Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


17AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einiger Zeit bin ich zufällig auf eine ganz besondere Ebay-Auktion gestoßen. Ein „Space Patrol Car“, ein altes 17 Zentimeter langes Fantasieauto für Patrouillen im Weltraum, wurde versteigert und fand schließlich für sage und schreibe 7.350 Dollar einen neuen Besitzer. Ich fand das Fahrzeug ehrlich gesagt keineswegs besonders schön. Außerdem hatte es deutlich erkennbare Gebrauchsspuren.

Wahnsinn, dachte ich. So viel Geld für ein altes Spielzeugauto. Sicher ein Liebhaberpreis. So etwas wird sich nur ein echter Liebhaber kaufen, jemand, der in diesem Auto viel mehr sieht als ich.

Liebhaberpreis. Bei diesem Stichwort blieben meine Gedanken hängen. Ist das nicht auch der Schlüssel, um Gottes Liebe zu uns Menschen zu verstehen? Es liegt nicht an mir und meinem Wert. Es liegt an Gott. Er sieht in mir etwas Wertvolles und Schönes, das ich womöglich gar nicht wahrnehme. Ihn interessieren nicht die Gebrauchsspuren und Schrammen, die mich beschäftigen, weil sie die schöne Fassade meines Lebens beeinträchtigen. Gott sieht in mir vor allem seine eigenen Spuren. Schließlich sind wir seine Geschöpfe. Und deshalb bezahlt er für uns einen Liebhaberpreis. Das sagt die Bibel jedenfalls: So sehr liebt Gott diese Welt, dass er für ihre Erlösung einen Liebhaberpreis zahlt und seinen einzigen Sohn in die Welt schickt und für die Schuld der Menschen sterben lässt (nach Johannes 3,16).

Haben sie schon mal bei einer Margerite die einzelnen Blütenblätter abgerupft: Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Ich bin unsicher. Werde ich wirklich geliebt? Ist es wirklich Liebe, was mein Gegenüber mir entgegenbringt? Kann der andere mich überhaupt lieben? Bin ich es wert, geliebt zu werden. Solche Fragen sind keineswegs nur auf die Liebe zwischen Menschen beschränkt. Viele können sich nicht vorstellen, dass Gott sie lieben könnte, wo er doch allwissend ist. Sie gehen ihm deshalb lieber aus dem Weg, oder versuchen, es ihm irgendwie recht zu machen, ein guter Mensch zu sein, Geld zu spenden, sich zu engagieren.

Solange wir auf uns selbst schauen, kommen wir aus der Spirale des Zweifels nie heraus. Aber wenn wir uns den Liebhaberpreis anschauen, den Gott für uns hingelegt hat, dann wird klar: Er liebt mich tatsächlich. Ich bin liebenswert!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35990
16AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich kenne einen schmalen verwunschen Weg entlang an einem kleinen Bach. Auf der anderen Seite des Bachs steigt die Landschaft sofort steil an, und nur mit großer Mühe kann man dort hinaufklettern. Geht man diesen Weg, kommt man nach einiger Zeit – tief im Innern des Waldes – an eine kleine, verwitterte Brücke, die den Bach überquert. Das Erstaunliche ist: die Brücke endet im Nichts. Oder richtiger: Sie stößt im rechten Winkel auf den Berg – und dort geht es nicht weiter.

Die Brücke hat meine Neugier geweckt, und so bin ich den Hang hinaufgeklettert. Oben angekommen habe ich nicht schlecht gestaunt: der vermeintliche Berg war nichts anderes als ein gewaltiger Damm, den man vor vielen Jahrzehnten für eine inzwischen stillgelegte Eisenbahnstrecke aufgeschüttet hatte. Heute ist er von Bäumen bewachsen und von Sträuchern überwuchert. Mit Abstand betrachtet könnte man meinen, er sei schon immer ein natürlicher Bestandteil der Landschaft gewesen. Aber das stimmt nicht.

