Manuskripte

SWR3 Gedanken

Meine Freundin ist Alawitin. Sie ist klug, wunderschön und vorlaut. Aber neulich war sie richtig erschrocken. Sie hat sich mit einem Kollegen in der Firma unterhalten. Der hat ihr erklärt, dass er jetzt drüber nachdenkt, die AFD zu wählen. Er mache sich Sorgen über die vielen Leute, die jetzt ins Land kommen. Und irgendjemand müsse doch was tun und so gehe es schließlich nicht weiter…Da hat sie gesagt: „Machst du dir denn keine Gedanken, dass die auch Leute wie mich meinen?“ „Nein, dich meine ich natürlich nicht“, hat der geantwortet. „Aber die meinen auch mich“, hat sie ihm erklärt.

Und mir sagt sie: Weißt du, das kann sich kaum einer vorstellen, wie schwer das ist, irgendwo anzukommen. Ankommen ist mit Schmerz verbunden. So viel Irritation der Identitäten. Ein Chaos der Zugehörigkeiten. Alle in der zweiten und dritten Generation erleben das. Aber ich gehöre hierher, ich bin hier zuhause. Sie ist hier in die Schule gegangen auch in den Religionsunterricht und hat hier studiert. Und natürlich arbeitet sie, sie organisiert Events in einer Computerfirmaund sie engagiert sich im interreligiösen Diskurs und für Flüchtlinge.

In der Bibel, in einem Text der vor etwa 3000 Jahre entstanden ist, heißt es: „Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt.“ Meine Freundin ist zum Glück eine trotzige Natur. Sie stellt sich hin und erklärt: Ich bin nicht angekommen um wieder wegzugehen. Hier bin ich zuhause.

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So jetzt ist es amtlich: Deutschland verdient an den Flüchtlingen! Das kommt daher, dass aufgrund der gesteigerten Ausgaben der Kommunen für die Flüchtlinge in Deutschland die Konjunktur boomt: Da werden Baumaßnahmen ergriffen und Leute eingestellt: Sozialarbeiter, Verwaltungsleute in den Ämtern, Security, aber auch Leute vom Bau, Ärzte und Lehrerinnen und Lehrer. Und dieser Boom wird auch in 2016 weitergehen!

Ob das jetzt irgendjemand von denen beruhigen wird, die befürchten, sie würden nächste Woche zwangsenteignet weiß ich nicht. Anders als meine Großmutter, die Flüchtlinge und britische Soldaten in die Wohnung einquartiert bekommen hat, merken die meisten von uns ja nichts davon, dass Geflüchtete hier leben.

Es wundert mich zunehmend, dass viele meinen, Flüchtlinge bedrohten ihr persönliches Leben ohne auch nur einen zu kennen. Ich verstehe das sehr gut, wenn jemand wenig Geld hat und nun Angst hat, gar keine Wohnung mehr zu finden, weil wir in der Tat und schon lange einen Wohnungsnotstand haben. Aber wie ist es mit denen, die in großen Einfamilienhäusern leben. Ganz allein, wenn die Kinder ausgezogen sind? Denen würde ich fast wünschen, dass jemand einquartiert würde, eine von den Familien, die sich so sehnen nach einem Ort wo sie einfach bleiben dürfen. Davon würden sie nicht nur wirtschaftlich sondern auch emotional profitieren. Ich kenne viele, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Manche haben tatsächlich ihr großes Haus geöffnet, damit da jemand mit leben kann. Manche waren schrecklich einsam und leben jetzt zusammen mit jungen Leuten und Kindern und genießen das. Sie können wie so viele ihre Fähigkeiten einsetzen und Deutschunterricht geben oder mit Geflüchteten Theater spielen oder kochen oder zusammen Musik machen oder Kunst oder jemand als Kollegen einarbeiten. Sie können Gutes tun und jemanden trösten, verarzten, jemandem beistehen und zuhören.

Das alles macht glücklicher als jedes Zweitauto. Wer mit Geflüchteten in direktem Kontakt ist, erlebt fast immer: Ich bin nicht bedroht, ich bin beschenkt! Es ist ein anderes Konjunkturprogramm mit den Flüchtlingen. Deutschland boomt – auch und gerade emotional.

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Egal was passiert, immer stellt sich erstmal die Frage: Wer ist schuld? Und wenn dann einer gefunden ist, dann ist am Ende aller Debatten immer klar: Wer Schuld hat, muss seinen Hut nehmen, oder anders gesagt: Der muss weg! Aus dem Amt, aus der Öffentlichkeit, aus dem Auge, aus dem Sinn. Oft nach einer beschämenden Zurschaustellung. Deswegen versuchen die meisten, immer alles richtig zu machen, aber vor allem: sie versuchen dafür zu sorgen, dass es keiner merkt, wenn ihnen ein Fehler passiert. Wenn sie ein Unglück, Gewalt, den Tod von Menschen verursacht haben. Wie bei der Loveparade in Duisburg zum Beispiel. Aber auch bei Rüstungsexporten, Korruption und Betrug und viel Schlimmerem.

