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SWR Kultur Wort zum Tag
Ganz egal, wie dunkel oder trüb der Morgen heute auch sein mag. Heute sind wir alle Sonnenkinder. Denn heute erreicht die Erde bei ihrer Reise um die Sonne den sonnennächsten Punkt. Ok. Es, es sind immer noch 147,1 Millionen Kilometer. Aber im Sommer sind es 5 Millionen Kilometer mehr.
Der Sonne am nächsten. Das erinnert mich an die Sage von Ikarus und Dädalus.
Beide, Sohn und Vater, stecken schon lange im Gefängnis. Da erfindet Dädalus einen Flugapparat. Er baut aus Stangen, aus Federn und Wachs Flügel für sich und seinen Sohn. Bevor sie starten, warnt er seinen Sohn Ikarus: Flieg nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs. Sie fliegen los. Aber dann wird Ikarus übermütig, steigt hoch und höher – und die Sonne schmilzt das Wachs. Ikarus stürzt ins Meer. Der Übermut bringt Ikarus um, so wird diese Geschichte meist interpretiert. Heute lässt sie sich auch als Beispiel dafür lesen, wie anfällig menschliche Technik ist. Wir vertrauen ihr blind – und dann lässt sie uns im Stich. Die digitale Landkarte, die einen auf falsche Straßen führt; der Computer, der mitten in der Arbeit abstürzt.
Auch im jüdisch-christlichen Glauben spielt die Sonne eine zentrale Rolle. In einem Psalm heißt es »Du hast der Sonne ihre Bahn gegeben« (Ps 74,19). Ein Satz, der der Sonne ihren Platz zuweist. Gott herrscht über die Sonne, hat sie erschaffen und auf ihre Bahn gestellt. Die Sonne ist aber auch ein Hoffnungsbild. »Euch soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln,« (Mal 3,20) schreibt der biblische Prophet Maleachi. Die wärmende Sonne beendet die Nacht und das Dunkel. Sie geht auf für alle Menschen. Steht für Gerechtigkeit und Frieden.
Ich versuche beides zusammenzudenken. Dass die Sonne, wie bei Ikarus, gefährlich ist. Heute stehen dafür Sonnenbrand und Hautkrebs, Dürre und Hitzeperioden. Und wie gut die Sonne ist. Sie wärmt mich und belebt mich. Sie macht mich dankbar als Teil der Schöpfung. Sie ist ein Bild für Gerechtigkeit und Verlässlichkeit. Ganz egal, wie nah wir ihr sind.
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„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist die Jahreslosung 2026 der christlichen Kirchen. Jahr für Jahr wählt eine Ökumenische Arbeitsgemeinschaft dieses Jahresmotto aus.
„Siehe, ich mache alles neu.“ Der Satz stammt aus dem letzten Buch der Bibel. Dem Buch der Offenbarung. Manchmal wird auch von der Apokalypse des Johannes gesprochen. Das ist der Autor und er beschreibt in seinem Buch das Ende der Welt. Doch das wird verbunden mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Mit der Hoffnung, dass alles neu wird.
Die Offenbarung wird Ende des ersten Jahrhunderts im Westen der heutigen Türkei aufgeschrieben. Der römische Kaiser lässt sich damals als Gott verehren – und droht allen mit dem Tod, die das nicht tun. Dass die Christen das nicht können, liegt auf der Hand. Sie verehren einen anderen Gott. In dieser Situation trifft das Buch einen Nerv. Es tröstet die verfolgten Christinnen und Christen. Es sagt: Diese Welt voller Angst und Tod, die wird untergehen. Gott macht alles neu.
Auch heute erscheint vieles bedrohlich. Die Weltlage, Kriege und Klimakatastrophe. Und auch im Privaten gibt es diese Umbrüche. Beziehungen zerbrechen, die Berufswelt ändert sich rasant, Kirchen müssen mit Mitgliederschwund und ihrer Glaubwürdigkeit kämpfen.