Ich stelle mir die Zeit vor dem Bau der Eisenbahnstrecke vor. Es muss hier früher ganz anders ausgesehen haben als heute. Jenseits des Walls gibt es Felder und Weiden. Die Landschaft muss weit und hell gewesen sein. Vermutlich sind die Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken über diese Brücke auf ihre Felder gefahren. Ja, so muss es gewesen sein. Sonst macht eine Brücke an dieser Stelle überhaupt keinen Sinn.

Dieser Ort ist für mich zu einem Symbol geworden. Er macht mir deutlich: auch mein Leben hört nicht einfach an den Wällen auf, die mir den Blick versperren. Ich glaube nicht, dass Essen, Schlafen, Arbeiten, Erfolg haben, Feiern, Leiden und Sterben alles sind.

Für mich ist Jesus Christus so eine Brücke über den Bach, die zum Fragen und Nachforschen animiert. -“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6)“, hat Jesus gesagt. Der Weg zu Gott, der Weg ins Weite. Die Worte von Jesus klingen mystisch und rätselhaft, aber inzwischen kann ich damit durchaus etwas anfangen:  Es tut mir gut, in Gottes Nähe zu sein, ihn als meinen „Vater“ anreden zu können. Ich freue mich, dass ihn mein ach so durchschnittliches Leben interessiert. Ich weiß: er kann mich gebrauchen in dieser Welt. Wenn ich mich von ihm prägen lasse, kann ich etwas von seinem Wesen widerspiegeln. Gott hat etwas mit mir vor. – Ein echt gutes Gefühl! Für mich vergleichbar mit dem Blick vom Bahndamm in die weite Landschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35989
15AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einiger Zeit waren wir mit unseren Enkeln im Karlsruher Zoo. Besonders das Dickhäuterhaus mit den Flusspferden, Elefanten und Flamingos beeindruckte die Kinder sehr. „Und das alles hat Gott gemacht!“, rief der Dreijährige mit lauter Stimme durch die Halle. „Die Nilpferde hat Gott gemacht. Die Elefanten hat Gott gemacht. Die Vögel hat Gott gemacht, und die Brücke hat Gott gemacht.“ „Nein“, unterbrach seine ältere Schwester die Begeisterung. „Die Brücke haben Menschen gemacht. Aber Gott hat gemacht, dass die Menschen Brücken bauen können!“ – Ganz schön viel Theologie mitten im Zoo. Alle konnten hören, wie selbstverständlich die beiden Gott hinter der Schöpfung sehen und wie beeindruckt sie von seinen Geschöpfen sind. Zugegeben, dass sie so denken, liegt auch daran, dass ihre Eltern und wir ihnen davon erzählt hatten.

Auf den ersten Seiten der Bibel wird berichtet, dass Gott sprach, und sich die Schöpfung daraufhin entfaltete. „Am Anfang war das Wort“, heißt es im Johannes-Evangelium (Joh 1,1). Natürlich war das Wort des Schöpfers mehr als Sprache und Klang. Es war ein unendlich kraftvoller Impuls, der von Gott ausging. Das ganze Potenzial Gottes, aber auch sein Wesen, seine Liebe, seine Pläne und seine Kreativität steckten in diesem Wort. Bis heute wird darüber gestritten, wie man sich den Beginn der Welt vorstellen soll. Ich kann mit den Aussagen der Bibel viel anfangen. Ich bin überzeugt, unsere gesamte Existenz verdanken wir tatsächlich einem Impuls, der von Gott ausging. Mir ist klar, das wird nicht jeder so sehen. Und beweisen kann ich auch nicht, dass diese Welt durch Gott entstanden ist.

Ist das denn überhaupt von Bedeutung? Ich denke, dass es wichtig ist, zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Die Bibel macht immer wieder deutlich: Gott ist kein abstraktes Prinzip, sondern er hat Absichten und Wünsche. Es gibt die Welt, weil Gott eine Welt haben wollte. Und es gibt uns Menschen, weil Gott Menschen wollte – als sein Gegenüber. Ich bin gewollt und kein Produkt des Zufalls. Es gibt mich, weil ich einen Vater im Himmel habe, der mich kennt, der mich sieht und der möchte, dass ich lebe.

