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Anerkennung ist ein Lebensmittel. Sie ist so lebensnotwendig wie Essen und Trinken. Menschen leben nicht vom Brot allein, sondern von Worten und Gesten, die ihnen Ehre erweisen. Die sie aufbauen, loben, auszeichnen, würdigen. Wie neulich, als ein Abiturient sich bei mir für den Religionsunterricht bedankte und mir sogar ein kleines Geschenk überreichte. Das hatte ich nicht erwartet und auch noch nie erlebt, und ich spüre, wie mich diese Ehrung beflügelt. Und wenn ein Mensch ein gewisses Alter erreicht hat, dann darf er oder sie auch so geehrt und anerkannt werden – es ist kein schlechter Brauch, sich zu erheben, wenn ältere Personen den Raum betreten.

Freilich wird vielen Menschen diese Anerkennung verweigert. Sie wollen Arbeit, wollen etwas leisten und finden keine Abnehmer. Auch im Kulturbereich nehme ich das wahr: Hochqualifizierte Musiker spielen in unseren Städten mit dem Hut vor den Füßen. Bücher von erstklassigen Autoren werden verramscht.

Das aber ist nicht richtig. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor, heißt es in der Bibel. Das gilt zunächst völlig unabhängig von dem, was ein Mensch leisten kann, welche Hautfarbe oder sonstige Eigenheit er oder sie hat. Ehre sei dem Menschen, denn er ist ein Geschöpf Gottes. Dann aber auch: Ehre sei den Menschen für das, was sie an Gutem und Schönen hervorbringen. Meinen Eltern gebührt z.B. Ehre, weil sie mir das Leben gegeben haben, meinen Kindern, weil sie mich trotz meiner Ecken und Kanten noch lieben. Auch manchen meiner Lehrer bewahre ich ein ehrendes Andenken. Denn inzwischen ist mir klar geworden: was Menschen im positiven Sinne leisten und füreinander tun, verdankt sich der Güte Gottes. Gott schenkt die Gaben, die Kraft, die Liebe, um etwas zu schaffen, etwas, das anderen dient und sie erfreut. „Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre“ schreibt Bach auf seine Manuskripte. Sehr weise, finde ich. Denn wenn ich einem Menschen Anerkennung zeige oder mir solche zuteil wird, dann soll ich Gott diese Ehre nicht vorenthalten. Er ist der Grund für alles, was Menschen aneinander achten und schätzen können. Mehr als alles andere verdient er mein Lob, meine Ehrerbietung.

Menschen achten. Gott die Ehre geben. Beides gehört für mich zusammen. Ein guter Brauch, sich zu erheben, wenn es im Gottesdienst erklingt: Soli Deo Gloria.

