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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Da komme ich in einen Raum, zu einer Gruppe von Menschen, und spüre sofort: Da ist „dicke Luft“. Da gibt es atmosphärische Störungen, auf der Beziehungsebene knistert es – bis dahin, dass „die Luft zum Schneiden“ ist. Dann herrscht da ein unguter Geist, der das Miteinander beeinträchtigt, der die Menschen auseinanderbringt.
Gottseidank erlebe ich öfter das Gegenteil davon: Im Gespräch hören die Einzelnen aufeinander und fühlen sich verstanden. Es schwingt alles gut zusammen. Alle ziehen an einem Strang, es verbindet sie der gleiche Geist. Die Gemeinschaft untereinander wächst. Und ich kann im Zusammensein mit den anderen ganz bei mir sein und in innerem Frieden. Dann herrscht da ein guter Geist! Ein Geist, der die Menschen zusammenführt und tiefer verbindet. Für mich ist da der Geist Gottes am Werk, der Heilige Geist. Der ist nichts Abstraktes oder irgendwie „über den Wolken“. Der ist oft wie „zum Greifen nahe“. Der Heilige Geist ist in unseren Herzen, kann unsere Haltungen und unser Verhalten prägen. Er kann Beziehungen untereinander verstärken – und auch heilen. Der Heilige Geist schafft es, dass wir gut in Verbindung mit Gott und untereinander sind. Damit das Leben fließt und damit das Miteinander eine Wohltat für alle ist.
Das erlebe ich vor allem in so manchen Freundschaften - in denen uns viel verbindet, in denen ein tieferer Austausch möglich ist. Das habe ich aber auch im Dienst erlebt, bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – da waren die meisten Besprechungen eigentlich Vergnügungssteuer-pflichtig. Weil auch bei kniffligen Fragen das Miteinander einfach wohltuend war. Den Geist, der das Mitmenschliche fördert, den erlebe ich aber auch im Alltag, z.B. an der Supermarkt-Kasse, bei der Angestellten, die freundlich und zuvorkommend ihren Dienst tut, bei der durch ein paar persönliche Worte das Bezahlen an der Kasse zu einer Begegnung von Mensch zu Mensch wird.
Ich freue mich über jede und jeden, durch den ich etwas von diesem guten Geist Gottes erleben kann. Und ich gebe solchen Erfahrungen Raum in meinem Herzen, damit sie mich innerlich aufbauen. Je mehr ich selbst von diesem Geist der Mitmenschlichkeit erfüllt bin, desto leichter kann ich ihn dann auch meinerseits ausstrahlen. Damit das Schöne am Leben Kreise zieht.
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Jammern und Klagen hat Hochkonjunktur. Was alles schlecht ist, was nicht gut läuft, was anders sein müsste, wer es nicht bringt – das ist fast in aller Munde. Ich habe den Eindruck, dass sich inzwischen eine regelrechte „Kultur des Jammerns und Klagens“ entwickelt hat. Mit welchem Erfolg? Klar: Wer jammert, der will dadurch natürlich etwas für ihn Gutes erreichen. Er oder sie möchte wahrgenommen werden in seinem Anliegen, in seiner Not. Wer jammert, erhofft sich Erleichterung in inneren Spannungen. Er sucht Bestätigung und Gleichgesinnte, Zuwendung in dem, was ihn bedrückt. Das alles sind verständliche Ziele.
Aber Jammern und Klagen hilft meistens nicht wirklich. Erst recht nicht, wenn dabei andere runtergemacht werden, wenn die eigene Sicht sich immer mehr verdüstert und innerlich runterzieht. Dann führt das eher dazu, dass jemand freudlos und lustlos ist oder gar blockiert. So bewirkt Jammern selten, dass sich etwas ändert. Es hält eher davon ab, sich persönlich für etwas Besseres einzusetzen. Schade!
