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Da tritt ein Bürgermeister zurück, weil der in den social-media-Portalen gemobbt und auch direkt bedroht wird und weil er das nicht mehr aushält. Da winken hervorragend geeignete Kandidaten ab, wenn sie für ein Amt in der Politik angefragt werden, weil sie sich nicht antun möchten, was sie sich damit alles einhandeln würden. Und zwischen den Parteien und unter gesellschaftlichen Gruppierungen wird der Ton immer rauer, aggressiver.
Da ist etwas gekippt in unserer Gesellschaft. Die Art und Weise, wie kritisiert wird, ist nicht mehr förderlich. Im Gegenteil: Sie schadet dem gesellschaftlichen Klima und hilft oft auch in der Sache nicht. Ich habe den Eindruck, dass bei politischen Konzepten vorrangig die Schwachpunkte und Fehler ins Visier genommen und aufgespießt werden. Wem etwas nicht recht ist, der zerpflückt das oft unfair oder gar gnadenlos. Vielfach wird kein gutes Haar gelassen an Gesetzesentwürfen oder Entscheidungen. Das Gute daran kommt nicht richtig in den Blick. Und die immer komplexere Situation, die schwierigen Bedingungen, unter denen heute Politik gemacht werden muss, werden nicht gesehen. Auch nicht, dass Kompromisse unvermeidlich sind. Dass es die Lösung, die allen gefällt, oft gar nicht gibt.
Natürlich plädiere ich nicht dafür, zu allem „Ja und Amen“ zu sagen oder alles schönzureden. Wir brauchen in der Demokratie kritische Bürger und wachsame Medien. Wir brauchen eine Opposition, die ihren Finger in die Wunden legt, damit am Ende ein für alle besseres Ergebnis herauskommt. Aber es kommt darauf an, wie und mit welcher Absicht die politische Arbeit kritisiert wird. Geht es gegen den anderen, wird bewusst Stimmung gemacht und manipuliert – oder dient es wirklich der Sache, den Bürgerinnen und Bürgern? Wer immer alles schlechtredet, der ist entweder mit sich selbst nicht zufrieden – oder es geht ihm nur um die eigene Macht.
Wenn mir klar ist, dass jeder seine Grenzen hat und Fehler macht, nicht nur die Politiker, sondern auch ich selbst, dann kann ich gnädiger mit den anderen sein. Dann kann ich konstruktiv kritisieren. Dadurch wird das Miteinander nicht beeinträchtigt, und es führt am Ende auch zu besseren politischen Entscheidungen.
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Unter Motorradfahrern ist es üblich, dass sie einander kurz grüßen, wenn sie sich begegnen. Sie heben die Finger oder die Hand kurz an. Das signalisiert: „Ich habe Dich wahrgenommen. Schön, dass uns die Motorrad-Leidenschaft verbindet. Ich wünsche Dir gute Fahrt!“ Ähnlich erlebe ich es auch bei Stadtbusfahrern oder Fahrerinnen von Straßenbahnen. Wenn sie einander grüßen, dann bedeutet das: „Hallo, ich freue mich, Dich als Kollegen / als Kollegin zu treffen! Wir haben etwas gemeinsam: Wir sind im selben Beruf für die Menschen unterwegs. Ich wünsche Dir einen guten Tag - ohne technische Probleme und mit lieben Fahrgästen!“ Und wenn ich am Rheinufer jogge, dann passiert es manchmal, dass ein entgegenkommender Jogger kurz hersieht und wir einander mit einem Kopfnicken grüßen. So wird eine kleine Brücke von Mensch zu Mensch geschlagen. Darüber freue ich mich jedes Mal.