Für mich ist das eine Grundaussage des christlichen Glaubens, eine Art biblischer Standard von der ersten bis zur letzten Seite. Das wissen jetzt schon unsere Enkelkinder. Und ich wünsche ihnen, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35988
18SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wählen gehen ist Christenpflicht! – Entschuldigen Sie bitte, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle. Aber die Angelegenheit drängt, denn die Wahlen stehen ja vor der Tür. Da finde ich es wichtig, diesen Gedanken in die aktuelle Diskussion mit einzubringen. Nämlich: Um Gottes willen wählen gehen!

Viele haben ja schon gewählt oder wissen genau, wo Sie bei der Wahl am nächsten Sonntag Ihr Kreuzchen machen. Andere sind aber auch unsicher: Wen oder welche Partei soll ich denn wählen, wenn ich mich mit keiner so ganz identifizieren kann? Und manche Christen fragen sich vielleicht: Muss ich wirklich wählen gehen? Steht darüber denn überhaupt etwas im Neuen Testament? Hat Jesus selbst sich nicht ganz bewusst aus der Politik herausgehalten?

Recht bekannt ist ja seine Aussage: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21). Damit legt er den Grundstein für die Trennung von Kirche und Staat bis auf diesen Tag. Und das ist gut so. – Aber was bedeutet denn der andere Aspekt, nämlich dem Kaiser zu geben, was dem Kaiser zusteht? Wir leben nicht in einem Kaiserreich, sondern in einer Demokratie. Da wird zu Recht von uns erwartet, dass wir uns am Zustandekommen einer möglichst guten Volksvertretung und einer arbeitsfähigen Regierung beteiligen. Indem wir wählen gehen.

Wenn ich Jesu Hinweis ernstnehme, ist das Wählengehen also sogar Christenpflicht. Für mich ergibt sich daraus: Ich werde auf dem Hintergrund meiner Werte und christlichen Überzeugungen einen Schwerpunkt setzen und eine Wahl treffen. Die Achtung der Menschenwürde, Respekt vor Andersdenkenden und Nächstenliebe sind mir zum Beispiel wichtig. Aber auch die Bewahrung von Gottes Schöpfung und das Handeln nach rechtsstaatlichen Prinzipien gehören dazu. Da gibt es aus meiner Sicht eine große Schnittmenge mit Aspekten, für die auch Jesus sich eingesetzt hat. Selbstverständlich gehört auch die freie Religionsausübung dazu. Andere werden vielleicht andere Akzente setzen. Damit kann ich gut leben. Mir ist bewusst, dass möglicherweise auch Inhalte, die ich nicht mittragen kann, von den Abgeordneten, die ich gewählt habe, beschlossen werden. Wie soll das auch anders sein, wenn so viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen ihre Stimme abgeben? Ich habe deshalb nicht die Erwartung, dass die Politiker alles genau so umsetzen, wie es aus meiner christlichen Sicht wünschenswert wäre. Aber ich bin dankbar dafür, in einem Staat zu leben, in dem meine Meinung ernst genommen und in einer demokratischen Wahl abgefragt wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33889
17SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Das heißt nicht Tokomade. Das heißt Schlottelade!“ Unser jüngster Sohn sprach noch nicht lange, aber immerhin konnte er zum Ausdruck bringen, dass er zum Frühstück Schokocreme auf dem Brot haben wollte. Sein Bruder, sprachlich offensichtlich auch noch entwicklungsfähig, versuchte ihm den richtigen Begriff dafür beizubringen. „Das heißt nicht Tokomade. Das heißt Schlottelade!“ – Die lustige Begebenheit hat sich uns ins Gedächtnis eingeprägt. Aber für mich ist sie zugleich mehr, als eine nette Anekdote. Sie erinnert mich an Jesu Worte von den blinden Blindenführern (Mt 15,14). Da will jemand anderen den Weg zeigen und in Wahrheit hat er oder sie selbst keinen Durchblick. Was bei den Kindern noch witzig ist, wird in der Welt der Erwachsenen zu einer echten Bedrohung. Die Katastrophen der letzten Monate – Corona, das Hochwasser und der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan – haben vielfach das Gefühl der Verunsicherung hinterlassen. Wer hat eigentlich noch Durchblick? Wer kann die Fülle immer neuer Probleme überhaupt noch bewältigen? Werden wir längst von blinden Blindenführern regiert? Ich stecke da mittendrin. Was mache ich damit?

