche überstandene Krankheit.  Ich schmecke etwas und sofort sind Bilder da, Erinnerungen und wertvolle Momente.

Unsere Sinne sind Erinnerungsträger und helfen, das Positive zu bewahren. Selbst viel später kann ein Genuss in der Erinnerung lebendig sein – was für eine Gabe! Unsere Welt wäre arm ohne Sinne. Und keiner unsere Sinne ist selbstverständlich - das wissen besonders die, die zum Beispiel mal den Geschmackssinn verloren hatten. Deshalb bin ich für jeden Tag dankbar, an dem ich etwas Gutes schmecken, riechen, sehen, hören darf. Wie die Patientin, deren Augen strahlen, als sie sagt: Milchreis schmeckt für mich nach Kindheit. Eine vergangene Geborgenheit, neu erlebt, und eine, die Kraft gibt -  auch für jetzt.

Und ich denke an die Worte: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist! Das sagen Christinnen und Christen vorm Abendmahl.

Wir feiern die Liebe Gottes auch mit den Sinnen, die Gott uns schenkt. Gerade im Abendmahl geht es um mehr als um Essen und Trinken, es geht um Gottes ganze Zuwendung, Leib und Seele sind gemeint. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist! Wenn ich das schmecke, geht es um Werte und Sinnhaftigkeit. Um Worte und Taten, die verbinden, Mut machen und nach Liebe schmecken. All das können wir weitergeben, genießen und erinnern.

Und im Idealfall spüre ich dabei die Freude, die Kinder spüren, wenn sie einen mit Liebe zubereiteten Milchreis löffeln – und die schmecken, was auch Erwachsene brauchen: Geborgenheit in einer Welt, in der Liebe so oft fehlt. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Ob Milchreis oder Brot – Gottes Liebe schmeckt nach mehr.

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24MAI2022
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„Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.“ Das ist ein Satz von David Bowie. Ich habe ihn von einem Patienten gehört, der gerade einen Zeh verloren hat.  Es ist schlimm für ihn. Er muss mit vielem klarkommen, auch damit, sehr eingeschränkt zu sein.

Und er sagt: „Die Zeit vor der Operation, die war am Schlimmsten. Wochenlang hat sich alles im Kopf gedreht und ich habe über Gott und die Welt nachgedacht.  Und ich habe mich gefragt, was David Bowie wohl meinte, als er sagte: „Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.““

Der Mann ist nicht wirklich alt, er hat die 60 gerade überschritten. Und meint: „Ich habe gemerkt, wie oberflächlich ich oft gewesen bin. Früher, da war ich mit allem möglichen beschäftigt, wollte weiterkommen und mir war so vieles andere ganz egal. Es ging um mich, ums Geldverdienen und mein Glück, was auch immer das ist. Jetzt lieg ich hier im Krankenhaus und habe viel Zeit, und frage mich: Wofür habe ich das alles gemacht? Was ist wirklich wichtig im Leben?“

„Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.“  Auch ich frage mich:  Als welche Person hat Gott mich denn gedacht?  Was hält mich davon ab, zu dieser Person zu werden? Der Patient hat noch ein paar Jahre zu arbeiten. Mit Handicap und vielleicht reifer. Seine Gesundheit, die wird nicht wieder völlig gut. Aber er ist ER, auch mit Krankheit. Und er meint: „Vielleicht bin ich mir selber sogar mehr auf die Spur gekommen.  Es tut gut, nicht mehr den ganzen Ehrgeiz zu haben, sondern zu merken, worauf es wirklich ankommt.“

Am Ende sagt er: „Wenn andere mich bedauern, werde ich sagen, ich habe was verloren, aber ich habe auch was gewonnen. Ich habe gelernt, nicht aufzugeben. Und gespürt, dass es guttun kann, mit Gott zu sprechen. Gerade jetzt waren bestimmte Menschen wichtiger denn je - und helfen mir, weiterzumachen und mehr der Mensch zu werden, der ich sein darf. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, von Gott geliebt.“

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23MAI2022
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Ich glaube es nicht.  Hier war ich doch schon mal. Ich weiß nicht, warum mir das wieder passiert.  Ich ahne es, dass die Richtung falsch ist. Trotzdem höre ich auf das Navi und das sagt: Abbiegen. Es dauert nicht lange, da weiß ich - das war´s nicht. Ich fahre im Kreis und versuche es erneut. Immerhin sehe ich dabei auch einiges Neues: Dass hier ein netter Brunnen ist, das wusste ich gar nicht, und den Bäcker hier an der Ecke, den kannte ich auch nicht. Trotzdem: ein blöder Umweg! Hoffentlich komme ich noch pünktlich zum Termin.

