Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Ich finde, gerade in diesem dunklen und trüben Monat November muss man darüber reden, was einem Hoffnung macht. Der November ist doch der Monat im Jahr, in dem viele fragen: Wo sind die Toten? Wenn auch die Feiertage und Sonntage sich darum drehen: Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag. Kann man da von Hoffnung reden? Ich will es heute Morgen versuchen.

Wer das noch selber macht, der richtet spätestens im November die Gräber für den Winter. Man geht auch miteinander auf den Friedhof zu den Gräbern der Menschen, die man gekannt und die man geliebt hat. Das tröstet einen doch irgendwie, wenn man da miteinander hingeht. Und sich dann miteinander erinnert an die Menschen, die einem jetzt fehlen. „Weißt Du noch …?“ Und man trägt die Geschichten zusammen. Im Erzählen stehen einem die Menschen noch einmal vor Augen. Es werden ja immer mehr, je älter man wird.

Vielleicht sind Sie auch schon einmal gegen Abend auf den Friedhof gegangen, wenn es schon gedämmert hat. Dann sieht man oft Kerzen auf den Gräbern leuchten. Für mich ist das ein ganz eindrückliches Bild. Die Lichter in der Dämmerung und die Stille um diese Zeit. Und auch die Trauer und die Wehmut, die dazu gehören. Es zeigt mir, dass Menschen über den Tod hinaus verbunden bleiben. Auch in den Gottesdiensten im November denkt man an die Toten. Und man fragt, was über den Tod hinaus bleibt.

Wo sind die Toten? Ja, auf dem Friedhof finde ich sie. Für mich ist das gut, dass ich diesen Ort habe. Dass ich dort hingehen kann, wenn mir danach ist. Aber ich weiß natürlich, dass dort nur die sterbliche Hülle der Menschen liegt, die mir etwas bedeutet haben. Was und wer sie waren, ist dort nicht.

Wo sind die Toten? In der Erinnerung. Natürlich, dort auch. Und wie gut ist es, wenn ein Mensch dankbar auf das zurückblicken kann, wodurch ihn andere reicher gemacht haben. Was ihm andere Menschen mitgegeben haben fürs Leben. Die Eltern. Die Großeltern. Ehepartner, Geschwister, Freunde. Jetzt leben sie nicht mehr, aber in der Erinnerung bleiben sie. Da bleibt, was man ihnen verdankt. Und das, was man einander schuldig geblieben ist im Leben? Ja, auch das bleibt. Manchmal als Schmerz, als Verletzung, als Narbe. Und die gehört dann zum Leben dazu, auch wenn man das manchmal vielleicht gern anders hätte.

Wo sind die Toten? In der Bibel lese ich: Die Toten sind bei Gott. Und da gibt es keine Tränen mehr, kein Leid, keinen Schmerz. Die Toten sind bei Gott, das ist die Hoffnung, die Christenmenschen haben.

Ganz am Ende der Bibel kann man lesen, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird. Dass der Tod nicht mehr sein wird, kein Leid und kein Schmerz. Für mich ist das ein wunderbares Bild. Weil es sagt, wo Gott ist. Nämlich ganz nah bei seinen Menschen.

Christenmenschen glauben, dass die Toten bei Gott sind. Gott ist aber auch bei denen, die um ihre Toten trauern. Er wird alle Tränen abwischen. Das ist es, worauf Christen hoffen.

Aber was macht diese Hoffnung mit einem? Jetzt, im Leben. Wie kann sich das im Leben auswirken? Man kann ja sagen, und das hören Sie sicher auch oft, dass der Tod einem zeigt, wie wertvoll das Leben ist. Eckhard von Hirschhausen, der Fernsehmoderator und Arzt hat einmal gesagt: „Jeder Mensch hat zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn man kapiert, man hat nur eins.“ Ich finde, Hoffnung darf einen nicht vertrösten auf irgendwann. Sie muss einen trösten, hier und jetzt. Fürs Hier und Jetzt. Dann macht die Hoffnung einen frei. Frei davon, immer nur auf die verpassten Möglichkeiten zu gucken. Frei davon, immer nur dem nachzutrauern, was war und nicht mehr sein wird. Frei von der Angst vor dem Tod, die das Leben bestimmt.

Ich glaube, man kann dann auch selbst was machen gegen die Hoffnungslosigkeit. Man kann doch jetzt schon Tränen abwischen. Vielleicht ist ja das Wichtigste, dass man nicht wegläuft. Dass man beieinander bleibt, wenn einer sterben muss. Und dass man beieinander bleibt, wenn einer um einen Verstorbenen trauert. Auch wenn das viel Kraft kostet und manchmal schier über die eigenen Kräfte geht.

Und man kann doch auch jetzt schon was machen gegen das, was Menschen traurig macht. Man kann zum Beispiel den Mund aufmachen, wenn über einen anderen hergezogen wird. Da kann man was dagegen sagen. Wenn mal wieder Sündenböcke gebraucht werden. Da kann man versuchen, mutig zu sein.

Wo sind die Toten? Ich hoffe, bei Gott. Da gibt es keine Tränen mehr, kein Leid, keinen Schmerz. Und ich hoffe, dass auch ich einmal dort sein werde, wenn ich sterbe. Aber bis dahin wird es Menschen geben, die mich brauchen. Und denen ich beistehen kann. Auch, wenn mir selber manchmal zum Weinen ist. Vielleicht ist das die stärkste Kraft, die Menschen haben: Sie können füreinander da sein.

Ich wünsche Ihnen einen frohen Sonntag und eine gute Woche.

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