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25MRZ2022
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„Da wachse ich ja noch rein!“ – das ist einer der Standardsätze unserer jüngsten, wenn ihr ein Pulli oder eine Hose gut gefällt – aber eigentlich noch viel zu groß ist. Noch schlackern die Hosen an ihr herum. Noch ist die Sache eine Nummer zu groß für sie. Aber sie entwickelt sich ja noch – und irgendwann passt’s vielleicht.

Nicht nur Klamotten können ein paar Nummern zu groß sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ins Leben auch noch reinwachsen muss, auch, wenn ich schon erwachsen bin. Wir haben noch längst nicht alle Herausforderungen der Welt gemeistert. Wir sind noch nicht fertig. Dieses Bild hat auch Jesus benutzt. Er hat den Leuten immer wieder davon erzählt, wie Gott sich die Welt für uns gewünscht hat. Perfekt. Ohne, dass sich die Leute um irgendwas streiten. Ohne, dass irgendjemand krank wird. Ohne, dass jemand einen anderen Menschen verurteilt, weil der ungewohnt aussieht. Sich anders anzieht oder eine andere Religion hat. Eine Welt, in der sich alle Menschen um ihre Mitmenschen und um unseren Planeten kümmern.

Ich bin mir sicher, dass Jesus auch klar war, dass wir das noch nicht hinbekommen. Die Welt ist nicht, wie sie sein könnte: Menschen streiten sich. Und Menschen bekriegen sich. Sie kämpfen miteinander und gegeneinander.

Noch sind wir diesen Problemen nicht gewachsen. Sie zu lösen, ist ein, zwei Nummern zu groß für uns. Aber ich hoffe, dass wir da noch hineinwachsen. Uns weiter entwickeln, nicht aufgeben und den Frieden suchen. Jesus jedenfalls hat an diese friedliche Welt geglaubt. Bei ihm ist sie zum Greifen nah. Mitten unter uns.

Für mich heißt das: In die Welt, wie sie sich Gott für uns gewünscht hat, müssen wir noch reinwachsen. Sie ist aber auch schon da. Immer, wenn sich Menschen füreinander einsetzen, ist sie da. Wenn jemand mehr tut, als er oder sie müsste. Ist sie da. Oder, wenn jemand eine Waffe aus der Hand legt und die Hand zum Frieden reicht. Dann wird ein bisschen was spürbar von dieser neuen Welt. Und auch in meinem Alltag möchte ich versuchen, in meine Herausforderungen hineinzuwachsen: Wenn ich mit offenen Augen durch meinen Alltag gehe, dann begegnen mir so viele Leute, für die ich was tun kann. Der eine braucht jemanden, der ihm zuhört. Die andere braucht vielleicht jemanden, der für sie einsteht. Jede und jeder von uns, kann ein Stückchen von der Welt sichtbar machen, die Gott sich für uns wünscht.

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24MRZ2022
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„Das ist doch voll ungerecht!“ Den Satz hätte ein junger Mann seinem Vater wahrscheinlich am liebsten an den Kopf geworfen. Das ist eine Geschichte aus der Bibel : Dieser junge Mann war es, der jahrelang den Betrieb des Vaters am Laufen gehalten hat. Er war für seinen Vater immer da. Nicht so, wie der Bruder, der sich seinen Erbanteil hat vorzeitig auszahlen lassen. Das Geld dann mit vollen Händen zum Fenster rausgeschmissen hat. Und dann am Ende wieder ohne einen Cent in der Tasche nach Hause gekommen ist – wenn auch ein bisschen kleinlaut. Und der Vater hat nichts Besseres zu tun als eine Riesenparty für seinen „verlorenen Sohn“ zu schmeißen.

Das ist doch voll ungerecht!? Und was jetzt? Soll der junge Mann einfach vergessen, dass er täglich gearbeitet und nie eine Party bekommen hat? Oder doch lieber beleidigt sein und sein eigenes Ding machen?