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Jeder Mensch will das Beste aus seinem Leben zu machen.
Das ist sinnvoll und legitim, und dennoch kann es passieren, dass er das Leben verfehlt. Es gibt Einflüsse, die das fördern. Die Bibel nennt solche Einflüsse in der Sprache des Mythos „dunkle Mächte“. Sie wollen Menschen unter ihre Kontrolle bringen und sein Leben zerstören.
So ist es in der Geschichte, die von der Versuchung Jesu erzählt. 40 Tage hat Jesus gefastet, 7 Wochen ohne Nahrung, ohne Menschen. Es hungerte ihn, heißt es lapidar.
Und da hört Jesus eine Stimme: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann sprich zu diesen Steinen, dass sie Brot werden.“ Eigentlich ist das ein vernünftiger Rat, er klingt fürsorglich und sensibel. Und diese Stimme unterscheidet sich kaum von den freundlichen Stimmen, sich auch um mein Wohl bemühen, die mich ermutigen, mir etwas Gutes zu gönnen. Ist es nicht völlig legitim, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die einem gegeben sind?
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht, antwortet Jesus. Diese Antwort macht stutzig. Ist Brot denn etwas Schlechtes? Nein, würde Jesus antworten. Aber Brot allein, Brot nur für sich selbst, ohne Blick für den Nächsten, das ist gefährlich. Brot – das meint ja alle guten Gaben, Gesundheit, Arbeit, Freizeit und Genuss. Aber wenn diese Gaben nur dem eigenen Fortkommen dienen, verfehle ich das Leben. Und dagegen wehrt sich Jesus: Das selbst herbeigezauberte Brot soll nur vordergründig seinen Hunger stillen. Es soll ihn vor allem von Gott entfremden, soll das Vertrauen zerstören.
Jesus verzichtet also auf dieses Wunder - wie im Übrigen auch sonst von keinem Wunder berichtet wird, mit welchem er sich selber etwas Gutes getan hätte. Und ich verstehe das als ein Signal. Um das Beste zu erreichen, muss ich nicht alles tun, was ich tun könnte. Die neuesten Produkte kaufen, noch mehr arbeiten, noch feiner genießen. Die Stimme sagt: Tus doch, du kannst es doch, und außerdem ist es dein gutes Recht! Was aber, wenn ich mit meinem Tun anderen Menschen schade? Oder wenn ich keine Zeit mehr finde, Beziehungen zu pflegen? Wenn ich so beschäftigt bin, dass ich die Worte Gottes nicht mehr höre, von denen ich leben kann?
Eines wird mir an dieser Geschichte klar: Die Stimme der Versuchung macht vernünftige Vorschläge, sie hat gute Argumente.
Aber Jesus durchschaut die Absicht, und das möchte ich auch tun.
Zuerst auf Gottes Worte achten. Die Folgen meines Tuns bedenken.
Und dann das Beste aus meinem Leben machen.

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Der Mensch sieht nur das, was vor Augen ist. So heißt es in der Bibel.
Das muss er auch. Schließlich kann keiner in einen Menschen hineinsehen.
Und wenn einer sagt: ich durchschaue dich, gehe ich auf Distanz.
Also achte ich zunächst auf das, was ich sehen kann, höre, was ich zu hören bekomme.
Wie von selbst arbeitet da ein Beurteilungs- und Bewertungssystem.
Kann er oder sie mir nützen?
Ist sie interessant, kann ich ihn gebrauchen?
Dieses schnelle Abschätzen der anderen ist Teil unserer Natur.
Die Folge davon ist, dass andere sich darauf einstellen. Man zeigt sich von der besten Seite. Eine ganze Industrie bietet hier ihre Dienste an, damit das Auge auch wirklich was Schönes zu sehen bekommt. Und eine weitere schult den Auftritt, die Performance. Hauptsache, der Anblick ist gut, der äußere Eindruck stimmt. Aber Gott, so heißt es weiter, sieht das Herz an.
Eine anthropomorphe Vorstellung: Gott kann sehen. Aber seine Augen sehen tiefer als meine. Und freundlicher. Gott sieht auf das Wesen, auf den Grund eines Menschen, auf meinen und auf Ihren Herzens-Grund.
Und was ist dort zu sehen?
Ich meine, Er sieht zunächst einen Menschen, den er geschaffen hat, ein schönes, vollkommenes Geschöpf, das geliebt ist und gebraucht wird.
Und dann er sieht einen Menschen, der bedürftig ist, der Sehnsucht hat nach Anerkennung und Liebe. Und je gemeiner und giftiger sich einer gibt, desto bedürftiger ist er oft, schwach und verletzlich. Als Christ glaube ich: Gott sieht beides. Er weiß, was mich ausmacht, was mich umtreibt, kennt die Talente und Gaben, die vergraben sind, weiß um die Vergangenheit, die Schwachstellen, die Narben auf der Seele. Ehe ich in meiner Mutter Leib geformt wurde – also schon vor der Zeugung – hast Du mich gesehen und gekannt, sagt ein Psalmwort. Und wenn ich diese Vorstellung weiterdenke, dann sieht Gott nicht nur mein Woher, sondern auch mein Wohin, meine Zukunft ist bei ihm, in seinem Blick geborgen.
Für mich ist das ein starker Trost: Gott sieht das Ganze. Er weiß, was in mir schlummert, das Gute ebenso wie das Böse. Was er sieht, bleibt unter uns – doch es bleibt nicht ohne Folgen.
Barmherzig – kritisch – unbestechlich. So sieht er mich an, und so soll ich auch sehen lernen. Mich selbst und andere.
Keine schnellen Urteile, keine abschätzenden Blicke. Aber das Bedürfnis des anderen, seine Not will ich sehen. Und etwas dagegen tun.
Und wenn ich mir selbst zum Rätsel werde, wenn andere mich abschätzig betrachten:
Gott sieht mich, ich kann aufrecht gehen.

