Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

„Wie im Himmel“ hieß ein schwedischer Film, den ich vor Jahren im Kino gesehen habe. Er erzählt von einem berühmten Dirigenten, der sich nach einem Herzinfarkt in sein Heimatdorf irgendwo in den Wäldern zurückzieht. Dort trifft er Menschen, die es schwer haben. Die Verkäuferin im Dorfladen, die gerade von ihrer Liebe verlassen worden ist. Den verbitterten Pfarrer und seine Frau, die es kaum mehr miteinander aushalten. Eine Frau, die von ihrem gewalttätigen Mann verprügelt wird. Erschöpft sind sie alle. Vom Leben enttäuscht. Und hilflos – keiner von ihnen weiß, wie es anders werden könnte.

Auch der örtliche Kirchenchor scheint am Ende. Aber der Dirigent entschließt sich, seine Leitung zu übernehmen. Und das Wunder geschieht: Der anfangs kleine und schlechte Chor wächst. Auch der geistig behinderte Tore darf mitmachen, weil er eine ganz besondere, ursprüngliche Freude am Singen hat. Die Menschen spüren, wie schön es klingt, wenn sie aufeinander hören und miteinander singen. Sie leben auf. Und gewinnen neue Kraft auch für ihr Leben. Sie unterstützen sich gegenseitig und am Ende sind sie eine lebendige, fröhliche Gemeinschaft.

Wie im Himmel heißt der Film. Und er zeigt: So fängt der Himmel an. Wenn einer kommt, der den Menschen etwas zutraut. Der ihnen zeigt, was geht, wenn sie aufeinander hören und sich füreinander einsetzen. Wenn einer kommt, der den Menschen Mut macht, es zu probieren. Dann ist vieles möglich und das Leben fängt neu an.

Die Bibel erzählt so ähnlich von Jesus. Der war natürlich kein Dirigent. Die Bibel nennt ihn einen Hirten. Einen guten Hirten. Ein guter Hirte hilft, wenn seine Schafe Hilfe brauchen. Er zeigt ihnen den Weg zu gutem Leben. Er macht ihnen Mut, sich auf den Weg zu machen. Er traut ihnen zu, dass sie es schaffen.

Solche Mutmacher waren damals genauso nötig wie heute. Auch damals waren viele Menschen ganz verzagt und hoffnungslos. In der Sprache der Bibel heißt das: „Jesus sah die große Volksmenge und bekam Mitleid mit den Leuten. Denn sie waren erschöpft und hilflos wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9, 36)

So fängt es an. Jesus sieht die Menschen. Sieht, wie es ihnen geht. Und sagt nicht: „Da ist nichts zu machen, tut mir leid“. Er sagt auch nicht, „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ Jesus schaut genau hin. Er nimmt wahr, was den Menschen fehlt.

Da erkennt Jesus: Es gibt so viele, die Hilfe brauchen. Aber zum Glück gibt es auch viele, die helfen könnten. Jesus macht das nicht allein. Er beauftragt seine Jünger. Geht zu den Leuten. Macht Kranke gesund. Befreit Menschen von dem, was sie quält. Manche sind wie besessen von Gier, von Neid, von Hass - wie von bösen Geistern. Helft ihnen. Öffnet Ihnen die Augen, damit sie erkennen, was los ist. Dass sie loslassen können, was sie treibt und umdenken. Weckt Tote auf, hat Jesus dann noch zu seinen Jüngern gesagt. Ob sie das damals wirklich gekonnt haben? Ich kann mir das nicht richtig vorstellen. Aber von Totenerweckungen hat man in jener Zeit immer wieder einmal erzählt. Also wer weiß, was da passiert ist? Jedenfalls konnten sie offensichtlich helfen, wenn es wirklich hoffnungslos war und alle Wege zu Ende schienen.

Und heute? Christinnen und Christen sind ja eigentlich die Nachfolger der Jünger von Jesus. Können wir auch etwas tun für die, die hilflos sind und erschöpft?

Tote aufwecken sicher nicht. Aber vielleicht sollte man ja auch erstmal an die naheliegenderen Dinge denken. Meistens sind die auch einfacher. Man muss nur daran denken und es machen.

Mir fallen die Schülerinnen und Schüler ein. Bei uns in Baden-Württemberg bekommen sie Ende der Woche ihre Zeugnisse. In Rheinland-Pfalz haben sie das schon hinter sich. Für manche ist das hart, wenn es Zeugnisse gibt. Sicher, manche waren vielleicht auch faul. Aber andere haben ihr Bestes gegeben. Und es hat doch nicht gereicht. Das Zeugnis ist schlecht. Enttäuscht sind sie dann. Erschöpft wahrscheinlich auch und vielleicht auch ein bisschen hilflos. Was sollen sie denn noch tun? Da kommt es auf die Eltern an, finde ich. Die können die enttäuschten Schüler wieder aufrichten. Ihnen Mut machen. Vielleicht auch mit ihnen entscheiden: So geht es nicht weiter. Wir müssen im nächsten Schuljahr etwas anderes versuchen. Vielleicht kann dann das Leben ganz neu anfangen.

Und ich denke an die Lehrerinnen und Lehrer. Auch von denen sind am Schuljahrsende viele fix und fertig. Ich traue mir nicht zu, jeden Tag vor 25 Schülern zu stehen und geduldig zum 5. Mal die unregelmäßigen Verben oder den Satz des Pythagoras zu erklären. Auch Lehrer brauchen jemanden, der sie aufrichtet, glaube ich. Ein paar anerkennende Worte zum Schluss. Ein freundliches Dankeschön. Und einen gesegneten Urlaub, in dem sie Abstand gewinnen können und neue Kraft schöpfen. Das sei ihnen von Herzen gegönnt.

Ich glaube, jeder und jede könnte wie ein Hirte sein für andere. Hinschauen, was fehlt. Hinhören, was der andere braucht. Vielleicht, dass es dann auch unter uns ein bisschen mehr zugeht „wie im Himmel“.

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