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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

20DEZ2025
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Vor über zweihundert Jahren haben heute, also vier Tage vor Weihnachten, die Brüder Grimm ihre berühmte Märchensammlung veröffentlicht. Eins davon ist ein echtes Adventsmärchen und es geht so: Ein Junge muss im Winter Holz aus dem Wald holen. Es hat geschneit, es ist kalt, also räumt er den Schnee weg und will Feuer machen. Da findet er einen kleinen goldenen Schlüssel. Er denkt sich: Kein Schlüssel ohne Kästchen – und tatsächlich findet er auch ein Kästchen. Der Schlüssel passt ins Schloss, er schließt auf… Und jetzt müssen wir nur noch warten, bis er den Deckel öffnet, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen sind.

Das ist ein ungewöhnliches, sehr offenes Ende für ein Märchen. Alle, die nicht warten können, bekommen eine lange Nase gedreht. Kurzweilig erzählt, aber zugleich ist da der sehr offensichtliche pädagogische Zeigefinger kurz vor Weihnachten: Lerne warten! Noch ist es nicht soweit.

In dem kurzen Märchen steckt noch eine zweite Botschaft. Die heißt: Mitten in deinem Leben kann Dir etwas Wunderbares begegnen.

Holz holen und Feuer machen, das waren damals ganz alltägliche Arbeiten. So wie heute einkaufen gehen und Essen kochen. Wenn du deine Augen offenhältst, dann findest du vielleicht den Schlüssel zu etwas Besonderem mitten in deinem Alltag. Was genau das sein wird – wer kann das vorher wissen? Und am Ende kommt es gar nicht darauf an, was für wunderbare Dinge genau sich dir auftun. Ja, das Ende kann man sogar einfach weglassen. Denn wenn du mit offenen Augen und Sinnen durchs Leben gehst, dann sind Schlüssel und Kästchen schon Grund genug zum Staunen.

Bereite dich also ruhig auf das große Fest vor und übe dich in Geduld! Aber vergiss beim Warten und Vorbereiten nicht den 20. Dezember, diesen einen Tag heute – wer weiß, was dir gerade heute vor die Füße rollt und was dir Wunderbares begegnet.

Den Deckel öffnen kannst du auch noch später.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

19DEZ2025
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Fünf Tage vor Weihnachten hat der englische Schriftsteller Charles Dickens damals seine berühmte Weihnachtsgeschichte veröffentlicht.

Er erzählt uns von Ebenezer Scrooge. Der ist seines Zeichens ein Geizhals und Menschenfeind. Für Ebenezer ist der Gedanke, Mitmenschen etwas Gutes zu tun, völlig verrückt und abwegig: „Humbug“ nennt er das Ganze. Das ist tatsächlich ein englisches Wort für absolut schwachsinnigen und unglaubwürdigen Blödsinn. Spenden? Etwas für andere tun? Am Ende etwa sogar noch miteinander Weihnachten feiern? Dafür hat Scrooge nur Hohn und Spott übrig. Wer sich nicht selbst versorgen kann - ab ins Gefängnis oder ins Arbeitslager mit ihm.

Es braucht tatsächlich sage und schreibe drei Weihnachtsgeister, damit Scrooge seine Mitmenschen und die soziale Wirklichkeit in seiner Stadt wahrnehmen kann. Eigentlich hätte Ebenezer auch von selbst darauf kommen können. Denn Charles Dickens hat ihm ganz bewusst einen seltsamen Namen aus der Bibel gegeben. Ebenezer ist hebräisch und heißt übersetzt: Stein der Hilfe. Gemeint ist damit: Die Hilfe ist fest und unerschütterlich.

Die drei Geister haben ganz schön damit zu tun, Ebenezer die Augen und das Herz zu öffnen. Denn darauf kommt es an, von Herzen zu helfen. Dann ist man nämlich selbst ganz dabei und gibt ein Stück von sich selbst. Es ist ein hartes Stück Arbeit, bis Scrooge etwas von seinem Reichtum spendet und außerdem noch das mangelernährte Kind seines Angestellten rettet. Und was vielleicht genauso wichtig ist und Scrooge wahrscheinlich noch viel mehr Überwindung gekostet hat: Jahrelang war sich immer selbst genug. Jetzt lässt er sich doch tatsächlich von seinem Neffen einladen. Diese Übung ist mindestens genauso schwer: Er kann nun nicht nur Gutes tun. Er kann es endlich auch zulassen, dass ihm jemand etwas Gutes tut.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

18DEZ2025
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„Mitläufer“ klingt im Deutschen nicht gut. Das ist jemand, der sich einer Gruppe anschließt, nur um dazuzugehören. Im schlimmsten Fall versucht er sich dadurch auch noch Vorteile zu verschaffen. Kein Wunder, dass es im Internet heißt: „Mit dem Wort ist eine negative Bewertung einer Person verbunden.“ Das kann man wohl sagen. – Könnte Gott so ein Mitläufer sein? Irgendwie scheint das ja nicht zu passen. Ist Gott nicht der, der sagt, wo es langgeht?