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Zuflucht – ein altes Wort. Das Wort Flucht steckt darin. Zuflucht meint den Ort, zu dem ich fliehen kann.
Einen Ort zu finden, an dem man sich sicher fühlt, das gehört zu den existentiellen Erfahrungen. Das Versteck, das ich als Kind benutzte, um mich dem Zugriff anderer Kinder zu entziehen. Oder das eigene Zimmer, später die eigene Wohnung. Und für viele Menschen bekommt dieses Finden lebensentscheidende Bedeutung, wenn sie ihre Heimat verlieren. Sie suchen eine Zuflucht, laufen um ihr Leben, fliehen vor Krieg, Verfolgung, Todesangst. Und wenn ihnen ein Land Asyl gewährt, dann sind sie unendlich erleichtert und dankbar, sind auch bereit, vieles unerfreuliche in Kauf zu nehmen, wenn sie nur endlich in Sicherheit sind.
Eine Zuflucht finden heißt ja nicht: Alles ist gut. Zuflucht ist ein Ausnahmezustand. Flüchtlinge sind physisch in Sicherheit, bringen jedoch ihre schrecklichen Erlebnisse und Verletzungen mit. Das gilt für alle Formen der Flucht, es gilt auch, wenn jemand vor sich selber flieht. Wer einen rettenden Ort findet, hat immer auch sich selber im Gepäck, die eigene Vergangenheit, die seelischen Schmerzen, vielleicht auch die Schuld.
Die Bibel berichtet von Menschen, die eine Zuflucht, einen sicheren Ort bei Gott suchen finden.
Und immer wieder machen Menschen ähnliche Erfahrungen – auch wenn nicht alle diesen Ort „Gott“ nennen würden.
Da ist jemand am Ende seiner Kraft. Er oder sie hält es nicht mehr aus, die vielen Konflikte, das Unverständnis der anderen, den Druck, die schlimmen Nachrichten.
Aber ein Gespräch mit einem Vertrauten, das Gebet oder der Besuch eines Gottesdienstes verändern die Lage. Man fühlt sich nicht mehr ausgeliefert, nicht mehr hilflos. Ich kenne das auch. Indem ich meine Angst, meine Schwierigkeiten vor Gott ausspreche, erfahre ich Trost und Stärkung. Diese Zuflucht ist nicht unbedingt die wunderbare Wende. Für mich ist sie eher die Gewissheit, dass es Hoffnung gibt, dass Gott trotz schlimmer Ereignisse da ist, dass ich nicht mir selbst überlassen bin.
Deshalb soll auch ich die anderen, Zuflucht suchenden, nicht sich selber überlassen.
Zuflucht ist das, was ich brauche, was mir geschenkt wird.
Es ist auch das, was mich fordert und herausfordert.
Nicht für alle Menschen kann ich, können Sie etwas tun.
Aber vielleicht kann ich wenigstens einem Menschen zu einer Zuflucht werden.
Einem zeigen: Hier bist du sicher. Es gibt eine Zukunft, Krieg und Gewalt haben ein Ende.