Ein solcher Gruß ist ein wichtiges Zeichen. Es gibt dem anderen zu verstehen: „Ich habe Dich gesehen, und Du bist mir nicht gleichgültig. Wir haben etwas gemeinsam, ein Hobby, den Beruf oder ein bestimmtes Interesse. Ich freue mich darüber, dass uns etwas verbindet.“ Ein solcher Gruß drückt aus, dass ich diesen Mitmenschen wertschätze und dass ich es mit ihm gut meine. Und das strahlt aus. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Warum also nicht z.B. beim Aussteigen aus dem Bus den Fahrer kurz grüßen und ihm danken? Ein Gruß mit einem lieben Wort an die Kassiererin im Supermarkt, die ja auch für mich arbeitet – dieser Gruß kann wie ein kleines Licht in ihrer Routinearbeit sein. Weil sie dadurch spüren kann, dass ich sie wahrnehme und würdige. Und schon freut sie sich auf ein Wiedersehen. Im Alltag fördert jeder Gruß das Miteinander in unserer Gesellschaft, im Kleinen, aber wirksam.
In Bayern und Süddeutschland grüßt man sich übrigens traditionell mit „Grüß Gott!“ – was bedeutet: „Gott grüsse Dich! Gott segne Dich!“ Wenn ein solcher Wunsch bei einem Gruß mitschwingt, umso schöner!
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„Das kann ja noch heiter werden!“ dachte ich, als ein Mann mit Alkoholfahne sich direkt neben mich setzte. Auf dem Gesicht und am rechten Arm war er stark tätowiert, der linke Arm hatte viele Narben von Ritzungen. Ich hatte mich im Bahnhof auf eine Bank gesetzt und war am Zeitunglesen, weil ich noch 20 Minuten bis zur Abfahrt des Zugs hatte. Mein Nachbar hat mich gleich angesprochen. In gebrochenem Deutsch stieß er nur einzelne Wortgruppen hervor, schwer zu verstehen.
„Alles falsch gemacht.“ „Schmerz.“ Ich habe ihn gefragt, ob er allein lebt oder eine Familie hat. „Frau Gefängnis. Tochter gestorben – im Park“. Ich habe meine Zeitung weggelegt und mich ganz meinem Nachbarn zugewandt. Er brauchte jetzt wohl einen, der ihm zuhört.
„Ich habe Angst.“ sagte er, und kurz danach: „Keine Angst.“ Es ging ihm sichtlich schlecht. „Sie sind traurig“ sagte ich, „das Leben ist nicht schön für Sie.“ Ich schaute ihm in die Augen und sah darin seine Not. Da leuchteten diese leeren Augen kurz auf, und er sagte: „Ich bin Robert.“ – und ich antwortete: „Ich bin Christoph. Ich bin Pfarrer, Priester. Ich werde für Dich beten.“ Wieder leuchteten seine Augen kurz auf, und er antwortete: „Für Frau und Tochter, nicht für mich.“ „Ich werde für Deine Frau und die Tochter beten, aber auch für Dich.“ Daraufhin kam eine ungläubige Frage zurück: „Gott – mein Freund?“ Und ich versuchte, ihm in einfachen Worten eine Antwort zu geben, dass Gott selbstverständlich sein Freund ist.
Dann musste ich ihm sagen, dass mein Zug kommt und dass ich deshalb das Gespräch leider beenden muss. Daraufhin änderte sich sein Verhalten mir gegenüber schlagartig: Er fing an zu schreien, baute sich vor mir auf und gestikulierte wild gegen mich. Da wurde mir schon etwas mulmig. Aber ich verstehe dieses Ausrasten, weil ich Ähnliches schon bei anderen Mitmenschen erlebt habe, die Schweres mitgemacht haben. Ich hatte mich Robert zugewandt und ihm zugehört, bin auf ihn eingegangen. Und dann musste ich ihn leider allein sitzenlassen. Da war er enttäuscht und erbost, weil er noch mehr Zuwendung wollte.
Ich werde für ihn beten. Und ich wünsche ihm, dass er auch in Zukunft ab und zu spürt, dass er liebenswert ist – und dass er es schafft, an sich selbst zu glauben.
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Mit Menschen, die Hilfe suchen, komme ich im Gespräch oft an einen wichtigen Punkt: Es stellt sich die Frage, ob sie mit sich selbst versöhnt sind. Je mehr Lebensjahre hinter einem liegen, je älter jemand ist, desto wichtiger ist diese Frage für das eigene Lebensglück, ob ich mit mir im Reinen bin und zufrieden.
