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20APR2022
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„Ihr Anschluss wird voraussichtlich nicht erreicht“ –Ich seufze in mich hinein. Die Verspätung meines ICE bedeutet, dass ich im Frankfurter Hauptbahnhof für mindestens eine Stunde auf einen Anschluss warte. Lustlos schleppe ich mein Gepäck in die Bahnhofshalle. Ein Bistro macht mich neugierig. Im Fenster steht Mitropa Geschirrservice aus DDR-Zeiten.

Ich öffne die Türe, und ich betrete eine andere Zeit, eine andere Welt. Der Mann hinter dem Tresen grüßt mich freundlich. Aus dem Lautsprecher kommen Songs, die ich schon 20 Jahre nicht mehr gehört habe. Ich setze mich und bestelle einen Tee.

In der Zwischenzeit plaudert der Wirt mit Gästen, die ziemlich abgerissen aussehen. Ich bekomme meinen Tee. Ein Paar schneit herein und fragt in gebrochenem Deutsch nach Espresso. Mit breitem Lächeln und gutem Italienisch stellt er ihnen das Getränk auf die Theke. Anschließend hat er ein paar gute Worte für einen Reisenden, der völlig aufgelöst seine Verbindung im Internet überprüft.

Einer Frau mit Mütze serviert der Wirt einen Schnaps und eine Frage. Sie trinkt und spricht sich anschließend eine Last von der Seele. Der freundliche Gastwirt hört ihr aufmerksam zu. Als sie nichts mehr sagt, lächelt er sie an. Sie lächelt zurück.

Das italienische Pärchen tauscht noch ein paar Sätze mit dem Wirt, dann zahlt es und geht, strahlend. Der aufgebrachte Reisende hat inzwischen einen Imbiss bekommen. Er greift beherzt zu und vergisst seine Aufregung.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich los muss. Ich bezahle – überraschend wenig – und bekomme gute Wünsche mit auf den Weg. Noch als ich am Gleis stehe, lächle ich beseelt vor mich hin. Ich komme aus dem Bistro, das jeden willkommen heißt. Durch einen Wirt, der die Menschen sieht. Und segnet.

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19APR2022
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Ich habe geträumt: Wir waren mindestens zehn Frauen und eigentlich wollten wir zusammen feiern. Wir haben uns gefreut, uns wieder zu sehen. Doch nach den ersten paar Minuten Smalltalk war klar, dass jede von uns Sorgen hat. Um andere, um sich selbst, um die Welt.

Eine hat dann vorgeschlagen gemeinsam zum Fürbittplatz zu gehen. Ich habe mich gefragt, wo das sein soll. Wir waren dann so schnell da, dass ich mir den Weg nicht merken konnte.

Der Platz war an einer Parkbank mit einem schönen Blick auf die Stadt. Und die Fürbitten konnten wir in einen einfachen Kasten werfen. Jede von uns hat still etwas hineingeworfen. Geschriebene Zettel und kleine Gegenstände.

Danach war uns leichter ums Herz, wir konnten auch wieder über andere Dinge reden. Und dann bin ich aufgewacht. Was für ein Traum. Und ich habe mich gefragt: Öffentliche Fürbittplätze - Warum gibt’s das noch nicht?

So eine geschützte Stelle mitten in der Stadt, wo Menschen aller Glaubensrichtungen eine Bitte für andere in den Himmel schicken können. Einen Gedanken an besonders Notleidende oder die Bitte um Hilfe bei einer persönlichen Frage.

Das wäre doch prima. Für alle! Nicht nur im Traum – sondern in Wirklichkeit. Und ich bin überzeugt: wo gebetet wird, da können Träume wahr werden.

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18APR2022
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„Lieber rot als tot“. Den Spruch habe ich in den späten 80er Jahren auf den Umschlag meines Mathehefts geschrieben. Neulich habe ich es wieder gefunden.

Habe ich das ernst gemeint damals? Ich war bei keinem einzigen der legendären Friedensmärsche an Ostern dabei. Trotzdem war ich wie die meisten Jugendlichen gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen und überhaupt gegen alles Militärische. Aber „lieber rot als tot“?? 