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In Nürnberg steht auf dem Friedhof St. Johannes ein alter Grabstein aus dem 18.Jahrhundert. In der Mitte des Steines sieht man einen Haufen Buchstaben, als ob ein Kind einen Sack mit Spielzeugbuchstaben ausgekippt hat. Alles wild durcheinander. Darüber 2 kleine Engelchen, die sich an den Buchstaben zu schaffen machen. Und jede Menge barocke Verzierung.
Ein Grabstein also. Aber für wen? Der Buchstabenhaufen lässt mich unwillkürlich knobeln und nach einem Namen suchen. Und genau das will der Stein erreichen, denn er hat eine Botschaft. "Hier liegt ein Mensch wie Du und ich, der einmal gelebt und gelacht hat. Man weiß nichts mehr über ihn. Seine Nachkommen hatten ihn noch in Erinnerung, aber irgendwann starben auch sie und schließlich wusste man nicht einmal mehr seinen Namen. So ist es ja mit allen Menschen. Eines Tages bleibt nur noch ein Grabstein und eine Inschrift, wenn überhaupt. Unsere Urenkel wissen vielleicht nicht einmal unsere Namen. Irgendwann ist keine Spur mehr von uns da.
Aber da sind die kleinen Engel auf dem Stein. Engel sind Symbole für das Eingreifen Gottes. Sie kommen aus der ewigen Welt, wo es das Sterben nicht gibt. Sie heben die Buchstaben auf und ordnen sie wieder. Der erste Buchstabe ist bereits aufgerichtet.
Und genauso, so verstehe ich das, hebt Gott selbst am Ende eines Lebens die Buchstaben aus dem Staub. Was der Tod unleserlich machte, wird von Gott wieder zu einem Namen zusammengesetzt. Vielleicht hatte das Leben ja schon vorher einen fragmentarischen Charakter - hier wird es geordnet und vollendet.
Bei Gott bin ich nicht vergessen. Er hebt die Reste meines Lebens auf und unter seinen Händen kann daraus etwas Sinnvolles werden.
Übrigens kann man mit etwas Geduld den Namen des Menschen herausfinden, der dort begraben war. Er lautete Jakob Rosenwirth. Ob die Engel diesen Namen, wenn sie ihr Werk vollbracht haben, mit in den Himmel nehmen? Für mich ein schöner und tröstlicher Gedanke. Dort in der Welt Gottes werde ich unversehrt und geborgen sein - auch wenn von meinem Körper einmal nichts mehr übrig ist. Aus all den Bruchstücken wird wieder ein ganzes ein heiles, ein zurecht gebrachtes Leben.
"Freut euch dass eure Namen im Himmel geschrieben sind". (Lukas 10,20) ,sagt Christus. Sie gehen nicht verloren.

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Ein guter Mensch, das möchte er sein, der Christ genauso wie der Muslim.
Gott wohl gefällig, wie es ein altes Wort sagt.
Am 10. November 1483 wurde hat Martin Luther geboren. Und bis an den Rand der Verzweiflung hat er darum gekämpft: Gott zu gefallen. Seine Kirche jedoch machte es ihm schwer. Sie zeigte Gott als einen gnadenlosen Richter, vor dessen Urteil kaum einer bestehen würde. Luther fragte: Welcher Mensch schafft es wirklich, an einen Gott zu glauben, der immer mehr fordert, als ich geben kann? der die bedingungslose Unterwerfung will?
Derzeit begegne ich vielen muslimischen Flüchtlingen. Immer wieder beobachte ich, wie genau sie die Vorschriften ihrer Religion nehmen. Strenges Fasten im Ramadan schon bei kleinen Kindern… Distanz zwischen Männern und Frauen… und natürlich die überwältigende Gastfreundschaft bei jedem Besuch. „Nein, niemand zwingt mich, ein Kopftuch zu tragen – aber ich glaube, Allah wäre doch sauer, wenn ich es nicht täte!“ versicherte mir eine 13-Jährige, die schon richtig gut Deutsch spricht. Ich bin beeindruckt. Wir luden Muslime und Christen zum „Abend der Religionen“ ein. Der muslimische Theologiestudent sagte glasklar: Islam heißt Hingabe an Allah, Befolgung der fünf Säulen und Glaube an die sechs Pfeiler. Einer dieser Pfeiler ist die Lehre vom Gericht und von Allahs absoluter Gerechtigkeit. Das Paradies winkt allen, die seine Gebote befolgt haben, die anderen werden mit der Hölle bestraft.
Bei allem Respekt vor dieser Frömmigkeit bin ich froh, Christ zu sein.
Dabei profitiere ich von Luthers Erkenntnis: Kein Mensch schafft aus eigener Kraft den Weg zum Heil. Nicht ich komme zu Gott, sondern er kommt zu mir. Gott ist Mensch geworden und hat alle Schuld der Welt getragen. Auch meine. Wenn ich das gelten lasse, muss ich keine Strafe, kein Fegefeuer und auch keine Hölle fürchten. Mein Glaube lässt mich atmen. Die Dankbarkeit setzt Kräfte frei: Wer sich beschenkt weiß, der schenkt weiter.
Als beim erwähnten Abend der Religionen auch die Christen ihren Glauben vorstellten, sagte der junge Imam: „Das ist wirklich ein anderer Glaube. Ich kann nicht alles verstehen, aber manches gefällt mir.“ Wir bleiben in grundlegenden Fragen getrennt, aber Respekt und Neugier verbinden uns.
Einer der Syrer hat sich inzwischen über Luther informiert, bei Wikipedia auf Arabisch.
Sein Kommentar: „Ein guter Mensch!“

