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Mit dem Ostermontag war das Osterfest nicht zu Ende. Die christlichen Kirchen feiern dieses Fest eine Woche lang bis zum kommenden Sonntag – dem sogenannten Weißen Sonntag. Jeden Tag in dieser Woche von Sonntag bis Sontag wird die Osterbotschaft in den biblischen Texten der Gottesdienste neu entfaltet. Neu entdeckt. Immer mehr können wir erkennen, was Ostern mit unserem Leben zu tun hat. Halte mich nicht fest, sagt der auferweckte Jesus im heutigen Text zu seiner überraschten Jüngerin Maria Magdalena. Halte mich nicht fest – das ist ein österlicher Zwischenruf hinein auch in mein Leben. Ich bin eher praktisch veranlagt, möchte etwas in der Hand halten, etwas festhalten können. Ich möchte vielleicht auch einen Menschen, der verstorben ist, festhalten können für immer. Ich kann ihn nicht einfach loslassen. Halte mich nicht fest. Dieser Aufforderung Jesu ist Maria von Magdala nachgekommen. Sie geht gestärkt zu ihren Freundinnen und Freunden zurück, weil sie etwas erfahren hat. Ihre Erfahrung ist nicht mit Händen greifbar. Sie kann diese Erfahrung - eine Ostererfahrung - nur im Glauben weitergeben. Sie kann ihnen nur davon erzählen. Die Woche nach Ostern erinnert mich auch an meine eigenen Toten. Menschen, die ich vermisse. Menschen, die ich nicht festhalten konnte. Menschen, die ich loslassen musste. Meinen Vater und viele Freunde, die ich gehen lassen musste. Auch ich kann nur von ihnen erzählen, besondere Erlebnisse und Begegnungen erinnern. Festhalten mit Händen konnte ich keinen von ihnen, aber in meinem Herzen bewahren kann ich sie alle. Ostern geht über das Erinnern hinaus. Ostern vollendet das sterbliche Leben der Schöpfung für immer in einer neuen Schöpfung. Die Begegnung der Maria von Magdala mit dem Auferweckten im wohl blühenden Garten ist ein besonderes Zeichen für diese Vollendung, die uns verheißen ist.

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Heute endet das jüdische Pascha-Fest. Es erinnert jedes Jahr an den Auszug aus Ägypten, an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Damit traten die Israeliten als eigenes Volk in die Geschichte der Menschen. Vor einem Pascha-Fest wurde Jesus am Kreuz hingerichtet und ist am Festtag auferweckt worden. Die Befreiung des Volkes Israel und die Errettung Jesu aus dem Tod liegen nah beieinander – das jüdische Pascha und das christliche Ostern sind in diesem Jahr auch zeitlich nah beieinander. Eine Woche lang feierten nun die Juden ihr Pascha – Leben und Befreiung, eine Woche lang feiern wir Christen in den unterschiedlichen Konfessionen Ostern – Leben und Befreiung. Die Woche nach Ostern hat im Festkalender der Kirchen eine besondere Bedeutung. Wir feiern von Sonntag bis Sonntag eine neue Dimension des Lebens: die Befreiung zum Leben über den Tod hinaus. Diese neue Dimension ist aber nicht nur auf das Jenseits bezogen, auf das ewige Leben, sondern auch auf das Leben hier und jetzt. Auch im Diesseits gilt es die Menschen zu befreien von allem, was tot macht. Ich kann mich einsetzen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung und so Menschen zum Leben befreien. Und wenn ich selber müde bin, darf ich mich von der Lebenshoffnung und Lebensfreude anderer mittragen lassen. Goethe hat einmal gesagt: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Wenn ich auf Ostern schaue und dieses Fest eine Woche nachklingen lasse, dann wird dieses Wort für mich lebendig. Der Sinn des Lebens liegt nicht außerhalb des Lebens oder gar erst im Himmel. Das Leben selber hat einen Sinn, auch wenn es oft genug sehr brüchig erscheint. Das Leben - eingespannt zwischen Geburt und Tod, zwischen Licht und Dunkel, zwischen Gesundheit und Krankheit – dieses Leben mündet im Leben. Pascha und Ostern sind Feste des Lebens und der Befreiung zum Leben.