Ich möchte eine Alternative dazu vorschlagen. Das, was nicht gut läuft, was nicht stimmt, was anders sein sollte - das möchte ich sehr wohl realistisch sehen. Aber ich möchte mir dadurch nicht den Blick trüben oder mich runterziehen lassen. Ich möchte dem Ungutem keine Macht über mein Inneres geben. Im Gegenteil: Ich möchte einen inneren Abstand dazu bewahren – dann kann ich besser damit umgehen. Und dafür hilfreich ist auch, dass ich den Fokus nicht nur auf das Betrübliche und Schlechte lege. Ich habe mich dafür entschieden, dass ich zunächst vor allem das Gute und Wohltuende wahrnehme und in mein Herz lasse, das, was mir gut tut, was mich aufbaut und neue Kräfte verleiht.
Wer ganz bewusst das wahrnimmt und genießt, was ihm Freude macht, was ihm guttut, innerlich aufbaut, der hat weniger Grund zu jammern. Der bekommt neue Lebensfreude und Energie. Gerade auch, um das anpacken zu können, was sich wirklich ändern muss.
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Was beschäftigt die Menschen? Was bewegt sie innerlich? Das kommt auf ganz verschiedene Weise heraus. Zum Beispiel an der Weihnachtskrippe. Im Speyerer Dom kommen die meisten Besucher pro Tag nicht im Sommer oder im Herbst, in der Hauptreisezeit. Die besucherstärksten Tage im Jahr sind die Tage nach Weihnachten – wenn die wunderschöne Krippe dasteht. Da kamen an einem Tag fast 8500 Kinder und Erwachsene, und sie haben im Dom über 2000 Kerzchen angezündet.
Die Menschen stehen Schlange, um die Weihnachtskrippe betrachten zu können. Weil sie innerlich davon angerührt werden. Die schön gestaltete Krippenlandschaft, die Tiere an der Krippe, der Stern, der über allem steht, die Engel mit ihrer frohen Botschaft, der Stall mit Jesus-Maria-und-Josef – das strahlt etwas aus von Heimeligkeit, Heimat, geborgen sein, Hoffnung, Frieden. So ruft die Krippe etwas in uns wach, was viele sich für ihr Leben wünschen. Im Dom zumindest ist es deutlich spürbar: Die Weihnachtskrippe bringt die Menschen mit ihrer eigenen Sehnsucht in Berührung, sie lässt diese Sehnsucht innerlich aufsteigen und verstärkt sie.
Und das tut gut. Ich bin überzeugt: Im Herzen jedes Menschen wohnt eine Sehnsucht. Dazu gehört, dass ich geachtet und geliebt werde. Ich möchte eine Heimat haben und geborgen sein, möchte in äußerem und innerem Frieden leben. Ich möchte meine Begabungen und Interessen verwirklichen – und immer mehr ich selbst werden. Die Sehnsucht nach einem erfüllten und geglückten Leben hat viele Facetten. Diese Sehnsucht hat Gott tief in unsere Seele eingepflanzt – weil sie uns zum Leben führt. Wer seiner Sehnsucht folgt, der ist ausgerichtet auf das, worauf es im Leben ankommt.
Im Alltag kann uns vieles von unserer Sehnsucht abbringen oder sie überlagern. Deshalb ist es gut, wenn es immer wieder etwas gibt, das uns mit unserer persönlichen Sehnsucht in Kontakt bringt. So wie die Weihnachtskrippe.
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Mein Ruhestand steht vor der Tür. Der 31. Dezember wird mein letzter Arbeitstag sein. Und der kommt jetzt schnell näher. Ich erlebe diese Zeit mit gemischten Gefühlen. Nach und nach tue ich vieles „zum letzten Mal“.
Jahrzehntelange war ich in verschiedenen Aufgaben und Ämtern aktiv, mit viel Freude und Herzblut. Und das endet jetzt – mit allem, was dazugehört. Ich werde dann nicht mehr für den Dom zuständig sein, bin kein Chef mehr, treffe meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr, die ich sehr schätze.
Ich bin froh, dass ich Sitzungen und so manche unliebsame Tätigkeit nicht mehr machen muss. Und ich kann als Priester und Seelsorger einiges noch ehrenamtlich weitermachen. Aber zunächst muss ich loslassen, und da ist Wehmut dabei. Auch wenn ich im Ruhestand mehr Zeit habe und kaum Verpflichtungen: Zunächst verliere ich viel von dem, was mein Leben ausgefüllt hat. Das ist schon ein Stückchen Sterben. Die derzeitigen Wochen erlebe ich durchaus als ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Schmerz und Vorfreude.