Ich glaube, ich kann mir ganz gut vorstellen, wie der junge Mann aus der Geschichte sich gefühlt hat. Mir ist es schon ähnlich gegangen: Da engagiert man sich für was und bringt sich voll ein. Ist immer mit dabei, wenn es was zu tun gibt. Im Verein, bei der Feuerwehr, in der Kirchengemeinde, im Gemeinderat. Es ist schon ganz normal, dass immer Du das machst. Und dann kommt jemand anderes daher und macht ein einziges Mal bei was mit und alle freuen sich riesig darüber. Das ist schon irgendwie ungerecht. Was also tun?

Ich wünschte, die Geschichte von dem jungen Mann würde mir da weiterhelfen. Aber In der Bibel hört sie einfach auf. Jesus hat diese Geschichte erzählt und ich glaube, dass er ganz bewusst das Ende nicht verraten hat. Das war seine Art, den Leuten etwas klarzumachen:

Der Bruder, der in der Geschichte daheim geblieben war, fühlt sich ungerecht behandelt. Aber eigentlich hat er dazu gar keinen Grund. Bei ihm war doch alles in Ordnung. Er hat gearbeitet, hat seinem Vater geholfen und hat zur Familie dazugehört. Sein Bruder dagegen war verloren gegangen. Zum Glück hat er heimgefunden und gehört jetzt wieder zur Familie. Deshalb die Party. Deshalb feiert der Vater. Letztlich ist der Bruder also eifersüchtig auf etwas, was er schon ganz lange hat. Er gehört schon lange dazu.
Ich denke, ganz ähnlich ist das auch im Verein oder in einer Kirchengemeinde.

Für Gott sind alle Menschen wichtig. Das ist vielleicht wie bei einem Puzzle. Manche Teile liegen einfach schon richtig und manche Teile müssen noch gefunden werden. Nur mit allen Teilen, gibt es am Ende ein großes, ganzes Bild. Und das ist einfach schön.

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23MRZ2022
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„Ach Beten! Das bringt doch nichts“ – das hat mir neulich jemand in einem Gespräch an den Kopf geworfen. Wir haben uns eigentlich gut unterhalten. Und sind dann auch draufgekommen, dass wir in der Gemeinde jeden Mittwochabend ein Friedensgebet anbieten. Darauf kam dann eben: „Ach Beten! Das bringt doch nichts“

Irgendwie kann ich es ja verstehen. Zurzeit gibt es überall Friedensgebete – aber hört Gott darauf? Ändert sich deshalb irgendetwas? Oder ist ein Gebet nicht mehr als eine Art Selbstgespräch. Vielleicht wirkt es so auf Menschen, die damit nichts anfangen können. Und es ist ja auch tatsächlich nicht zu erwarten, dass beim Gebet sofort etwas passiert. Gott ist kein Wunschautomat. Oben Gebet rein und unten kommt dann das richtige raus. Das klingt vielleicht verlockend: Man muss nur beten und schon bekommt man, was man sich gewünscht hat. So funktioniert Beten nicht.

Aber, dass es gar nichts bringt, halte ich auch nicht für richtig. Es bringt mir was, weil ich dann für mich weiß: Ich bin nicht allein. Nie. Gebete sind für mich keine Selbstgespräche. Ja, ich spreche – und Gott hört zu.

Es gibt in der Bibel viele Gebete, in denen Menschen Gott ihren Alltag erzählen. Was sie freut und was ihnen Angst macht. Was sie beschäftigt und was sie entdeckt haben. Und selbst Jesus hat gebetet. Kurz bevor er verhaftet worden ist. Jesus wusste, dass er sterben würde. Er hatte Angst und hat sich allein in einen Garten zurückgezogen und hat gebetet. Er war sich sicher: Gott ist da und hört zu. Das hat ihm Kraft gegeben trotz seiner Angst.

Beten verändert mich selbst. Es hilft mir mich zu sammeln. Worte zu finden für das, was mich beschäftigt. Ich kann ihm alles erzählen. Was ich heute so gemacht habe. Wen ich heute alles getroffen habe. Manchmal ist es vielleicht sogar nur eine innere Haltung. Ich lege meine Gedanken, einfach alles, was mich beschäftigt bei Gott ab. Atme durch und kann mich dann wieder darauf konzentrieren, was es als nächstes zu tun gibt.