Einstimmen in den Chor der Ankläger und Unzufriedenen? Ein paar polemische Kommentare öffentlich posten? Aber kann das richtig sein? Ich habe zwar eine Meinung zu diesem und jenem.  Aber den großen Durchblick und die klare Lösung habe ich nicht. Und mir fallen durchaus große und kleine Ereignisse aus meinem Leben ein, mit denen ich total überfordert war, oder in denen ich mit meiner Sicht voll daneben lag. Das macht mich demütig und zurückhaltend, wenn es um Schuldzuweisungen geht.

Nein, ich möchte mich nicht in den Chor der Ankläger und Unzufriedenen einreihen. Viel lieber will ich für die Verantwortlichen beten. – Was soll das denn bringen, kann man einwenden. Vermutlich nicht die Stimme vom Himmel, die den Ausweg erklärt. Aber ich hole Gott damit ins Boot und bekenne vor ihm, wie sehr ich mit dem Rücken zur Wand stehe und von wem ich letztlich Hilfe erwarte. Und mehr noch. Ich vertraue die Verantwortungsträger und damit auch meine Sorgen dem Einflussbereich Gottes an. Oder wie die Bibel das nennt, ich bitte ihn um seinen Segen. Mit welchen Worten man das macht, ist übrigens völlig belanglos. Bei Gott wird es schon ankommen. So wie ich meine Kinder verstanden haben, als sie von Tokomade und Schlottelade sprachen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33888
16SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einiger Zeit habe ich mir einen Jahreswagen gekauft. Noch ziemlich neu und wenig gefahren. Er war ordentlich ausgestattet, aber auf einiges musste ich auch verzichten. Er zeigte mir zum Beispiel an, wenn ich zu dicht auffuhr, aber er konnte den Abstand nicht automatisch für mich regeln. Schade, aber so ist das nun einmal, wenn man ein gebrauchtes Auto kauft. Dachte ich. Aber dann entdeckte ich, dass die sogenannte Automatische Distanzregelung sehr wohl eingebaut war. Ich musste sie nur noch freischalten lassen. Ist das nicht verrückt? Da wünscht man sich so eine Funktion für sein Auto und ahnt gar nicht, dass sie sich so leicht aktivieren ließe. 

Ich kenne den Wunsch nach Hilfe und Unterstützung aus vielen Bereichen in meinem Leben. Durchaus auch beim Abstandhalten. Welche Themen lasse ich wie nah an mich herankommen? Und wo bleibe ich lieber auf Distanz? Wie schnell und wie intensiv jage ich durchs Leben? Wo stresse ich mich in unnötiger Weise, obwohl ich gar keine Chance habe voranzukommen. Wo gehe ich unnötige Risiken ein? Aber auch: Wann ist es dran, Gas zu geben, die Chance der freien Strecke zu nutzen, anstatt zu zögern? Etwa wenn ich erwäge, den Job zu wechseln, obwohl das nicht ohne Risiko ist. Wenn ich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin bin und die Ampel auf Grün steht. Oder doch nicht? Oder auch: Wenn mir das ideale Appartement im Seniorenzentrum angeboten wird und sich gleichzeitig alles in mir dagegen sträubt. 