Mir ist wichtig, diese Übergangsphase bewusst zu erleben und zu gestalten. Ich möchte das, was zu Ende geht, gut abschließen, äußerlich und innerlich. Damit ich dann auch frei und bereit dafür bin, die neuen Chancen zu ergreifen, die der Ruhestand bietet.
Deshalb habe ich schon zu Beginn des Jahres mein Dienstende und die neue Lebensphase ins Auge gefasst, um mich innerlich darauf einzustellen. Meine Exerzitien, zehn Tage Zeit für Besinnung und Gebet, haben mir dabei sehr geholfen. Ich konnte zurückschauen auf meine Dienstzeit. Mit großer Dankbarkeit – und auch mit dem Blick auf das, was nicht so gut war, womit ich vielleicht noch nicht ganz versöhnt bin. Und ich konnte das Loslassen einüben. Eine Grundhaltung, die für das Leben insgesamt wichtig ist - bis hin zum großen Loslassen im Tod. Ich bin dabei, Vergangenes, auch Liebgewordenes, in die Hände Gottes zurückzulegen. Und ich erlebe, dass ich gerade dadurch offen werde für die neuen Lebenschancen, die Gott mir täglich zuspielt, ganz sicher auch im Ruhestand. Also kann der nur gut werden!
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„Warum soll ich meinen Mund halten? Ich kann Gutes für die Gesellschaft beitragen, und ich will es!“ Das sagt Marline Younan, Syrerin und heute 29 Jahre alt. Und es klingt überzeugend. Denn hinter diesen markigen Worten stehen Taten. Steht konkretes Engagement.
Als Marline Younan 17 war, musste die ganze Familie aus Syrien fliehen, um ihr Leben zu retten. Ihr Vater unterrichtete an der Uni und war auch Politiker. Im Krieg war seine Region hart umkämpft. Der Vater geriet zwischen die Fronten des IS und des Assad-Regimes, politisch und ganz konkret: Er wurde angeschossen. Hals über Kopf musste die Familie 2013 fliehen. Sie kam über den Irak nach Deutschland.
Diese Erfahrung hat Marline Younan geprägt. Und sie hat aus den zwölf Jahre seitdem das Beste gemacht. Derzeit ist sie Master-Studentin im Fach „Internationales Strafrecht“. Sie engagiert sich in der Geflüchtetenhilfe und im Frauenhaus. Dort hat sie hat die Rechtsberatung übernommen und macht Übersetzungen. Sie steht Frauen aus verschiedenen Kulturen zur Seite. Und als Christin unterstützt sie die Kirchengemeinden ihrer Landsleute in der Region. Seit vier Jahren ist sie auch Mitglied des Kreistags in Gießen. Engagiert sich dort im Sozialausschuss und ist stellvertretende Vorsitzende des Frauenbeirats.
„Wie will die denn Politik machen? Die weiß doch gar nicht, was Demokratie ist!“ Das bekam Marline Younan zu hören, als sie für den Kreistag kandidierte. „Ich bin Syrerin, ich bin jung, klein – und eine Frau. Das war für manche dann doch zu viel.“ sagt sie heute schmunzelnd. Gottseidank hat sie sich von der Ablehnung nicht abschrecken lassen. Denn Frau Younan leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Integration von Geflüchteten. Sie hat ein besonderes Gespür dafür, was für ein besseres Miteinander in unserer Gesellschaft insgesamt getan werden kann. Menschen wie sie tun unserer Gesellschaft nur gut.
Für meinen Beitrag stütze ich mich auf den Artikel von Kristina Balach „Frauen machen es besser“ in „missio Magazin“, hg. von Missio / Internationales Katholisches Missionswerk, München (www.missiomagazin), 3/2025, S. 22.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43018Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich habe die Luft angehalten: Da läuft ein kleines Kind über die Mauer vor unserem Haus. Die ist zum Teil zwei Meter hoch! Hoffentlich geht das gut! Es ging gut. Und es war eine interessante Szene, die sich noch anschließend vor meinen Augen abgespielt hat.