Das gilt auch für mich selbst: Ich bin jetzt 70 Jahre alt und seit Jahresbeginn im Ruhestand. Meine aktive Berufszeit liegt hinter mir, und der größte Teil meiner Lebenszeit auch. An meinem bisherigen Leben kann ich nichts mehr ändern. Es hat mich geprägt und zu dem Menschen werden lassen, der ich nun bin, ob es mir so gefällt oder nicht. Das nehme ich ganz bewusst wahr. Und ich möchte mich den Fragen stellen, die damit verbunden sind: Kann ich innerlich annehmen, wie mein Leben war und jetzt ist? Kann ich mich selbst annehmen, so, wie ich dadurch geworden bin, mit allem Positiven und Fraglichen, mit allen Schwächen und Macken? Kann ich mir verzeihen, was ich in meinem Leben falsch entschieden und falsch gemacht habe? Oder gilt für mich die Erkenntnis: „Der, der ich jetzt bin, grüßt trauernd den, der ich eigentlich sein möchte“? All das bündelt sich in der Frage: Bin ich mit mir versöhnt? Wer das nicht ist, der wird kaum zu innerer Ruhe kommen. Ob ein Mensch mit sich im Reinen ist, das strahlt aus, gerade auch auf die Beziehung mit anderen. Wer mit sich versöhnt ist, der ist in sich gelöster und freier.
An diesem Punkt hilft mir der tröstliche Gedanke, dass mein Leben und ich selbst Bruchstück bleiben darf, unvollendet, dass da nichts perfekt sein muss. Weil Gott mich und mein Leben so annimmt, wie es ist. Weil Gott ein bedingungsloses „Ja“ zu mir sagt, deshalb fällt es mir leichter, auch selbst „Ja“ zu mir zu sagen. Wenn Gott mir verzeiht, fällt es mir leichter, mir auch selbst zu verzeihen und mit mir zu versöhnt zu sein. Und ich bete darum, dass mir das immer wieder neu gelingt. Gerade jetzt, wo ich auch schon älter bin.
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Ich mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft. Wie lange wird sie noch so einigermaßen gut funktionieren wie in den vergangenen Jahrzehnten? Beim Klima spricht man von „Kipp-Punkten“. Wenn bei den Klimaveränderungen manche Entwicklungen einen gewissen Punkt überschreiten, dann geht es unaufhaltsam abwärts, dann gibt es kein Zurück mehr. Das drohende Unheil kann dann nicht mehr abgewendet werden – mit unabsehbaren Folgen für unser Leben.
Solche Kipp-Punkte, ab denen es nur noch abwärts geht, die gibt es nicht nur beim Klima. Die gibt es auch bei zwischenmenschlichen Beziehungen und in unserer Gesellschaft als ganzer. Dafür, dass das Zusammenleben im Kleinen und im Großen gut geht, sind bestimmte Grundhaltungen und Verhaltensweisen nötig. Dazu gehören Wohlwollen und ein gewisses Vertrauen dem anderen gegenüber; die Bereitschaft, sich gegenseitig zuzuhören und zu verstehen; Rücksicht; die Fähigkeit, auch mal von sich selbst abzusehen; ein gewisser Sinn für das Gemeinwohl und die Bereitschaft, sich für die anderen einzusetzen. All das ist notwendig, damit die Gesellschaft gut funktioniert – und damit es jedem von uns darin gut gehen kann.
Der verstorbene Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde hat betont: ‚Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.‘ Der freiheitliche Staat funktioniert nur, wenn die Einzelnen darin eine gewisse moralische Substanz haben und wenn bestimmte Grundwerte allen selbstverständlich sind. Was aber, wenn diese notwendige Grundlage für ein gutes Zusammenleben immer mehr bröckelt? Dann können wir an einen Kipp-Punkt kommen. An einen Punkt, ab dem Staat und Gesellschaft nicht mehr den guten Lebensraum bieten können, den wir von ihnen selbstverständlich erwarten.
Noch können wir das verhindern. Aber nur dann, wenn jede und jeder bei sich anfängt und sich fragt, was er selbst für ein gutes Zusammenleben tun kann. Dadurch kann das Klima in der Gesellschaft besser werden – damit sie jedem von uns das gewährleisten kann, was sie oder er sich von ihr erhofft.