Es gibt da etwas, das mir viele Jahre meines Lebens nicht vertraut war, obwohl es bereits in mir angelegt war. Nämlich die Möglichkeit, in solche Fragen Gott mit einzubeziehen. Nein das läuft nicht so technisch ab wie bei der Automatischen Distanzregelung. Gott nimmt mir die Entscheidungen auch nicht aus der Hand. Aber er lässt mich spüren, wenn eine Situation meine besondere Aufmerksamkeit erfordert. Wenn ich – im Bild gesprochen – zu dicht auffahre. Wenn ich zu eilig und zu getrieben unterwegs bin. Manchmal signalisiert er mir so deutlich, dass ich es nicht überhören kann: Du musst nicht alles haben, überall dabei sein und schon gar nicht dein Fähnchen nach jedem Wind drehen. Und manchmal bremst er mich tatsächlich auch völlig aus. Und das ist gut so. In den Psalmen heißt es einmal (Ps 86,11): „Herr, zeige mir den richtigen Weg, damit ich in Treue zu dir mein Leben führe!“ – Ich mag diesen Bibelvers und bete an jedem Morgen so oder so ähnlich. Und ich bin froh, dass ich dieses Potenzial meines Lebens entdeckt und aktiviert habe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33887
15SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Abend hatte so gut angefangen. Ein Restaurantgutschein über hundert Euro wartete auf seine Einlösung. Ihn auszugeben war überhaupt kein Problem! Die böse Überraschung kam dann mit der Rechnung. Das Restaurant war vor kurzem in Konkurs gegangen, und der neue Inhaber wollte den Gutschein nicht mehr akzeptieren. Und das, obwohl das Restaurant immer noch denselben Namen trug. Das Layout des Gutscheins war völlig identisch mit den neuen Gutscheinen auf der aktuellen Homepage. Alles Argumentieren half nichts. Also habe ich am Ende das Essen mit der Kreditkarte bezahlt.

Mein Gutschein wurde offenbar von den Ereignissen überholt. Das, wofür er stand, existierte nicht mehr. Das erlebe ich zurzeit in vielen Zusammenhängen: Ich kann nicht mehr davon ausgehen, dass morgen noch gültig ist, was heute selbstverständlich scheint. Bei vielen Menschen macht sich ein Gefühl der Verunsicherung breit. Selbst Firmen mit jahrzehntelanger Tradition müssen aufgrund von Corona ihre Mitarbeiter entlassen. Wie soll ich für mein Alter vorsorgen, wenn es zu einer hochkomplizierten Angelegenheit wird, Erspartes sinnvoll anzulegen, weil es keine Zinsen mehr gibt? Menschen, die ihr Leben lang für ihr Häuschen gespart haben, müssen zusehen, wie es von Flutwellen mitgerissen wird. Wie soll man vertrauensvoll sein gegenwärtiges Leben gestalten, wenn die Hoffnung in die Zukunft verlorengeht? Auf was kann man sich dann überhaupt noch verlassen?

Ein Obstbauer im Kraichgau brachte mich kürzlich ins Nachdenken. Bei einer Führung auf seinem Hof erzählte er, wie unsicher für ihn und die gesamte Branche der Anbau geworden sei. Zum Beispiel seien an die Stelle einer durchgängigen Winterperiode in den letzten Jahren mehrere kurze Wechsel von Frost und milden Temperaturen getreten. Das führe zu einem verfrühten Austreiben der Bäume und anschließend zum Erfrieren der jungen Triebe. Aber dann sagte er etwas Bemerkenswertes darüber, wie er damit umgeht: „Wir müssen wieder viel mehr unsere Abhängigkeit von der Natur ernst nehmen und begreifen, wie angewiesen wir auf Gottes Treue sind.“ Er war offensichtlich ein Mensch, der bewusst aus dem Glauben heraus sein Leben und seinen Betrieb führte. Am Ende zitierte er noch ein uraltes Versprechen Gottes aus der Bibel: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Gen 8,22). – Ich war beeindruckt und dachte: Was für ein Schatz ist es, sich mit diesem Grundvertrauen im Rücken den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33886
14SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Kinder haben mir zum Geburtstag eine Stirnleuchte geschenkt. Und zwar die beste, die es auf dem Markt gibt. Ich hatte sie mir gewünscht, weil ich sie auf meinen Wanderungen mitnehmen wollte. Oft schon hat eine Tour länger gedauert als geplant, und eh ich mich versah, war die Dämmerung hereingebrochen. Das kann ganz schön unangenehm werden, denn der Weg im Wald ist manchmal sehr uneben und dadurch gefährlich. Auch Abzweigungen und die Wanderzeichen an den Bäumen sind im Dunkeln kaum mehr zu erkennen. Aber jetzt habe ich ja meine Stirnlampe. So lässt sich der Weg gut ausleuchten, und Gefahren sind frühzeitig zu erkennen. – Wenn es doch nur im Leben auch so einfach wäre. Schnell den Knopf drücken und schon wird es hell und ich habe wieder Durchblick. Aber jeder weiß, dass das nicht funktioniert. Manchmal kommt einfach alles zusammen: Gesundheitliche, finanzielle, berufliche Einschläge. Konflikte in der Familie mit den Kindern oder in der Ehe. Und dann noch die immer neuen Katastrophenmeldungen und Krisenberichte im Fernsehen. Wie soll man da nach vorne gehen?