„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist ein Satz, der die Blickrichtung wechselt. Macht deutlich: Es geht nicht nur um meine Vorstellungen, was ich alles tun kann. Um meine Pläne. Der Neuanfang, so sagt Johannes, liegt nicht allein bei mir. Das Heil der Welt hängt nicht von mir ab.
Ich finde das tröstlich. Und das macht mich frei. Frei für die wenigen Dinge, die ich tatsächlich tun kann. Neuanfang da, wo es im Kleinen möglich ist: Mich zurücknehmen, wenn ich genervt bin; mal zuhören, wenn andere etwas sagen und nicht direkt nach Antworten und Lösungen suchen; Dinge schon früher anpacken und nicht erst, wenn höchste Eisenbahn ist; sagen, wenn mir was unter den Nägeln brennt und nicht alles runterschlucken. So kann auch ich Neues schaffen – den Rest kann ich Gott überlassen.
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Guten Morgen – oder besser „Happy Birthday“ und „Herzlichen Glückwunsch“. Das neue Jahr ist auf der Welt. Erst wenige Stunden alt. Und es hat noch 365 Tage Zeit, zu zeigen, was in ihm steckt. Aber das frage ich mich schon heute: Wie entwickelt sich wohl dieses Jahr? Es kann ein friedliches Jahr werden. Den Krieg in der Ukraine beenden. Ein paar unverhoffte Schritte der Aussöhnung im Gaza-Streifen gehen. Den Konflikt zwischen den USA und Venezuela beilegen. Es kann auch ein Jahr der Klimarekorde werden. Das wärmste, das trockenste, das stürmischste Jahr. Rekorde, die niemand braucht.
Aber auch ganz persönlich frage ich mich, was das neue Jahr für mich bringt. Wird es ein Jahr voller schöner Begegnungen, neuer Erfahrungen, verbringe ich eine gute Zeit mit der Familie oder Freunden? Ist es vielleicht mein letztes Jahr? Oder das erste von vielen weiteren guten Jahren?
Vor wenigen Tagen habe ich schon einmal Geburtstag gefeiert. An Weihnachten, Die Geburt Jesu. Mich fasziniert diese Geburt immer wieder, weil jede Geburt ein Versprechen ist. Das Versprechen, dass Leben neu beginnt. Das Versprechen, dass alles möglich ist. Das Versprechen: Wir alle haben eine Zukunft. Bei einer Geburt liegt das Leben vor einem, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Und füllt sich erst langsam und nach und nach.
Auch beim neuen Jahr ist das der Fall. Ich weiß nicht, wie sich dieses Jahr entwickelt. So wie ich nicht weiß, was aus einem neugeborenen Kind wird. Ich kann aber das Jahr begrüßen, wie ein Kind nach der Geburt: Mit offenen Armen kann ich das Jahr annehmen. Ihm Vorschusslorbeeren einräumen. Ihm eine Chance geben. Denn eines ist sicher: Dieses Jahr wird mit jeder Sekunde auf mich zukommen. Ich kann gar nichts daran ändern. Deshalb kommt es – auch – auf meine Haltung an. Meine heißt: Sei willkommen, 2026, ich bin gespannt auf dich und was aus dir wird.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43620SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken
Da ist ein Riss in allem …
In der Adventszeit fällt es mir besonders auf, dass die Tage immer kürzer und das Licht immer schwächer wird. Sehe, wie die Morgen länger dunkel bleiben. Bis zum 21. Dezember ist das tatsächlich so. Erst nach der Wintersonnenwende werden die Tage dann ganz allmählich länger hell.
Ich suche nach Licht in diesen Zeiten. Und da hilft mir eine Zeile von Leonard Cohen. Der Sänger schreibt in dem Lied Anthem, Hymne: „Da ist ein Riss in allem, so kommt das Licht herein“. Ein toller Gedanke. Ist ja auch so. Wenn alles dunkel ist, kann mir schon ein Lichtstrahl durch eine wenig geöffnete Tür den Weg zeigen. Wenn‘s mir nicht gut geht, dann ist auch ein Lächeln oder eine Hand auf meiner Hand ein solcher Lichtstrahl.