Mir hilft das im Alltag besser zurecht zu kommen. Ich muss meine Gedanken nicht immer die ganze Zeit mit mir herumschleppen. Ich teile sie mit Gott. Denn ich bin mir sicher: Alles, was ich Gott erzähle, ist bei ihm auch gut aufgehoben.

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22MRZ2022
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Viele Diagnosen beim Arzt sind schwer zu ertragen, z.B. wenn es heißt: „Ihnen wird wohl was zurückbleiben. Sie werden sich nie mehr so bewegen können, wie früher.“ Solche Diagnosen wiegen schwer. Schließlich verändern sie mit einem Schlag das ganze Leben. Durch einen Autounfall, an dem man vielleicht nicht mal Schuld gewesen ist. Nach einer größeren OP. Oder, wenn man einfach nur beim Joggen blöd umgeknickt ist. Bin ich jetzt kaputt? Einfach nicht mehr ganz. Zu nichts mehr zu gebrauchen…

Dieses Gefühl muss auch der Apostel Paulus gekannt haben. In der Bibel steht, dass Paulus viele christliche Gemeinden gegründet hat. Er ist dafür viel gereist und hat auch viele Briefe geschrieben. In ihnen schreibt er davon, dass es ihm manchmal nicht gut gegangen ist. Und er muss irgendeine Krankheit gehabt haben – welche genau weiß ich nicht. Aber sie hat dafür gesorgt, dass er sich immer wieder schwach gefühlt hat. Schwach und nutzlos. Er hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass er von Gott Kraft bekommen hat. Paulus schreibt: Gerade in den Schwachen kommt Gottes Kraft voll zur Geltung.

Das klingt wie ein Widerspruch. Gottes Kraft wird in den Schwachen sichtbar. Was ich im Alltag erlebe, sieht anders aus: Wer schwach ist wird aussortiert und nicht weiter groß beachtet. Kein Wunder also, dass einem schwere Diagnosen beim Arzt Angst machen können: Was bin ich noch wert, wenn ich nicht mehr so kann, wie früher?

Aber bei Gott ist das nicht so. Der ist gerade da zu finden, wo es schwach und ärmlich zugeht, und das von Anfang an. Schon in der Weihnachtsgeschichte kommt Gott als schwaches Baby zur Welt. In einem Stall ist Jesus geboren. Bei den ärmsten der Armen. Dann musste er als kleines Baby schon fliehen und sich vor den Mächtigen verstecken. Und auch später – als erwachsenen Mann – hat Jesus auf persönliche Macht verzichtet. Er ist auf der Seite der Schwachen geblieben. Seine Gegner haben das ausgenutzt. Und so konnten sie Jesus am Ende gefangen nehmen und haben ihn ans Kreuz geschlagen.

Die Gegner von Jesus dachten, sie hätten ihn besiegt, weil er schwach war. Sie haben sich geirrt: Gott hat Jesus an Ostern von den Toten auferweckt. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich finde diese Botschaft von Ostern sehr tröstlich denn sie zeigt: Was wir für Schwäche halten, spielt für Gott keine Rolle. Wenn ich nach einer schweren Diagnose nicht mehr so kann wie früher, bin ich als Person trotzdem nicht weniger wert. Gott traut mir trotzdem etwas zu. Und seine Kraft kommt bei mir zur Geltung. Bei Gott ist das kein Widerspruch. Gerade bei den Schwachen kommt Gottes Kraft zur Geltung.

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21MRZ2022
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Da saß ich nun bei der Polizei und habe Anzeige erstattet. Ich bin nämlich betrogen worden. Ich wollte über eine Kleinanzeige in der Zeitung eine gebrauchte Spielekonsole kaufen. Ich habe das Geld überwiesen, aber leider nie etwas dafür bekommen. So ein Ärger. Ich habe es noch ein paar Mal probiert. Aber es kam einfach nichts. Deshalb musste ich zur Polizei.

