Manuskripte

SWR3 Worte

20JUN2020
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Zurück ins Leben tasten. Gar nicht so einfach, nach vielen Wochen im Rückzug. Die Philosophin Carolin Emcke erzählt, wie sie nach etlichen Corona-Wochen mal wieder einen Freund getroffen hat:

„Wir versuchen uns zu erinnern, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben […], im März?, im Februar?, ich kann nicht einmal entscheiden, was unwirklicher ist: sich so lange nicht gesehen zu haben oder sich jetzt endlich zu sehen. Es ist wie mit eiskalten, durchfrorenen Füßen, die plötzlich in ein heißes Bad gestellt werden: Es tut erst einmal weh. Nach und nach, mit der Zeit, die wir uns mehr und mehr entblättern, mit den Geschichten, die wir uns erzählen, mit dem Lachen und der Stille, stellt es sich wieder ein: das ganze tiefe Glück von Freundschaft.“

Carolin Emcke, „Journal. Woche #10. Montag, 25. Mai 2020“

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19JUN2020
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Was ändert sich, wenn man weiß, dass man sterben wird? Viele leben dadurch bewusster. Der 86-jährige Schweizer Soziologe und Politiker Jean Ziegler hat sich sein ganzes Leben für benachteiligte Menschen engagiert. Zum Tod hat er schon immer ein besonderes Verhältnis:

„Als ich 25 Jahre alt war, ist mein engster Freund, der Hans, im Thunersee ertrunken. Er wurde am Strand auf einen Tisch gelegt. Seitdem ist mir unsere Endlichkeit immer präsent. Ich fürchte den Tod, natürlich habe ich Angst vor Schmerzen, aber ich habe eine Gewissheit: Da wartet jemand auf mich – meine Eltern, enge Freunde oder der liebe Gott in Person. Und ich bin neugierig, was mir bevorsteht, das erscheint mir als ein unglaubliches Abenteuer.“

„Ich helfe denen, die keine Stimme haben“ In: chrismon. Das evangelische Magazin, 05.2020

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18JUN2020
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Christian Sauer ist Journalist und berät Führungskräfte in Leitungsfragen. Seine große Leidenschaft ist gehen. Einfach so. Mitten in der Woche läuft er los. Ohne Wanderstiefel, Tracker und Ziel:

„[B]ald findet der Körper seinen Rhythmus, während meine Alltagsgedanken sich zwischen Wind und Wolken aufzulösen beginnen. […] Meine Leidenschaft ist das Gehen am Rande des Alltags. Überall locken mich Straßenzüge, Grünanlagen, Waldpfade, Brachflächen. Selbst wenn ich mitten in einer Großstadt zu tun habe und nur wenig Zeit, gehe ich los. Nach wenigen Schritten bleiben die Verkehrsadern hinter mir, spaziere ich durch Wohn­ und Einkaufsstraßen; ich entdecke Verbindungswege, finde Reste von Feld und Wald, folge Bächen und Gräben, gehe immer weiter.“

Christian Sauer, „Ich muss nichts tun – nur gehen“ In: chrismon. Das evangelische Magazin, 03.2020

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17JUN2020
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Einfach so ruhig in der Kirche sitzen. Das kann richtig guttun. Das meint zumindest die Journalistin Beatrice von Weizsäcker:

„Und als ich da so sitze […] und zu Jesus aufblicke, in seine ferne, nahe, stille Welt, fällt mir eine Geschichte ein, die ich kürzlich las, die vom heiligen Pfarrer von Ars. Der geht durch seine Kirche und sieht einen Bauern, der dort sitzt. Oft stundenlang, ohne Buch oder Rosenkranz in den Händen, dafür den Blick unablässig nach vorn gerichtet, zum Altar. Und als der Pfarrer ihn fragt: ‚Was tust du denn hier die ganze Zeit über?‘, sagt der Bauer: ‚Ich schaue Ihn an, und Er schaut mich an. Das ist genug.“

Beatrice von Weizsäcker, Text: „Die Orgie“

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16JUN2020
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Mit Kindern über die eigenen Gefühle reden? Gar nicht so einfach. Und doch hilft genau das Kindern und Eltern. Die Kinder- und Jugendlichentherapeutin Ulrike Döpfner erklärt, wie es geht:

„Indem wir über uns reden: Mensch, mir geht’s heute gar nicht gut, ich bin gerade ganz müde oder gestresst oder angespannt – bitte spiel deshalb in deinem Zimmer. Natürlich nicht das Kind überwältigen durch Probleme, die es nicht handhaben kann. Aber es durchaus an den eigenen Gefühlen teilhaben lassen, natürlich auch an den positiven.“

„Was ist denn schon wieder los mit dir!“ In: chrismon. Das evangelische Magazin, 05.2020

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15JUN2020
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Unser Leben wird nach und nach wieder normal, sagen viele. Und sie finden: Normal ist so, wie es vor Corona war. Der Kabarettist Christoph Sieber findet gar nicht normal, wie es früher war. Er meint:

„Ich wünsche mir sehr, dass nicht alles wird wie vorher. Denn dieses Vorher war doch mitverantwortlich dafür, dass eine Pandemie die Welt aus den Angeln heben konnte. Uns fällt doch vor die Füße, was bisher schiefgelaufen ist:
Dass Spargelhelfer und MitarbeiterInnen in den Schlachtbetrieben unter widrigen Bedingungen ihrer Sklavenarbeit nachgehen müssen.
Dass erwartet wird, dass Pflegeheime und Krankenhäuser Rendite abwerfen.
Dass dort produziert wird wo es am günstigsten ist und nicht dort, wo die Lieferung gesichert ist.
Dass der Markt vieles regelt, aber halt nicht das, was Menschen wirklich brauchen.“

Christoph Sieber, „Normalität“

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14JUN2020
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Das Leben kann einen ganz schön mürbe machen. Es fühlt sich an, als würde die Seele auseinanderbröseln. Pfarrerin Birgit Mattausch gibt den Rat einer Freundin weiter:

„‚Wenn deine Seele mürbe ist […] dann mach doch Mürbeteig.‘ […] Mürbeteig und meine Seele sehen erst so aus, als bestünden sie aus tausend Krümeln, aber dann halten sie doch zusammen – dafür brauchts nur eine Hand. Beide müssen ruhen an einem ruhigen Ort – im Kühlschrank oder im Sessel auf dem Balkon. Und brauchen dann – Wärme. Beide sind auch salzig gut.“

Birgit Mattausch, „Mürbe“

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