Vor unserem Bürogebäude liegt ein kleiner Platz. Der wird von einer Mauer eingefasst. Die ist vom Platz her etwa 50 cm hoch. An der anderen Seite der Mauer führt aber eine abschüssige Straße entlang. Und an deren tiefstem Punkt ist die Mauer zur Straße hin dann mehr als zwei Meter hoch.
Dort ist der etwa Fünfjährige vom Platz her auf die Mauer gestiegen und darauf losmarschiert. Kurz darauf kam auch noch sein kleinerer Bruder nach. Beide stapften locker und schnellen Schrittes über die Mauer. Offensichtlich hatten sie nicht die geringste Angst. Und dann tauchte auf der Straße daneben ihre Mutter auf. Die Jungs gingen bis zum Ende der Mauer, wo sie nur noch 50 cm hoch ist. Dort stellten sie sich auf, um herunterzuspringen. Vor der Mauer stand ihre Mutter. Die hob sie aber nicht von der Mauer herunter oder fing sie beim Springen auf. Sie stand in etwas Abstand da und rief: „Eins – zwei – drei!“ Und dann hüpfte zuerst der Fünfjährige und danach der kleinere von der Mauer. Beide strahlten! Sie hatten einen Riesenspaß bei der ganzen Aktion.
Nach der Schlussszene konnte ich verstehen, wieso die beiden Kinder einfach so rasch und ohne jegliche Angst über die hohe Mauer gegangen sind. Sie konnten es sich zutrauen, weil ihre Mutter ihnen das zugetraut hat.
Die Mutter ist keine Helikopter-Mama, die ihre Kinder betüttelt und alle nur denkbaren Gefahren und Schwierigkeiten von ihnen fernhält. Offensichtlich haben die beiden Kinder ein Grundvertrauen geschenkt bekommen, das ihnen großes Selbstvertrauen verleiht. Sie haben die Lebensbotschaft mitbekommen „Du schaffst das!“ Und deshalb können sie locker und selbstbewusst durchs Leben gehen - und auch schwierige Situationen gut meistern. Das ist ein echter Schatz fürs Leben!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43017SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
„Hallo, Christoph!“ So werde ich immer öfter im Internet und in Mails angeredet. Oft von Absendern, mit denen ich nichts zu tun habe. Das empfinde ich als unangemessen, als übergriffige Anmache. Ich mag auch nicht, dass ich von anderen einfach so geduzt werde.
Vielleicht bin ich da zu altmodisch. Ich weiß, dass es im Englischen kein „Sie“ oder „Du“ gibt. Aber ich schätze die Möglichkeit der deutschen Sprache, dass wir da genauer sein können, dass wir differenzieren können. Und das bedeutet: Wir können mit der Anrede etwas ausdrücken über die Art der Beziehung zum anderen. Und über die Haltung, mit der ich ihm oder ihr gegenüberstehe.
Deshalb: Warum nicht „Sie“ und „Sehr geehrte Frau Sowieso“, wenn es um etwas Offizielles-Dienstliches-Amtliches geht oder um jemanden, der mir nicht gerade nahesteht? Die Anrede „Sehr geehrter Herr Sowieso“ spiegelt die Distanz zwischen uns wider; zugleich ist sie höflich, sie drückt einen gewissen Respekt aus und würdigt den Angesprochenen.
Dagegen empfinde ich die Anrede mit Ausdrücken wie „Hallo, …“ als zwar gut gemeinten, lockeren Gruß, der aber unverbindlich und inhaltsleer ist. Und wenn ich dann noch mit Vornamen und Du angesprochen werde, obwohl ich mit dem Schreiber nichts Persönliches zu tun habe, dann befremdet mich das. Weil das „Du“ eine Nähe, eine persönliche Beziehung vorgaukelt, ein wirkliches Interesse an mir, das es gar nicht gibt.
Umgekehrt freue ich mich über jedes „Du“ und jede Anrede mit „Lieber Christoph, …“, wenn da etwas dahinter ist. Diese Anrede ist für mich stimmig, wenn uns eine gewisse Beziehung verbindet, eine persönliche Nähe, dass der er andere wirklich an mir als Person interessiert ist.