Das Geld ist wohl futsch. Was mich aber viel mehr ärgert, ist: Dass ich mich seither immer wieder frage, wem ich vertrauen kann – gerade, wenn ich die Leute nicht so gut kenne.

Das war bisher kein so großes Thema für mich. Denn ich gehe eigentlich immer zuerst Mal davon aus, dass die Leute, mit denen ich es zu tun habe, vertrauenswürdig sind. Das klingt vielleicht ein bisschen naiv, aber ich möchte gerne in allem zuerst das Positive sehen.

Und genau das hat jetzt einen Dämpfer erhalten. Und während ich so drüber nachdenke, merke ich, dass in der letzten Zeit das ganze Vertrauen der Menschen untereinander ziemlich gelitten hat. Corona hat dafür gesorgt, dass sich die Leute misstrauisch beäugen, ob da auch ja nicht einer erkältet ist. Der Meinung von Fachleuten vertraut scheinbar auch keiner mehr, und überhaut wissen es eigentlich alle besser als die Politiker. Und Putin hat dafür gesorgt, dass es mir plötzlich schwerfällt an das Gute im Menschen überhaupt zu glauben. Dabei will ich das gar nicht.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, in der selbst Gott das Vertrauen zu uns Menschen verloren hat. Es wird erzählt, dass Gott sich nicht anders zu helfen gewusst hat, als nochmal ganz von vorne anzufangen. Deshalb gab es eine große Flut. Nur Noah hat mit seiner Familie und vielen Tieren in einer Arche überlebt. Am Ende der Geschichte hat Gott versprochen, dass es das nie wieder geben wird. Gott weiß, wie wir Menschen sein können. Dass wir eben auch eine dunkle Seite haben. Und trotzdem hat er dieses Versprechen gegeben. Vielleicht, weil er trotzdem an dem Guten in uns Menschen festhalten wollte.

Festhalten am Vertrauen. Mir immer wieder klar machen: es gibt auch so viele Menschen, die gerade jetzt helfen wollen. Ehrliche Menschen, die niemanden über den Tisch ziehen wollen. Gott hat es vorgemacht und daran möchte ich mich auch halten. Ich werde wieder über Kleinanzeigen einkaufen. Meinen Nachbarn anlächeln, selbst wenn er erkältet wirkt und besonders in diesen Kriegszeiten auf das Gute in den Menschen vertrauen. Denn Vertrauen ist ein Geschenk, das ich ohne Bedingungen von Gott bekommen habe. Das möchte ich gerne weitergeben.

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19NOV2021
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Sie ist jetzt umgezogen – in den Himmel. Mit diesen Worten hat mich neulich eine Frau empfangen. Ihre Mutter war gestorben. Deshalb ist sie umgezogen in den Himmel. Das war ihr fester Glaube, dass wir hier auf der Erde unser Leben leben und gestalten können. Dass aber auch das Leben hier nur eine Station ist. Danach geht es weiter. Bei Gott.

Das hat mich beeindruckt, weil es dem Tod ein bisschen was von seinem Schrecken nimmt. Sicher, einen lieben Menschen zu verlieren, ist nie leicht. Das kenne ich auch. Und das haben auch in diesem Jahr schon viele Menschen erleben müssen. Deshalb feiern wir am Sonntag den Ewigkeitssonntag.

Viele Kirchengemeinden laden Menschen in den Gottesdienst ein, die im vergangenen Jahr jemanden verloren haben. Es kann gut tun, gemeinsam an die Verstorbenen zu denken, ein Gebet zu sprechen, ihre Namen noch einmal zu hören und vielleicht auch eine Kerze anzuzünden.