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Der 9. November gilt als Schicksalstag in der Deutschen Geschichte, und er fordert meinen Glauben heraus.
Er markiert den Beginn der ersten Deutschen Republik, das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung, und den Zusammenbruch der DDR mit der Öffnung der Berliner Mauer. Am 9. November 1918 gab Maximilian von Baden eigenmächtig die Abdankung des Kaisers bekannt. Philipp Scheidemann rief daraufhin von einem Balkon des Berliner Reichstags die erste deutsche Republik aus.
In der Nacht des 9. November 1938 wurden auf Befehl der NS-Führung in ganz Deutschland Läden und Wohnungen jüdischer Mitbürger geplündert und zerstört, Synagogen in Brand gesetzt und Juden ermordet.
Licht und Dunkel, Fluch und Segen sind mit diesem 9. November verbunden. Man könnte auch sagen: Wenig Licht und viel Dunkel. So fällt es mir auch nicht leicht, in diesem Kontext von Gott zu reden. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass Gott mächtiger sei als der Zufall. Nicht in dem Sinne, dass Gott geschichtliche Konstellationen verhindern würde, dass er politisch oder gar militärisch eingreift. Man kann – aus christlicher Sicht – das Ende der deutschen Teilung so verstehen und dafür dankbar sein. Und vielleicht geht es Ihnen so, auch wenn Sie nicht religiös sind, dass zumindest dieses Mal Kerzen, gewaltfreie Demos und Gebete etwas bewirkt und verändert haben. Aber das unermessliche Leid von NS und zweitem Weltkrieg, die Verfolgung und Auslöschung seines eigenen Volkes, nein, das hat Gott nicht verhindert, ebensowenig wie Terror, Naturkatastrophen.
Ich spreche es trotzdem, dieses Bekenntnis zu Gott dem allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Aber ich spreche es zögernd. Gott wirkt in der Geschichte, das glaube ich, aber manchmal scheint er mir auch machtlos angesichts des Bösen. Selten steht er auf Seite der Mächtigen. Niemals auf Seite der Mörder, seien es Kreuzritter oder IS-Kämpfer. Seine Macht zeigt sich eher bei den Opfern, den Elenden, den Verlierern der Geschichte. Er ist dort, wo Menschen auf ihn hoffen und zu ihm beten.
Der 9. November und viele andere Tage halten in mir das Verlangen wach, dass Gottes Herrschaft endlich kommen möge. Und dass sein Wille auch auf Erden geschehe, wie er schon im Himmel geschieht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20853

