Manuskripte

SWR3 Worte

15AUG2020
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Wie sieht ein Fuchs uns Menschen? George Saunders erzählt davon in seinem Roman „Fuchs 8“: Grausam dringen die Menschen in seinen Lebensraum vor, er überlebt gerade so, findet eine neue Freundin und schreibt einen Brief an die Menschheit:

Bevor ich erfur
Das wir Bebys krigen würden
War mein Gefül zu den Mänschen:
Ich bin mit oich fertig.

Wenn ir mich im Walt set,
bleibt wek von mir.
Bleibt in oiren umwerfenden Hoisern,
schikkt oier grobes Gelechter in die Nacht.

Ich komme nich in oire Nee.
Ich bleibe an mein Plazz,
änkslich und zitternd,
so gefallen wir Fükse oich wol am besten.

Aber jezz, wo Bebys unterweks sind,
will ich mich nich so fülen
Ich will mich stark und kroszügig fülen.
Ich will hoffnungsvoll sein.
Wollt ir Mänschen mal ein guten Rad
Von ein Fuks, der nur ein Fuks is?

Wenn ir wollt, das oire Geschichten
Ein Heppi Ent haben
Seit einfach mal ein bisschen netter.

George Saunders, Fuchs 8

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31420
14AUG2020
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Im Jahr 2007 ließ sich in den USA ein junger Mann als Organspender registrieren. Ohne irgendeine Gegenleistung spendete er einer unbekannten Frau seine Niere. Daraufhin entschied sich deren Mann der aus medizinischen Gründen nicht als Spender für seine Frau in Frage gekommen war selber einer unbekannten Person eine Niere zu schenken.

Als eine junge Frau daraufhin durch diese Niere gerettet wurde, bot deren Mutter wiederum ihre eigene Niere zur Spende an. So setzte sich eine Kette von freiwilligen Organspenden quer durch die USA fort. Allein die Spende des ersten Mannes setzte zehn erfolgreiche Nierentransplantationen in Gang.

https://www.deutschlandfunk.de/altruismus-der-mensch-in-zeiten-der-katastrophe.1184.de.html?dram:article_id=480449

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31419
13AUG2020
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Monatelang ausgehungert nach Kultur und Leben im öffentlichen Raum, veranstalten wir bei unserer Kirche mitten in Mannheim Konzerte von Jazz bis Klassik. Mit Abstand, Vorsicht und Picknick – die Erfahrungen sind für viele überwältigend. Eine ältere Dame sagt:


Das ist so schön. Die Musik, die entspannten Leute. Viele waren so aggressiv in den letzten Wochen. Hier sind einfach alle glücklich und entspannt. Auch die Zaungäste, die Leute auf den Balkonen und an den Fenstern.Eine stand da mit ihrem Baby und hat getanzt, die Musiker sind wie befreit. Es ist wie eine Erlaubnis, die Seelen in den Himmel zu werfen. Dass sie fliegen wie Vögel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31418
12AUG2020
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Manchmal entfaltet sich ein Wunder direkt vor unseren Augen wie die Theologin Dorothee Sölle erzählt:


Wir schwimmen im see
die bergkette spiegelt sich
plötzlich schnellst du dich vorwärts
ich sehe nur tropfenfäden
du hast dich in sonne wasser und bewegung aufgelöst
vor begeisterung verschlucke ich mich
und versuche nachzukommen.

über das glück miteinander sprechen
ist noch schwerer
weil wir einander kaum trauen können

es kommt mir vor
wie die sache mit dem heiligenschein

wer weiß wie sie zustande kommen
wieso leute so etwas gesehen haben müssen
welche freude dazu geführt haben muss jemanden leuchten zu sehen

Dorothee Sölle, Erinnert euch an den Regenbogen. Texte die den Himmel auf Erden suchen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31417
11AUG2020
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In diesen großen Ferien haben wir unnachahmliche Dinge vor. Wir wollen uns zum Beispiel
von unserem Land und von unserer Zeit verabschieden Wir werden natürlich auch einen alten Wald bewundern, uns vorsichtig einem dunklen See nähern und endlich ein dickes Buch zu Ende lesen. Niemand soll uns erreichen. 

In den großen Ferien werden wir natürlich auch eine Eisdiele besuchen einen Zoo, eine gemütliche Kirche. Wie das so üblich istAber wer uns nach Land und Zeit fragt nach Antworten und Lösungen,dem wollen wir in den großen Ferien einen Kuss auf die Stirn geben.

Denn in den großen Ferien möchten wir fröhlich sein und eine Geschichte der Gleichgültigkeit schreiben. Und wenn wir nach wenigen Wochen zurückkehren müssen,
wird es denken wir früh genug sein, sich dann den staatlichen Aufsichtsbehörden und einer vernunftbegabten Gesellschaft wieder zu stellen. Wenn nichts dazwischen kommt.

Aus: Hanns Dieter Hüsch, Es kommt immer was dazwischen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31416
10AUG2020
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Carolin Emcke berichtete jahrelang aus Krisengebieten, sie ist Trägerin des Friedenspreises. Ende Mai schrieb sie in ihrem Corona-Tagebuch:

Wenn wir Glück haben, wird etwas weitergereicht von dem, was wir gerade lernen, wenn wir Glück haben, wird ein weiteres Alphabet entstehen, eines, das uns erlaubt, eine inklusivere, gerechtere, zartere Sprache zu sprechen, wenn wir Glück haben, schreibt sich uns die wechselseitige Verwundbarkeit, die wechselseitige Abhängigkeit in dieser Welt in unser Blut ein, und wir entwickeln daraus neue Formen des internationalen Miteinanders.

SZ, In den Zeiten der Pandemie, Tagebuch von Carolin Emcke, Woche 10

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31415
09AUG2020
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Josefina Elisabeta erzählt was ihr Leben reicher macht:

Bei mir um die Ecke gibt es eine kleine Gärtnerei, die beschäftigt Menschen mit Handicap. Besondere Menschen.

Beim letzten Besuch wählte ich eine Ranke, die kleine rote Blüten trägt, und dazu einen schönen weißen Steinguss-Topf. Zum Service dort gehört nämlich auch das Umpflanzen. Nach einer Weile übergab mir die Gärtnereigehilfin, eben einer dieser besonderen Menschen, das umgetopfte Pflänzchen.

Ich fragte, ob ich auch eine Rankhilfe haben könne. Während sie sie einsetzte, entspann sich ein Gespräch über die Pflanze und ihren speziellen Wuchs. Und der Satz, den die Frau sagte, als sie die Stütze installiert hatte, höre ich seither bei jedem Gießen widerhallen. ‚Aber zu Hause darf sie wieder hängen?!‘ fragte sie.

Die freundliche Frau war sich offenbar sicher, dass die Pflanze sich besser fühlt, wenn sie so wachsen darf, wie es ihre Natur ist!

Aus: DIE ZEIT, Hamburg, 23. Juli 2020

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31414