„Petting statt Pershing“ steht auch auf meinem Matheheft. Von heute aus würde ich sagen: das war unsere Harmlos-Variante des DDR-Slogans „Schwerter zu Pflugscharen“. Nur: In der DDR hat man mit diesem Spruch (aus der Bibel by the way) riskiert, im Gefängnis zu landen. Bei uns im Westen sind wir mit unseren Sprüchen kein Risiko eingegangen.

Und heute? Heute würde ich den einen Spruch umdrehen. Die Ukrainer:innen machen es vor: lieber tot als rot. Und wir verneigen uns vor dem Mut der Verzweiflung dieser Menschen.

Aber trotzdem, bei „Pershing statt Petting“ ist für mich eine Grenze erreicht. Ich verstehe, dass nationale Armeen ordentlich ausgerüstet sein müssen. Und ich finde, die Ukraine hat ein Recht darauf, sich mit wirksamen Waffen zu verteidigen.

Gleichzeitig verstehe ich nicht, warum die Idee der Friedenspädagogik plötzlich bestenfalls noch belächelt wird. Wie kann es sein, dass ein einzelner Aggressor vom internationalen Tisch fegt, was jahrelange Forschungen und Projekte gezeigt haben: Wenn Friede nachhaltig sein soll, darf er nicht mit Gewalt erzwungen sein.

Deshalb würde ich heute den mutigen Spruch der DDR-Pazifist:innen aus dem Buch Micha auf mein Matheft schreiben – und nicht nur darauf. Als Vision, als Mahnung, als Ansporn: Schwerter zu Pflugscharen. Jetzt erst recht!

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17APR2022
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Mein Ostererlebnis dieses Jahr fiel auf einen Montag: Ich bin mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Den Radweg am Fluss entlang. An einer der Brücken ist gerade eine große Baustelle. Der Lärm verschlingt alles. Mit dröhnenden Ohren fahre ich also darauf zu. Ich weiß: Die schlimmste Stelle ist direkt unter der Brücke.

Aber plötzlich mischt sich ein fremder Ton in den Lärm. Ich suche mit den Augen nach der Ursache. Da! Auf der anderen Seite des Flusses steht ein Mann mit einem Instrument. Er hat einen komischen Hut auf und ist überhaupt seltsam gekleidet. Aber vor allem macht er Töne. Langsame Töne, eine Melodie.

Ich bin zu schnell unterwegs, um zu sehen, ob das wirklich der Klang eines Saxophons ist. Es ist egal; das Wunder geschieht: Der Klang findet den Weg in meine Ohren und verdrängt den Lärm.

Ich fahre unter der Brücke durch, und die Baugeräusche können mir nichts mehr anhaben. Die Klänge begleiten mich noch, als ich den Saxophonspieler längst nicht mehr hören kann. Ich bin geborgen in dieser eigenartigen Melodie.

Ich habe erlebt: mitten im Lärm der Welt gibt es noch eine andere Dimension. Die mich erreichen kann und schützt und begleitet. Sie ist da. Auch wenn ich sie nicht sehen kann. Mein Ostererlebnis dieses Jahr fiel auf einen Montag.

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29JAN2022
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Einen Wunsch aufgeben, einen Menschen loslassen – das ist schwer, aber manchmal lebensnotwendig. Die Autorin Christa Spilling-Nöker beschreibt das so:

„Das Loslassen von unerfüllbaren Träumen und das Freigeben von Menschen, an denen dein Herz hängt, ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt. Aber so, wie du nicht nur einatmen und die Luft in dir behalten kannst, sondern sie wieder ausatmen, gleichsam freigeben musst, um leben zu können, so kannst du dich neuen Begegnungen nur öffnen, wenn du die Hoffnungen aufgeben kannst, die sich verbraucht haben.

Denn alles hat seine Zeit: Einatmen und ausatmen, halten und hergeben, binden und lösen, Abschied nehmen und neu beginnen.“

Christa Spilling-Nöker, Lass meine Seele aufatmen. Gedanken, Anregungen und Gebete.