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Halten die Jugendlichen das aus? 30 Minuten lang still dasitzen!? Ich war gespannt. Ich hatte wieder zu einem „Gottesdienst im Dom – mal anders“ eingeladen. Sein Hauptteil bestand darin, dass die Gottesdienstteilnehmer sich in die hintersten Bänke des Doms setzen und in Stille den abendlichen Dom einfach auf sich wirken lassen. Kurz vor Beginn sind noch sieben Jugendliche aufgetaucht, die mitmachen wollten. Sie hätten sich überlegt, dass sie doch nicht zur Party fahren, sondern mal diesen ungewöhnlichen Gottesdienst mitmachen. Ich habe mich natürlich gefreut, dass sie kamen, trotzdem habe ich ein wenig die Luft angehalten, ob das gut geht mit 30 Minuten Stille. Ja, es ging gut. Mehr noch: Nachdem der Gottesdienst zu Ende war, haben ausgerechnet die Jugendlichen gesagt: „Das war toll, aber bitte das nächste Mal etwas länger, besser eine dreiviertel Stunde lang.“ Da war ich platt. Und ich war froh, dass auch die jungen Menschen die Kraft der Stille gespürt haben.
„Stille“ erleben die Menschen ganz unterschiedlich. Die einen haben Angst vor der Stille. Und andere sehnen sich danach. Stille kann eine leere Zeit sein oder gar eisig, sie kann aber auch gefüllt sein und einem viel geben. Stille ist ein Freiraum. Sie ist wie eine große Pause, in der alle Beschallung und Eindrücke von außen abgestellt sind. Das bietet die Chance, mal rauszukommen aus allem Betrieb und Machen, Abstand dazu zu gewinnen. Die Chance, mal runterzukommen, zur Ruhe zu kommen, zu sich selbst zu kommen. Stille kann den Zugang zum eigenen Inneren öffnen. Dann kann in mir nachschwingen, was ich erlebt habe und was mich beschäftigt. So kommt das Herz zur Ruhe. Und wenn ich in innerer Stille bin, dann werde ich auch wieder offen für Neues, dann kann ich besser mit dem umgehen, was konkret auf mich zukommt.
Eine Frau, die schon mehr als 20 Jahre als Einsiedlerin lebt, hat die Erfahrung gemacht: „Stille öffnet die Tür zum innersten Raum.“ Zu dem Raum, in dem ich ganz zu mir kommen kann – und in dem auch Gott gegenwärtig ist. Stille tut einfach gut.
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Da komme ich in einen Raum, zu einer Gruppe von Menschen, und spüre sofort: Da ist „dicke Luft“. Da gibt es atmosphärische Störungen, auf der Beziehungsebene knistert es – bis dahin, dass „die Luft zum Schneiden“ ist. Dann herrscht da ein unguter Geist, der das Miteinander beeinträchtigt, der die Menschen auseinanderbringt.
Gottseidank erlebe ich öfter das Gegenteil davon: Im Gespräch hören die Einzelnen aufeinander und fühlen sich verstanden. Es schwingt alles gut zusammen. Alle ziehen an einem Strang, es verbindet sie der gleiche Geist. Die Gemeinschaft untereinander wächst. Und ich kann im Zusammensein mit den anderen ganz bei mir sein und in innerem Frieden. Dann herrscht da ein guter Geist! Ein Geist, der die Menschen zusammenführt und tiefer verbindet. Für mich ist da der Geist Gottes am Werk, der Heilige Geist. Der ist nichts Abstraktes oder irgendwie „über den Wolken“. Der ist oft wie „zum Greifen nahe“. Der Heilige Geist ist in unseren Herzen, kann unsere Haltungen und unser Verhalten prägen. Er kann Beziehungen untereinander verstärken – und auch heilen. Der Heilige Geist schafft es, dass wir gut in Verbindung mit Gott und untereinander sind. Damit das Leben fließt und damit das Miteinander eine Wohltat für alle ist.
