Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Kirchenasyl Den Haag
Am 1. Februar habe ich eine wunderbare Nachricht gelesen: 2200 Stunden langer Gottesdienst beendet. Dieser Gottesdienst, der über 90 Tage gedauert hat, hat in Den Haag in den Niederlanden stattgefunden. Aber nicht, um ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Mit diesem Gottesdienst wurde einer Familie aus Armenien Asyl gewährt.

Ich erzähle Ihnen mal, wie es dazu kam. Vor 9 Jahren schon ist  Familie Tamrazyan aus Armenien geflohen. In den Niederlanden haben sie Zuflucht gefunden. Sasun Tamrazyan, der Familienvater, hat sich in seiner Heimat politisch engagiert. Er war ein Gegner nationalistischer Politik. Dafür wurde er verfolgt. 2009 war das.

Sasun Tamrazyan verließ mit seiner Frau und den drei Kindern Armenien. Die älteste Tochter war 12, der Sohn 10 und die jüngste 6. Alle sprechen heute fließend niederländisch. Die älteste Tochter Hayarpi studiert. Regelmäßig hat die Familie den Gottesdienst besucht. Alle fünf sind Christen. Wer die Vorgeschichte nicht kennt, könnte meinen: Die Familie Tamrazyan ist wegen eines Berufswechsels in die Niederlande gekommen.

Die Nachbarn sagen: Die Tamrazyans sind sehr gut integriert. Letzten Herbst sollte die fünfköpfige Familie trotzdem abgeschoben werden. Zuerst haben sie in ‚ihrer‘ Kirche in Katwijk Hilfe gesucht. Doch das konnte die Gemeinde nicht schaffen. In Den Haag ist dann die Idee zu dem monatelangen Gottesdienst entstanden. Die Polizei darf in den Niederlanden nämlich nicht in ein Gotteshaus, wenn dort gerade Gottesdienst gefeiert wird. Christliche Pfarrer aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland waren rund um die Uhr im Einsatz.

Für die Familie wurden eine Küche und ein Bad eingerichtet. Nach drei Monaten ist das nun zu Ende: Die Familie darf bleiben. Und das nicht irgendwie aus Gnade. Man hat einfach ein geltendes Gesetz neu angewandt. Es heißt: ‚Kinderpardon‘. Wenn eine Familie in den Niederlanden ein Kind bekommt, darf die Familie bleiben. Für die Tamrazyans hat man gesagt: Die Kinder sind seit 9 Jahren hier, besuchen die Schule, studieren. Das soll auch gelten dürfen!
Auch für andere Familien in den Niederlanden spielt das eine Rolle: 600 weitere Familien sind nun genauso geschützt und dürfen bleiben.

Diese Geschichte geht mir zu Herzen. Sie hat ein gutes Ende. Und es ist eine internationale Geschichte. Pfarrerinnen und Pfarrer aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen haben zusammengearbeitet. Ja, im Grunde wünsche ich mir, dass die Kirche so ist. Sie überschreitet Grenzen für die Menschen, die Hilfe brauchen. Das geht nicht immer und überall. Aber es geht immer wieder.

Solche Grenzüberschreitungen gab es schon immer. In der Bibel wird eine Geschichte von Paulus erzählt. Paulus wollte im Nordwesten der heutigen Türkei das Evangelium von Jesus verbreiten. In der Nacht vor seiner Reise hatte er einen Traum. Er hat geträumt, dass ihn ein Mann aus Mazedonien ruft. „Komm rüber zu uns und hilf uns“, hat er gerufen. Am nächsten Tag ist Paulus mit seinen Mitarbeitern nach Europa gesegelt.

Für Paulus und seine Mitarbeiter war klar: Gott hat sie gerufen. Und Paulus sollte auch Erfolg haben. In Philippi hat sich eine Frau namens Lydia taufen lassen. Lydia wurde in der heutigen Türkei geboren. Ist dann aber wegen besserer Berufsaussichten nach Mazedonien gezogen. Lydia gilt als erste Christin Europas. In ihrem Haus hat sich die erste christliche Gemeinde in Europa zum Gottesdienst getroffen.

Ich mag auch diese Geschichte sehr. Auch sie liegt mir am Herzen. Lydia, die aus der Türkei kommt, wird die erste Christin. Paulus, der aus der Türkei kommt, erlebt seinen ersten Erfolg. Beide sind für die Stadt Philippi ein Gewinn. Zum Glück haben das die Menschen damals so gesehen und sich zu Herzen gehen lassen, was Paulus gesagt hat. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie gesagt hätten: Zieht weiter, wir wollen Euch hier nicht. So war es ja aber nun nicht. Paulus und Lydia haben eine Landesgrenze überschritten. Und sie durften bleiben. Ist das nicht eine wundervolle doppelte Grenzüberschreitung? Lydia und Paulus kommen aus der heutigen Türkei und mit beiden fängt das Christentum in Europa an. Bei ihnen merkt man: Woher sie kommen ist so wichtig gar nicht, weil die Botschaft zu Herzen geht. Und daraus entsteht dann eben großes. In diesem Fall eine 2000jährige Glaubensgeschichte.

Menschliche Grenzen, wohl auch menschliche Horizonte, spielen für Gott anscheinend nicht die wichtigste Rolle. Das lese ich aus der Geschichte von Paulus und Lydia. Diese Spur finde ich auch in der Geschichte der armenischen Familie in den Niederlanden. Die entscheidenden Grenzen liegen im Herzen. Die Menschen entscheiden im Herzen, was ihnen wichtig ist. Und Gott, so glaube ich, hat damals in Philippi und heute in Den Haag die Herzen bewegt. Schön, wenn Menschen das zulassen können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine grenzenlose Woche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28171

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