„[…] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein […].“  Das ist ein Vers aus der Bibel, der in diesem Gottesdienst oft gelesen wird. Denn er bringt auf den Punkt, was ich als Christ glaube. Und das gleich doppelt:

Ich glaube und ich hoffe, dass wenn ein Mensch stirbt, er oder sie dann ganz bei Gott ist. Alles, was ihn oder sie belastet hat, spielt dann keine Rolle mehr. Krankheiten, Alter, Schmerzen – das alles ist dann vorbei. Keine Tränen mehr. Kein Schmerz mehr.

Und ich vertraue Gott, dass dieser Vers auch denen gilt, die weiterleben, die traurig sind und ihre Verstorbenen schmerzlich vermissen. Gott wird auch ihre Tränen abwischen. Nicht gleich und sofort. Aber nach und nach. Nicht von heute auf morgen. Auch nicht immer. Aber Gott begleitet Menschen, wenn sie traurig sind. Wenn sie fröhlich sind und, wenn sie sterben.

Gott lässt uns nicht allein und wir merken: das Leben geht weiter. Für diejenigen, die zurückbleiben und für diejenigen, die zu Gott „umgezogen“ sind. Deshalb finde ich den Namen des kommenden Sonntags auch so passend: Ewigkeitssonntag. Weil es weitergeht. Wie der Sonnenaufgang nach einer dunklen Nacht ganz sicher kommt. Und wie es auch nach dem dunklen Herbst und dem kalten Winter ganz sicher wieder Frühling wird.

[…] und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein […]. Und das nicht nur, wenn jemand umgezogen ist – in den Himmel.

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18NOV2021
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Ein Sandkorn und noch ein Sandkorn und noch eins – meine Schwester hat mir eine Sanduhr geschenkt, die zehn Minuten läuft: „Lass sie jeden Tag laufen.“ Meinte sie: „Zehn Minuten. Zeit für Dich.“ Ich finde Sanduhren wirklich toll. Weil man da so ganz deutlich sieht, wie buchstäblich die Zeit verrinnt. Sandkorn für Sandkorn. Ich habe das anfangs wirklich probiert und habe mich an den Esszimmertisch gesetzt und die Sanduhr umgedreht. Das waren vermutlich die längsten zehn Minuten meines Lebens.

Was mache ich denn, wenn ich Mal zehn Minuten einfach nichts machen soll? Eigentlich mache ich doch immer irgendwas. Und, wenn ich nichts mache, dann läuft entweder Musik, ich lese oder beschäftige mich mit meinem Handy. Also mache ich ja doch wieder was. Während ich da so vor mich hinphilosophiert habe, musste ich an einen Satz aus einem alten Gebet in der Bibel denken: Meine Zeit steht in Deinen Händen […].

Eine schöne Vorstellung, finde ich. Meine Lebens-Sanduhr steht nicht irgendwo auf einem Tisch oder einer Kommode. Gott hat sie ihn seinen Händen. Und obwohl er ganz viele Sanduhren in seinen Händen hat, passt er auf jede einzelne auf. Also auch auf mich.

Das zweite, was ich so passend finde ist: Dass auch in der größten Sanduhr irgendwann der komplette Sand von oben nach unten gerieselt ist. Dann ist ganz wortwörtlich meine Zeit gekommen. Leben und Tod, beides gehört zum Menschsein dazu. Und beides ist bei Gott gut aufgehoben. Denn Gott wirft die Sanduhr dann nicht weg. Er dreht sie auch nicht einfach nur nochmal um und alles geht wieder von vorne los.

Der Blick auf die Sanduhr hilft mir, ein bisschen bewusster mit meiner Zeit umzugehen. Irgendwann geht sie zu Ende, aber sie bleibt geborgen bei Gott.

Zugegeben, ich schaffe es immer noch nicht jeden Tag mal zehn Minuten einfach nichts zu tun. Das muss ich aber vielleicht auch gar nicht. Die Sanduhr steht bei uns daheim neben der Kaffeemaschine und jedes Mal, wenn ich mir einen Kaffee hole, dann muss ich an dieses Gebet denken. Danke Gott, dass meine Zeit in Deinen Händen steht. Und dieser Moment gehört dann ganz mir.