Da bietet auch der Glaube keine einfache Lösung an.  Und doch wird in der Bibel immer wieder berichtet, wie Menschen mit Gott um gute Entscheidungen und den richtigen Weg ringen. Dabei passiert etwas mit ihnen und mit mir. Indem ich meine Situation und meine Fragen im Gebet vor Gott ausbreite und mit Jesus innerlich darüber diskutiere, werde ich ruhig. Das ist nur der erste Schritt, um aus der dunklen Abwärtsspirale meiner Gefühle herauszukommen. Aber er gibt mir so viel Abstand zu meinen Gedanken, dass ich sie ordnen kann. Wichtiges wird wichtig, und Belangloses wird belanglos. Und mehr noch: In diese Situation spricht Jesus manchmal auch direkt hinein. Nicht wie ein Mensch, aber doch so, dass auf einmal neue Aspekte, Gedanken und Impulse in mir aufblitzen. „Es denkt in mir“, nenne ich das gerne. – Nein, die Probleme sind dadurch nicht weg, und der bisweilen beschwerliche Weg liegt immer noch vor mir. Vielleicht erkenne ich die Bedrohung, die auf mich zukommt sogar deutlicher als vorher. Aber das ist doch etwas! So kann ich vorwärtsgehen, egal wie lang und schwierig der Weg ist. Für mich ist das die Erfahrung, die Jesus selbst einmal so beschreibt, als er sagte: „Ich bin das Licht der Welt“ (Jh 8,12). Gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich auch heute wieder in eine Situation gerate, in der ich genau darauf angewiesen bin.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33885
13SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Warum musst du denn jetzt weg?“ fragt mich mein Enkel enttäuscht beim Frühstück am Sonntagmorgen. Er ist mit seinen Eltern am Wochenende zu Besuch, und da ist es wirklich schade, dass ich jetzt nicht mehr dabei sein kann.

„Ich habe einer Gemeinde versprochen, dass ich heute komme und den Menschen von Gott erzähle“, versuche ich eine kindgemäße Antwort zu geben. „Kennst du denn den lieben Gott?“, fragt mein Enkel erstaunt zurück. So offen und direkt wie nur Kinder fragen können. – Die Gemeinde ist etwas entfernt, und so habe ich Zeit, auf der Autobahn über die Frage meines Enkels nachzudenken. Über sein Erstaunen, dass so etwas überhaupt möglich sein soll: Gott persönlich kennen. Und noch erstaunlicher, dass jemand der ihm so vertraut ist und doch einigermaßen normal erscheint wie sein Opa, ein Bekannter von Gott sein soll. – Gibt es das wirklich?

Viele werden das ganz klar bestreiten. Für sie ist jede Form von Religion ein Wunschtraum des Menschen, ein innerpsychischer Vorgang. Vielleicht auch nur ein chemischer Prozess im Gehirn. Andere denken, wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann ist er das letzte Geheimnis unserer Existenz. Aber doch kein Faktor, an dem ich mein Leben ausrichten würde. Es ist ja auch etwas Ungeheuerliches, sich vorzustellen, dass der allmächtige Schöpfer des Kosmos an mir trotz meiner Durchschnittlichkeit und Unvollkommenheit Interesse haben soll. Doch genau das ist die zentrale Botschaft der Bibel. Dass es zu Gottes Macht und Größe gehört, jeden einzelnen wahrzunehmen. Und dass Gott seinem Wesen nach Liebe ist und deshalb Interesse an der Beziehung zu seinen Menschen hat.