An Gott glauben und erfolgreich sein. Nach christlicher Überzeugung leben und dafür materiell belohnt werden. Es gibt eine Strömung im Christentum, die diesen Zusammenhang propagiert. Sie geht auf eine calvinistische Tradition zurück, und sie wird in manchen Kirchen gepredigt. „Wenn Du gläubig bist, werden andere das an deinem Wohlstand oder an deinem Wohlergehen ablesen. Wenn es dir aber nicht gutgeht, wenn der Erfolg ausbleibt, dann stimmt etwas mit deinem Glauben nicht.“
Solche Heilsversprechen können Schaden anrichten. Denn hier werden zwei Dinge verwechselt, die für unterschiedliche Perspektiven stehen: „Erfolg haben“ auf der einen und „Frucht bringen“ auf der anderen Seite . So jedenfalls sagt es der Ordenspriester Phil Bosmans, und mir leuchtet das ein. Bei Gott, in der Perspektive des Glaubens geht es nicht so sehr darum, dass ich Erfolg habe. Es geht darum, dass ich, mit einem Bild von Jesus gesprochen, als guter „Baum“ auch gute „Früchte“ bringe. Erfolg braucht man, um sich zu bestätigen und seinen Wert zu beweisen. Ein gutes Einkommen, ein hohes Ansehen, das sind Dinge, die man sich selber erarbeitet und auch selber genießt. „Frucht“ hingegen ist etwas, das primär anderen zu Gute kommt. Ein Ertrag, der oft langsam wächst, der nicht in Zahlen messbar ist. Wenn ein Mensch es im Laufe seines Lebens lernt, geduldig zu sein, mit sich selber und mit anderen. Oder wenn jemand mir vertrauend und aufgeschlossen begegnet, ohne Angst, benachteiligt zu werden.
Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Kein Mensch kann ohne Leistung und Anerkennung leben. Erfolgreich zu sein, ist etwas Schönes. Für Gott aber kommt es mehr darauf an, ob mein Leben auch anderen gut schmeckt. Andere Menschen sollen durch meine Worte, mein Tun und Lassen Gottes Dasein gewissermaßen erschnuppern. Sie werden nicht rational überzeugt, aber sie kommen vielleicht auf den Geschmack.
Ich fragte eine Gruppe von jungen Menschen, was für sie solche „Früchte des Glaubens“ sind. „Nicht so am eigenen Geld hängen. – Hinschauen, wo andere wegschauen. – Beten statt schimpfen – Keine billigen Kleider kaufen – Mutig etwas ansprechen, wo andere schweigen.“Mich hat das sehr beeindruckt. Und ich vermute, dass solche Früchte auch bei Menschen wachsen, die nicht christlich glauben. Entscheidend ist, dass andere auf den Geschmack kommen. Es gibt einen Hunger, eine Sehnsucht nach Liebe, nach Trost und Geborgenheit. Gott möchte diesen Hunger stillen. Und dazu braucht er Menschen, die Frucht bringen.

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Ich glaube, das Bedürfnis nach Trost und Liebe, das bleibt uns Menschen im Leben. Wie ich mich als Kind erinnere: Es hatte Ärger gegeben, weil ich etwas ausgefressen hatte. Da wurde ich gehörig ausgeschimpft, vielleicht gab es sogar auch einen Klaps. Jedenfalls, der kleine Junge weint ohne Ende. Er weint solange, bis die Wende eintritt. Bis jemand ihn wieder auf den Schoß nimmt und ihm ins Ohr sagt: Hör mal, der Papa hat dich doch lieb. Das tut gut, das tröstet. Jetzt noch ein wenig weiterschluchzen, damit dieser kostbare Trost noch eine Weile anhält. Der Papa ist dir nicht mehr böse, er hat dich ganz lieb.
Kinder haben ein tiefes Bedürfnis, dieses immer wieder zu hören, sich dessen immer wieder zu versichern. Nicht nur kleine Kinder, auch größere, auch Erwachsene. Es ist noch jemand da, der steht hinter Dir, der ist größer und stärker als Du. Mein eigener Vater ist 85 Jahre alt, aber seine Liebe zu mir ist immer noch wie ein schützender Schirm. Und wenn die eigenen Eltern es einem nicht mehr sagen können, dann, so glaube ich, ist noch ein anderer, ein himmlischer Vater da. Dann sprechen uralte Worte die Zusage aus: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten“, heißt es in einem Psalm.
Nicht alle können es glauben, dass es außer den Eltern noch einen himmlischen Vater, eine himmlische Mutter gibt. Vieles spricht dagegen. „Es ist keiner mehr da, ich bin allein, auf mich selber gestellt, erwachsen in einer Welt, die kein Erbarmen kennt.“ - „Mein Glück ist zerbrochen. Ich muss mir alles erkämpfen. Meine Gebete verhallen im Nichts“, sagen mir Menschen immer wieder.
Auch Gläubige kennen diese Angst, dass Gott plötzlich nicht mehr da ist, um seine Kinder zu schützen. Deshalb müssen und wollen sie es immer wieder hören. „Hab keine Angst, ich bin bei dir, ich helfe dir weiter, ich trockne dir die Tränen.“ Und selbst wenn du etwas ausgefressen hast, wenn du von zuhause abgehauen bist; der Papa wartet auf dich. Es sind oft Geschichten und Bilder, die mir das nahe bringen - wie die Geschichte von den zwei ungleichen Brüdern: Der Vater hält Ausschau nach dem Sohn, den er verloren glaubte, er sieht ihn von ferne, und dann beginnt er zu laufen, zu rennen, seinem Kind entgegen. Keine Moralpredigt, keine Schläge, nur eine Umarmung.
Ich glaube daran, auch wenn ich es nicht immer spüre: Dieser himmlische Vater ist für mich da, er liebt mich wie sein Kind. Er hört mich, wenn ich zu ihm spreche. Und er hat ein Wort für mich, das mich tröstet und mir weiterhilft. 