Cohens Lied hat schon über 30 Jahre auf dem Buckel. Und scheint mir doch für heute geschrieben. Die Kriege gehen weiter, schreibt Cohen. Die Friedenstaube eingefangen und verkauft. Politische Missstände überall. Scheitern im Privaten. Harter Tobak. Aber in all dem, so Cohen, lässt sich ein Riss finden, durch den Licht eindringt. Nur ein Riss. Kein Lichtermeer. Cohen bricht eine Lanze für das wenige, was das Leben heller macht. Das heißt auch: Ich muss mich verabschieden von der Suche nach dem strahlenden Licht, dem vollkommenen Glück. Von der Hoffnung auf eine umfassende Gerechtigkeit. Es geht nur um Licht durch einen schmalen Spalt. Heißt: Dieses Licht suchen, auch da, wo das Leben dunkel und grau ist.
Das ist ziemlich adventlich. Denn auch der Advent erzählt ja von Menschen, die nach diesem Lichtstrahl suchen. Die Sterndeuter, die einem Lichtblitz am Himmel folgen. Die schwangere Maria und Josef sind unterwegs. Ihr Kind könnte dieser Lichtblick sein. Die Weihnachtsgeschichte ist alles andere als eine Erzählung vom heilen und perfekten Leben. Sie erzählt von den Rissen, durch die Licht fällt. Und ermutigt mich, gerade in kürzeren und dunkleren Tagen nach diesen kleinen Spalten zu suchen, durch die Licht scheint. Cohen verspricht: In allem sind solche Risse zu finden.
… so kommt das Licht herein
In dunklen und kurzen Tagen fällt das Leben manchmal schwer. Aber immer wieder zeigt sich ein Riss, durch den Licht fällt. Darum geht es heute in den Sonntagsgedanken in SWR 4.
Ein berühmtes Adventslied heißt O Heiland, reiß den Himmel auf. Ist über dreihundert Jahre alt. Es packt mich heute noch. Ich denke da an eine winterliche Wolkendecke, dicht und schwer, durch die sich unverhofft ein Lichtfinger bohrt. Ein Strahl Sonne. Ein echtes Geschenk.
So ähnlich stelle ich mir die Situation von Josef vor. Aus der Weihnachtsgeschichte. Er erfährt, dass seine Verlobte, Maria, schwanger ist. Aber nicht von ihm. Dunkle Wolken. Ich könnte verstehen, wenn er jetzt in der Öffentlichkeit schmutzige Wäsche wäscht. Sie ist fremdgegangen! Aber Josef will stattdessen einen Schlussstrich ohne viel Tamtam.
Die Weihnachtsgeschichte heißt nicht umsonst Geschichte. Sie ist keine Biografie und auch keine Zeitungsmeldung. Sie soll vielmehr erklären, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Der Autor Matthäus entfaltet in dieser Geburtserzählung alle die Themen, die für seine ganze Jesusgeschichte wichtig sind. Ein Thema: Gerechtigkeit. Josef wird als gerechter Mann geschildert. Das ist jemand, der seinen Glauben in die Tat umsetzt. Der zeigt, wie Gerechtigkeit konkret geht. Dabei klingt ein zweites Thema an: Barmherzigkeit. Josef hätte das Recht zu einer öffentlichen Scheidung. Könnte seine Frau bloßstellen. Aber Josef entscheidet sich dagegen. Will barmherzig sein mit der Frau, die er liebt.
Wie er dazu kommt? Ich stelle mir Josef wütend und enttäuscht, aber auch traurig und verletzt vor. Er braucht einen Impuls, wie es jetzt weitergeht. In der Geschichte kommt ein Engel, der ihm die Augen öffnet. Engel, das sind Gottesboten, Verbinden Himmel und Erde. Reißen sozusagen den Himmel auf. Ein Lichtblick für Josef in ziemlich dunkler Situation. Und er entschließt sich, bei Maria zu bleiben.
