Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Heute ist der Tag des hl. Bernhard von Clairvaux. Dieser Ordensmann des 12. Jahrhunderts ist zwar umstritten, weil er zum Kreuzzug aufgerufen hat. Aber er hat auch einen nachdenklichen Satz geschrieben, der mich sehr beschäftigt. In einem Kommentar zum biblischen Buch „Das Hohelied“ sagt er: „Ich liebe, weil ich liebe; ich liebe um zu lieben.“

Liebe – um ihrer selbst willen: das ist ein Thema, das mich provoziert. Dabei frage ich nicht, ob jemand wie Bernhard Christ ist oder nicht. Glaubwürdig ist ein Mensch für mich, wenn Liebe sein Leben bestimmt. Ob einer viel Geld hat, Macht und Einfluss besitzt, sich durchsetzen kann  oder nicht, das macht für mich nicht den Wert eines Menschen aus, wohl aber, ob er aus Liebe handelt oder nicht.

Liebe gilt für mich nicht nur für ein Liebes- oder Ehepaar oder für Eltern und Kinder. Liebe kann sich auf die Natur beziehen, auf die Kunst; sie kann mein soziales oder politisches Handeln bestimmen. Will ich mich in der Politik engagieren, stellt sich die Frage: Tue ich das aus Ehrgeiz und weil ich im Rampenlicht stehen will oder tue ich es aus Liebe zu Menschen oder zu einer Sache, für die ich mich einsetze?

Da ist ein Chef. Er ist nicht fixiert auf seinen persönlichen Erfolg, er denkt nicht nur an das Ansehen seiner Firma. Er schaut auch darauf, dass seine Angestellten sich wohl fühlen, dass sie gern bei ihm  arbeiten. Das ist Liebe.

Oder eine Krankenschwester und eine Altenpflegerin. Natürlich müssen sie ihr Geld verdienen. Aber ein Patient spürt, ob er mit Liebe behandelt wird oder nicht. Das ist nicht leicht in diesen Berufen. Sie werden nicht gut bezahlt, beinhalten viel Stress, sind Mangelware. Umso schöner, wenn solche Frauen im Herzen ansprechbar bleiben, eben weil sie aus Liebe arbeiten.

Der Satz des Bernhard von Clairvaux ist mir wichtig: „Ich liebe, weil ich liebe.“ Also versuche ich, gern zu tun, was ich tue, weil ich spüre: das kommt andern Menschen zugute oder das nützt einer guten Sache. Da dürfen dann auch andere Motive mitschwingen: ich verdiene meinen Lebensunterhalt, ich entfalte mich, ich schaffe gern mit andern zusammen, ich verwirkliche eine Idee. All das hat sein Recht.  

Aber das Hauptmotiv ist: ich tue, was ich tue, aus Liebe – aus Liebe zu einer Person, aus Liebe zu einer Sache. Aber ich tue es nicht, weil ich jemand gefallen will oder bewundert werden möchte; ich tue es aus Liebe, selbstlos! Alles andere ist zweitrangig. 

 

 

 

 

Ich spreche heute in den SWR 4 Sonntagsgedanken über die Liebe um ihrer selbst willen, über selbstloses Wirken und Handeln. Aber mache ich mir da nicht etwas vor, wenn ich sage: ich handle aus Liebe? Für mich ist das immer wieder eine Frage, die mich anregt nachzudenken und mich selbst zu prüfen. Kann ich überhaupt selbstlos handeln, nur um der Liebe willen?

Ich denke, ich muss hier abwägen, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich kann mich in einem Verein engagieren, weil ich vorne dran stehen will. Oder aber weil mir der Verein am Herzen liegt. Natürlich freut es mich, wenn andere meinen Einsatz anerkennen und mich loben. Aber wenn ich zu sehr davon abhänge, wird es für mich schwierig, wenn das Lob ausbleibt. Dann sind meine Gedanken nicht mehr bei der Sache, sondern sie sind durchsetzt von anderen Motiven, eben um zu gefallen oder wenigstens aufzufallen. Dann handle ich nicht selbstlos. Dann ist es so, wie Goethe im Tasso sagte: „Man merkt die Absicht, und man wird verstimmt.“

Nicht verstimmt bin ich eben, wenn ich merke: der tut das wirklich um der Sache willen, nicht weil er sich profilieren oder etwas haben will.

Das gilt auch im sozialen und politischen Leben. Ich denke an die unzähligen Ehrenamtlichen, die sich in der letzten Zeit für Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Ein wunderbares Beispiel selbstloser Liebe!

Was dagegen in England geschehen ist mit dem Austritt aus der EU, das schlaucht mich, weil ich weiß, wie wichtig die Liebe in der europäischen Politik ist. Das ist ganz im Sinn Bernhards von Clairvaux: Es war ihm damals ein Anliegen, in gemeinsamen Belangen auch gemeinsam vorzugehen. Wenn aber ein Staat nur an sich denkt, immer nur herausholen will, geht das Gemeinsame kaputt. Dann fehlt die Liebe dabei. Ich bin froh über alle, die um der Liebe zu Europa willen sich engagieren.

Ich denke auch an die, die in der Türkei für Freiheit und Demokratie demonstrieren. Sie lieben ihr Land und setzen sich für die zu Unrecht Verfolgten ein – um der Liebe willen. Ich habe unlängst von einer Lehrerin gehört, die in Istanbul völlig gewaltfrei nur mit einem Plakat für sich und ihre entlassenen Kolleginnen demonstriert hat und regelmäßig von der Polizei abgeführt worden ist. Für mich hat sie genau in die Tat umgesetzt, was der Ordensmann Bernhard von Clairvaux wollte: „Ich liebe, um zu lieben.“                           

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