Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Manchmal muss man Grenzen überschreiten, wenn man etwas erreichen will. Da darf man nicht stehen bleiben und denken: Das klappt ja sowieso nicht. Und darf sich nicht durcheinander bringen lassen von denen, die sagen: „Das wird nie was.“ Und auch Angst darf man keine haben, oder unnötigen Respekt.

Ich will Ihnen heute Morgen von einer Frau erzählen, die das einfach gemacht hat: die Grenze überschreiten, die ihr Anstand, Religion oder Kultur gezogen haben. Eine gehörige Portion Mut braucht es dazu und der beeindruckt mich an dieser Frau. In der Bibel wird diese Geschichte berichtet.

Sie spielt im Grenzland. Dort, wo Zollstationen und Wachposten markieren, wer wohin gehört. Und wer wo Fremder ist und dazu gehört oder eben auch nicht. Jesus hat sich mit seinen Freunden ins Grenzland begeben. Eine Weile Ruhe hofft er zu finden, drüben auf der anderen Seite. Dort im Ausland taucht dann plötzlich diese Frau auf, mit lautem Geschrei. Sie hat Jesus erkannt und schreit: „Ach Herr, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir, meine Tochter wird von einem bösen Geist furchtbar gequält!“ Eigentlich hat sie keinen Anspruch auf Hilfe, wenn man sich an die Grenzen hält, die Menschen gezogen haben. Sie ist für Jesus eine Ausländerin. Und in ihrem Land wird ein anderer Gott verehrt. Aber sie ist eine Mutter, die es nicht mehr aushält, das Leid ihrer Tochter mitanzusehen. Da überschreitet sie die Grenze.

Menschen in Not klammern sich an jeden Strohhalm, das geht doch jedem so. So wie dieser namenlosen Frau, die nach Hilfe schreit für ihr Kind und für sich selbst. Ob sie von Jesus gehört hat, dass er auch in aussichtslos scheinenden Fällen helfen kann? Die Geschichte in der Bibel lässt das offen. Aber sie schreit und hört nicht auf damit: „Ach Herr, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir und mit meiner Tochter. Aber Jesus antwortet ihr kein Wort. Er schweigt. Und hilft nicht. So kennt man ihn gar nicht. Hat er nicht zugehört? Sieht er sie nicht? Oder hält er sich einfach an die Grenzen, die für die Menschen in der Gegend dort gelten?

Ich glaube, wer es schon einmal mit dem Beten probiert hat, kennt diese Erfahrung. Dieses schreckliche Schweigen. Wo ein Mensch um Antwort bittet, um Heilung oder um ein Zeichen. Und das Gefühl bekommt, dass Gott gar nicht zuhört, einen womöglich vergessen hat. Dann muss ja der schreckliche Gedanke kommen: Ich also nicht. Für mich ist er nicht da. Er sieht mich nicht und er hört mich nicht. Ich bin draußen. Ich gehöre nicht dazu.

II.
Eine Frau findet den Mut und bittet Jesus um Hilfe. Obwohl sie wissen könnte: Weil er von jenseits der Grenze kommt, ist er hier nicht zuständig. Und Jesus schweigt, scheint sie gar nicht zu bemerken. Als ob wirklich eine unsichtbare Grenze zwischen ihnen wäre.

Selbst den Freunden Jesu wird das unangenehm, weil die Frau nicht aufhört, Jesus nachzuschreien. Aber Jesus sagt, was die Freunde wahrscheinlich auch denken: Ich bin nicht zuständig. Hinter der Grenze bin ich nicht zuständig für die Not dieser fremden Frau. Und was macht die Frau? Aufgeben? Sich schicken in ihr Schicksal? Sie wirft sich vor ihm nieder. Noch eine Grenze, die sie überschreitet: „Herr, hilf mir doch!“ Sie hat nichts mehr zu verlieren.

Und wie reagiert Jesus? Er richtet sie nicht auf. Er besteht auf der Grenze und sagt: „Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Es ist irgendwie kaum zu ertragen, finde ich: Mit einem Straßenköter vergleicht Jesus die Frau und sagt es ihr ins Gesicht. Und sie? Hat sie jetzt endlich genug?

Nein, sie antwortet ihm: „Ja, Herr, aber die Hunde fressen doch von den Krümeln, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen!“ Ja, ich weiß, dass es da eine Grenze gibt. Ich habe vielleicht keinen Anspruch. Aber ich bitte Dich dennoch und ich höre nicht auf, Dich zu bitten. Ich höre nicht auf, weil ich weiß: Du kannst mir helfen.

Da erreicht sie Jesus. Jetzt erst scheint er die Frau wirklich wahrzunehmen. Jetzt ist sie nicht mehr die Fremde, für die er sich nicht zuständig gefühlt hat. Sondern eine Mutter, die in der Not für ihr Kind bittet. Eine Frau mit dem mutigen Zutrauen, dass Jesus und sein Gott nicht so eng sind, wie Jesus selbst gerade noch behauptet hat. Dass für Gott die Grenzen nicht gelten, die Menschen aufgerichtet haben. Dass Gott das Leid aller seiner Menschen sieht und ihr Klagen und Schreien hört. Ganz gleich, auf welcher Seite der Grenze einer lebt. Ganz gleich, ob er glaubt oder nicht. Davon lässt Jesus sich anrühren: „Frau, Dein Vertrauen ist groß! Was Du willst, soll geschehen.“, sagt er. Gottes Barmherzigkeit kennt tatsächlich keine Grenzen.

Eine Frau, die sich von Grenzen nicht beeindrucken lässt und nicht aufhört, Jesus um Hilfe zu bitten. Weil es um einen anderen Menschen geht, der in Not ist. Dieses Grenzen überschreitende Vertrauen möchte ich lernen von dieser Frau. Dass Gott da ist für die Not aller Menschen. Auch für meine. Ich glaube, dieses Vertrauen hilft, die Grenzen, die auch in meinem Kopf sind, zu überschreiten. Und mutig zu sein, sich nicht abspeisen zu lassen oder zu schnell aufzugeben, wenn es um die Not eines anderen geht – oder um meine eigene. Die Begegnung von Jesus und dieser namenlosen Frau zeigt mir – es wird gut, wenn man Grenzen überschreitet. Und dran bleibt an Gott.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

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