Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Gebet von Jonathan Dürings

 

 

Gott schenke dir die Freiheit zu sehen und zu hören, was ist,

statt nur zu sehen und zu hören, was sein sollte

oder einmal sein wird.

Gott schenke dir die Freiheit zu sagen,

was du wahrnimmst und denkst,

statt nur zu sagen, was von dir erwartet wird.

Gott schenke dir die Freiheit,

lauthals um das zu bitten, was not-wendig ist,

statt immer nur auf die Erlaubnis dazu zu warten.

Gott schenke dir die Freiheit,

um des Lebens willen Risiken einzugehen,

statt dich nur dafür zu entscheiden,

„auf Nummer sicher zu gehen“.

Aus Jonathan Dürings: Drei Minuten Stille

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27083

Ein alter irischer Segen für den Tag: 

 

Gottes Kraft stärke deinen Rücken, sodass du

aufrecht stehen kannst, wo man dich beugen will.

Gottes Zärtlichkeit bewahre deine Schultern, so dass

die Lasten, die du trägst, dich nicht niederdrücken!

Gottes Weisheit bewege deinen Nacken, sodass du

deinen Kopf frei heben und ihn frei dorthin neigen kannst,

wo deine Zuneigung von Nöten ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27082

Dem da

 

dem anderen

dem X-beliebigen

dem wildfremden

der mir wurscht ist

der mich nichts angeht

dem man nicht trauen kann

dem man besser aus dem Weg geht

dem man`s schon von Weitem ansieht

dem da

dem Spinner

dem Blödmann

dem Besserwisser

dem Speichellecker

der nicht so tun soll

dem`s noch Leid tun wird

der mir`s noch büßen wird

der noch was erleben kann

der sich nicht unterstehen soll

dem ich`s schon noch zeigen werden

dem da

wünsche ich Frieden. 

Lothar Zenetti: Friedensgruß vor der Kommunion

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27081

Ein Morgengebet von Fabian Ungemach: 

 

Herr meiner Stunden und meiner Jahre,

ich bitte dich um Sorgfalt,

dass ich meine Zeit nicht vertrödle.

Jede Stunde ist ein Streifen Land.

Ich möchte ihn bebauen, ihn aufreißen mit dem Pflug.

Ich möchte Liebe hineinwerfen:

Gedanken und Gespräche,

damit Frucht wächst.

Segne meinen Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27080

Eine so kurze wie kompakte Weisheit von Leo Tolstoj:

"Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutenste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenüber steht und das notwendige Wohl ist immer die Liebe."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27079

Eines Tages fiel der Esel eines armen Bauern in einen [...]Brunnen. Er schrie fürchterlich, aber dem Bauern und seinen Nachbarn gelang es nicht, das Tier [...] herauszuziehen[...]. Schließlich beschloss der Bauer schweren Herzens, den Esel sterben zu lassen.

Da der Schacht ohnehin zugeschüttet werden sollte, schaufelten die Männer Sand und Schutt in den Brunnen, um den alten Esel gleich im Schacht zu begraben. Als der Esel spürte, was mit ihm geschehen sollte, schrie er noch lauter[...]. Nach einiger Zeit wurde es jedoch still im Brunnenschacht. Die Männer schaufelten still weiter. Schließlich wagte es der Bauer, in das zukünftige Grab des armen Esels hinabzusehen.

Er staunte nicht schlecht, denn der Esel hatte etwas Erstaunliches getan. Jede Schaufel voll Dreck, die auf seinem Fell landete, hatte er abgeschüttelt, festgetrampelt und war auf diese Weise langsam immer höher gekommen. Als die Männer weiterschaufelten, war der Boden im Brunnen nach kurzer Zeit hoch genug, dass der Esel aus eigener Kraft aus dem Loch heraussteigen und davontrotten konnte.

Sigrid Engelbrecht: Der Esel im Brunnen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27078

Der Autor Werner Tiki Küstemacher über Zumutungen: 

Sich um die Seele eines anderen Menschen zu sorgen besteht nicht darin, ihn zu schonen oder seine Ansprüche herunterzuschrauben, sondern ihm etwas zuzumuten. (..) Wir brauchen alle mehr Mutmacher. Ich wünsche mir Menschen, die mich ansehen und sagen: Du kannst das! (…)Ich weiß, dass Gott so mit mir redet. Mit jedem Problem, vor das er mich stellt, sagt er mir: Du kannst es meistern. Ich gebe dir so große Aufgaben, weil du sie schaffen kannst. Gott prüft mich, aber nicht aus Boshaftigkeit, um mir zu zeigen, dass er der Stärkere ist. Gott nimmt mich aber auch nicht heraus und sagt: Leg dich hin, ich erledige das für dich. Beides würde mich klein machen und schwach. Das will er nicht, sondern er traut mir genau die richtige Menge zu.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27077