Gott als Mitläufer? Die Bibel kann sich das tatsächlich vorstellen. Denn Gott sagt selbst von sich: „Ich will dich begleiten und will dich behüten, wo du hingehst.“ (1. Mose 28,15) Also, vorneweg marschieren und den Weg zeigen geht anders! Dabei wäre gerade das damals, als Gott diesen Satz sagt, besonders nötig gewesen. Denn Gott spricht da mit Jakob. Und Jakob hat gerade seinen älteren Bruder um das Erbe betrogen und sich dann schleunigst aus dem Staub gemacht, als der Betrug auffliegt. Müsste diesem Jakob nicht mal der Marsch geblasen werden? Müsste man dem nicht klipp und klar sagen, wo es langgeht? Stattdessen bietet Gott Geleitschutz an. Egal welchen Weg Jakob wählt. Gott „dabbt hinnerher“, wie man bei uns sagen würde. Wir reden hier nicht vor irgendjemandem, sondern vom Schöpfer des Himmels und der Erde. Gott stellt seine ganze Macht in den Dienst eines zweifelhaften Charakters wie Jakob.

Das ist ja kaum zu glauben – hat Gott nichts Besseres zu tun? Nein, hat er nicht. Er hat sich entschieden. Er hat sich festgelegt auf Menschen wir Jakob und dich und mich. Tut alles Gottmögliche, um uns beizustehen. Gleichzeitig will er als unser Mitläufer nicht über uns bestimmen, sondern uns unsere eigenen Erfahrungen sammeln lassen. Damit wir aus Fehlern hoffentlich lernen und uns an dem freuen, was uns gelingt.

Gott hat sich entschieden: Er wird zu unserem Mitläufer. Das ist keine Charakterschwäche, das ist: Liebe.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17DEZ2025
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Seufzen ist gut für die Lunge. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es darum, nicht immer nur die üblichen flachen und kurzen Atemzüge zu machen. Wer immer mal wieder seufzt und tief ein- und ausatmet, der unterstützt seine Lunge. Denn das Seufzen hilft dabei, die Lungenflüssigkeit in der Lunge besser zu verteilen und sie besser zu durchmischen. Dadurch wird die Lunge lockerer und nachgiebiger und das Atmen fällt insgesamt leichter. *seufz* Seufzen im Dienst des Körpers, da mache ich gerne mit. Und irgendwie scheint mir das sogar ein kleiner Trick der Natur zu sein – es gibt so viel Grund zu seufzen, da ist es doch nur recht und billig, wenn das etwas zu unserer Entlastung beiträgt.

In der Bibel wird ziemlich oft geseufzt. Selbst beim Beten. Oder besser gesagt: Gerade beim Beten. Denn wer beim Beten seufzt, der zeigt Gott, dass es ihm schlecht geht. Er will seinen Kummer nicht nur in schöne Worte fassen, sondern ganz konkret zeigen, wie ihm das Leid auf die Lunge schlägt.

In der Bibel seufzen aber nicht nur Menschen. Sondern alle, wirklich alle: die ganze Welt. Der Apostel Paulus meint: Tiere, Pflanzen und unser ganzer bedrohter Planet seufzen unaufhörlich. Denn die gesamte Schöpfung wartet unter Seufzen darauf, dass die Menschen dieses Seufzen endlich hören und ernstnehmen. Und dass dadurch die Menschen endlich so werden, wie Gott sie haben will.

Jeder einzelne Seufzer ist dafür da, dass es uns nicht klamm um die Brust wird in all dem Elend und wir am Ende keine Luft mehr kriegen. Seufzen ist gut für den Körper. – Seufzen tut aber auch dem ganzen Menschen gut. Denn seufzend reden wir uns ohne Worte etwas von der Seele. Wer seufzt, nimmt das Leid unserer Erde ernst. Und das ist der erste Schritt zur Veränderung.

Also, bitte seufzen Sie! Dann fällt das Atmen leichter und auch die richtigen Entscheidungen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16DEZ2025
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Jeder Mensch
hat einen Himmel über seiner Wunde
und einen kleinen gesetzwidrigen Frühlingszettel
in seiner Tasche.