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„Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände. Dem Trübsinn ein Ende. Wir werden in Grund und Boden gelacht, Kinder an die Macht", so singt Herbert Grönemeyer. Ich mag dieses moderne Lied. Es erinnert mich sogar an eine Geschichte in der Bibel. Eltern bringen ihre kleinen Kinder zu Jesus. Er soll sie berühren, sie segnen.  Als seine Freunde die Kinder zurückweisen wollten, sagte er: „Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran!  Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes." Die Botschaft, die ich höre: Kinder gehören dazu. Kindern dürfen wir etwas zutrauen. Sie haben ein eigenständiges Lebens - und Entfaltungsrecht. Es ist an uns Erwachsenen, ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Sie anzunehmen, sie aufzunehmen in unsere Gesellschaft. Diese moderne Gesellschaft ist anders als zur biblischen Zeit. Damals waren die Kinder Arbeitssklaven und  Objekte, dem Willen der Erwachsenen ausgesetzt. Oft ohne Chance am Leben wirklich teilzuhaben. Doch auch heute gibt es Kinder auf der ganzen Erde, die nicht genügend Lebensperspektiven haben. Auch in unserem Land. Kinder, die nicht genügend Liebe und Fürsorge erfahren. Kinder, die nicht teilhaben an gesundheitlicher Vorsorge und Bildung. Vergessene Kinder. Die Alternative „Gebt den Kindern das Kommando" ist wohl keine Lösung. Aber wenn wir unsere Kinder und Enkelkinder in die Mitte unserer Aufmerksamkeit holen. Wenn wir sie als kleine Personen ernst nehmen, dann nehmen wir als Erwachsene unsere Verantwortung wahr. Es ist die Verantwortung für eine gerechte Welt für die Kinder. Gemeinsam mit den Kindern die Zukunft zu gestalten, ist eine besondere Freude und manch Erwachsener wird dabei das Kind in sich neu entdecken.


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In Bingen und Rüdesheim hat sie im 12. Jahrhundert die Klöster Rupertsberg und Eibingen gegründet: die Hl. Hildegard von Bingen. Sie gilt bis heute als starke Frau und Visionärin, als Heilkundlerin, Dichterin und Prophetin. Eine Frau des Mittelalters, einer völlig anderen Gesellschaft und Denkweise, und doch unserer Zeit so nahe. Hildegard hatte einen besonderen Zugang zur Schöpfung Gottes, zu den Pflanzen und Tieren. Ihre Heilkunde ist noch heute vielen Menschen eine Hilfe. Menschen ernähren sich ganz bewusst nach den Ratschlägen dieser besonderen Frau. Doch nicht nur das. Hildegard verstand sich auch als Prophetin. Als solche weissagte sie nicht etwa die Zukunft. Sie lebte ähnlich den biblischen Prophetinnen und Propheten ganz konzentriert in der Gegenwart. Sie konfrontierte die Machthaber ihrer Zeit schonungslos und angstfrei mit dem Wort Gottes. Unbequeme Botschaften hörten die mächtigen Herren auch damals nicht gerne. Schon gar nicht aus dem Mund einer Frau. Und doch waren ihre Ratschläge bei den Mächtigen gefragt. Hildegard rüttelt auf und mahnt, fordert heraus und weist neue Wege. Sie korrigiert in zahlreichen Briefen das Handeln wichtiger Persönlichkeiten der damaligen Gesellschaft und Kirche. Geleitet von ihrem Gewissen und ihrer inneren Überzeugung ist sie eine starke Frau, die stets für Gerechtigkeit einsteht. Für Menschlichkeit und für Barmherzigkeit. Sie tut dies in einer klaren Sprache und mit einer deutlichen Botschaft. Ich bewundere diese geerdete Spiritualität. Ihren unverstellten Blick zum Himmel und ihren genauso unverstellten Blick auf die Erde. Hildegard von Bingen ging es zeitlebens um Liebe, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Barmherzigkeit. So kann sie auch heute unser Vorbild sein für eine aufrechte und gewissenhafte Lebensgestaltung.