Ein Lehrer von mir, der sagte es so: Umwege erweitern die Ortskenntnis.  Netter Spruch, aber manchmal sind Umwege einfach nur ärgerlich. Als ich mich mal verirrt habe beim Joggen, da war das gar nicht lustig. Und als ich mal im Nebel einen Vortragsort nicht fand, da konnte ich mich auch nicht über den Umweg freuen.

Zu Fuß, mit Fahrrad oder im Auto; Irrwege und Umwege gibt es. Auch im echten Leben. Zum Beispiel, wenn eine Beziehung anders verläuft als gewollt. Oder eine Arbeit braucht eine anstrengende Neuorientierung. Manchmal irre ich mich. Oder habe mich verkalkuliert. Lebenswege sind nicht immer glatt oder führen geradewegs zum Ziel. Und dann denke ich an diesen Lehrer. Denn sein Spruch bleibt bei allem Ärger trotzdem wahr: Umwege erweitern die Ortskenntnis. So habe ich es zumindest in meinem Leben erfahren: Als ich mich im Studium noch einmal für ein anderes Fach entschieden habe, da habe ich zuerst gedacht: Ich habe Zeit verloren.

Dass ich manches davon später gut gebrauchen konnte, wurde mir erst viel später klar. Oder eine Zeit der Krankheit. Völlig unnötig und schwer. Aber im Nachhinein kann ich sagen: mein Körper wollte mir was sagen. Versuch es mal anders – für mich ein Umweg, der mich woanders hingeführt hat als zunächst gewollt, aber nicht unnötig war.

An dem Tag im Auto, ja -  da habe ich ziemlich geschimpft, weil der Umweg mich aufgeregt hat. Aber nach meinem Termin und nach dem ganzen Stress, da bin ich zu dem neuentdeckten Bäcker gefahren und habe mich mit einer frischen Brezel an den schönen Brunnen gesetzt. Und habe gedacht: wäre ich nicht falsch gefahren, wäre mir ganz schön was entgangen.

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05FEB2022
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Das geht ja hier zu wie im Kindergarten. So sagt es mancher Lehrer in der Schule, oder auf der Arbeit. Ein vernichtendes Urteil – „Hier ist es wie im Kindergarten“, das heißt ja - hier vergessen welche ihre gute Erziehung und beachten die einfachsten Regeln nicht.  Purer Egoismus. Allerdings - die Worte „Das ist ja hier wie im Kindergarten“, die lassen mich auch denken: Wenn es doch wenigstens so wäre. Manchmal ist es schlimmer.

Es gibt dieses Buch von Robert Fulghum, da sagt schon der Titel alles. Es heißt: „Alles, was ich wirklich wissen muss, lernte ich im Kindergarten.“ Das lässt einen erstmal den Kopf schütteln. Soll das alles sein? Aber er erklärt, was er im Kindergarten alles gelernt hat. Solche Dinge wie: Schlage niemanden! Teile alles, sag Danke und Bitte. Oder:  nimm nicht einfach etwas, was nicht dir gehört. Frag vorher. Entschuldige dich bei jemandem, dem du wehgetan hast. Oder auch: Hände waschen, auf den Verkehr aufpassen, räume hinter dir auf und sei fair. Lauter Dinge, die einfach klingen. Die nicht nur im Kindergarten gelten, sondern überall, wo Menschen zusammenkommen. Jeder, der mit Kindern, mit Menschen überhaupt zu tun hat, weiß, wie sehr man diese einfachen Dinge wiederholen und auch vorleben muss. Es kommt nichts von allein. Kaum jemand teilt gerne, räumt gerne auf oder sagt gerne Entschuldigung. Es muss eingeübt werden. Das wird leicht vergessen. Übung, Regeln wie im Kindergarten – sich dran erinnern, was es heißt, fair zu sein und mich zu entschuldigen. Ich finde, unter Erwachsenen geht es leider oft rauer zu als im Kindergarten.

Da wird gemobbt und gelogen, nicht zugehört, Gewalt ist an der Tagesordnung.
Fairplay und Toleranz - Riesenthemen für unser Zusammenleben heute. Da ist es gut, sich öfters an unsere gute Kinderstube zu erinnern. Ein großer Dank an alle, die sich zuhause oder im Kindergarten oder in der Schule geduldig um die Erziehung der Kinder kümmern, für alle Menschen mit Verantwortung für andere. Und an alle, die das heute noch beherzigen, was sie mal als Kind gelernt haben. Mitmenschen, die das Leben einfacher machen - Danke!