Diesen Vers hat Jannis Ritsos gedichtet. Jannis Ritsos ist ein griechischer Schriftsteller, der alle dunklen Zeiten seines Landes im letzten Jahrhundert erlebt hat. Er musste Krieg, Gewalt und Diktatur kennenlernen und wurde wegen seiner politischen Haltung mehrfach in die Verbannung geschickt. Die Poesie war für ihn unglaublich wichtig. Sie war sein Halt. Sie eröffnete ihm eine andere, größere Wirklichkeit. Sie half ihm, Gewalt und Unrecht nicht das letzte Wort zu lassen. Sondern etwas Schöneres und Besseres dagegen zu stellen:

Jeder Mensch
hat einen Himmel über seiner Wunde
und einen kleinen gesetzwidrigen Frühlingszettel
in seiner Tasche.

Dieses kurze Gedicht rührt mich an. Ja, da sind Wunden, große und kleine. Kein Mensch ist ohne Wunde. Und manche Wunde hast nur du. Aber sieh doch: Über jedem Leid und auch über deinem Leid und Kummer ist ein Himmel. Eine Weite und eine Hoffnung.

Manchmal ist dir der Himmel vielleicht zu weit weg. Oder es ist diesig und neblig und du siehst die Hand vor Augen nicht. Dann schau doch einmal in deiner Tasche nach. Da steckt ein Frühlingszettel. Vielleicht holst du den Zettel gar nicht heraus, sondern tastest nur danach und fühlst ihn nur in deiner Hand. Denn es kann sein, dass dein Zettel den Gewaltherrschern nicht gefällt. Dann erklären sie einfach, deine Hoffnung ist gegen das Gesetz. Solche Tyrannen gibt es in unserer Welt und nicht erst seit gestern weiß Gott oft genug. Sollen sie doch ruhig wüten – denn dein Zettel gibt dir die Hoffnung, dass es eines Tages wieder blüht und wächst. Er gibt dir die Zuversicht, dass allen Menschen Gerechtigkeit geschehen wird.

Auch wenn es vielleicht etwas verrückt klingt: Ich habe mir das kurze Gedicht von Jannis Ritsos abgeschrieben. Auf einen Zettel. Und in meine Jackentasche gesteckt.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

15DEZ2025
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Taylor Swift ist Milliardärin und eine auf der ganzen Welt erfolgreiche Sängerin. In diesem Jahr hat sie der Liebe zu ihrem Verlobten Travis Kelce einen Song gewidmet: The fate of Ophelia, auf deutsch: Das Schicksal der Ophelia. Mit diesem Lied spielt Taylor Swift auf das Mädchen Ophelia im Drama Hamlet an. Diese Ophelia ist hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Menschen und Einflüssen und wird aufgerieben von den Intrigen ihrer Umgebung. Am Ende des Theaterstücks ist Ophelia tot.

Doch anders als Ophelia lebt Taylor Swift! Das verdankt sie, wie sie singt, ihrem Schatz. Denn ansonsten wäre sie in Melancholie versunken. Sie wäre nur mit sich selbst beschäftigt gewesen. Aber er hat ihren Himmel erleuchtet und ihr Herz gerettet.

Es ist ein Lied über die Liebe und was ein Mensch für den anderen sein kann. Es ist ein Lied über die Liebe, das beschreibt, worauf es auch für eine der reichsten und erfolgreichsten Frauen der Welt ankommt und was wirklich zählt. Und es zeigt, dass ein Weg nicht zwingend im Elend endet, sondern dass ein Leben zum Glück führen kann: Du magst dich wie Ophelia fühlen, aber dein Schicksal ist nicht festgelegt. Du sollst leben. Das ist, sage ich als Christ, Gottes Wunsch und Wille für dich.

Am Anfang ihres Musikvideos liegt Taylor Swift da wie Ophelia auf einem Gemälde im Museum Wiesbaden. Das hat dem Museum einen gewaltigen Besucheransturm beschert. Man kann sich jetzt vor dem Gemälde Ophelias genau so wie diese und wie Taylor Swift hinlegen und fotografieren lassen.

