Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Ich bin nicht gut im Warten. Muss ich echt zugeben. Morgens oder abends im Stau, wenn’s nicht vorwärts geht, da könnte ich manchmal aus der Haut fahren. Bringt natürlich nichts. Aber vielleicht kennen Sie das auch, dass einen das Warten zermürben kann. Im Stau oder beim Arzt im Wartezimmer oder wenn einer nicht pünktlich ist. Ich bin nicht gut im Warten. Weil es mir so oft pressiert, wie man im Schwäbischen sagt.

Aber nicht nur in diesen alltäglichen Erfahrungen merke ich, wie schwer mir das Warten fällt. Je älter ich werde, desto mehr denke ich: So, wie es ist, kann es doch nicht bleiben. Es muss sich doch was ändern, damit es gut wird. Ich warte darauf, dass es gerechter zugeht in der Welt. Dass die Armen nicht ärmer werden. Dass nicht Kriege auf dem Rücken unschuldiger Menschen ausgetragen werden wie im Jemen gerade. Dass die Gier nicht alles bestimmt, die Gier nach Einfluss und Macht, nach Rohstoffen, nach Geld. So vieles schreit doch zum Himmel.

Ich bin nicht gut im Warten. In einem alten Adventslied höre ich von einem, der das auch schier nicht aushält, das Warten-Müssen. Und das Unrecht, das er erlebt. Vielleicht kennen Sie das Lied. „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!“

„Heiland, komm und mach endlich was.“ Hören Sie auch die Ungeduld? Dass einer es schier nicht aushält, warten zu müssen? Das Lied stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Ein Jesuitenpater hat es gedichtet, Friedrich Spee von Langenfeld. Friedrich Spee von Langenfeld hat sein halbes Leben im Schatten des Dreißigjährigen Krieges verbracht. In diesem schrecklichen Krieg haben sich die Völker Europas aus religiösem Fanatismus und nationalistischen Eigeninteressen abgeschlachtet. Und haben erst aufgehört, als sie nicht mehr konnten. Als die deutschen Fürsten- und Herzogtümer 40 Prozent ihrer Bevölkerung und ihres Volksvermögens verloren haben. In manchen Regionen Württembergs haben von 100 Einwohnern keine 10 überlebt. Und er, der Jesuitenpater, erlebt das alles hautnah. Die Kranken, Verwundeten und Sterbenden in den Spitälern, denen er Trost spenden soll. Denen er an Weihnachten von der Liebe Gottes predigen soll. Gottes Liebe wird sichtbar in einem Kind in der Krippe. Ja, und?? „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal!“ heißt es in seinem Lied.

Die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs war auch die Zeit der Hexenverfolgung. Spee war ihr leidenschaftlicher Gegner – und er war Beichtvater ihrer Opfer. Er beschreibt die Ausweglosigkeit der Frauen, die der Hexerei angeklagt waren. Er hat Partei für sie ergriffen. Er hat bezweifelt, dass Aussagen unter Folter in irgendeiner Weise zur Klärung beitragen können. Er hat sich gefragt, was er tun kann, um diesen Frauen zu helfen. Er fragt Gott, wie es um seine Gerechtigkeit steht. „Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod; ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“

Den Terror der Hexenverfolgung konnte Spee nicht stoppen. Aber er hat getan, was ein Einzelner tun kann: er hat nicht geschwiegen. Er hat nicht resigniert. Nicht die Hände in den Schoß gelegt. Nicht gedacht und gesagt: Kannst eh nichts machen. Er hat getröstet und Bücher geschrieben gegen diesen Wahnsinn. Er tritt darin für die Unschuldsvermutung ein. Für faire Verfahren vor Gericht. Er wirbt für Menschen- und Frauenrechte. Und er hat Gott angefleht um Hilfe und Trost. Er ruft nicht nach dem süßen Christkind, sondern nach dem Heiland. Nach dem Mann, der selbst unter das Rad der Geschichte geriet und ein Opfer von Gewalt wurde.

Heute ist auch der Internationale Tag der Menschenrechte. Am 10. Dezember 1948 haben 56 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte unterschrieben. Zu den Menschenrechten gehört das Recht auf Leben, Eigentum, Gesundheit. Die Menschenrechte fordern die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Sie garantieren die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit, um nur einige zu nennen. Diese Menschenrechte sind ein Gradmesser. Ein Gradmesser dafür, wie es um die Menschlichkeit in der Welt bestellt ist. Gott sei Dank gibt es Organisationen wie amnesty international. Organisationen, die nicht nur an diesem Tag den Finger in die Wunde legen und weltweit Menschenrechtsverletzungen benennen.

Ich bin nicht gut im Warten. Aber das lerne ich von Friedrich Spee: Man kann schon etwas tun. Nicht wegschauen, wenn sie einen anderen verächtlich machen oder herabwürdigen. Den Mut haben, was zu sagen, wenn über andere abfällig geredet wird. Ich finde, ohne diese Haltung kann es nicht richtig Weihnachten werden.

Ich wünsche Ihnen einen frohen Adventssonntag und eine gute Woche.

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