Das geht so weit, dass Jesus sagt, wir dürften zu Gott „Vater“ sagen. Eigentlich steht da im Vater-Unser-Gebet sogar Papa, Abba. – Nein, beweisen kann ich das nicht. Und ich gebe zu, angesichts der derzeitigen Turbulenzen in der Welt fällt es nicht immer leicht, an das Wirken eines allmächtigen, liebevollen Gottes zu glauben. Aber erzählen möchte ich trotzdem davon. Über das, was in der Bibel dazu steht. Wie wichtig es für mich ist, mein Leben im Gebet mit Gott durchzusprechen. Und wie schön es ist, immer wieder Impulse von ihm dazu zu bekommen. Jesus geht einmal so weit, dass er sagt: Gott zu kennen, bedeutet wirklich zu leben (Jh 17,3). Ich weiß nicht, ob Sie dem zustimmen können. Ich jedenfalls finde mich darin voll wieder. Und ich weiß, dass viele Menschen sich im Innersten danach sehnen. Deshalb erzähle ich davon. Im Gottesdienst, im Gespräch mit meinem Enkel, oder hier an dieser Stelle.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33884
05SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Kaum zu glauben, aber für ein paar Wochen schienen Gottesdienste und die Möglichkeiten trotz Corona daran teilzunehmen geradezu ein Thema von nationaler Bedeutung zu sein. Doch inzwischen ist die Beschäftigung mit den Angeboten der Christen wieder auf ihr altes Normalmaß reduziert. Schon Paulus weiß, dass die Verkündigung des Evangeliums keineswegs immer auf Interesse stößt. Und das hat Gründe: Das Evangelium, das Wort vom Kreuz ist für die einen ein Ärgernis und für die anderen eine Torheit, schreibt er. Entweder Zumutung und Provokation, oder dummes Zeug und unlogischer Quatsch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auf der einen Seite stehen Menschen, die es mit der Moral ernst meinen. Sie bemühen sich, gute Menschen zu sein. Sie trennen sorgfältig den Müll, helfen bei der Tafel, spenden für Katastrophenfonds und engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr. Keine Frage, wenn alle so wären, sähe die Welt besser aus. Was brauchen sie Gott? Für Menschen wie sie ist das Evangelium häufig eine unverschämte Provokation: Wie bitte? Auch sie sollen auf die Vergebung und Hilfe Gottes angewiesen sein?

Die andere Front ist nicht weniger brisant, denn es stimmt ja: alle wichtigen Elemente des Glaubens wirken unlogisch und sind dem Verstand nicht ohne weiteres zugänglich. Unfassbar, was diese Christen glauben und bekennen: Dass Gott selbst nach einer Empfängnis ohne Beteiligung eines Mannes in einem Stall als Baby zur Welt gekommen sei. Dass ausgerechnet das erbärmliche Sterben von Jesus auf einem Hügel bei Jerusalem die Rettung der ganzen Welt bedeute. Dass er anschließend von den Toten auferstanden sei. Und so weiter. – Ja geht es noch verrückter? Wer soll denn so etwas glauben?

In unserer Zeit kommt noch hinzu, dass die Themen des Evangeliums viele Zeitgenossen überhaupt nicht interessieren. Ob Jesus auferstanden ist oder nicht? Mag sein. Für mich ist es nicht wichtig. Mich interessiert vielmehr: Wie bewältige ich meine Krisen und Konflikte? Was macht mich erfolgreicher, schöner, glücklicher und zufriedener?

Und doch gibt es immer noch und immer wieder neu Menschen, die wissen, dass wir uns letztlich die Welt nicht selbst erklären können und uns auch nicht selbst von unserer Unzulänglichkeit und Begrenztheit befreien können. Dass wir Gott brauchen, um mitten in Unsicherheit und Verwirrung Kurs zu halten. – Ein Gutes hat die Coronakrise immerhin. Nie war es so einfach, am Sonntagmorgen zum Beispiel über Youtube an einem inspirierenden Gottesdienst teilzunehmen. Ich freu mich schon darauf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31583