Die Weihnachtsgeschichte bietet keine heile Welt und auch keine kitschige Romanze. Durch Josef wird deutlich: Weihnachten erzählt von der Hoffnung auf eine kleine Veränderung, einen Riss im Leben, durch den Licht fällt. Sich die Dinge wieder öffnen. Die Welt anders wird. Ein Engel zum Beispiel. Oder auch ein Mensch, der mir Licht ist und Licht schickt. Den Himmel aufreißt, wenn es schwer wird. Mir zur Hand geht. Mir zuhört. Meine Sorgen ernst nimmt. Ein Lichtblick. Nicht nur an Weihnachten.
Thomas Weißer aus Budenheim bei Mainz von der Katholischen Kirche
Mt 1,18–24
Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immánuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43527SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Allerheiligen. Klingt komisch, der Name. Heilige, das sind doch solche Menschen, die in besonderer Weise glauben und leben. Mutter Teresa und Sankt Martin, Maximilian Kolbe und Elisabeth von Thüringen. Sie helfen Kranken, teilen, was sie haben, setzen sich für andere ein und ihr Leben aufs Spiel.
Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Im Neuen Testament wird der Begriff »Heilige« für alle Christen benutzt. Sie sind heilig, weil sie durch ihren Glauben und die Taufe in besonderer Nähe zu Gott stehen. Hier kommt die Grundbedeutung von »heilig« zum Tragen. »Heilig« heißt: »zum Göttlichen gehörig«. In diesem Sinn sind alle Christinnen und Christen heilig.
Allerheiligen demokratisiert sozusagen das Heilig-sein. Heilige sind nicht nur die Superheldinnen und -helden des Glaubens. Die Wunder tun und weltweit bekannt sind. Allerheiligen erinnert daran, dass unzählige Menschen auf der ganzen Welt Tag für Tag ihrem Glauben ein Gesicht geben. Dass sie im Beruf, in der Familie, an der Bushaltestelle, im Supermarkt, im Stau christlich handeln. Dem anderen und sich selbst guttun, freundlich sind, standhaft bleiben, aufmerksam.
Zugleich lenkt Allerheiligen den Blick auf die Menschen, die schon gestorben sind. Ist ein Erinnerungsfest. Lässt an Menschen denken, die erst seit kurzem oder schon lange tot sind. Macht sie so lebendig. Das finde ich faszinierend an diesem Tag. Er macht deutlich: Ich lebe nicht nur im Hier und Jetzt oder im Morgen. Sondern mein Leben beruht darauf, dass andere vor mir gelebt haben, dass andere mein Leben reich gemacht haben. Mein Vater, meine Großeltern, der Bassist, mit dem ich lange Musik gemacht habe, der Freund meines Bruders, der in den Bergen abgestürzt ist.
An Allerheiligen kann ich spüren, dass ich in Beziehung zu diesen Menschen stehe. Und dass ich ohne sie ärmer wäre.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43216Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Geschnitzte Kürbisse und Zombiemasken, Gespensterumhänge und „Süßes oder Saures“ sind umstritten. Die einen lieben den Rummel, der heute Abend los ist – und die anderen lassen die Rollläden runter und ignorieren die Türklingel. Halloween wird oft auf keltische Wurzeln zurückgeführt. Auf das Fest Samhain: Hier wird der Übergang von der Erntezeit zum Winter ausgelassen gefeiert. Und ist mit einer gehörigen Prise Grusel versetzt. Denn in der Nacht auf den 1. November, das glaubten zumindest die Kelten, wird die Grenze zwischen Lebenden und Toten aufgehoben. Die Verstorbenen kehren nach Hause zurück. Und in ihrem Gefolge Geister und Gruselwesen.