Schon immer auf Du und Du bin ich mit Gott. Und das ist mehr als stimmig. Bei ihm kann ich sicher sein, dass er mir so nahe ist und es so gut mit mir meint, wie es nur denkbar ist. Sein „Du“ mir gegenüber drückt aus, dass er mich kennt und 100% Ja sagt zu mir, so wie ich bin. Es ist wunderbar, wenn ein „Du“ unter Menschen ähnlich viel ausdrückt.
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„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Zu diesem christlichen Hauptgebot hat mir eine Bekannte gesagt: „Wenn das stimmt, dann hat es der Nächste bei mir nicht so gut.“ Hoppla! So war der Impuls Jesu sicherlich nicht gemeint.
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit wollte Jesus sagen: „So, wie du natürlich dich selbst liebst, so sollst Du auch deinen Mitmenschen lieben. So, wie du dich selbst annimmst, so sollst du auch deinen Mitmenschen annehmen und gut zu ihm sein.“ Jesus geht davon aus, dass ich mich selbst mag und es gut mit mir meine – und das ist die Voraussetzung dafür, dass ich es genauso auch mit dem anderen von Herzen gut meine und für ihn da bin.
Und was ist, wenn ich mich selbst nicht mag, wenn ich mich nicht so richtig leiden kann, wenn es mir schwerfällt, mich selbst anzunehmen? Dann trifft das zu, was meine Bekannte sagte: Dann „hat es der Nächste bei mir nicht so gut“ - weil es mir dann auch nicht leichtfällt, den anderen anzunehmen, ja zu lieben. Ohne Selbstliebe fällt die Nächstenliebe schwer und ist wirklich anstrengend. Schade, denn das wirkt sich auf das eigene Lebensglück aus und auf das Zusammenleben.
In seinem Gebot setzt Jesus voraus, dass ein Mensch sich selbst liebt. Denn das ist das großes Lebens-Angebot Jesu: dass jede und jeder Einzelne sich selbst immer mehr annehmen kann, wie er ist; dass jeder „Ja“ zu sich selbst sagen kann mit allen Macken und Fehlern. Weil Gott von Anfang an ohne Wenn und Aber „Ja!“ zu jedem Menschen sagt, ihn liebt ohne Forderungen oder Bedingungen. Wer das glaubt, wer das spürt, der kann dann auch leichter „Ja!“ zu sich selbst sagen. Ein Mensch reift dadurch, dass Gottes Ja zu ihm in seinem Herzen ankommt und ihn innerlich erfüllt. Das ist offensichtlich eine zentrale Lebensaufgabe: Ja sagen zu können zu mir selbst, zu dem, wie ich bin; zu dem, was aus mir geworden ist, zu meiner Lebensgeschichte, erst recht, wenn ich älter bin. Und wer mit sich versöhnt ist, sich selbst mag, ja sich liebhat – bei dem haben es dann auch die Mitmenschen gut.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42404Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ein Kloster im Hochhaus? Nein, das ist doch wohl ein Scherz, das passt doch überhaupt nicht! Gibt es aber wirklich. Ein interessantes Projekt! Ich habe es mir vor Ort angeschaut.
Klöster haben Konjunktur. Denen, die dort zu Besuch sind, tun sie richtig gut. Oft sind es weiträumige Gebäude, mit lichtdurchfluteten Fluren, heimelig und in schöner Landschaft.
All das gibt es nicht im „Stadtkloster im Hochhaus“ im Freiburger Stadtteil Weingarten. Dort befindet sich ein Kloster der anderen Art. In einem 20-stöckigen Hochhaus in der Krozinger Straße, wirklich nicht schön und auch nicht besonders gepflegt. In einem sozial schwierigen Stadtteil.
Aber Mathilde und Ulli sind vor Jahren bewusst mit drei Gleichgesinnten dorthin gezogen. Sie haben drei Wohnungen gemietet. Sie wollten als eine christliche Lebensgemeinschaft dort bei den Menschen sein, die es oft im Leben nicht so leicht haben. 20 Jahre lang haben sie wohnungslose Menschen bei sich aufgenommen und mit ihnen zusammen gelebt. Manche von ihnen haben dadurch mit der Zeit gelernt, wie ein normales Leben geht; manche sind wieder zurück auf die Straße gegangen. Aber alle haben in dieser Zeit gespürt, dass sie als Menschen eine Würde haben. Uli, von Beruf Lehrer, sagt dazu im Rückblick: „Das war ein richtig reiches Leben.“ Auch wenn es nicht immer ganz einfach war. Zu vielen der ehemaligen Mitbewohner haben Mathilde und Uli noch Kontakt. Leider mussten sie dieses Wohnprojekt wegen einer Erkrankung aufgeben.
