Manuskripte

SWR3 Worte

06JUL2019
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Gioconda Belli, Schriftstellerin aus Nicaragua, dankt Gott auf ihre ganz eigene Art dafür, von ihm geschaffen worden zu sein:

„Und Gott machte eine Frau aus mir, mit langem Haar,
Augen, Nase und Mund einer Frau.
Mit runden Hügeln und Falten und weichen Mulden,
höhlte mich innen aus und machte mich zu einer Menschenwerkstatt.
Verflocht fein meine Nerven und wog sorgsam meine Hormone aus.
Mischte mein Blut und goss es mir ein,
damit es meinen Körper überall bewässere.

So entstanden die Gedanken, die Träume, die Instinkte.
All das schuf er behutsam mit seinen Atemstößen
und seiner bohrenden Liebe,
die tausendundein Dinge, die mich täglich zur Frau machen,
deretwegen ich stolz jeden Morgen aufwache
und mein Geschlecht segne.

Gioconda Belli, Und Gott machte eine Frau aus mir.
In: Gioconda Belli: Wenn Du mich lieben willst. Gesammelte Gedichte

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05JUL2019
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Nichts im Leben gehört uns wirklich. Was das bedeutet, beschreibt die Autorin und zweifache Großmutter Gisela Baltes so:

„Was ich habe, was ich bin
- alles nur geliehen!

Mein Leben, die Menschen, die ich liebe,
- nur geliehen.
Mir nur auf Zeit überlassen.

Der Besitz, den ich erworben habe,
die Dinge, an denen mein Herz hängt,
- nur geliehen.
Nichts kann ich halten.

Wissen […], Macht und Einfluss, Ehre, Ansehen […] und Erfolg
- nur geliehen.
Von all dem muss ich mich trennen.

Alles wurde mir übergeben, damit ich es treu verwalte,
bis es zurückgefordert wird.
Unbeschädigt!

Gisela BaltesTitel, Leihgaben
In: http://impulstexte.de/glaubwuerdig/fastenzeit/leihgaben

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04JUL2019
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Verena Friederike Hasel hat Hochachtung vor allen Ehepaaren, die es trotz einer Scheidung schaffen, ihren Kindern gemeinsam Eltern zu sein. Sie erzählt:

„In diesem Sommer wird meine Freundin mit den Kindern zu ihrer ehemaligen Schwiegermutter fahren. Warum, fragte ich. Die Jungs lieben ihre Oma, antwortete meine Freundin schlicht. […] Ähnliches habe ich anderswo beobachtet. Im Kindergarten, wo die Mutter auf die Abschlussreise nachkam, obwohl der Vater dabei war und sie sich gerade getrennt hatten. Oder in der Schule, wo Paare, die nicht mehr zusammen sind, gemeinsam Punsch trinken, wenn die Klasse ein Fest feiert.

[… Ja,] ich bewundere all jene, die sich trennen und trotzdem zulassen, dass die Bedürfnisse der Kinder sie immer wieder zusammenbringen.“

Verena Friederike Hasel, „Kann man aus einer Trennung nicht auch etwas lernen? Etwa wie man aus dem ganzen Chaos das Glück heraussiebt?“
In: DIE ZEIT, 29. Mai 2019

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03JUL2019
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Mit großer Freude am Leben teilhaben – das erlebt Ulla Bauer jedes Jahr wieder gemeinsam mit ihrem erwachsenen Sohn. Sie erzählt:

„Letzte Woche waren wir auf dem Nürnberger Frühlingsfest. Klingt unspektakulär, wenn man nicht weiß, dass die Schausteller dort an einem Vormittag Tausende Behinderte einladen, die […] kostenlos fahren können. Unser Sohn […], der in einer Behindertenwerkstatt arbeitet und in einer Wohngruppe lebt, freut sich das ganze Jahr darauf.

Natürlich könnte er auch mit uns Riesenradfahren gehen. Aber an diesem Tag sind alle seine Kumpels da, alle bekommen ein Lebkuchenherz, und die Fahrgeschäfte fahren extra langsamer oder halten an, wenn jemand Angst bekommt.
Und weil das alles so ist, ist dieser Tag auch für mich der schönste Tag im Jahr.“

Ulla Bauer, In der Rubrik: „Was mein Leben reicher macht“, in: DIE ZEIT Nr. 21

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02JUL2019
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Heute hätte er Geburtstag: der Schriftsteller und Dichter Hermann Hesse. Wie man heilsam mit den Veränderungen des Lebens umgehen kann, beschreibt er so:

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,

blüht jede Lebensstufe […] zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe, bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. […]

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Hermann Hesse, Stufen

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01JUL2019
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Als Verena Friederike Hasel klein war, haben sich ihre Eltern scheiden lassen. Heute freut sie sich über Eltern, die es schaffen, sich gemeinsam mit ihren Kindern an ihre Liebe zu erinnern. Sie schreibt:

„Es war nicht so sehr die Tatsache der Trennung, unter der ich in meiner Kindheit gelitten habe. Schlimmer war das Gefühl, nicht zu beiden gleichzeitig gehören zu können, weil meine Eltern sich nicht an ihre Liebe zu erinnern schienen. […]

Heute sehe ich so viele Menschen, die es anders machen, die ihren Kindern jedes Entweder-oder ersparen, die ihre Familie nicht brechen, sondern sie zurechtbiegen. Die mit [ihren Kindern] auch zu dem Baum gehen, […] in dem sie einmal ein Herz geritzt haben und ihnen sagen: Schau, daraus bist Du entstanden.“

Verena Friederike Hasel, „Kann man aus einer Trennung nicht auch etwas lernen? Etwa wie man aus dem ganzen Chaos das Glück heraussiebt?“
In: DIE ZEIT, 29. Mai 2019

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30JUN2019
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Wir leben mit so vielen Menschen um uns herum, die wir gar nicht kennen. Die Journalistin Alex Frederickson hat sich getraut, daran etwas zu ändern. Sie ist ihrer Intuition gefolgt und hat einer Unbekannten geholfen. Sie erzählt:

„Obwohl wir in der gleichen Straße wohnten, hatte ich die alte Frau, die an einem heißen Tag versuchte, wucherndes Unkraut vor ihrem Haus zu zupfen, nie kennengelernt. Ich habe mich neben sie hingehockt und geholfen. Nach der Arbeit hat sie mich zum Kaffee eingeladen, und bis Ende des Nachmittages war es, als ob wir uns ewig gekannt hätten. […] Sie war der einzige Mensch, der mich zum Lachen bringen konnte, wenn ich weinen wollte.

[…Ja,], das Leben dreht sich um Menschen, und überall sind wir von Menschen umgeben, deren Leben wir ein kleines bisschen besser machen können, - und auch umgekehrt.“

Alex Frederickson, Oft braucht es nur ein Lächeln
In: Trott-war. Die Straßenzeitung im Südwesten, Ausgabe 11/2017

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