Das erlebe ich vor allem in so manchen Freundschaften - in denen uns viel verbindet, in denen ein tieferer Austausch möglich ist. Das habe ich aber auch im Dienst erlebt, bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – da waren die meisten Besprechungen eigentlich Vergnügungssteuer-pflichtig. Weil auch bei kniffligen Fragen das Miteinander einfach wohltuend war. Den Geist, der das Mitmenschliche fördert, den erlebe ich aber auch im Alltag, z.B. an der Supermarkt-Kasse, bei der Angestellten, die freundlich und zuvorkommend ihren Dienst tut, bei der durch ein paar persönliche Worte das Bezahlen an der Kasse zu einer Begegnung von Mensch zu Mensch wird.
Ich freue mich über jede und jeden, durch den ich etwas von diesem guten Geist Gottes erleben kann. Und ich gebe solchen Erfahrungen Raum in meinem Herzen, damit sie mich innerlich aufbauen. Je mehr ich selbst von diesem Geist der Mitmenschlichkeit erfüllt bin, desto leichter kann ich ihn dann auch meinerseits ausstrahlen. Damit das Schöne am Leben Kreise zieht.
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Jammern und Klagen hat Hochkonjunktur. Was alles schlecht ist, was nicht gut läuft, was anders sein müsste, wer es nicht bringt – das ist fast in aller Munde. Ich habe den Eindruck, dass sich inzwischen eine regelrechte „Kultur des Jammerns und Klagens“ entwickelt hat. Mit welchem Erfolg? Klar: Wer jammert, der will dadurch natürlich etwas für ihn Gutes erreichen. Er oder sie möchte wahrgenommen werden in seinem Anliegen, in seiner Not. Wer jammert, erhofft sich Erleichterung in inneren Spannungen. Er sucht Bestätigung und Gleichgesinnte, Zuwendung in dem, was ihn bedrückt. Das alles sind verständliche Ziele.
Aber Jammern und Klagen hilft meistens nicht wirklich. Erst recht nicht, wenn dabei andere runtergemacht werden, wenn die eigene Sicht sich immer mehr verdüstert und innerlich runterzieht. Dann führt das eher dazu, dass jemand freudlos und lustlos ist oder gar blockiert. So bewirkt Jammern selten, dass sich etwas ändert. Es hält eher davon ab, sich persönlich für etwas Besseres einzusetzen. Schade!
Ich möchte eine Alternative dazu vorschlagen. Das, was nicht gut läuft, was nicht stimmt, was anders sein sollte - das möchte ich sehr wohl realistisch sehen. Aber ich möchte mir dadurch nicht den Blick trüben oder mich runterziehen lassen. Ich möchte dem Ungutem keine Macht über mein Inneres geben. Im Gegenteil: Ich möchte einen inneren Abstand dazu bewahren – dann kann ich besser damit umgehen. Und dafür hilfreich ist auch, dass ich den Fokus nicht nur auf das Betrübliche und Schlechte lege. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich zunächst vor allem das Gute und Wohltuende wahrnehme und in mein Herz lasse, das, was mir gut tut, was mich aufbaut und neue Kräfte verleiht.
Wer ganz bewusst das wahrnimmt und genießt, was ihm Freude macht, was ihm guttut, innerlich aufbaut, der hat weniger Grund zu jammern. Der bekommt neue Lebensfreude und Energie. Gerade auch, um das anpacken zu können, was sich wirklich ändern muss.
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Was beschäftigt die Menschen? Was bewegt sie innerlich? Das kommt auf ganz verschiedene Weise heraus. Zum Beispiel an der Weihnachtskrippe. Im Speyerer Dom kommen die meisten Besucher pro Tag nicht im Sommer oder im Herbst, in der Hauptreisezeit. Die besucherstärksten Tage im Jahr sind die Tage nach Weihnachten – wenn die wunderschöne Krippe dasteht. Da kamen an einem Tag fast 8500 Kinder und Erwachsene, und sie haben im Dom über 2000 Kerzchen angezündet.
