Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

„Ist Pfarrer ein normaler Beruf?“ Das hat mich die Chefin des Hotels gefragt, in dem ich meinen Urlaub verbracht habe.
Das Hotel war ein Familienbetrieb. Und da hat es für die Chefin dazugehört am Ende noch ein bisschen Smalltalk zu machen. Wie lange fahren Sie? Freuen Sie sich auf die Arbeit? Und dann: Was arbeiten Sie eigentlich?

 

Ich habe mich darauf eingelassen: Ich bin evangelischer Pfarrer. Da machte die Chefin große Augen. „Ach“, hat sie gefragt, „ist das ein normaler Beruf?“ Ich habe eine Weile nichts gesagt. Mein Schweigen hat sie dann genutzt und gesagt: „Mein Sohn ist 9 und will unbedingt Pfarrer werden. Er geht zu jedem Gottesdienst und er betet.“ Kurze Pause: „Ich mache mir ein bisschen Sorgen.“

Zuerst musste ich lachen. Aber natürlich war es der Mutter ernst. Immerhin führt die Familie ein Hotel. Da hat sie von ihrem Sohn sicher andere Interessen erwartet als ausgerechnet Religion und Kirche. Vielleicht soll er später den Betrieb mal übernehmen. Ich kenne einige mittelständische Betriebe, da ist es ganz wichtig, dass die Nachfolge geklärt wird. Denn oft hängt an einem Familienbetrieb die Existenz – nicht nur der Familie, sondern auch der Familien drum herum, die dort arbeiten.

Dann habe ich der Chefin und Mutter gesagt: „Ja, es ist ein normaler Beruf.“ Aber ihre Sorgen hat das nicht zerstreut. Sie hat dann erzählt: „Er hat auch wenig Kontakt in der Schule. Und er ist irgendwie anders als wir. Also, er ist nicht unglücklich. Aber eben anders.“ Da habe ich erst verstanden, was sie beunruhigt. Sie hat wohl gedacht, ihr Sohn könnte ein weltfremder Eigenbrötler werden. Keine Kleinigkeit für ein Gespräch an der Rezeption. Ich habe ihr dann erzählt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer zwar einen besonderen Beruf haben. Dass sie aber auch ganz normale Menschen sind.

Ich weiß, dass das meiner Wirtin wohl nicht richtig geholfen hat. Aber was sollte ich tun? Man sagt ja Blut ist dicker als Wasser. Die Mutter des kleinen Jungen hat aber das Gefühl gehabt, dass das ihr Sohn anders sieht. Wer weiß, was sie da alles umtreibt: Enttäuschung, weil er nicht so am Betrieb interessiert ist? Angst, dass er in Zukunft schief angeschaut wird? Sorge, dass er nicht für sein Auskommen sorgen kann?

Familienbande sind in der Regel fest geknüpft. Was tun, wenn das Kind oder der Enkel plötzlich Wege einschlägt, die unerwartet sind?

 

Beim Gespräch damals ist mir die Geschichte nicht eingefallen. Aber es gibt in der Bibel eine Geschichte über Jesus, die ganz ähnlich ist. Jesus hatte gerade angefangen, in der Öffentlichkeit zu predigen und Kranke zu heilen. Dann hat er 12 Männer als seine Jünger ausgewählt. Mit ihnen fing er an , durch das Land zu ziehen.

Seine Mutter Maria war entsetzt. Sie dachte, „er ist verrückt geworden.“ Wahrscheinlich hat sie von ihrem ältesten Sohn erwartet, dass er den Betrieb des Vaters übernimmt. Dass er die Familie versorgt und in Nazareth bleibt. Nun war Jesus drauf und dran, ein Wanderprediger zu werden. Maria macht sich auf den Weg, um ihm so ein Leben auszureden.

Jesus reagiert auf seine Mutter dann sehr scharf. Er lässt ihr ausrichten, dass seine Familie aus den Menschen besteht, die ihm folgen und wie er nach den Geboten Gottes leben. Das war für Maria sicher ein Schlag. Aber ich will Jesu Beispiel auch nicht zu sehr strapazieren. Wir sind ja nicht Jesus. Jesus konnte kompromisslos sein. Wir können Kompromisse machen, finde ich. Wir können anders als Jesus zwei Familien haben.

Erstens eine biologische Familie. Zweitens kann man dazu noch eine geistliche Familie haben, wenn man sich an Jesus orientiert. Jesus hat solche Menschen seine Brüder und Schwestern genannt. Damit hat er diejenigen gemeint, die wie er glauben und leben wollen. In diesem Sinne gewinnt man eine weltweite Familie dazu.

Es muss übrigens niemand Pfarrer werden, um zu dieser Familie zu gehören. Glauben kann man in jedem Beruf und überall. Gutes tun auch. Jesus hat ja später mit der Goldenen Regel auf den Punkt gebracht, was er meint: Was Ihr wollt, das Euch die Leute tun, das tut ihnen. Das ist sozusagen das Motto der Familie Gottes.

Weil wir nicht so radikal handeln müssen wie Jesus, können wir heute beides haben. Eine Familie aus Fleisch und Blut mit eng geknüpften Familienbanden. Die hat eigene Vorstellungen und Wünsche. Aber sie ist für mich auch ein Ort, an dem ich mich sicher fühlen kann. Und eine Familie aus Menschen, die sich an Jesus orientieren. Dazu gehören die Frau aus der Suppenküche oder der Mann, der für die Tafel arbeitet. Zu dieser Familie knüpfen Kinder und Enkel manchmal unerwartet feste Bande.

Betrachten Sie es als Geschenk, wenn Kinder und Enkel neue Bande knüpfen und eigene Wege gehen. Es kann Großes entstehen. Probieren Sie doch heute mal das Familienmotto von Jesus aus: Tun Sie einem Menschen, was Sie sich für sich wünschen. Keine Sorge, Sie gewinnen einen Bruder dazu. Oder eine Schwester. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete und familiäre Woche.

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