Das Entscheidende kommt danach: Anders als Ophelia steht man wieder auf. Im Musikvideo verlässt Taylor Swift die Pose aus dem Gemälde. Und genau so machen es ja auch alle, die sich kurz hingelegt haben. Hinlegen und wieder aufstehen - wie immer du heißen magst, Taylor Swift oder ganz anders: Du sollst leben.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

14DEZ2025
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Wilson Bentley ist ein Spinner. Meinen seine Nachbarn. Denn der Bauernsohn hat eine Schwäche für Flüchtiges. Konkret für Schneeflocken. Sie faszinieren ihn. Keine zwei Schneeflocken sehen gleich aus. Und kaum ist eine auf der Hand gelandet, schmilzt sie auch schon dahin. Schneeflocken sind so schnell vergänglich, sozusagen Schnee von gestern. Statt wie seine Alterskameraden Schlitten zu fahren, will Wilson Bentley diese flüchtigen und wunderschönen Erscheinungen festhalten. Er will Schneeflocken fotografieren. Als er siebzehn Jahre alt ist, da ist es dann soweit: Wilson Bentley‘s Mutter überredet seinen Vater, dem Sohn einen Fotoapparat zu kaufen. Da wir das Jahr 1882 schreiben, ist das ein Kasten so groß wie ein kleiner Schrank. Und funktioniert auch bei weitem nicht so einfach und von selbst wie die Fotofunktion eines Smartphones heute. Bentley experimentiert drei volle Jahre herum, dann endlich hat er den Dreh heraus und weiß, was er anstellen muss, damit es ein ordentliches Foto gibt.

Zuerst wird eine einzelne Schneeflocke mit Hilfe einer Truthahnfeder auf ein schwarzes Samttuch gelegt. Das Samttuch mit der Schneeflocke kommt dann auf ein Holzbrett, das unter ein Mikroskop gelegt wird. Hinter dem Mikroskop steht schon der riesige Fotoapparat. Die Belichtungszeit wird möglichst lang gewählt. Wenn dann die Fotoplatten entwickelt worden sind, gibt es wunderschöne Aufnahmen von einzelnen Schneeflocken. Über 5.000 hat Wilson Bentley in seinem Leben gemacht, genau sind es 5.381. – 5.381 Portraitaufnahmen von unverwechselbaren, einmaligen Schneeflocken, die es so nie wieder geben wird.

Seine Leidenschaft hat Bentley einen Spitznahmen eingebracht: Snowflake, Schneeflocke. Ich finde, dass ist ein guter Spitzname. Ein Mensch wendet sich einer Sache zu, die nicht groß sein muss, die ganz klein sein darf. Und da investiert er seine Leidenschaft und Energie und Achtung für das Kleine. Und so wird aus dem Farmer ein Flockenforscher.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21JUN2025
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Nur der Esel nennt sich selbst zuerst. Ich zuerst und dann du – das ist unhöflich und keine gute Kinderstube. Ein wunderbares Sommerlied, das Paul Gerhardt gedichtet hat, geht aber genau so:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie – Achtung, jetzt kommt’s – mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

„Mir und dir“ – das passiert mir manchmal auch immer noch, obwohl es mir von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde, dass nur der Esel sich selbst zuerst nennt. Ich und du, mein und dein, mir und dir - das schreibe ich auf die Schnelle schon einmal in dieser Reihenfolge, aber genauso schnell ist es auch wieder korrigiert, noch bevor es irgendjemand merkt. Damit ich nicht als Esel dastehe.

Paul Gerhardt, der berühmte Liederdichter aber, der hat es in dieser Liedstrophe einfach stehen lassen: Mir und Dir. Was ist nur in ihn gefahren, dass er sich selbst zuerst nennt? Ich glaube, er ist einfach so begeistert über all die Schönheit der Natur. Er sieht wunderschöne Gärten und denkt: „Alles grünt und blüht. Die vielen Blumen! Die ganze Welt hat sich geschmückt – für mich! Ein Geschenk Gottes – natürlich für alle Menschen, aber in diesem Moment doch zuallererst einmal für mich.“
Und Paul Gerhardt will kein störrischer Esel sein, der über dieses Geschenk hinwegsieht. Er spürt: Gott meint es gut mit mir. Denn mir zeigt Gott alle diese Herrlichkeiten, auch für mich hat er das gemacht. Ich soll das sehen. Ich soll die Augen aufmachen und aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Gott beschenkt mich. Tut mir Gutes. Und nur wenn ich das begreife, und mich darüber freue, kann ich es weitergeben. Nur wenn ich glücklich bin, kann ich andere mit diesem Glück anstecken. Es muss von mir ausgehen. Deshalb heißt es zuerst "mir“ und dann „dir“.