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17NOV2021
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„Der ist dir doch viel zu groß“ – das sage ich manchmal zu meiner Hündin. Wenn wir gerade im Wald unterwegs sind und sie dann voller Stolz ein Zwei-Meter-Stöckchen anschleppt. Sie schwankt dann bedenklich hin und her und stößt natürlich überall an. Aber hey – sie ist glücklich. Neulich hat mich das zum Nachdenken gebracht. Denn manchmal ist es doch bei mir genauso. Dass ich was haben oder stemmen will, was mir viel zu groß ist. Ein Job. Ein neues Projekt. Oder einen Anspruch an mich selbst, weil ich das eben können will.

Wenn das Stöckchen meiner Hündin zu groß ist, dann probiert sie es so lange, bis er entweder bricht oder sich so verkeilt, dass es nicht weitergeht. Manchmal tut sie sich dabei auch weh. Und ich glaube, dass das bei mir auch so sein kann.

Heute ist Buß- und Bettag. Der Name klingt ein bisschen negativ.  Nach Bußgeld zahlen. Aber es geht gar nicht um eine Strafe für irgendwas. Sondern es geht an diesem Tag darum, dass ich mir einen Moment Zeit nehmen soll. Für mich. Um selber einen Blick auf mein Leben zu werfen. Was ist mir denn wirklich wichtig in meinem Leben? Was für Stöckchen trage ich denn da so mit mir rum? Und welche sind mir auch viel zu groß? Bringt mich vielleicht auch irgendwas in Schieflage? Und wo stecke ich denn vielleicht schon fest?

Das hat auch Jesus immer Mal wieder gemacht. Wenn es ihm zu viel geworden ist, dann hat er sich rausgenommen. Manchmal ist er auf einen Berg gestiegen.  Hat die Perspektive gewechselt. Von oben hat man einfach den besseren Überblick. Sieht Sachen, die man von unten nie sehen würde.

So in meinem Alltag hat das meist keinen Platz. Da muss es einfach laufen. Kinder versorgen und durch die Gegend fahren. Haushalt schaukeln, einkaufen und zwischendurch natürlich arbeiten. So eine ähnliche Liste kann vermutlich jede und jeder für sich füllen. Und deshalb ist es gut, dass es sowas wie den Buß- und Bettag gibt. Ein Tag an dem ich mir Zeit nehmen kann, einen Blick auf mein Leben zu werfen. Ob im Gottesdienst, zu Hause oder beim Spazieren gehen. Und vielleicht lass ich die Zwei-Meter-Stöckchen dann doch fallen oder trage ein kleineres nach Hause.

Denn auch meine Hündin rennt und springt viel entspannter und freier durch die Gegend, wenn das Stöckchen ein bisschen kleiner ist.

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16NOV2021
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„Du wirfst ihn hoch und ich renne los“ – das ist der Standard-Satz unserer Tochter, wenn wir Drachen steigen lassen. Gesagt getan. Ich werfe ihn hoch und sie rennt los. Dummerweise war jetzt neulich so gar kein Wind. Das hat sie aber nicht gestört. Sie ist über die komplette Wiese gerannt und dann gleich noch über die nächste. Aber klar – sobald sie stehen geblieben ist, kam er natürlich runter. Dann ist sie zurückmarschiert. Kurze Pause und von vorn.

„Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“  An diesen Satz musste ich da zwischendurch denken. Jesus hat ihn gesagt und ich glaube, dass er gewusst hat, dass es mir in meinem Leben manchmal auch so geht, wie unserer Tochter mit ihrem Drachen. Dass ich das Gefühl habe, dass ich rennen und rennen muss – damit was läuft. Hier noch ein Termin und da noch eine Besprechung und hier noch was fertig bekommen. Und sobald ich stehen bleibe, kommt der Drachen runter. So verschieden das Leben von uns Menschen ist, dieses Gefühl kennen vermutlich alle. 

