Manuskripte

SWR3 Worte

Bertolt Brecht war einer, der gekämpft hat dafür, dass die Verhältnisse sich verändern. Aber immer wieder ist er verzweifelt, an dem wie es ist. Manchmal geht mir das auch so, dann staune ich wie aktuell ein Gedicht von 1931 sein kann:

Ich höre, dass in New York
An der Ecke der 26. Straße und des Broadway
Während der Wintermonate jeden Abend ein Mann steht
Und den Obdachlosen, die sich ansammeln
Durch Bitten an Vorübergehende ein Nachtlager verschafft.

Die Welt wird dadurch nicht anders
Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich nicht
Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt
Aber einige Männer haben ein Nachtlager
Der Wind wird von ihnen eine Nacht lang abgehalten
Der ihnen zugedachte Schnee fällt auf die Straße.

Aber die Welt wird dadurch nicht anders
Die Beziehungen zwischen den Menschen bessern sich dadurch nicht
Das Zeitalter der Ausbeutung wird dadurch nicht verkürzt.

Bertolt Brecht, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Werke 4, Gedichte 2

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Vesperkirche bedeutet: um die 500 Arbeitslose, Kranke, Hoffnungslose, Orientierungslose, Zornige und Verzweifelte kommen jeden Tag zum Essen zusammen und bekommen außerdem Beratung und Begleitung. Einer hat Angst seine Wohnung zu verlieren, seine Mutter ist gestorben und allein konnte er die Miete nicht mehr finanzieren. Er war bei der Wohnungsnotfallberatung, die wir in der Kirche anbieten. Ich frage ihn:

‚Und konnten die ihnen helfen?’ Er sagt: ‚Ich muss nächste Woche noch mal kommen. Und dann werden wir mal sehen. Dann wird er schon ein Ei legen.’ Ich grinse ‚hoffentlich kein Windei…‘
Er legt den Kopf schief ‚Was ihr hier macht. So was hab ich mir nie vorstellen können, dass Leute einem so helfen. Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre es mit mir nie so weit gekommen. Wenn es Leute wie euch nicht gäbe. Dann wäre die Welt kälter!‘

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In der Mannheimer Vesperkirche sind jeden Tag hunderte Menschen zusammen mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten. Es wird gemeinsam gegessen, viel gelacht und oft auch gemeinsam geweint. Wenn wir genug Spenden bekommen verteilen wir warme Winterkleidung. Eine Frau ist ganz begeistert, sie zeigt die Jacke die sie gerade bekommen hat:

„Schaun‘ sie, so eine wollte ich schon lange! Sehen sie hier, die ist gesteppt. Mit so Sichtnähten. Und die ist ganz warm. Damit werde ich jetzt nicht mehr frieren. Dass die Leute so was hergeben, die ist ja wie neu. Und die Farbe!! So ein Geschenk!
Aber wissen sie was: das größte Geschenk, das ich hier in der Vesperkirche gefunden habe: Vor vier Jahren. Das ist meine beste Freundin.“
Sie strahlt und zeigt auf die Frau neben ihr.

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In der Vesperkirche in Mannheim sind dieses Jahr wieder jeden Tag um die 500 Menschen zum Essen zusammen. Eine sieht viel besser aus als in den vergangenen Jahren. Viele Jahre war sie krank, hat Drogen genommen, ich habe sie oft weinend und verzweifelt gesehen, sie war im Gefängnis wegen Lappalien, ein anderes Mal  ihr Mann. Sie rennt an mir vorbei aus der Kirche und ruft:

„Schön Sie zu sehen. Aber ich muss weg, Stunden ableisten.“
Ich rufe ihr nach: „Sie sehen gut aus, großartig!“ Sie dreht sich um und erklärt: „Ich hab es geschafft. Ich habe eine Entgiftung gemacht. Und jetzt geh ich in Therapie und mein Mann auch. Ein neues Leben. Wirhaben es geschafft! Wer hätte das gedacht!“

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In Mannheim ist Vesperkirche, jeden Tag kommen bis zu 500 Menschen in die Kirche um hier gemeinsam zu essen. Es sind Arbeitslose, Obdachlose, Rentnerinnen und Kranke, Einsame, Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Problemen. Eine ältere Frau sieht viel schmaler aus als im letzten Jahr, sie erzählt:

Ich kann wirklich nicht mehr. Jetzt bin ich auch noch krank, Bronchitis und so. Ich bin völlig geschwächt. Und seit Wochen hab ich nicht richtig gegessen. Mir ist richtig schlecht geworden vor Hunger. Auf dem Weg hierher, ich musste mich hinsetzen. Da waren Leute die haben mir geholfen. Sehen sie wie ich abgenommen habe. Alle sagen das: ich bin ganz schmal. Meiner Ärztin hab ich gesagt ich muss in Kur. Ich muss in Kur. Da wird man versorgt. Sonst überleb ich nicht. Ich muss in Kur. Aber jetzt sitz ich hier, schaun‘ Sie meine Freundin; wir sitzen hier und jetzt werden wir erstmal richtig essen. Darauf freu ich mich den ganzen Tag. Und dann krieg ich auch wieder Kraft!

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In die Vesperkirche in Mannheim kommen jeden Tag um die 500 Leute, Obdachlose und Arbeitslose, Verschuldete, Kranke und Verzagte. Einer rührt mich besonders an, sein Bruder ist am anderen Ende der Welt ins Gefängnis bekommen. Und der Bruder hier tut alles um ihn freizukaufen, riskiert seine Wohnung, seinen Unterhalt, seine Gesundheit, völlig selbstlos. Er kann als Bruder einfach nicht anders, hat er einer Beraterin erklärt. Die sagt zu ihm:

‚Sie sind wie der im Flugzeug: der nicht zuhört als gesagt wurde: wenn die Sauerstoffmaske aufgesetzt werden muss, dann setzen Sie sie erst sich selbst auf, dann können sie anderen helfen.Sie haben erst versucht anderen zu helfen. Und jetzt haben sie selbst bald alles verloren.‘

Er guckt treuherzig und erklärt: ‚das hätten Sie auch gemacht, wenn es ihre Schwester wäre. Stellen sie sich das doch nur vor! Sie hätten auch alles getan um ihr zu helfen. Ganz gleich was es kostet. Es muss einfach gelingen. Und wenn er dann freikommt dann wird alles gut werden. Es muss.‘

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Gott, gib dein Gericht dem König
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn.
Dass er dein Volk richte mit Gerechtigkeit
und deine Elenden rette.
Lass die Berge Frieden bringen für dein Volk
und die Hügel Gerechtigkeit.
Alle Könige sollen vor ihm niederfallen
und alle Völker ihm dienen.
Denn er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit,
und den Elenden, der keinen Helfer hat.
Er wird gnädig sein den Geringen und Armen
und den Armen wird er helfen.
Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich

und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!

Die Bibel. In der Übersetzung von Martin Luther.

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