Heute beginnt der Sommer. Zuerst für mich und dann auch für alle anderen.
Eine unhöfliche Formulierung gegen falsche Bescheidenheit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42387
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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

21JUN2025
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Nur der Esel nennt sich selbst zuerst. Ich zuerst und dann du – das ist unhöflich und keine gute Kinderstube. Ein wunderbares Sommerlied, das Paul Gerhardt gedichtet hat, geht aber genau so:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie – Achtung, jetzt kommt’s – mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

„Mir und dir“ – das passiert mir manchmal auch immer noch, obwohl es mir von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde, dass nur der Esel sich selbst zuerst nennt. Ich und du, mein und dein, mir und dir - das schreibe ich auf die Schnelle schon einmal in dieser Reihenfolge, aber genauso schnell ist es auch wieder korrigiert, noch bevor es irgendjemand merkt. Damit ich nicht als Esel dastehe.

Paul Gerhardt, der berühmte Liederdichter aber, der hat es in dieser Liedstrophe einfach stehen lassen: Mir und Dir. Was ist nur in ihn gefahren, dass er sich selbst zuerst nennt? Ich glaube, er ist einfach so begeistert über all die Schönheit der Natur. Er sieht wunderschöne Gärten und denkt: „Alles grünt und blüht. Die vielen Blumen! Die ganze Welt hat sich geschmückt – für mich! Ein Geschenk Gottes – natürlich für alle Menschen, aber in diesem Moment doch zuallererst einmal für mich.“
Und Paul Gerhardt will kein störrischer Esel sein, der über dieses Geschenk hinwegsieht. Er spürt: Gott meint es gut mit mir. Denn mir zeigt Gott alle diese Herrlichkeiten, auch für mich hat er das gemacht. Ich soll das sehen. Ich soll die Augen aufmachen und aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Gott beschenkt mich. Tut mir Gutes. Und nur wenn ich das begreife, und mich darüber freue, kann ich es weitergeben. Nur wenn ich glücklich bin, kann ich andere mit diesem Glück anstecken. Es muss von mir ausgehen. Deshalb heißt es zuerst "mir“ und dann „dir“.

Heute beginnt der Sommer. Zuerst für mich und dann auch für alle anderen.
Eine unhöfliche Formulierung gegen falsche Bescheidenheit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42375
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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20JUN2025
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Marc Aurel ist zwar schon über 1.700 Jahre tot, aber in Trier kann man ihn jetzt dennoch kennenlernen: Eine große Landesausstellung beschäftigt sich mit diesem römischen Kaiser Marc Aurel. Das römische Reich ist längst untergegangen und welcher Kaiser wann gegen wen gesiegt oder verloren hat, ist Geschichte.

Kaiser Marc Aurel war aber gleichzeitig ein Philosoph. Und er hat aufgeschrieben, was für ihn wichtig war. Dabei ging es ihm um Haltung. Wie verhalte ich mich richtig, nicht nur von Fall zu Fall, sondern grundsätzlich? Natürlich sind das zunächst nur Worte. Aber Marc Aurel bemühte sich, sie mit Leben zu füllen und sie in die Tat umzusetzen. Solange er lebte, hat er immer wieder über seine Lebensführung nachgedacht. Er war keiner, der einfach in den Tag hinein lebte. Er war ein reflektierter Mensch. Und auch wenn kein Tag wie der andere ist, wollte er doch jeden Tag mit dem gleichen Grundgerüst beginnen. Da geht es immer und immer wieder nicht um die Theorie oder bloße Worte, sondern um das ganz konkrete Tun. Da nahm er auch sich selbst als Kaiser nicht aus:

„Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften für einen guten Menschen zu sprechen – es kommt darauf an, einer zu sein. Kann mir jemand überzeugend darlegen, dass ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich’s mit Freuden anders machen. Denn derjenige nimmt Schaden, der an seinem Irrtum festhält.“

Stark, was Marc Aurel sich und uns da ins Stammbuch schreibt. Ob das immer so einfach war, zu hören, was man falsch macht? Ob das immer geklappt hat, sich einzugestehen, dass man nicht vollkommen ist?

Er hat sich selbst Mut zugesprochen für jeden neuen Tag und jeden neuen Anfang: „Lass deinen Eifer und Mut nicht sinken, wenn dir etwas nicht gelingt, sondern fange, wenn dir etwas misslungen ist, von neuem an.“

In Trier kann man Goldmünzen und Standbilder von Marc Aurel bestaunen. Da ist alles herrlich und toll und majestätisch. Seine Worte finde ich noch herrlicher, denn aus ihnen kann ich lernen: Auch ein Kaiser ist nur ein Mensch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42386
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