Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

„Du siehst mich!“ Wenn ich das zu einem anderen Menschen sage, dann ist da immer auch Dankbarkeit dabei. Wenigstens Du siehst mich. Wenn auch alle anderen mich übersehen, nichts von mir wissen wollen. Du siehst mich, und dafür bin ich Dir dankbar. Weil ich mich bei Dir aufgehoben und verstanden fühle.
„Du siehst mich!“ Das sage ich zu einem anderen, wenn ich die Erfahrung mache, ich bin dem anderen wichtig. Er sieht mich, so wie ich bin. Sieht mich so, wie das Leben mich gemacht hat. Sieht mich mit allem, was mir gelingt, und mit allem, was schief geht.

Diese Erfahrung hat das Motto des evangelischen Kirchentags in diesem Jahr aufgenommen. „Du siehst mich“, steht auf den orangefarbigen Plakaten unter zwei großen Augen. Der Kirchentag hat von Mittwoch bis gestern in Berlin stattgefunden. Kirchentag – das ist alle zwei Jahre ein großes Fest des Glaubens. Menschen ganz unterschiedlichen Alters, ganz verschiedener Herkunft sprechen miteinander über biblische Geschichten, sie denken über die Fragen der Zeit nach und diskutieren, sie hören Vorträge, feiern Gottesdienste, und besuchen Konzerte. Sie holen sich Anregungen für ihr eigenes Leben. Und machen hoffentlich die Erfahrung, Mensch ich bin nicht allein mit meinen Fragen, mit dem, was ich glaube, und mit dem, was mich beschäftigt. Und ich komme weiter, wenn ich mit anderen darüber reden und mich austauschen kann. Wenn ich spüre, ein anderer sieht mich, nimmt mich wahr und ich bin ihm wichtig.

Heute ist der Abschlussgottesdienst in Wittenberg. Zweihunderttausend Menschen werden erwartet. Kirchentag und Wittenberg, natürlich geht es da heute auch um das Reformationsjubiläum. In Wittenberg soll ja vor 500 Jahren Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche angeschlagen haben. Luther hat es anfangs als Bedrohung erlebt, dieses „Du siehst mich“. Für ihn hieß das: Die anderen Menschen, und auch Gott beobachten mich. Ob ich alles richtig mache. Aber dann hat er erkannt: Gott sieht mich – weil ich ihm wichtig bin, so wie ich bin. Weil er will, dass es mir gut geht. Luther ist diese Erkenntnis durch das Lesen in der Bibel klar geworden. Sie hat sein Leben radikal verändert. Und seine Sicht auf die Kirche seiner Zeit.


In der Bibel sind die Erfahrungen von Menschen festgehalten, die das zu Gott sagen: „Gott, du siehst mich!“ Eine davon ist Hagar. Ganz am Anfang der Bibel wird von ihr erzählt. Ihre Geschichte führt einen in eine fremde, vergangene Welt. Und doch ist diese Geschichte aufgeschrieben und in der Bibel weitergegeben worden. Weil sie diese Erfahrung festhält: „Gott, du siehst mich!“

Aber ich will der Reihe nach erzählen: Es fängt an mit Abraham und Sarah. Die sollen ihre Heimat verlassen und in ein fremdes Land gehen. Dafür verspricht Gott ihnen seinen Segen und zahlreiche Nachkommen. Aber das mit den Nachkommen zieht sich hin. Nachdem sie schon zehn Jahre in der neuen Heimat leben und Sarah immer noch kein Kind geboren hat, nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Sie greift auf ein damals übliches Verfahren zurück. Sie verlangt von ihrem Mann, er solle mit ihrer Sklavin Hagar ein Kind zeugen. Gefragt wird Hagar nicht. Sie ist die Leihmutter, die nichts zu sagen und keine Rechte hat.

Als Hagar schwanger wird, kommt es zum Konflikt. Hagar wird so schlecht behandelt, dass sie keinen anderen Ausweg weiß und wegläuft. Dort auf der Flucht durch die Wüste an einer Wasserstelle findet ein Fremder die verzweifelte junge Frau. Er macht ihr Mut, zurückzugehen, auch wenn die Situation bei Sarah und Abraham nicht leicht für sie sein wird. Er verspricht ihr, dass auch sie viele Nachkommen haben wird. Und er befiehlt ihr, den Sohn, den sie bekommen wird, Ismael zu nennen. Ismael, das heißt: Gott hört. Und Hagar? Für sie ist diese Begegnung eine Begegnung mit Gott. Von da an nennt sie ihn: „Gott, der mich sieht!“

„Gott, du siehst mich!“ Als sie sich ganz verlassen fühlte, war Gott für Hagar da – durch diesen Fremden am Brunnen. Durch ihn spürt Hagar: Gott lässt mich nicht allein. Er sieht, wie es mir geht. Er wird mir helfen. Auch wenn die Wende der Not nicht sofort geschieht. Sie vertraut jetzt darauf: Gott ist einer, der das Elend sieht. Wen Gott sieht, den lässt er nicht im Stich.

Für Martin Luther übrigens war dies auch ganz wichtig. Gott sieht „in die Tiefe, in Not und Jammer ... er ist nahe allen denen, die in der Tiefe sind.“ Du siehst mich! Ich finde, dieses Motto des Kirchentags passt auch prima zu Wittenberg. Dort wo heute der Abschlussgottesdienst des Kirchentags gefeiert wird. Nachher um 12. Er wird auch im Fernsehen übertragen. Wenn Sie also Lust und Zeit haben, schalten Sie ein. Sie können mit dabei sein bei den zweihunderttausend Menschen auf einer Wiese an der Elbe.

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