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28JAN2022
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Für die Liebe gibt es viele Definitionen. Mir gefällt diese von Dorothee Sölle besonders gut:

„Liebe ist nichts Abstraktes, nichts rein Spirituelles oder rein Geistiges. Sie ist leiblich, sie ist sozial. Zumindest nach einem christlichen Verständnis von Liebe.

Ich weiß überhaupt nicht, wie man rein geistlich lieben kann. Liebe ist Zuwendung zum andern. Von daher ist sie erotisch und karitativ zur gleichen Zeit.

Wir lieben den andern, konkret so wie er ist, mit diesem immer neuen Entzücken, dass es so etwas gibt. Um zu lieben, muss man die Schönheit des andern entdeckt haben. Schön, dass es dich gibt! Dich gibt.“

Ruth Pfau, Das Fenster zum Eigentlichen in: Das Inspirationsbuch 2006. Vom Lieben und Lassen.

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27JAN2022
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Mit einem „lieben Gott“ kann die Professorin Ruth Conrad nichts anfangen. Sie findet deutliche Worte:

„Was ich nicht mag, ist, wenn wir Gott zum ewig lächelnden Dauergott machen –das bringt ja gar nichts. Und das nimmt uns auch keiner ab.
Aber Gott ist die Instanz, auf die ich alle meine Erfahrungen, auch die schlechten, beziehen kann, in einer Zuversicht, dass sie dort für mich zum Guten aufgehoben sind. Das ist nicht wenig.“

https://zeitzeichen.net/node/9401

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26JAN2022
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Ob man im Leben weiterkommt, wenn man an Wunder glaubt? In einer Wochenzeitung habe ich folgende Antwort gefunden:

„Allen Wunderbringern gemeinsam ist, dass sie eine Tür öffnen, wo scheinbar keine ist. Dass sie Unmöglichkeiten erst für möglich halten – und dann auch noch möglich machen.
Wer an Wunder glaubt, verlässt die Trampelpfade des ‚So war es, und so bleibt es‘ und schlägt Wege ein, die es bis eben noch gar nicht gab.
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

ZEIT Magazin 22.12.2021, Das Unmögliche ist möglich, Johanna Haberer und Sabine Rückert

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25JAN2022
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So ein einzelner Tag kann es ganz schön in sich haben. Immerhin ist ein Tag eine überschaubare Zeiteinheit, er ist auch irgendwann vorüber. Warum das gut so ist, beschreibt Dietrich Bonhoeffer:

„Der Tag ist die Grenze unsers Sorgens und Mühens. (…)
(…) Gott (schuf) Tag und Nacht, damit wir nicht im Grenzenlosen wanderten, sondern am Morgen schon das Ziel des Abends vor uns sähen.
Wie die alte Sonne doch täglich neu aufgeht, so ist auch die ewige Barmherzigkeit Gottes alle Morgen neu.
Die alte Treue Gottes allmorgendlich neu zu fassen, mitten in einem Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott mit jedem neuen Morgen macht.“

https://www.dietrich-bonhoeffer.net/zitat/1-der-tag-ist-die-grenze-unsers/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34729
24JAN2022
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„Queer mit Gott“, heißt das Buch. Mein Kollege Klaus-Peter Lüdke beschreibt darin, wie gut Gott die menschliche Vielfalt gefällt. Er schreibt:

„Sei willkommen, ganz gleich, wo du herkommst, welches Geschlecht du hast, welchen Style du prägst oder wie du empfindest. Und wenn du anders darüber denkst, sei willkommen, wenn du bereit bist, anderen zuzuhören, gemeinsam auf dem Weg zu sein und die oder den Besonderen in ihrer Einzigartigkeit zu akzeptieren. Denn das bist du auch.
Gott hat uns vielfältiger geschaffen, als wir uns das manchmal vorstellen können.
Jesus hat mit allen gefeiert, auch mit denen, die andere schon längst ausgegrenzt oder aufgegeben haben.
Jesus sucht die Verlorene und findet den Ausgestoßenen, setzt sich zu ihnen, teilt mit ihnen Brot und Wein um sie aufzurichten und zurück ins Leben zu führen.
Freu dich mit ihm!“

Klaus Peter Lüdke, Queer mit Gott

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34728