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04FEB2022
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Es gibt Menschen, die Spuren hinterlassen. Die sich einsetzen gegen Diskriminierung, Ungleichheit und Gewalt. Zwei solche Menschen waren der kürzlich verstorbene Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und die Amerikanerin Rosa Parks. Unterschiedliche Menschen, aber mit Gemeinsamkeiten. Beide waren überzeugte Christen, beide erlebten Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe. Rosa Parks, eine Näherin aus Alabama, starb 2005. Desmond Tutu, der südafrikanische Bischof, vor etwas über einem Monat. Beide kämpften gegen Intoleranz und Rassenhass.

 Haben Sie etwas bewirkt? Ich glaube, sehr viel. Auch heute bleiben beide echte Vorbilder darin, aus dem Glauben zu leben und mutig zu sein. Sie sagen je auf ihre Weise: Die Welt kann sich ändern.  Manches hat sich schon verändert – aber noch lange ist kein Zustand erreicht, mit dem wir zufrieden sein könnten. Wie viele Menschen werden auch in unserem Land wegen Aussehen oder Religion, wegen Hautfarbe oder Herkunft angepöbelt, bedroht oder angegriffen. Das kann niemanden kalt lassen! Jedenfalls niemanden, der Jesus und seine Botschaft ernstnimmt. Tutu hat unser Zusammenleben in der Welt mit einer Familie verglichen. „In dieser Familie gibt es keine Außenseiter.“, sagt er. „Es gibt nur Insider - nur solche, die dazugehören.“

Rosa Parks, die Jahre zuvor in einem Bus nicht den ihr zugewiesenen Platz für Schwarze einnahm, sondern friedlich protestierend sitzenblieb, fasste diesen Mut aus ihrem Glauben und sagte: Da saß Gott neben mir. Was beide mir sagen, ist: Wo immer Menschen mutig sind und wo immer wir integrieren statt ausschließen, zuhören statt abweisen, da ist Gott mit von der Partie. Das ist so wichtig heute, wo Gesellschaften sich spalten und wieder Parolen gebrüllt werden. Nein - sagen beide.

Der Weg in die Zukunft sieht anders aus. Mit gereichten Händen und ohne Gewalt. Mit Gott an unserer Seite, der jeden einzelnen Menschen zu seinem Ebenbild erschaffen hat - so unterschiedlich wir auch sind.

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03FEB2022
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Jahr Drei der Pandemie, sagte neulich die Nachrichtensprecherin. Ich weiß, dass ich nach dem Tod meines Vaters auch manchmal so gedacht habe. Jahr Drei nach… Drittes Weihnachten ohne... und so weiter.

In den letzten Monaten haben viele Menschen liebe Angehörige oder Freunde verloren, oft unter schwierigsten Bedingungen.

Einen von ihnen habe ich neulich zuhause besucht. Seine Frau hatte ich im Herbst beerdigt und er zeigt mir die letzten Bilder von ihr und mit ihr. Die Krebserkrankung, die Besuchsbeschränkungen, die Zeit im Krankenhaus, der Abschied – all das kommt noch mal hoch. Er hat Tränen in den Augen, aber manchmal gleichzeitig auch ein Lächeln. Diese Blume liebte sie so, sagt er.  Auf dem Foto ist die Blume mit ihr zu sehen, aber jetzt steht die Pflanze alleine da. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese ihre Lieblingsblumen auf dem Fenstersims besonders zu hegen und zu pflegen. Es macht ihm Freude und es lässt ihn sich seiner Frau näher fühlen, wenn sie doch so fehlt. „Wissen Sie“, sagt er, „wir wissen ja alle, dass es mal so weit ist.Man kann es trotzdem nicht verkraften. Aber ich verbiete mir auch nicht mehr zu weinen oder traurig zu sein. Und dann, wenn es mir am schlimmsten geht, dann habe ich das Gefühl - meine Frau hat was für mich bereit. Sie schickt einen Menschen, einen Anruf, eine Aufgabe - oder sie schickt ein Leuchten in dieser Blume.  Und dann hoffe ich, dass ich sie mal wiedersehen werde und ihr dann dafür Danke sagen kann. Dafür, was sie immer noch für mich tut.“ Ich höre diesem Mann zu und mir fällt ein Wort von Jesus ein: Ich will euch alle wiedersehen. Im Glauben erscheint das gar nicht so unmöglich, wie es scheint, das mit dem Wiedersehen. Im Glauben wächst Hoffnung, auch und gerade, wo uns das Leben besonders schwer erscheint.

Auch und gerade im Jahr Drei der Pandemie.  Jahr Drei nach dem Tod des Vaters oder der geliebten Ehefrau - das kann auch sein: Jahr 1 oder 2 oder 3 der Hoffnung, die sich nicht beirren lässt und auch im Winter Blumen schickt. Das habe ich von dem Mann mit der Blume gelernt.