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Heute ist Vollmond. Am Mond hat sich der Mensch schon sehr früh orientiert. „Du hast den Mond gemacht als Maß für die Zeiten" heißt es in den Psalmen der Bibel. (vgl. Ps 104,19). Als das „kleinere Licht", das über die Nacht herrscht, bezeichnet es die Schöpfungsgeschichte. (vgl. Gen 1,16) Und wir Christen feiern am  Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond das Osterfest. Der Mond hat kein eigenes Licht wie die Sonne, sondern reflektiert nur das Licht. Er wechselt seine Gestalt, nimmt zu und nimmt ab. So wurde er, gerade auch als Halbmond, zum Symbol der Vergänglichkeit, des Schwindens und zugleich der Wiederkehr. Der Mond, zweitrangiges Licht nach der Sonne, hat es auch sprachlich nicht leicht. Der ist „hinter dem Mond" sagen Menschen oder bezeichnen jemanden als „Mondgesicht". Und wenn ein Mensch als „mondsüchtig" hingestellt wird, dann sind damit nicht nur geheimnisvolle Einflüsse gemeint, die ihn beherrschen. So ein Mensch gilt als unbeständig und launenhaft wie der Mond. Heute ist Vollmond. Ich finde es immer wieder faszinierend diesen Vollmond in einer klaren Nacht zu erleben. Ein Naturschauspiel besonderer Art. Der Vollmond erinnert mich daran: in jedem Menschen gibt es nicht nur die Sonnenseiten,  das strahlende Licht. Jeder Mensch, und das erlebe ich täglich, hat auch seine Mondseiten, so wie das Leben selber nicht nur Sonnenseiten kennt. Ich weiß um meine Schwächen und Grenzen, ich weiß um meine Unbeständigkeit und Unruhe. Ich kenne aber auch meine Stärken und Fähigkeiten, meine Begabungen. Das Wechselspiel von Sonne und Mond ist wie ein Bild meines Lebens. In einem irischen Segenslied singen die Menschen: „Führe die Straße, die du gehst immer nur zu deinem Ziel bergab; hab wenn es kühl wird, warme Gedanken, und den vollen Mond in dunkler Nacht."

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„Herr, ich bin nicht würdig." So beten Christinnen und Christen regelmäßig im katholischen Gottesdienst. „Herr, ich bin nicht würdig." Viele tun sich schwer mit diesem alten Gebet. Aber wir haben uns diese Worte nicht ausgedacht. Sie sind uns gegeben. In der Bibel begegnet uns ein heidnischer Hauptmann, dessen Diener schwer erkrankt ist. Er wendet sich mit großem Vertrauen an Jesus und bittet um die Heilung seines Dieners. Jesus ist tief beeindruckt vom Glauben dieses Menschen. Die Begegnung findet ihren Höhepunkt in der Heilung des Dieners. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dieser Satz des heidnischen Hauptmanns: „Herr, ich bin nicht würdig. dass du eingehst unter mein Dach, sprich nur ein Wort, dann muss mein Diener gesund werden." In einer weiteren Übersetzung heißt es: „Ich bin ja nicht genug, dass du unter mein Dach kommst." Diese Übersetzung hilft mir, das Gebet annehmen zu können, es zu meinem Gebet werden zu lassen. Ich bin nicht genug. Ich bin mir selber nicht genug. Ich weiß um meine Unvollkommenheit. Ich bin nicht genug, so kann ich gut beten. Ich bin nicht genug, aber wenn du, Herr, das, was mir zum Menschsein noch fehlt, auffüllst, dann erfahre ich Heilung. „Herr, ich bin nicht würdig." Dieses kurze Gebet macht mir immer wieder neu bewusst, wer ich bin und wer Gott ist. Es ist ein Gebet des Vertrauens in Gottes heilendes Wirken - hinein in mein unvollkommenes und unvollendetes Leben. Dieses Leben ist mir geschenkt, um es zu gestalten. Aber, sei es noch so schön, es bleibt eine Lücke, etwas Unvollendetes und Unheiles in meinem Leben. Und in diesem Gebet bitte ich Gott, diese Lücke aufzufüllen: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund."