Inzwischen sind sie in Rente – jetzt haben sie eine Wohnung als „Stadtkloster im Hochhaus“. Sie leben dort ihren Glauben mitten unter all den anderen Leuten. „Wir wollen das, was wir geschenkt bekommen haben, teilen“ sagt Uli. Sie haben in der Wohnung Platz für jemanden, der eine Zeitlang mitleben möchte. Einfach so. Oder um die persönliche Spiritualität zu vertiefen. Deshalb bieten die beiden geistliche Begleitung und Exerzitien an. Auch Exerzitien auf der Straße, draußen im Stadtteil, um dort Gott und seinem Wirken unter den Menschen auf die Spur zu kommen. Damit die Gäste achtsamer und geschwisterlicher werden können. Wie in einem richtigen Kloster. Aber gerade auf diese unkonventionelle Weise ebnen Uli und Mathilde anderen den Weg zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst. Das „Stadtkloster im Hochhaus“ ist ein starkes Stück Kirche!
Nähere Informationen zu dem Projekt unter www.stadtklosterimhochhaus.de. Für die Ansprache habe ich mich auch gestützt auf den Artikel „Statt Kloster ins Hochhaus“ von Antonia Krinniger in „Konradsblatt“ Nr. 26 / 2024 vom 30.06.2024, S. 4-7.
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Fake News haben Hochkonjunktur. Und der Präsident der USA ist darin Weltmeister. Er behauptet im Brustton der Überzeugung, was nachweislich nicht stimmt. Er biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, wie er sie gerade für sich braucht. Er täuscht durch Unwahrheiten Erfolg vor, wo er gar keinen hat. Er macht sich künstlich groß und macht andere nieder, indem er Falschaussagen geschickt in die mediale Welt schießt – sie sind moderne, digitale Waffen.
Mit einem solch unmoralischen Verhalten steht er nicht allein. Mit Fake News muss man inzwischen auch bei anderen Politikern und vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken rechnen. Durch Fake News werden die Menschen bewusst irregeführt. Sie werden verwirrt und manipuliert. So wird Macht ausgeübt, um immer mehr Menschen vorzusagen und einzuhämmern, was sie denken und wie sie sich verhalten sollen. Das heimliche Ziel: Der Profit dessen, der die Fake News in die Welt schießt.
Und es funktioniert! Fake News werden normal. Die Verwirrung wird immer größer. Viele stellen gar nicht mehr die Frage, ob das wahr ist, was da behauptet wird. Und allzu viele lassen sich auch tatsächlich dadurch manipulieren; die Verursacher haben Erfolg damit. Die Folgen: Die Dialogfähigkeit in der Gesellschaft nimmt ab, die „Blasen“ nehmen zu. Und immer häufiger werden dadurch auch Menschen radikalisiert. Fake News sind eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die gemeinsamen Grundwerte.
Für die Opfer und für die Täter kommt bei den Fake News noch etwas Tiefergehendes dazu: Diejenigen, bei denen der Unterschied zwischen „wahr“ und „unwahr“ keine Rolle mehr spielt, die leben immer mehr in einer Scheinwelt. Sie machen sich etwas vor über die Wirklichkeit um sich herum – und auch über sich selbst. Bis dahin, dass sie sich verstricken in einem Gespinst von Lügen – dann sind sie darin gefangen.
„Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus im Johannes-Evangelium (Joh 8, 32). Das stimmt: Wer sich an die Wahrheit hält, der schafft Vertrauen und hilft mit, dass Menschen gut zusammenleben können. Und nur wer sich über sich selbst nichts vormacht, der ist innerlich frei und kann ein reifer und glücklicher Mensch werden. Menschen, die verlässlich, echt und authentisch sind, die sind eine Wohltat. Am besten ist es, bei sich selbst damit anzufangen. Es lohnt sich, sich an die Wahrheit zu halten.
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