 
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Gott wird handgreiflich. Das erzählt die Geschichte von Sodom und Gomorrah. Feuer und Rauch, schreiende Menschen, Tod und Verderben. Abrahams Neffe Lot soll aus der Stadt fliehen, aber er zögert, und mit ihm zögern Frau und Kinder. Da greift Gott zu. Göttliche Boten packen den Lot, seine Frau und die Töchter bei der Hand. Sie ziehen die Familie heraus aus der Zone des Verderbens.

So kommen sie mit knapper Not davon, und doch passiert noch etwas auf der Flucht. Die Frau des Lot erstarrt zur Salzsäule, weil sie sich umdreht – am Toten Meer kann man sie heute noch sehen, eine Felsformation, die ihren Namen trägt. Vielleicht ist sie vor Schreck erstarrt, als sie einen letzten Blick auf die Heimat werfen will. Schau nicht zurück! So hatte der Bote sie gewarnt. Aber sie tut es. So wie Menschen aller Zeiten sich immer wieder umdrehen, sich der Vergangenheit zuwenden, nicht loskommen von dem Unrecht, das ihnen widerfuhr. Oder von der Schuld, die sie selber begangen haben. Innere Erstarrung trotz äußerer Lebendigkeit.
Ich glaube an einen zupackenden, einen ergreifenden Gott. Einen, der mich anfasst, der mich mitreißt, auch wenn ich das selber gar nicht will. Es kann eine schlimme Geschichte sein, die einen immer wieder einholt. Wenn die Gedanken eines Menschen immer wieder zurückkehren zu dem Tag, an dem der Partner starb. Wenn die Schmerzen, wenn der alte Groll immer wieder in einem aufsteigt. Wenn die eigene Kindheit eine Katastrophe war, in der es an Liebe mangelte. Manchmal sind Menschen völlig traumatisiert, durchdrungen vom Salz der Bitterkeit. Sie können sich innerlich nicht mehr bewegen. Auf alle Versuche der Ermutigung reagieren sie müde oder spöttisch.
Aber ich erlebe auch das Wunder der Rettung.
Menschen betreuen hier eine Flüchtlings-Familie. Du junge Frau wurde aus ihrem brennenden Haus gerettet. Sie träumte von Massakern in ihrer Heimatstadt, kam nicht davon los. Das ist schlimmer als Sodom und Gomorrah, Trauer und Hass vergifteten die ganze Familie. Zugleich erleben wir, wie das Rettende bei dieser Frau zupackt. Es ist fast wie ein Ringkampf, und manchmal zerreiß es sie fast. Aber ich glaube, dass Gott den Hass und den Schmerz überwinden wird. Menschen beten für sie. Andere helfen und ermutigen, wo es nur geht. Es sind göttliche Boten. Manchmal zeigen sie es einfühlsam, manchmal auch rabiat:
Schau nicht zurück. Gott hat eine Zukunft für dich.

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