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Für die Schulkinder in Rheinland-Pfalz war heute der erste Schultag nach den großen Ferien. In anderen Bundesländern dauern die Ferien noch an. Solche Auszeiten tun Kindern und Erwachsenen gleichermaßen gut. Die einen sind von ihren Urlaubszielen hoffentlich gut erholt und gesund zurück gekehrt. Andere sind noch unterwegs und genießen ihre freie Zeit. Und auch diejenigen, die zuhause geblieben sind, werden in unserer wunderbaren Region im Südwesten Ruhe und Entspannung gefunden haben. Das eigentliche Urlaubsziel ist für mich allerdings nicht ein geographischer Ort. Eugen Roth sagt: „Der Urlaub ist erholsam meist nicht nur für den, der in ihn reist. Auch den, der da bleibt freut die Schonung, die er genießt in stiller Wohnung. So zählen zu den schönsten Sachen, oft Reisen, die die anderen machen." Egal wo ich bin, wenn ich mir eine Auszeit nehmen kann, dann ist diese Zeit  ein großes Geschenk.  Als Schüler waren für mich die Pausen auf dem Schulhof immer das Beste am Vormittag, besonders die große Pause. Da lohnte es sich, das ein oder andere Spiel anzufangen, sich ein Stück zu verausgaben. Da wurden das Pausenbrot eingenommen und Neuigkeiten ausgetauscht. Eine Auszeit, eine Ferienzeit, ist wie eine große Pause, in der ich zu mir selber finden kann, aber auch zu meinen Mitmenschen. Ich habe dann Zeit für ausgiebige Gespräche und kreative Spiele. Ich habe auch Zeit neue Menschen oder mir schon bekannte Menschen neu kennenzulernen. Nach der großen Pause gehe ich konzentrierter und aufgelockerter in die nächste Unterrichtsstunde. Nach einer Auszeit in den Ferien kann ich mit neuem Elan an die Aufgaben herangehen, die ich zu bewältigen habe. Wenn ich in den Ferien zu mir selber gefunden habe, wenn ich meine Mitmenschen neu wahrnehmen konnte, dann habe ich doch ein wunderbares Urlaubsziel erreicht. Und dann ist sogar das Wetter egal.

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„Ja, aber" ist ein häufig gebrauchter Ausdruck. „Ja, aber" ist auch eine menschliche Haltung, die ich immer wieder antreffe. In dem Buch „Die 10 dümmsten Fehler kluger Leute" von Arthur Freeman habe ich hierzu eine Geschichte gefunden: Eine Großmutter nimmt ihren Enkel mit zum Strand. Er spielt gerade im Sand, als eine riesige Welle den Strand überspült und das Enkelkind ins Meer hinaus reißt. Die Großmutter ist verzweifelt. Sie fleht Gott um Hilfe an: Bitte, gib mir meinen Enkel zurück. Und siehe da, eine neue Riesenwelle spült den Jungen wieder dorthin, wo er vorher war, völlig unbeschadet von seiner feuchten Reise. Die alte Frau blickt auf das Kind nieder, sieht zum Himmel und sagt: Danke, Herr, aber wo ist sein Sonnenhut? Danke, aber. Ja, aber. Ja, das war wunderbar, aber. Ja, das sieht gut aus, aber. Ja, er hat gesagt, das er mich mag, aber. Ja, aber - das ist der Ausdruck einer hartnäckigen Entschlossenheit immer und überall zuerst Negatives entdecken zu wollen. Im 2. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Gottes Sohn Jesus Christus ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen, in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat." (vgl. 2 Kor 1,19 f.)Bei Gott gibt es kein „Ja, aber". Er hat sein eindeutiges Ja zu mir und zu jedem Menschen gesprochen. Zur gesamten Schöpfung. Damit kann ich gut leben und auch meinen Mitmenschen begegnen. Ohne Wenn und Aber. Damit kann ich auch meine eigenen Schwachstellen annehmen und bejahen. Das gibt Kraft den Alltag zu bewältigen, wenn ich mich so annehmen kann und angenommen weiß. Das gibt Kraft auch den Mitmenschen zu begegnen, denen Gottes Ja genauso gilt. So möchte ich positiv leben, das Leben und meine Mitmenschen bejahen. Oder, wie es der Jesuit Alfred Delp formuliert hat: Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt.


