Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Ein Sturm der Begeisterung. Und dann der tiefe, tiefe Fall. So in etwa lässt sich das beschreiben, was mit dem Palmsonntag beginnt und dann seinen Lauf nimmt. Bis einer stirbt. Die Kirche erinnert sich, was damals geschehen ist, als Jesus nach Jerusalem ging. Dass er sich den Machthabern in den Weg gestellt hat, den weltlichen und den Hohepriestern, die zu seiner eigenen Religion gehören. Jesus muss gewusst haben: Daran führt kein Weg für ihn vorbei. Wenn er sich treu bleiben will, muss er sich der Konfrontation stellen. Was er zu sagen hat, ist nicht fürs stille Kämmerlein, ist keine Geheimlehre. Es ist hoch politisch und soll jeden erreichen. Die Ersten werden die Letzten sein[1]. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich.[2] Selig, die keine Gewalt anwenden[3]. Jesus sagt: Mit ihm fängt das an, was er predigt. Jetzt schon. Heute. Als er Jerusalem erreicht, jubeln sie Jesus deshalb zu. Viele sehen in ihm den Retter. Er wird sie endlich aus der Gewalt der Besatzer befreien. Eine neue, eine bessere Zeit bricht jetzt an.  

Ich habe mich oft gefragt, ob Jesus das recht war. Ob er sich im Bad der Menge wohl gefühlt hat, weil er von der Zuwendung und Bestätigung anderer lebt, wie jeder Mensch. Ob er sich gefreut hat, dass so viele offenbar verstanden haben, dass es gut ist, was er zu sagen hat. Oder ob es auch eine gehörige Portion Skepsis bei ihm gegeben hat. Wie wird das wohl sein, wenn sie merken: Das ist gar nicht so harmlos, was ich ihnen sage. Ich erwarte, dass sie umdenken, ihr Leben ändern, auf den Prüfstand stellen, was sie bisher so selbstverständlich für wahr und recht gehalten haben. Bei allem, wie Jesus in den Evangelien charakterisiert wird und erst recht in dem, was er sagt, muss er geahnt haben, was da auf ihn zukommt. Und der Begeisterungssturm vom Palmsonntag muss ihm höchst suspekt gewesen sein. Für Hysterie und oberflächlichen Jubel taugt das nicht, was er vertritt. Aber einen Ausweg hat er trotzdem nicht gesehen. Er muss hinein in die Höhle des Löwen. Es wird passieren, was passieren muss. Unausweichlich. Ja, der Jubel der Massen ist so etwas wie das entscheidende Indiz: Jetzt kommt der Showdown. 

ZWISCHENMUSIK

Auf dem Lehrplan der Zehnten Klasse im Reli-Unterricht steht das Thema: Kirche im Nationalsozialismus. Wir haben uns Originalaufnahmen angesehen. Immer wieder sind dort große Mengen von Menschen am Straßenrand zu sehen. Sie geraten schier in Ekstase, als ihr Führer an ihnen vorbeifährt. Kinder, Jugendliche, Mütter und gestandene Männer. Die Begeisterung, ihre Hoffnung - sie sind mit Händen zu greifen. Das ist alles echt. Hitler wird Deutschland groß machen. So sehen Sieger aus. Was dabei herausgekommen ist, wissen wir alle. Auch meine Schüler wissen es. Sie spüren, dass da etwas nicht stimmt. Weil der Einzelne in der Masse verschwindet. Er ist nur noch als Material interessant. Als Menschenmaterial für den vermeintlichen Sieg. Es geht gar nicht um die vielen Individuen, um ihr Leben, ihr Glück. Ich sage meinen Schülern, dass ich sie nie in so einer Situation sehen will. Ich vermittle ihnen, dass sie ihren Verstand einsetzen und kritisch bleiben sollen, wenn jemand von ihnen Gehorsam verlangt. Ich will sie davor bewahren, dass sie blind einer Sache hinterherlaufen. Ich übe mit ihnen im Unterricht, dass sie sich zu einer Sachfrage differenziert äußern lernen, also abwägen zwischen pro und contra, und dann ihre Meinung begründen können. Ich warne sie vor allzu großen Führern und Idolen.  

Solange ich denken kann, ist mir ist jede Form der Vereinnahmung verdächtig gewesen. Ich wäre nie einer Studentenverbindung beigetreten. Große Aufläufe sind auch in der Kirche nie meine Sache gewesen. Ich bin immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass das einfach nicht zu mir passt Und zu Jesus auch nicht. Deshalb ist das für mich auch die entscheidende Botschaft des Palmsonntags heute. Jesus kann man nicht hinterherlaufen. Von ihm muss man überzeugt sein. Im Innersten. Dass es soweit kommt, braucht Zeit. Es muss in die Tiefe der Person eindringen, ins Herz.

Jesus hat Menschen gerufen, mit ihm zu gehen, seine Jüngerinnen und Jünger zu sein. Das stimmt. Sie sollten dabei aber auf so manches verzichten: ihr Prestige, ihre geliebte Familie. Jesus hat radikale Gleichheit gepredigt. Keiner soll über anderen stehen. Wer viel hat, viel kann, der soll umso mehr mit anderen teilen. Er erwartet von ihnen, dass sie nicht auf die eigene Macht bauen, sondern alles darauf setzen, dass Gott es gut mit ihnen wie mit jedem Geschöpf meint. Deshalb brauchen sie auch keinem Menschen nachzulaufen. Auch ihm selbst, Jesus, dem Menschensohn, nicht.

Darin steckt eine enorme Sprengkraft. Alle, die Jesus wirklich nachfolgen wollen, müssen sich ihr stellen. Nicht zuletzt die Kirche selbst.



[1] Matthäus 19,30

[2] Markus 10,25

[3] Matthäus 5,5

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28459

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