Halloween hat allerdings auch zutiefst christliche Wurzeln. Das zeigt schon der Name: »All Hallows eve«, der Abend vor Allerheiligen. An dem denken Christinnen und Christen an die Heiligen: Menschen, die ihren Glauben in besonderer Weise gelebt haben. Lichtgestalten des Glaubens.
Was mich an dem Abend berührt: Es ist das erste Lichterfest im ausgehenden Jahr. Die Abende werden dunkler, die Nächte länger. Der Sommer ist schon längst vorbei. Und da machen Menschen Licht. Zünden Kerzen an, stellen leuchtende Kürbisse auf, hängen Lichter ins Fenster. Machen deutlich: Wir lassen uns vom Dunkel nicht unterkriegen. Von all dem, was das Leben finster macht. Dem setzen wir Licht entgegen. Und ich erlebe, wie sehr auch ich das brauche. Es gibt genügend Gründe, die Welt für finster zu halten. Halloween sagt: Nein, das Licht ist stärker. Vertreibt alles, was dunkel macht.
Ich finde: Eine starke Hoffnung in diesen Zeiten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43215Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
In Vorbereitung auf diese Sendung bin ich auf ein Ereignis gestoßen. Wahrscheinlich, weil derzeit so viel über Deutsche und ausländische Mitbürger, Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte diskutiert wird. Das Ereignis: Heute, vor 64 Jahren, am 30. Oktober 1961, wurde ein Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen. Hundertausende türkische Menschen kommen ab da nach Deutschland. Der Grund?
Nach dem Ende des II. Weltkriegs erlebt Deutschland einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung. Dank der alliierten Sieger. Statt unser Land völlig zu zerstören, stimmen sie einem Wiederaufbau zu. Das sogenannte Wirtschaftswunder nimmt seinen Lauf. Doch das Problem: Deutschland hat gar nicht genug Arbeitskräfte für den Boom. Ab 1955 werden deshalb Anwerbeabkommen geschlossen. Auch mit der Türkei. Angeworben werden Arbeitskräfte. Erst sollen die nur für zwei Jahre kommen. Doch vor allem die Arbeitgeber sind an den eingearbeiteten Arbeitskräften interessiert. So kommt es, dass auch Familienangehörige nachkommen.
Fast von Anfang an bemühen sich auch die christlichen Kirchen um diese Menschen. Bieten Beratungen und Hilfen zur Integration an. Sie greifen eine Erfahrung auf, die auch in der Bibel zentral ist: Dass Menschen in ein anderes Land kommen, fremd sind, sich zurechtfinden müssen. Und die Bibel fordert für diese Situation: „Wenn ein Fremdling bei dir wohnen wird, soll er bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,33-34)
Für viele Menschen, die damals kamen, ist das Wirklichkeit geworden. Sie leben wie Einheimische hier. Und mehr noch: Oft lässt sich gar nicht mehr unterscheiden, wer von hier oder von wo anders ist.
Ich finde das immer noch einen ganz wichtigen Satz, gerade in der aufgeheizten Debatte heute. Dass auch ein Fremder ein Recht darauf hat, geachtet, geliebt, anerkannt zu werden. Ganz egal, wo er herkommt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43214SWR Kultur Lied zum Sonntag
Orgel Vorspiel
Der erste tote Mensch, den ich gesehen habe, war mein Großvater. Wir hatten nie ein sonderlich enges Verhältnis, obwohl er direkt nebenan wohnte. In meiner Erinnerung war er immer steif und streng, ich hab ihn nie lachen gesehen. Vielleicht kein Wunder. Er hat zwei Weltkriege überlebt und eine Schule geleitet. Da kann einem das Lachen vergehen. Aber wie er da so lag, tot und kalt, da konnte ich mit meiner Trauer nicht so richtig umgehen. Wusste nicht wohin damit. Und hab das erste Mal so richtig verstanden, dass das ein Schicksal ist, das auch mir blüht. Das mein Leben auch nur seine begrenzte Zeit hat.