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Ich habe zwei Nachrichten für Sie. Eine schlechte und eine gute, welche möchten Sie zuerst hören. Manche Botschaften oder auch schlechte Witze werden gerne so eingeleitet. Grundsätzlich hören wir Menschen ja lieber gute Nachrichten. Nachrichten, die uns aufbauen und guttun. Im Neuen Testament der Bibel gibt es die vier Evangelien. Evangelium heißt gute Nachricht, gute Botschaft, frohe Botschaft. Sie erzählen uns von Jesus. Jeder Evangelist tut das auf seine Weise. Heute steht der Evangelist Markus im Kalender der christlichen Kirchen. Er hat heute Namenstag.  Er gilt als der Verfasser des Markusevangeliums, der ältesten frohen Botschaft. Bei unseren koptischen Mitchristen in Ägypten wird er besonders verehrt. Sie sehen in ihm ihren ersten Papst. War Markus doch der erste Bischof von Alexandria in Ägypten. Einem wichtigem Zentrum der frühen Christenheit. Ich lese gerne in diesem alten Glaubensbuch des Evangelisten Markus. Wenn er erzählt: über das heilende und aufbauende Wirken des Jesus von Nazareth in Galiläa. Über seinen Weg nach Jerusalem hinauf und den Begegnungen mit den Menschen seiner Zeit. Ich lese über sein Leiden und Sterben, seinen Tod und die Auferstehungserfahrungen seiner Jüngerinnen und Jünger. Es ist nicht nur das älteste, sondern auch das kürzeste Evangelium. In dieser Kürze kommt mir Jesus von Nazareth sehr nahe. Ich bekomme ein Bild von ihm und mache mir mein eigenes Bild. Markus bezeugt einen Jesus, der durch Wort und Tat, das Reich Gottes schon jetzt erfahrbar werden lassen wollte. Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch, lässt er Jesus sagen. Heute ist es unsere Aufgabe dieses Reich mit unseren Kräften aufzubauen. Als Jesusmenschen, die von dieser guten Nachricht begeistert sind. Und gute Nachrichten sollte man nicht für sich behalten.

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Ich stehe mitten in einem Koblenzer Einkaufszentrum und erzähle von meiner Gemeinde und meinem Glauben. Das ist für mich eine neue Erfahrung. In der Kirche und in unseren Gemeinderäumen fällt es mir leicht über meinen Glauben zu sprechen. Da ist das üblich. Da wird es von mir als Pfarrer auch zu recht erwartet. Aber in dieser geschäftigen Öffentlichkeit ist es anders. Ich bin verunsichert. Da gehen Menschen umher, rennen teilweise. Sie denken an ihre Besorgungen, an ihre nächsten Termine. Störungen sind nicht eingeplant. Keine Zeit. Da sind andere, die haben Zeit, lassen sich gerne stören. Sie kommen näher, können zuhören, stellen Fragen, sprechen miteinander. Der Anlass für meine Gespräche im Einkaufszentrum ist die Nacht der offenen Kirchen. Jedes Jahr führen wir sie in Koblenz durch, alle Kirchen gemeinsam, ganz ökumenisch. Die Kirchen auf einer Aktionsbühne zwischen den Geschäften mitten im Einkaufszentrum. Eine Überraschung für viele: Die Kirchen sind da, wo die Menschen sind. Wo die Menschen einkaufen und verkaufen. Sicher, der Glaube lässt sich nicht verkaufen. Aber ich gebe meinem Glauben ein Gesicht, mein Gesicht, wenn ich von meiner Kirche und meinen Erfahrungen mit dieser Kirche erzähle. Einladend. Ich spüre die Offenheit und das Wohlwollen der Menschen, die dort sind. Die sich die Zeit nehmen, diese Einladung anzuhören. „Das ist toll, hier einmal die Kirchen in ihrer Vielfalt zu erleben", sagt mir eine ältere Dame. Und sie fährt fort: „Mitten im Einkaufsgeschehen werde ich unterbrochen. Mit etwas konfrontiert, mit dem ich nicht gerechnet habe. Aber das tut gut, dass die Kirchen mitten im Leben sind." Meine anfängliche Verunsicherung verwandelt sich. Ich bin dankbar, hier sprechen zu können. Menschen ansprechen zu dürfen, von Menschen angesprochen zu werden, einladen zu können, zu mir in die Kirche, zu dem, was mir wichtig ist.

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