Manuskripte

SWR3 Worte

„Wer bin ich und wenn ja, wie viele“, lautet der erste Bestseller von Richard David Precht. Der Philosoph denkt laut über den Sinn des Lebens nach und fragt sich, ob auch die Tiere philosophieren.

Nein, sicher bin ich mir nicht. Ich wüsste sehr gerne, was der Krake, den ich mir im Aquarium anschaue und der mich anschaut über mich denkt. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob er denkt… Sind wir schlau genug, zu merken, wie schlau (und erfolgreich) Tiere sind? Das sind alles Wörter, die viel zu ungenau sind…„Erfolg“? Was soll das sein? Wir wissen das schon nicht beim einzelnen Menschen. Was ist der „Erfolg“ einer Spezies? Möglichst lange hier zu sein? Möglichst viel gefühlt oder gedacht zu haben? Oder möglichst schnell tabula rasa gemacht zu haben mit unserer Erde?“

Richard David Precht, Interview FR am 3.1.2018 mit Arno Widmann
http://www.fr.de/kultur/literatur/richard-david-precht-spiritualitaet-ist-die-einzig-akzeptable-form-von-religion-a-1418117,0

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26822

„Manchmal denke ich, dass ich als Kind vielleicht näher dran war an Gott, als ich es heute bin. … Im Sommer, in der Hängematte liegend, ganz still, eine Schale Kirschen in den kleinen Händen. Über mir Kastanienbäume und Wolkenträume. Nichts denken. Nichts tun. Nur sein. Vor allem glücklich. … Die Hängematte bewegt sich sachte im Wind. Und wenn ich die Beine in die Luft strecke, sieht es … so aus, als könnten meine nackten Füße über das weite Blau laufen… Wenn ich heute Kirschen esse, dann gucke ich dabei Fotos auf Instagram. Oft mache ich sogar selbst ein Bild. Um den Moment festzuhalten. Die Kirschen. Und den Sommer. Vielleicht ein bisschen was von mir selbst und dem Gefühl, diesem köstlichen Sommerkirschgefühl, das bitte nicht so schnell vorbei sein soll. Nichts denken, nichts tun, nur sein: Das fällt mir heute schwer…

Das schreibt Bloggerin Hannah Buiting und nimmt sich vor, wieder mehr Kind zu sein.
Blogbeitrag unter https://www.evangelisch.de/blogs/vom-sehnen-und-suchen/150705/25-06-2018?kamp=b-009

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26821

Berlin. Juden gehen nicht mehr mit Kippa, ihrer Kopfbedeckung, auf die Straße. Juden werden angegriffen. Deutsche Nachrichten, ein dejá vu. Kann man aus der Geschichte lernen? Diese Frage stellt sich immer wieder. Besonders derzeit, da manch einer die Vergangenheit am liebsten ganz vergessen und verdrängen würde. Der Dichter Erich Fried schrieb dazu bereits in der Nachkriegszeit knapp und bissig:

„Was keiner
geglaubt haben wird
was keiner
gewusst haben konnte
was keiner
geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner
gewollt haben wollte.“

Erich Fried, Gedicht unter der Sammlung
http://www.elsterpferd.de/fried.htm

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26820

Bülent Celan, „de Mannemer Bu“ gehört als Comedian schon lange zu Deutschland und bekommt die Stimmung im Land hautnah mit.

„Ich werde jetzt öfter mal gefragt: "Hey, bist du Türke oder Flüchtling?" Meine Antwort darauf: "Ich bin Mannheimer, du Depp." Aber leider gibt es diese Idioten von Terroristen, die alles wieder kaputt machen wollen, was wir in Sachen Miteinander schon erreicht haben. .. Religion ist übrigens ein Thema, das ich in meinem Programm ausklammere. Menschen halten sich schließlich an ihrem Glauben fest. Er gibt ihnen Hoffnung, und darüber will ich mich nicht lustig machen. Ich glaube auch an Gott, auch wenn ich keiner Religion angehöre. Es ist im Grunde egal, ob man Moslem oder Christ ist, auf die Taten kommt es an. Hauptsache, man ist Mensch. Das ist meine Message.“

Bülent Celan, Interview auf evangelisch.de
https://www.evangelisch.de/inhalte/129521/18-12-2015/interview-buelent-ceylan-integration-und-witze-ueber-religion

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26819

Die junge Bloggerin Hanna Buiting hat sich von ihrer Oma das Warten abgeguckt und findet es einfach köstlich.

„Es gibt Dinge, auf die es sich lohnt, ein ganzes Jahr lang zu warten“, schreibt sie. „Auf Erdbeerkuchen mit Schlagsahne, zum Beispiel. … Auch Rhabarberkompott mit Vanillesoße schmeckt am allerbesten an einem Sonntag im Juni…. Dabei ist ja alles jederzeit verfügbar im Supermarkt. Aber ich kaufe es nicht. Nicht, weil ich beweisen will, was für ein ökologisch-nachhaltig-denkender Mensch ich bin, sondern weil ich mir etwas erhalten will. Abgeguckt von meiner Oma, die in einer Zeit groß wurde, in der nichts jederzeit verfügbar war. …Erdbeerzeit bleibt für sie Erdbeerzeit. … Und ich mache es ihr nach. Ich gönne mir Geduld. Es ist ein kleines Erbe aus vergangener Zeit und vielleicht ein letztes Überbleibsel eines Nicht-immer-Verfügbar-Seins, das ich mir erhalten will.“

Blogbeitrag unter https://www.evangelisch.de/blogs/vom-sehnen-und-suchen/150355/04-06-2018

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26818

Schon bei dem Wort „Kirche“ gähnt mancher und versteht nur Bahnhof. Der Münchner Theologe Jörg Lauster meint, die Kirche sei zu Teilen selbst daran schuld.

„Viele Menschen sind an religiösen Fragen interessiert“, schreibt er. „Aber die Sprache, in der die Kirche davon spricht, verstehen sie nicht mehr. Wir müssen sie in das Leben der Menschen übersetzen. Schließlich berührt das Christentum alle großen Fragen des Menschseins: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu bin ich auf der Welt?… Es ist die große Aufgabe der Kirchen, die Menschen anzuregen, über diese Fragen nachzudenken. Das Christentum ist keine Wellness-Religion. Man kann nicht sagen, dass man glücklicher durch das Leben geht, wenn man glaubt… Aber man geht mit offeneren Augen durch das Leben.“

https://www.nzz.ch/feuilleton/theologe-joerg-lauster-zum-reformationsjubilaeum-das-christentum-ist-keine-wellnessreligion-ld.1301100

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26817

Die deutsch-japanische Autorin Yoko Tawada ist eine Grenzgängerin zwischen  Sprachen und Welten. An Grenzen bekommt sie Beklemmungen. Sie schreibt über ihr Erlebnis in Berlin, nach dem Mauerfall:

„Ich sah die Mauer nicht mehr, spürte aber ihren Druck, der mir den Atem beschwerte. Es war das Wissen, dass ich mich gerade in der Nähe einer tödlichen Mauer befand. … Ich hätte sie lieber als Materie gesehen, die ich mit einem Hammer hätte abklopfen und in eine Plastiktüte einpacken können. … Die Mauer in meinem Gedächtnis besteht weiter aus bewaffneten Männern, die bereit waren, auf Menschen zu schießen. Auf unserem wasserblauen Planeten werden immer wieder neue Mauern gebaut. Wo eine Mauer steht, ist aber das Leben auf beiden Seiten bedroht…"

Yoko Tawada, akzentfrei, konkursbuch

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26816