Am Ende der Tage aber geht es mir immer so, dass ich nicht anders denken kann, als dass Gott schuld ist an allem was passiert: Hätte doch die Welt anders schaffen können! Hätte doch bessere Menschen machen können! Wozu all die Fähigkeit zur Gewalt? Zum Zerstören? Wieso ist die Erde so verletzlich? Die ganze Natur und wir Menschen selbst auch?!

Und Gott? Anders als all die, die versuchen sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Anders als alle die versuchen sich raus zu mogeln aus ihrer Schuld –als hätte Gott meine Vorwürfe gehört, als wisse er genau darum, dass ich nicht anders kann, als ihm die Verantwortung für alles zu geben, als wisse er darum, wieviel Verzweiflung ich ihm entgegenschleudere –stellt sich.

Hände vor, läßt sich binden, gefangen nehmen, auf die Anklagebank setzen. Ob ich recht habe mit meinen Vorwürfen? Das ist vielleicht nicht so wichtig. Wichtig scheint mir, dass ich vertraue darauf, dass Gott die Welt auch nicht so aushalten kann wie sie ist.

Und ich gewinne daraus die Ahnung, dass: Wenn ich wirklich etwas ändern will in der Welt, es hilft, mich nicht zu verkrümeln; sondern davon auszugehen: Ich bin mit verantwortlich.

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Die alte Dame kommt auf mich zu und kichert. Ihre Augen blitzen verschmitzt. Sie hat ihre Zähne wiedergefunden! Erzählt sie mir unterm Sofa hinter einem Kissen. Vor zwei Wochen war sie völlig aufgelöst. Verzweifelt hatte sie erklärt, jemand habe ihre Zähne geklaut. Sie habe die ganze Wohnung durchsucht. Bestimmt sei wieder jemand heimlich bei ihr eingestiegen. Bestimmt habe jemand ihren Schlüssel geklaut.

Ich mag die alte Dame von Herzen gern. Sie hat einen herrlichen Sinn für Humor. Sie lacht oft und gerne – vor allem über sich selbst. Dabei ist sie seit vielen Jahren schwer krank- seelisch krank. Nur mit Medikamenten ist sie einigermaßen davor geschützt, nachts nicht ihre Wohnung auszuräumen oder am Morgen die Nachbarn zu beschimpfen: Ihr klaut mir die Möbel! Ihr habt meine Zähne weggenommen!

Längst beschweren sich die Mitbewohner im Haus über sie. Vor allem wenn sie vergisst ihre Medikamente zu nehmen und dann mitten in der Nacht lautstark rumpoltert. Oder Tags nur mit einer Strumpfhose losläuft ohne Rock. Dabei sieht sie gar nicht so verkehrt aus, ein bisschen wie eine Jugendliche mit Pullover und Leggins.

Es ist nicht immer leicht, mit Menschen wie ihr zusammen zu leben. Sie ist eben verrückt. Aber für sie selbst ist das Leben ungleich schwieriger. So oft erlebt sie, dass ihr keiner glaubt, zurecht oder nicht Denn sie erlebt die Dinge ja genauso. Mich macht das traurig. Weil kaum einer sich dafür interessiert, ob nicht doch etwas stimmt, von dem was sie erzählt. Und ich versuch es immer wieder das herauszubekommen. Aber eigentlich ist das nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sie es trotz allem schafft alleine zu leben, dass sie aus dem Haus geht, in die Kirche kommt und Kontakte pflegt. Dafür bewundere ich sie und ich freu mich mit ihr wann immer es ihr gelingt, einfach dabei zu sein. Ganz gleich wer nun wirklich ihre Zähne unterm Sofa versteckt hat.

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Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe manchmal richtig Angst den Fernseher anzustellen und die Nachrichten anzuschauen. Immer rechne ich damit, dass es neue Katastrophenmeldungen gibt. Weitere Bomben auf Aleppo, Anschläge in Pakistan und Folteropfer in Ägypten. Als hätte eine einzige große Gewaltspirale, die ganze Welt erfasst und würde sie mitreißen in eine unfassbare Finsternis.

Paulus, der eine Generation nach Jesus gelebt hat, hat die Welt genauso erlebt:

in einem Strudel der Gewalt. Und dieser Paulus fühlt genau darin eine Gegenbewegung, so eine Art Hoffnungsspirale:

„Wir wissen, dass große Not die Kraft zum Widerstand stärkt,“ schreibt er: „Die Kraft zum Widerstand stärkt die Erfahrung; dass wir standhalten können; die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung.“

Große Not stärkt die Kraft zum Widerstand. So einen Satz kann nur der sagen, der selber in Not ist. Sonst wäre er zynisch. Aber auf den, der sonst nur Bombenflugzeuge dröhnen hört, der unter der Regierung eines tyrannischen Gewalttäters lebt, auf den höre ich ganz anders, wenn er das sagt: Große Not stärkt die Kraft zum Widerstand. Wie kann der sowas sagen? Wie kann eine Hoffnung haben, wenn sie zwangsverheiratet mit einem Terroristen, täglicher Vergewaltigung ausgesetzt ist. Nicht zerbrechen in der Not. Wie geht das?