Die Menschen stehen Schlange, um die Weihnachtskrippe betrachten zu können. Weil sie innerlich davon angerührt werden. Die schön gestaltete Krippenlandschaft, die Tiere an der Krippe, der Stern, der über allem steht, die Engel mit ihrer frohen Botschaft, der Stall mit Jesus-Maria-und-Josef – das strahlt etwas aus von Heimeligkeit, Heimat, geborgen sein, Hoffnung, Frieden. So ruft die Krippe etwas in uns wach, was viele sich für ihr Leben wünschen. Im Dom zumindest ist es deutlich spürbar: Die Weihnachtskrippe bringt die Menschen mit ihrer eigenen Sehnsucht in Berührung, sie lässt diese Sehnsucht innerlich aufsteigen und verstärkt sie.
Und das tut gut. Ich bin überzeugt: Im Herzen jedes Menschen wohnt eine Sehnsucht. Dazu gehört, dass ich geachtet und geliebt werde. Ich möchte eine Heimat haben und geborgen sein, möchte in äußerem und innerem Frieden leben. Ich möchte meine Begabungen und Interessen verwirklichen – und immer mehr ich selbst werden. Die Sehnsucht nach einem erfüllten und geglückten Leben hat viele Facetten. Diese Sehnsucht hat Gott tief in unsere Seele eingepflanzt – weil sie uns zum Leben führt. Wer seiner Sehnsucht folgt, der ist ausgerichtet auf das, worauf es im Leben ankommt.
Im Alltag kann uns vieles von unserer Sehnsucht abbringen oder sie überlagern. Deshalb ist es gut, wenn es immer wieder etwas gibt, das uns mit unserer persönlichen Sehnsucht in Kontakt bringt. So wie die Weihnachtskrippe.
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Mein Ruhestand steht vor der Tür. Der 31. Dezember wird mein letzter Arbeitstag sein. Und der kommt jetzt schnell näher. Ich erlebe diese Zeit mit gemischten Gefühlen. Nach und nach tue ich vieles „zum letzten Mal“.
Jahrzehntelange war ich in verschiedenen Aufgaben und Ämtern aktiv, mit viel Freude und Herzblut. Und das endet jetzt – mit allem, was dazugehört. Ich werde dann nicht mehr für den Dom zuständig sein, bin kein Chef mehr, treffe meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr, die ich sehr schätze.
Ich bin froh, dass ich Sitzungen und so manche unliebsame Tätigkeit nicht mehr machen muss. Und ich kann als Priester und Seelsorger einiges noch ehrenamtlich weitermachen. Aber zunächst muss ich loslassen, und da ist Wehmut dabei. Auch wenn ich im Ruhestand mehr Zeit habe und kaum Verpflichtungen: Zunächst verliere ich viel von dem, was mein Leben ausgefüllt hat. Das ist schon ein Stückchen Sterben. Die derzeitigen Wochen erlebe ich durchaus als ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Schmerz und Vorfreude.
Mir ist wichtig, diese Übergangsphase bewusst zu erleben und zu gestalten. Ich möchte das, was zu Ende geht, gut abschließen, äußerlich und innerlich. Damit ich dann auch frei und bereit dafür bin, die neuen Chancen zu ergreifen, die der Ruhestand bietet.
Deshalb habe ich schon zu Beginn des Jahres mein Dienstende und die neue Lebensphase ins Auge gefasst, um mich innerlich darauf einzustellen. Meine Exerzitien, zehn Tage Zeit für Besinnung und Gebet, haben mir dabei sehr geholfen. Ich konnte zurückschauen auf meine Dienstzeit. Mit großer Dankbarkeit – und auch mit dem Blick auf das, was nicht so gut war, womit ich vielleicht noch nicht ganz versöhnt bin. Und ich konnte das Loslassen einüben. Eine Grundhaltung, die für das Leben insgesamt wichtig ist - bis hin zum großen Loslassen im Tod. Ich bin dabei, Vergangenes, auch Liebgewordenes, in die Hände Gottes zurückzulegen. Und ich erlebe, dass ich gerade dadurch offen werde für die neuen Lebenschancen, die Gott mir täglich zuspielt, ganz sicher auch im Ruhestand. Also kann der nur gut werden!
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