Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Als vor einigen Jahren die Schriftstellerin Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat sie ihre Rede mit einer außergewöhnlichen Frage begonnen: “Hast du ein Taschentuch?“ Das war in ihrer Kindheit jeden Morgen die Frage ihrer Mutter und Herta Müller hat erzählt, wie sie dann wieder ins Haus ging und ein Taschentuch geholt hat. So sei das Taschentuch mit der Zeit für sie zum Beweis geworden, dass die Mutter sie behütet, eine Form der Zärtlichkeit, die ihr für den Alltag so viel Sicherheit gegeben hat. Sie konnte immer auf die Straße gehen, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.

Herta Müller erzählt, wie wichtig das Taschentuch in ihrem weiteren Leben geworden ist - auch als sie schon längst erwachsen war. Sie hat damit immer die Erinnerung an ihre Mutter bei sich gehabt und damit die Erinnerung an Trost und  Behütetsein. Zum Beispiel als sie von heut auf morgen nicht mehr an ihren Arbeitsplatz durfte. Sie hatte sich geweigert mit dem rumänischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Buchstäblich vor die Tür gesetzt, blieb ihr nur das Treppenhaus. Dort hat sie sich auf ihr Taschentuch gesetzt und trotz aller Widrigkeit ein wenig Trost gefunden. Das kleine Taschentuch hat wie ein Stück Heimat gewirkt. Plötzlich war sie wieder das Kind ihrer Mutter, denn sie hatte ein Taschentuch. Plötzlich war sie nicht mehr so allein.

Für mich passt zu dieser Geschichte eine kleine Episode, die vom Kreuzweg Jesu durch Jerusalem erzählt wird .Sie hat allerdings in der biblischen Überlieferung keinen Niederschlag gefunden. Eine Frau sieht den geschundenen Mann aus Nazareth, wie er sein schweres Kreuz durch die Straßen schleift und von vielen verlacht und verhöhnt wird. Da hat diese unbekannte Frau den Mut nach vorne zu treten. Sie lässt die schreiende Menge hinter sich, reicht Jesus ein Tuch, damit er sich sein Gesicht trocknen kann. Eine wunderbare, menschliche Geste. Mitten in einer aufgeheizten und aggressiven Stimmung zeigt jemand ehrlich sein Gefühl. Man hat der Frau später den Namen Veronika gegeben. Das heißt auf Deutsch: das wahre Gesicht. Diese eine kleine Geste hat sie bekannt gemacht. Ihr Schweißtuch wurde zum Zeichen, das hoffen lässt.

Kleine Zeichen der Aufmerksamkeit, die eine große Wirkung entfalten können. Das können einfache Worte sein oder Gesten und Zeichen, die dem Gegenüber sagen: “Du bist nicht allein“ .Sie setzen jedoch voraus, dass ich mich von der Not eines anderen berühren lasse.

Eine ehrliche Frage “wie geht es dir“ oder „kann ich dir irgendwie behilflich sein?“ mag alltäglich und unscheinbar klingen, sie hat aber die Kraft, jemand in seiner Not aufatmen zu lassen. Worte der Anteilnahme wirken manchmal Wunder. Und wenn einem die Worte fehlen? Dann sind es kleine Zeichen und Aufmerksamkeiten, die eine ähnliche Wirkung haben .Manchen Brief bewahre ich auf, weil ich darin so viel Nähe empfinde. Ich habe unscheinbare Gegenstände auf meinem Bücheregal, die mich mit einem anderen Menschen verbindet. Ich bin dankbar für all die Menschen, die wie Veronika ein menschliches Gesicht gezeigt haben. Und ich in ihrem Gesicht und in ihren Worten erkennen durfte, dass ich nicht allein bin.

Die Geschichte mit dem Schweißtuch der Veronika hat viele Künstler inspiriert und so sind wunderbare Bilder entstanden. Auf einigen von ihnen sieht man auf dem Schweißtuch die Spuren eines Gesichtes. Es ist das Gesicht Jesu

Veronika hat ihr Herz sprechen lassen. Ihre spontane Zuwendung braucht keine großen Worte. Im entscheidenden Augenblick reagiert sie ganz menschlich und sympathisch, voller Mitgefühl. Sie zeigt ihr wahres Gesicht und lässt den geschundenen Mann nicht im Stich. Solche kleinen menschlichen Aufmerksamkeiten lassen hoffen. Gegen sie hat die zwischenmenschliche Kälte, keine Chance. Das ist gut so.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.

 

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