Genau deshalb hat Jesus diesen Satz gesagt: „Kommt zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ Ich finde gut, dass er nicht gesagt hat: Lass es sein. Oder: Hör auf Dich abzustrampeln. Vermutlich, weil er gewusst hat, dass das nicht immer so einfach ist. Es ist ihm um einen Moment Ruhe gegangen. Um eine Pause, wenn man so will. Wie das kurze Durchschnaufen unserer Tochter.

Manchmal hilft es mir in solchen Situationen, wirklich kurz durchzuatmen. Die Augen zuzumachen – vielleicht ein kurzes Gebet zu sprechen. Und dann geht es weiter. Denn nur so merke ich, dass ich im Moment vielleicht gar nicht rennen muss. Mir geht doch nur die Puste aus. Und irgendwann wird wieder ein Wind aufkommen und meinen Drachen steigen lassen.

Dieser Satz von Jesus macht mir Mut. Ja, es gibt immer wieder Phasen in meinem Leben, da muss ich rennen und ziehen. Es gibt aber auch Zeiten, da läuft es einfach rund und ich kann mich zurücklehnen. Pause machen. Und vielleicht mit unseren Kindern Drachen steigen lassen.

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15NOV2021
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In zwei Wochen haben wir schon Advent. Eigentlich habe ich mich immer sehr auf diese Zeit gefreut. Weihnachtsmärkte, Plätzchen backen, Glühwein und die vielen schönen Lieder.

Aber irgendwie ist mir in diesem Jahr nicht so richtig danach. Eigentlich mache ich mir eher Sorgen. Weil schon wieder niemand so richtig weiß, wie sich diese Pandemie entwickelt. Und, weil ich mir mittlerweile echt Sorgen mache, wie wir miteinander umgehen. Und das meine ich nicht nur mit Blick auf die Pandemie. Da schimpfen die einen auf die anderen und umgedreht. Da wirft man sich irgendwelche Sachen an den Kopf. Und schimpft vor allem über die da oben, die doch eh keinen Plan haben, wie es uns hier unten geht.

Wie gehen wir miteinander um? Gerade im Advent finde ich diese Frage wichtig. Denn im Advent warten wir darauf, dass Gott selbst zu uns kommt. Gott wollte es ganz genau wissen, wie es ist als Mensch zu leben. Deshalb ist er Mensch geworden. Deshalb wurde Jesus in diesem kleinen Stall in Bethlehem geboren, weil er ganz Mensch sein wollte. Und einfach wissen wollte: Wie gehen die Menschen miteinander um? Wie gehen sie mit denen um, die viel haben? Und mit denen, die nichts haben?

Genau deshalb dieser Stall. Er wollte ganz unten anfangen. Auch später, als er erwachsen war, war ihm das wichtig. Er hat keine Unterschiede gemacht. Er hat mit Leuten gegessen, mit denen sonst niemand gegessen hat. Er hat kranke Menschen besucht, die man gar nicht in der Stadt haben wollte. Er hat Bettlern geholfen und Krankheiten geheilt. Dabei hat er immer wieder betont: Es ist nicht wichtig was jemand hat oder kann. Sondern es ist wichtig, wie jemand mit seinen Mitmenschen umgeht. Wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe. „[…] Christ ist erschienen, uns zu versühnen […]“ , so heißt eine Zeile in einem meiner Lieblingsweihnachtslieder. Versühnen ist ein altes Wort für versöhnen. Und ich glaube, das ist es gerade, was wir in unserer Gesellschaft ganz dringend brauchen. Weil ich im Moment an so vielen Stellen genau das Gegenteil erlebe

Deshalb glaube ich, dass ich nur bei mir in meinem kleinen Umfeld anfangen kann. Mich immer wieder fragen kann, wie gehe ich mit den Leuten um, denen ich begegne. Wird bei mir was davon spürbar, warum es den Advent gibt? Und Weihnachten?

Das jedenfalls möchte ich in den Advent mitnehmen dieses Jahr. Dass es darum geht, wie wir miteinander umgehen – egal, was uns dieses Jahr noch bringt. Und dass niemand geholfen ist, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen – aber dabei unser Miteinander verlieren.

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