Manuskripte

SWR3 Worte

Wer kennt sie nicht, die Unsicherheit, die in einem hochkommt, wenn man einem Trauernden begegnet. Marie-Luise Wölfing, deren fünftes Kind an einem Hirntumor starb, weiß, was Trauernden gut tut. Sie sagt:

„Gesegnet seien alle, die mir jetzt nicht ausweichen. Dankbar bin ich für jeden, der mir einmal zulächelt und mir seine Hand reicht, wenn ich mich verlassen fühle.
Gesegnet seien alle, die mich immer noch besuchen, obwohl sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.
Gesegnet seien alle, die mir erlauben, von dem Verstorbenen zu sprechen. Ich möchte meine Erinnerungen nicht totschweigen. Ich brauche Menschen, denen ich mitteilen kann, was mich bewegt.
Gesegnet seien alle, die mir zuhören, auch wenn das, was ich zu sagen habe, schwer zu ertragen ist.
Gesegnet seien alle, die mich trösten und die mir versichern, dass Gott mich nicht verlassen hat.“

Marie-Luise Wölfing
http://www.hospizbewegung-dormagen.de/berichte/Segen%20der%20Trauernden.htm

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Die Welt mit Kinderaugen sehen - die Schriftstellerin Astrid Lindgren konnte das gut und erzählt:

„Kinder tragen in sich eine Ahnung von allem, was es im Leben gibt und können es ganz spontan ausdrücken. Vielleicht werden die Kinder von Gott mit sehr viel Klarsicht in die Welt geschickt. Einige können ihren Verstand schon sehr früh gebrauchen, anderen gelingt das nicht. Manchmal möchte man meinen, Kinder können den Großen etwas über die Zusammenhänge im Leben sagen, die sie schon längst vergessen haben.“

Astrid Lindgren, In: Felizitas von Schönborn im Interview mit Astrid Lindgren, Das Paradies für Kinder

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Freundschaft trägt durch die Jahre. Die Schriftstellerin Eva Strittmatter sieht das so:

„Freunde sind mir die, mit denen ich essen und trinken und reden kann. Die mich in meiner Küche kennen, und denen ich sage: Komm, setz Dich ran.
Mit denen gemeinsam ich in den Jahren meine und ihre Lasten abtrug: Krankheit der Kinder und Weltüberdruss. Mit denen ich die Nächte zerrede. Und doch kommt es niemals zu einem Schluss. Das kann auch über Fernen bestehen.
Auch wenn man sich lange Zeit nicht sieht: Halten wir nur einander fest, was immer sonst auch mit uns geschieht. Freundschaften sind wie Abenteuer, an die man sich sein ganzes Leben setzt.

Eva Strittmatter, Mondschnee liegt auf den Wiesen, 1975, in: Sämtliche Gedichte. Berlin 2006, zitiert nach
http://www.phil-fak.uni-duesseldor.de/frauenarchiv/gedicht/gedichte/strittmatter_freundschaft.html

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Wie mit zwischenmenschlichen Konflikten umgehen? Der Schriftsteller Max Frisch hat da eine Idee:

„Wenn wir zuweilen die Geduld verlieren, unsere Meinung einfach auf den Tisch knallen und dabei bemerken, dass der Andere zusammenzuckt, berufen wir uns mit Vorliebe darauf, dass wir halt ehrlich waren. […]

Und dann, wenn es heraus ist, dann sind wir zufrieden; […] Im Weiteren überlassen wir es dem Anderen, was er mit unserer Ohrfeige anfängt […].

Aber was ist damit getan, wenn ich meinem Nachbarn sage, dass ich ihn für einen Hornochsen halte? Vielleicht braucht es Mut, aber noch lange keine Liebe!

Der Weise, der wirklich Höfliche, ist stets ein Liebender! Man begnügt sich nicht damit, dass man dem Anderen einfach seine Meinung sagt. Man bemüht sich zugleich um ein rechtes Maß, damit sie den Anderen nicht umwirft […]. Wohl hält man ihm die Wahrheit hin, aber so, dass er hineinschlüpfen kann.“

Max Frisch, In: Tagebuch 1946-1949 zitiert nach: Der Andere Advent, Meditationen und Anregungen, 1. Dezember 2007 bis 6. Januar 2008, Di. 11.12.07

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Das neue Jahr ist noch jung. Worauf kommt es an, damit es ein gutes Jahr werden kann? Schon vor rund 65 Jahren überlegte der Dichter Erich Kästner:

„Nein, das alte Jahr war keine ausgesprochene Postkartenschönheit, beileibe nicht. Und das neue? Wir wollen’s abwarten.

Wollen wir’s abwarten? Nein! […] Wir wollen nicht auf gut Glück, […] nicht auf den Zufall , […] nicht auf die Weisheit der Regierungen und […] die Unfehlbarkeit aller übrigen Büros hoffen.

Wenn Millionen Menschen nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben wollen, kommt es auf das Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf Instanzen.

Wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet oder Hass gesät wird […] - stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen. […] Jeder ist mitverantwortlich für das, was geschieht.“

Erich Kästner, Die vier archimedischen Punkte; In: Die kleine Freiheit

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Von einem Jahresrückblick ganz eigener Art erzählt die Lübecker Lehrerin Inken Christiansen:

"20. Juni, Strandfrühstück in Travemünde, ein Tag voller Glück!" Schon am nächsten Tag hatte mich dann der Alltag wieder. Aber ich habe mir im Sommer fest vorgenommen diesen Tag nicht zu vergessen und habe noch schnell einen kleinen Zettel geschrieben, den ich in eine Schale auf der Fensterbank legte. […]
Seitdem finden wir in dieser Schale immer wieder Platz für unsere Freude: "5. August: Das erste richtige Stück auf dem neuen Saxophon"; "23. September: M. hat die Operation überstanden."
Nun ist die Schale mit kleinen Zetteln gefüllt. Wir sitzen zusammen […], erklären einander die Notizen oder spüren ihnen gemeinsam nach.
"5. Juli: Am Abend Fahrradtour - es riecht nach Heckenrosen" Schon ist der Ausflug wieder präsent und die Stimmung der lauen Sommernacht gegenwärtig. Am Ende des Jahres bleibt Dankbarkeit.

Inken Christiansen, Eine Schale Dankbarkeit, Zitiert nach: Der Andere Advent. Meditationen und Anregungen 28. November 2004 bis 6. Januar 2005, Di. 14.12.04

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In den Tagen zwischen den Jahren auch Dinge tun, nicht weil sie getan werden müssen, sondern weil man sie gerne tut. Die Schriftstellerin Marlen Haushofer beschreibt das so:

„Ich ging ganz langsam hinauf in das Dachzimmer […]. Ich riss das Fenster auf, die Luft strömte herein und reinigte den Raum von allem, was nicht hierher gehörte. Ich setzte mich hin und fing an, […] zu zeichnen. Es ging wunderbar leicht und einfach. Als ich mit den Umrissen fertig war und sah, dass alles stimmte, war ich sehr glücklich, so glücklich wie schon lange nicht. Ich […] schloss die Augen. Kein Laut drang von draußen herein. [...] Endlich einmal dachte ich gar nichts. In meinem Kopf war eine wunderbare Leere und Stille. So stelle ich mir den Himmel vor.“

Marlen Haushofer, Die Mansarde

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