Stimmwerck
- O Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen ins ewge Vaterland. Mein Geist will ich aufgeben, dazu mein Leib und Leben legen in Gottes gnädg Hand.
O Welt, ich muss dich lassen, ein Choral, der zu meinem toten Großvater passt. Er nimmt diese besondere Stimmung auf: die Endlichkeit des Lebens, aber auch das Abschied nehmen. Und nicht zuletzt: Die Hoffnung, dass das eigene Leben am Ende in Gottes Hand liegt. Wenn ich meiner Trauer von vor vielen Jahren nachspüre, dann merke ich auch: Musik macht die Tränen ein bisschen weniger salzig, macht das Herz ein bisschen leichter.
Playfords Instrumental
O Welt, ich muss dich lassen, hat eine verschlungene Entstehungsgeschichte. Es greift eine alte, bekannte Melodie auf. In der Kunst spricht man von Kontrafaktur. Ein Beispiel: Aus Shakespeares Romeo und Julia wird die West Side Story von Leonhard Bernstein. O Welt, ich muss dich lassen geht auf ein altes Volkslied aus dem 16. Jahrhundert zurück: Innsbruck, ich muss dich lassen. Da muss jemand seine Liebste verlassen. Er klagt, verspricht ihr Treue, hofft, dass Gott sie beschützt.
Calmus
- Innsbruck, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen, in fremde Land dahin. Mein Freud ist mir genommen, die ich nit weiß bekommen, wo ich Elend bin.
Ein unbekannter Dichter macht dann aus dem engen Innsbruck die ganze Welt. Aus dem Abschiedslied ein Glaubenslied. Aber auch ein Lied, dass das Sterben radikal in den Blick nimmt. Da wird nichts beschönigt. Melodie und Text geben der Trauer Buchstaben und Töne. Der Tod verändert den eigenen Blick auf das Leben.
Ich habe das erlebt, als mein Vater starb. Hab deutlich gespürt, was es heißt, dass das Leben angesichts seiner Kürze kostbarer wird. Worte, die nicht gesagt wurden, Versöhnung, die verpasst wurde, das alles kann nicht nachgeholt werden. Vergangene Zeit kommt nicht mehr zurück. Und trotzdem bleibt viel von den Toten: Erinnerung, eine bestimmte Geste, ein typischer Satz, ein Licht.
Da passt es, dass Paul Gerhardt auf die bekannte Melodie wieder ein neues Lied schreibt. Nun ruhen alle Wälder. Ein Lied, das auch um Sterben kreist, aber auch von seinem Gegenteil erzählt: Dass auch die Nacht und das Dunkel bewahrt werden. Dass meine Trauer begleitet werden kann: durch andere Menschen, durch Gott. Ich finde: Ein tröstlicher Gedanke.
Gerhaher/Huber
- Auch euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben, kein Unfall noch Gefahr. Gott laß euch selig schlafen, stell euch die güldnen Waffen ums Bett und seiner Engel Schar.
Musik
01 O Welt, ich muß dich lassen; Orgel: Haas, Rosalinde
02 O Welt ich muss dich lassen; Stimmwerck
03 O Welt, ich muss dich lassen; The Playfords
04 Innsbruck, ich muß dich lassen; Calmus Ensemble Leipzig
05 Nun ruhen alle Wälder; Gerhaher, Christian/ Huber, Gerold
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43127SWR Kultur Wort zum Tag
Ich wünsche Ihnen heute den Frieden. Denn ich bin überzeugt davon: Wir alle brauchen Frieden. Ohne Frieden ist kein gutes Leben möglich.
