Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

27SEP2020
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Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen. Jetzt ist der Sommer doch noch viel besser geworden, als im Frühjahr zu befürchten war, finde ich. So viele schöne sonnige Tage. So viele laue Abende, an denen man noch lange draußen sitzen konnte. Biergärten und Eisdielen haben wieder aufmachen können. Die Freibäder auch. Sport war wieder möglich, auch kleinere Veranstaltungen. Man konnte sich treffen. Nach den Pfingstferien haben die Schulen vorsichtig ihren Betrieb aufgenommen, jetzt nach den Sommerferien sind wieder alle Schüler da. Gottesdienste können gefeiert werden. Besuche im Pflegeheim gehen wieder. Und in den Urlaub fahren konnte man auch. Gut, nicht überall hin, wie seither. Aber auch in unserem Land gibt es so viele schöne Flecken, die einen Besuch wert sind. Fast normal fühlt sich das doch an. Finden Sie nicht auch?

Ich glaube, es ist wichtig, sich das alles klar zu machen. Damit einen die Sorgen und die Mutlosigkeit nicht überrollen. Denn Gott will nicht, dass wir mutlos werden. Das sagt mir ein starker Satz aus der Bibel. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Mir ist aufgefallen: Wenn man sich den Bibelvers im griechischen Original anschaut, könnte man auch so übersetzen: Geist der Verzagtheit. Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben. Aber das Wort ist im Alltagsgebrauch ein bisschen aus der Mode gekommen. Ich bin verzagt, das sagt kaum jemand mehr so heute. Niedergeschlagen, müde, lustlos bin ich, auch ängstlich, fühle mich wie gelähmt. Und ich kann irgendwie gar nicht gegen dieses Gefühl angehen. Fühle mich, als ob ich ja doch nichts machen kann. Als ob alles über mich hinwegrollt. Das ist Verzagtheit. Dieses Gefühl der Verzagtheit kann einem ganz schön unter die Haut kriechen. Macht doch eh alles keinen Sinn, denke ich dann, und fühle mich ausgeliefert. Ein richtiges Gift ist das, die Verzagtheit.

Der Bibeltext sagt: Es gibt ein Gegenmittel. Gott hat uns was dagegen gegeben. Ein Gegenmittel gegen die Verzagtheit, die Furcht und die Mutlosigkeit. Einen anderen Geist. Den der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Verstehen Sie mich recht, ich will die Gefahren nicht verharmlosen. Ganz bestimmt nicht. Es ist längst nicht wieder alles so wie vor der Pandemie. Wie sollte das auch sein? Ich gebe zu, auch bei mir schwingt die Sorge schon mit, wie sich das Infektionsgeschehen jetzt im Herbst und im Winter weiterentwickeln wird. Wenn man nicht mehr so viel draußen sein kann. Wie wird das dann werden mit den sozialen Kontakten? Wie wird das in den Schulen gehen? Wie bei der Arbeit? Im Moment steigen die Zahlen wieder. Ich meine, gerade jetzt ist es gut, wenn man besonnen bleibt.

Und das Beste ist doch: Die Ausbreitung des Virus hat sich eindämmen lassen. Wie viele beneiden uns darum. Na klar, man könnte auch darauf gucken, was alles nicht gegangen ist, was weiterhin nicht geht. Auf die Einschränkungen, die immer noch gelten müssen. Aber so vieles geht wieder, wenn man sich an einfache Regeln hält. Das ist ja nicht schwer, so eine Maske tragen, wenn man unter die Leute will. Auch Abstand halten, finde ich, das geht doch, ebenso die Hygieneregeln beachten. Da braucht man doch wirklich kein Gedöns drum machen. Und wenn’s die Infektionszahlen niedrig hält und wenn’s vor allem die Schwächeren schützt, ist das doch echt klasse. Dass man was tun kann und nicht nur irgendwie dem Virus ausgeliefert ist, bis es ein Medikament oder einen Impfstoff gibt.

Ich bin deshalb froh, dass gerade heute in den evangelischen Kirchen über einen Abschnitt aus der Bibel gepredigt, der von der Besonnenheit redet. Darin heißt es: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Gerade die Besonnenheit, die finde ich so wichtig in diesen aufgeregten Zeiten. Ich meine, das ist heute ein großes Kompliment, wenn man von einem Menschen sagt, er handle besonnen. Natürlich verunsichert eine solche Krise. Und sie kann einem das Herz in die Hose rutschen lassen. Weiter hilft, glaube ich, wenn man besonnen bleibt. Wenn man nicht hereinfällt auf abenteuerliche Verschwörungsgeschichten. Es braucht Leute, die einen klaren Verstand bewahren. Die keine Ängste schüren. Die abwägen. Die keine schnellen Urteile fällen. Die hinhören. Die einen damit anstecken, mit Besonnenheit und mit einer gehörigen Portion Gelassenheit.

Dazu kann es helfen, wenn ich mich umschaue. Und wahrnehme, wie schön dieser Sommer war. Was ich alles erlebt habe, ganz unerwartet. Wie gut es Gott mit mir gemeint hat. So ein Rückblick hilft auch, mutig nach vorn zu schauen. Auch wenn jetzt die Sorgen wieder größer werden. Warum sollte es nicht wieder gut gehen, wenn wir alle miteinander uns Mühe geben und aufeinander achten? Dann können wir doch den Herbst mutig angehen. Und Gott bitten: Gib uns Kraft dazu und Besonnenheit.

Ich wünsche Ihnen einen frohen Sonntag und eine gute Woche. Bleiben Sie behütet.

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