Ich weiß es nicht. Aber es gibt sie, die mitten im Leid aufrecht stehen. Paulus war einer von ihnen, eine Generation nach Jesus. Seine aufrechte Haltung, sein Widerstand reißt mich mit in diese Hoffnungsspirale. Mir geht das derzeit mit manchen unserer Politiker so. Ich bin heilfroh, dass sie nicht aufgeben. Dass sie standhalten, dass sie dafür streiten, dass doch irgendwie Frieden werden kann oder zumindest eine Waffenruhe. Dass sie darauf bestehen: Menschen die aus der Hölle fliehen, haben ein Recht auf Zuflucht. Solche Leute machen mir zumindest Hoffnung. Und stärken meinen Mut zum Widerstand. Trotz all der Not jeden Tag in den Nachrichten.

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Endlich:
Feuerpause in Syrien, USA und Russland haben die ausgehandelt. Als ich das in den Nachrichten gehört habe, hab ich gedacht: O ja! Und jetzt weiter! Baschar al Assad hört endlich auf, sein Volk zu ermorden und stellt sich den internationalen Gerichten. Die Terroristen legen ihre Waffen nieder und lassen alle Geiseln und versklavten Mädchen frei. Deutschland verkauft keine Waffen mehr, und die USA verzichten künftig auf den Einsatz von Drohnen. Ab jetzt werden so viele Hilfsgüter entsandt, dass in den vielen Flüchtlingscamps in Jordanien, dem Irak und dem Libanon keiner mehr hungern muss. Den Kurden wird ein autonomes Gebiet zugestanden. Polen, Tschechien, Ungarn und Slowenien entscheiden sich; je 200.000 Flüchtlinge aufzunehmen.

Das ist zwar noch nicht das Paradies, aber so könnte es jetzt weitergehen, oder?

Wir sitzen in einem Gesprächskreis in der Gemeinde beisammen und diskutieren darüber. Eine Frau meint: „Ich habe einfach das Vertrauen verloren, dass die Menschen Frieden halten wollten oder könnten. Gott hätte ihnen etwas mehr Liebesfähigkeit mitgeben sollen. So wird das alles nichts!“

So ähnlich geht mir das auch oft. Manchmal warte ich schon auf die nächsten Katastrophen und rechne mit allem, nur nicht mit guten Nachrichten. Ich rechne erst mal mit der Schlechtigkeit der Welt. Das lehrt mich die Erfahrung.

Aber Erfahrung macht manchmal dumm und blind dafür, dass auch Gutes wächst. Deshalb will ich trotz allem die Hoffnung hochhalte, dass Gott uns ein großes Herz schenkt; fähig zu lieben, zu verzeihen und uns zu versöhnen. Nicht nur hier, nicht nur in der Familie, sondern auf der ganzen Welt!

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Immer wieder erlebe ich Menschen in großer Not, sie begegnen mir in der Gemeinde und auf der Straße. Ich muss nur vor die Tür gehen, viele kenne ich:

Menschen die auf der Straße leben, Flüchtlinge, Kranke und Verzweifelte. Im Gottesdienst heute sprechen wir das Bekenntnis unseres Glaubens. Worauf vertrauen wir? Trotz allem? Ich würde es so sagen:

Ich glaube: An das Licht in der Finsternis. An Trost in Krankheit. An Linderung im Schmerz. An Nähe in der Einsamkeit. An Klarheit trotz der Sucht. An die Harmonie des Chaos. Dass die Irren Recht haben. Dass die Zartherzigen siegen.

Ich glaube: An den Aufstand gegen die Verhältnisse. An Versöhnung im Streit. An Gerechtigkeit die heilt. An Vergebung und neues Vertrauen. Dass Grenzen fallen und wir einander neu Heimat finden lassen.

Ich glaube, dass Gott da ist, auch wenn wir ihn nicht erkennen, dass Gott mächtig ist mitten in der Ohnmacht. An innige Gemeinschaft von oben und unten, von denen am Rand und denen in der Mitte der Gesellschaft. Die Schwachen in der Mitte, die Kinder auf dem Ehrenplatz, den Stummen das Wort, den Lahmen der Tanz. Ich glaube:

An das Aufstehn‘ mitten im Tod und an das Wunder, dass Leben anfängt, wo man meint es würde aufhören. Ich glaube daran, dass wir einst bei himmlischer Musik miteinander tanzen.

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