Auch im Gottesdienst wünschen sich deshalb die Glaubenden: „Der Friede sei mit dir.“ Ein Wunsch, der ins Zentrum des Glaubens gehört. Nicht von ungefähr setzt die Bibel diesen Satz an den Anfang und das Ende des Lebens Jesu. In der Weihnachtsgeschichte und in den Auferstehungsgeschichten findet sich dieser Gruß: „Der Friede sei mit dir.“
Friede sei mit dir. Das Hebräische braucht für diesen Satz nur ein Wort: Schalom. Ein umfassender Begriff. Schalom meint Frieden im Sinne der Befreiung von Unglück und Unheil. Schalom umfasst Gesundheit, allgemeines Wohl des Menschen, meint Sicherheit und Zufriedenheit. Schalom, der Friede sei mit dir, das ist ein Wunsch. Er wünscht vollständige Unversehrtheit, wünscht Heil, Gelingen, inneren und äußeren Frieden.
Friede sei mit dir. In dieser Zeit scheint das ein unrealistischer Wunsch. Zum Schalom scheint der Weg fast unendlich weit. Ganz egal, ob man in die Ukraine sieht, in den Gazastreifen, nach Haiti, nach Myanmar und in viele andere Regionen der Erde. Im Moment müssen wir also mit der bitteren Erkenntnis leben: Menschen fällt es offensichtlich schwer, Frieden zu schaffen. Sicher, einzelne Friedensschlüsse sind möglich. Es ist möglich, dass Waffen schweigen und Menschen und Völker sich annähern. Aber ein umfassender Friede, der bleibt eine Sehnsucht.
Auch deshalb heißt es in den heiligen Schriften der Juden und Christen: Gott selbst ist der Friede. Nicht: Gott macht Friede. Sondern Gott ist Friede. Gemeint ist: Gott steht für all das, was einen umfassenden Frieden auszeichnet. Steht für Gerechtigkeit und Versöhnung, für Erinnerung und Neubeginn. Ich kann durch Gott eine Ahnung bekommen, wie Friede aussehen kann. Und ich kann den Mut haben, Frieden zu schaffen – da wo ich lebe, im Alltag, in der Begegnung mit anderen Menschen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43057SWR Kultur Wort zum Tag
Vom Willen Gottes wird im Christentum oft geredet. Allerdings in ganz unterschiedlicher Weise. Mit den Worten „Gott will es“ begann vor knapp tausend Jahren der erste Kreuzzug, der in einem brutalen Gemetzel in Jerusalem endete. Auch Hexenverfolgungen und Nationalismen wurden und werden mit dem Willen Gottes begründet.
Deswegen bin ich skeptisch, wenn vom Willen Gottes die Rede ist. Wer weiß schon sicher, was Gott will? Das Problem: Es kann jeder behaupten, das ist Gottes Wille oder das. Denn wie will man das überprüfen?
Die Bibel ist da genauer. Sie spricht auch vom Willen Gottes. Aber sie hält fest: Der Wille Gottes ist ein Wille, der das Heil, das Glück des Menschen im Blick hat. Gottes Wille ist es deshalb, so sagt der Apostel Paulus, das Gute zu erkennen und zu tun.
Da stellt sich die Frage, wie sich denn das Gute zeigt? Eine ganz einfache Antwort lautet: Gutes, Gerechtes, das kann ich erkennen, wenn ich meinen Verstand benutze. Wenn ich gute Gründe für mein Urteilen und Handeln finde. Und wenn ich mit diesen Gründen andere überzeugen kann. Wenn ich gute Argumente habe. Und mich mit anderen über diese Argumente austausche.
Ein weiterer Aspekt ist außerdem wichtig. „Dein Wille geschehe“, lautet ein Kernsatz im Vater unser. Er lenkt den Blick auf das, worum es eigentlich in der Rede von Gottes Willen geht. Darum, dass ich meinen Willen nicht über alles stelle. Auf den Willen Gottes setzen, das heißt: Ich erkenne, dass ich eben nicht alles wissen, alles machen kann. Dass ich darauf angewiesen bin, dass mich andere Menschen und Gott selbst in meiner Suche nach Wahrheit und in meinem Handeln unterstützen.
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