Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Christoph, das Ohr, und Momo: zwei, die richtig  zuhören können

Christoph Busch ist etwas über siebzig. Er sitzt regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station und hört zu. Er hat dort eine Art Kiosk gemietet und macht nichts anderes als zuhören. Er will Menschen kennenlernen und ein Buch über ihre Geschichten schreiben. Es gibt vieles, was sie zu erzählen haben. Aber nur wenige, die ihnen zuhören. Christoph Busch tut es und deshalb kommen viele bei ihm vorbei.

Richtig zuhören will aber gelernt sein. Es ist mehr als immer wieder mal „aha“ und „ist ja interessant“ zu sagen. Es geht darum, aufmerksam zu sein und sich ernsthaft für sein Gegenüber zu interessieren, dafür, was der andere erlebt hat, worunter er leidet oder was ihn freut.

Momo konnte das. Die Romanfigur von Michael Ende ist das Paradebeispiel dafür, wie man richtig zuhört. Sie ist ganz Ohr. Für Gigi zum Beispiel, den Geschichtenerzähler. Momo nimmt sich Zeit für ihn und ist aufmerksam für das, was er erzählt. Sie will ihm nicht reinreden und ihm auch keine Tipps geben. Sie ist einfach neugierig und hört ihm zu. Sie glaubt fest daran, dass jeder Mensch was zu sagen hat. Sie erwartet das förmlich und ist deshalb so aufmerksam. Das macht ihre Gespräche so echt und so tief. Und das führt dazu, dass sich bei Momos Gesprächspartnern etwas tut: Gigi erzählt von da an noch fantasievoller und spannender. Wer ratlos oder unentschlossen ist, weiß auf einmal, was er will. Schüchterne werden frei und mutig; Traurige Menschen werden wieder froh. Und das nur, weil Momo ihnen zuhört.

Richtig zuhören verändert nicht nur den, der erzählt. Wissenschaftler haben das einmal untersucht. Sie sagen, dass derjenige, der wirklich zuhört, das Heft aus der Hand gibt. Er ist nicht aktiv und fragt nicht nach dem, was ihn gerade interessiert. Er stellt seine eigene Meinung hinten an und verzichtet darauf, Dinge zu bewerten. Er bleibt passiv und denkt sich ganz in den anderen hinein. Aber genau das macht es so schwer, denn das ist ein bisschen so, wie wenn man ins Ungewisse geht und nicht weiß, was kommt. Davor haben viele Angst.

Christoph Busch kennt das. So manches, was er hört, begleitet ihn nach Hause. Er nimmt traurige und freudige Geschichten von Menschen mit. Sie lassen ihn nicht los; sie bewegen und verändern ihn. Christoph Busch wollte eigentlich nur wenige Monate zuhören. Doch er hat weitergemacht. Nicht nur, weil er ein Buch schreiben will; sondern weil er gemerkt hat, wie wertvoll das Zuhören für ihn und für andere ist. Mittlerweile hat er sogar Mitstreiter, die genau wie er einfach da sind, sich Zeit nehmen und zuhören.

Momo gelingt es, von ganzem Herzen zuzuhören. Und Christoph Busch offenbar auch. Manchmal wäre ich gerne ein bisschen mehr so wie sie und ganz aufmerksam für andere. Aber das ist nicht ganz so leicht. Gut nur, dass es jeden Tag viele Möglichkeiten gibt, um zu üben.

Advent kann heißen, aufmerksam zu sein und mal richtig hinzuhören

Christoph Busch hört regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station fremden Menschen zu. Einfach so. Ursprünglich hat er das gemacht, um ein Buch zu schreiben. Aber er hat gemerkt, wie wertvoll es ist, einfach da zu sein und hinzuhören. Ich habe eben in meinen Sonntagsgedanken von ihm erzählt, weil seine Geschichte für mich etwas mit Advent zu tun hat:

Im Advent bereiten sich die Menschen auf Weihnachten vor. Sie backen, dekorieren und besorgen Geschenke; das gehört zum Fest. Aber es geht noch um was anderes: Advent heißt wörtlich übersetzt „Ankunft“. In der Adventszeit bereiten Menschen einen Platz in ihrem Herzen vor, den Gott einnehmen soll. So wie Jesus damals zu den Menschen gekommen ist. Darum geht es an Weihnachten: dass sich Gott unter die Menschen mischt und ihnen nahe ist. Was „Advent“ meint, klingt im Lukasevangelium so: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken.“ (Lk 3,4b-5)

Johannes der Täufer hat den Leuten damals erklärt, was damit gemeint ist: Wer viel besitzt, soll denen abgeben, die nichts haben und Not leiden. Wer Macht hat, soll sie nicht ausnutzen, indem er andere ausbeutet, misshandelt oder unterdrückt. Und die Leute sollen sich mit dem zufrieden geben, was sie haben, statt immer mehr zu wollen. Advent heißt also, die Hindernisse zu entfernen, die zwischen Menschen stehen, und die Stolpersteine beiseite zu schaffen, die einem guten Miteinander im Weg liegen. Dann ist Platz für Gott. Dann kann er ankommen – wie Jesus damals. Nur heute eben in den Herzen von Menschen, die darauf hören, was Gott sagt und die sich ansprechen lassen von dem, was von Jesus überliefert ist.

Advent bedeutet also, einzuüben, was den Menschen gut tut und daher im Sinne Gottes ist: für andere da zu sein. Und dazu gehört für mich ganz zentral, was Christoph Busch tut: zuhören, aufmerksam zu sein für das, was andere umtreibt, ohne sie dabei mit dem zu überrollen, was mir selber wichtig ist. Und wenn Jesus sagt: „Richtet nicht“, dann geht das auch in die Richtung: echte Beziehungen wachsen, wenn ich andere ernstnehme, ohne sie zu bewerten oder gar abzuwerten; wenn ich mich ihnen glaubwürdig zuwende.

Christoph Busch sorgt dafür, dass er tun kann, was ihm wichtig ist: er hat einen Kiosk gemietet und sich Zeit reserviert. Er öffnet sich bewusst für andere Menschen; auch wenn ihm das manchmal unter die Haut geht. Das ist für mich Advent: mir Zeit zu lassen, um genau hinzuhören; mich selbst zurückzuhalten und mir dadurch den Druck zu nehmen, alles wissen und machen zu müssen. Darauf zu achten, was mich anspricht und dadurch sensibel zu werden für das, was mir Gott zu sagen hat. Gerade dann, wenn mich das tief drin berührt und vielleicht sogar verändert.

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