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02FEB2022
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GRUNDSAUTAG- so hieß der heutige Tag mal ursprünglich. Besser bekannt als Murmeltiertag, vielen bekannt aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“.  Heute ist im Kirchenjahr auch Mariä Lichtmess, früher ein Tag der Lichterprozession und offizielles Ende der Weihnachtszeit.

Die Tage werden deutlich länger. Und trotzdem frage ich mich gerade Anfang Februar: wie lange ist noch Winter, wann wird´s anders?  In vielen Gegenden in den USA und Kanada wird auch deswegen an diesem Tag eine Wettervorhersage vom Murmeltier erwartet – ist der Winterschlaf vorbei, kommt das Licht endlich wieder? Entstanden ist der Brauch aber in Deutschland mit Dachsen und anderen Tieren, und wird in der Pfalz zum Teil wieder begangen. Dieser Brauch der nicht sehr sicheren Wettervorhersage durch einen Winterschläfer kam erst durch Einwanderer nach Amerika. Grundsau, Groundhog ist im Englischen der Name für das Murmeltier.

Der Film erzählt davon, aber vor allem von einem Alptraum: was ist, wenn die Zeit buchstäblich stehenbleibt, wenn jeden Tag dasselbe passiert und man unbedingt raus möchte aus dem Hamsterrad des ewig Gleichen, aber man bleibt gefangen? Wenn der Winter nie aufhört? Jeder Tag gleich. Als erstes der Wecker. Was für einen Sinn hat das? Ja, das kenne ich auch, das Gefühl: wozu? Wie im Hamsterrad.

Grundsautag. Murmeltiertag. Mariä Lichtmess: An diesem Tag geht es um die Sehnsucht nach Licht und Veränderung. Sogar der Film sagt am Ende: Es wird sich was ändern, auch wenn es manchmal eine lange Zeit hoffnungslos scheint. Es gibt die Hoffnung, dass es heller wird, dass Menschen sich finden, dass Menschen gerettet werden, dass das Ausbrechen aus dem Hamsterrad gelingen kann. Die Hoffnung, dass das Leben sich zumGuten wenden kann. Daher nehme den Tag heute als Ermutigung: Wie ich auf Menschen zugehe, was ich hoffe und wie ich die Wirklichkeit wahrnehme, daran kann ich jeden Tag etwas ändern. Diese kleinen Schritte vom Winter hin zu mehr Wärme und Hoffnung, die verändern die Welt.

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01FEB2022
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Wenn ich mich in ein Tier verwandeln könnte, welches wäre ich dann? Das haben wir uns manchmal früher vorgestellt, Lieblingstiere gemalt oder gespielt. Tiger oder Adler, Pferd oder Delfin - wir wollten Eigenschaften wie Stärke oder Schönheit, Schlauheit oder Größe haben, was wir im wirklichen Leben nicht immer so vorzuweisen haben. Als ich neulich das Buch der sehr kranken Autorin Elizabeth Bailey mit dem Titel „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ las, da war mir auf einmal glasklar vor Augen: Vergiss Löwe oder Elefant – warum nicht eine Schnecke?

Die Autorin hat in quälenden Monaten der Isolation und der schweren Einschränkungen genau das gemacht, sie hat eine Schnecke beobachtet.

 Sie hat gestaunt und schaute sich manches ab von diesem unscheinbaren Tier. So sind Schnecken viel intelligenter, als es scheint. Ihre Schnecke ist immer für eine Überraschung gut. Die Autorin beobachtet und lernt Dinge, die sie im Leben nie für möglich gehalten hätte.  Oder hätten Sie gedacht, dass Schnecken sogar ganze Ozeane überqueren können? Der supereffektive klebrige Schleim oder die Eigenschaft, zwar langsam, aber beharrlich Kilometer um Kilometer vorwärtszukommen. Das gewundene Schneckenhaus nicht als Last zu sehen, denn wie genial ist es, ein Haus immer mit sich zu tragen? Schnecken, so las ich hier, haben ein besonderes Liebesspiel, können prima Verstecke finden und überlisten viele Gesetze der Physik. Wie zäh ist eine Schnecke in aller Langsamkeit und wie trotzt sie allen Widrigkeiten - genial! Das nehme ich von diesem Buch mit: Die Schöpfung hat manches Wunder bereit. Manchmal in den unscheinbarsten Wesen, und manchmal lässt sich nur in eigenen Krisen entdecken, was die Natur uns lehrt.

Zum Beispiel in Form einer Schnecke mit ihrer Einladung zur Entschleunigung. Das Buch einer schwer kranken Frau über ein kleines Tier hilft mir, die Hoffnung nicht aufzugeben, und selber beharrlicher zu werden. Ich schaue jetzt anders auf jede Schnecke. Größer, schneller, besser - das ist dann nicht mehr das Ziel. Sondern beharrlich und tiefer. Mit Hoffnung und Gottvertrauen.

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