Manuskripte

SWR3 Worte

Michael Ritz, ein Berliner Bürger, schreibt einen Brief an alle, die zuhören mögen:

Angst essen Seele auf, das können Sie mir glauben. Sie haben nur eine Seele, nehmen Sie Rücksicht darauf, fürchten sie sich nicht so viel, so schlimm ist es gar nicht.

Trinken Sie mehr klares Wasser. Atmen sie bewusst, wenigstens ab und zu.

Lesen Sie nicht nur Romane über Gerichtsmediziner und Serienmörder. Lesen Sie ab und zu Weltliteratur. Fangen Sie an mit John Steinbeck, „Von Mäusen und Menschen“… Verbringen Sie mal einen Tag ohne auf einen Bildschirm zu blicken.

Schenken Sie morgen Vormittag den ersten fünf Menschen, denen Sie begegnen für ein paar Sekunden ihre volle Aufmerksamkeit.

Essen Sie jeden Tag einen Apfel. Mögen Sie unser Grundgesetz. Es ist besser als sein Ruf, ein fabelhaftes Teil.

Glauben Sie  nicht alles wovon Sie überzeugt sind. Folgen Sie nicht jedem Ratschlag. Aber auch nicht keinem.

Fragen Sie nicht was 2017 Ihnen gebracht hat, sondern fragen Sie, was Sie 2017 gebracht haben. Ziehen Sie aus der Antwort Ihre Schlüsse für 2018.

Der andere Advent 2017/18   30. Dezember 2017

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„Heute ist der letzte Tag, dann komme ich nicht mehr,“ sagt einer der Gäste der Vesperkirche zu mir und grinst dabei fröhlich verschmitzt. In der Vesperkirche kommen jeden Tag um die 500 Arbeitslose, Kranke, Hoffnungslose, Orientierungslose, Zornige und Verzweifelte zum Essen zusammen und bekommen außerdem Beratung und Begleitung.

Diesen kenne ich seit Jahren, er ist ausgesprochen witzig, freundlich und hilfsbereit und mit vielen Gästen und Ehrenamtlichen freundschaftlich verbunden.
Und nun das, ich frage nach: „Wieso, was ist denn los?“ „Sie werden es nicht glauben, ich glaube es ja selber kaum. Ihr habt es mir immer wieder gesagt und ich habe es immer wieder gesagt, dass ich endlich eine Therapie machen muss.

Seit zehn Jahren rede ich darüber. Nicht nur so Entzug sondern richtig Therapie, Langzeit. Und jetzt habe ich einen Platz. Ich gehe für ein halbes Jahr in Therapie. Mein Leben wird neu. Ich weiß es!“

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In der Mannheimer Vesperkirche sind jeden Tag hunderte Menschen zusammen mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten, Arme, Bedürftige, Zerzauste. Viele können sich nicht regelmäßig waschen, haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. Sie bekommen Essen, aber auch Beratung und manchmal etwas Besonderes extra.

Dieses Jahr ist es ein Friseursalon in der Nachbarschaft, der öffnet nur für die Vesperkirche zwei Montage. Die Gäste bekommen Gutscheine, dann werden die Haare gewaschen, geschnitten und geföhnt. Viele sind ganz begeistert, als ich mit dem Angebot an ihren Tisch komme. Wie Beatrice, sie fragt:

„Wie und muss ich dann bezahlen? Nein?“ Ich muss lächeln und schüttel‘ den Kopf.
„Gar nichts?“ fragt sie weiter. „Ich war seit Jahren nicht mehr beim Friseur müssen sie wissen. Das kann ich mir nicht leisten. Sagen sie noch mal genau wann das ist. Das glaube ich nicht. Das ist ja an meinem Geburtstag!“

Ich meine: Sie kramt ihren Ausweis heraus. „Sehen sie, das ist genau der Termin, das ist mein Geburtstag und ich gehe zum Friseur!!“ Und sie strahlt wie der Sternenhimmel in einer Wüstennacht.

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Ein Gespräch an der Kasse der Vesperkirche, wo jeden Tag fünfhundert Menschen in Not Essen und Beratung und Aufmerksamkeit bekommen:

Ich sage: "Sie sehen aus als wenn sie draußen schlafen?" "Ja draußen" antwortet eine Frau von vielleicht 50 Jahren. "Wo denn?" frage ich. Mein Gegenüber sieht mich vorwurfsvoll an.
"Das müssten Sie doch wissen, dass man das nicht sagt." Ich entschuldige mich:
„Ich meine ja nur, weil man bei dem Hochwasser Angst bekommen kann, um alle die unter den Brücken sind, dass sie weggespült werden.“

Sie schaut mich durchdringend an:
"Ich bin weggespült worden mit allen Sachen. Das Wasser hat mich eingeklemmt. Dabei habe ich mir die Hüfte verletzt"und fast unhörbar: "deswegen war ich jetzt im Krankenhaus. Immerhin, ich habe überlebt. Ich bin nicht untergegangen."

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In Mannheim ist Vesperkirche, jeden Tag kommen bis zu 500 Menschen in die Kirche um hier gemeinsam zu essen. Es sind Arbeitslose, Obdachlose, Rentnerinnen und Kranke, Einsame, Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Problemen. Eine noch gar nicht so alte Frau erzählt:

„Ich hatte drei Wirbel gebrochen, einfach so im Bett, es hat ein komisches Geräusch gemacht. Danach konnte ich mich nicht mehr bewegen. Nach dem Röntgen haben sie gesagt: ich hätte die Wirbel schon angebrochen gehabt, seit Jahren. Dann dachte ich, ich würde nie mehr laufen können. Nie mehr allein leben. Ich war monatelang im Krankhaus. Danach bin ich ins Heim gekommen und habe meine Wohnung aufgegeben. Da lebe ich seit einem Jahr.

Aber ich kann da nicht leben, die Gerüche! All die Menschen mit Demenz! Sehen sie, ich kann ja wieder laufen und ich könnte allein leben.“
Ich sage zu ihr: „Am Montag kommt jemand von der Wohnungsnotfallberatung. Die können Ihnen helfen.“ Sie sieht mich erstaunt an. „Sie meinen, das muss nicht so bleiben? Sie meinen, das kann sich ändern? Das wäre einfach unglaublich!“

 

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In Mannheim ist von 6. Januar bis 4. Februar wieder die Vesperkirche geöffnet. Es gibt jeden Tag Essen und medizinische Begleitung, Beratung und Unterstützung für Menschen in unterschiedlichsten Nöten. Wir verteilen Kleidung und Schlafsäcke. Jeder wird bedient am Tisch, bekommt warmes Essen und selbstgebackenen Kuchen. Etwa sechzig Ehrenamtliche pro Tag und insgesamt sechshundert Personen helfen in den vier Wochen mit. Eine Frau, die jeden Tag zu Gast ist, meint:

Eure Ehrenamtlichen, die sind einfach wunderbar! Die kommen immer und lächeln einen an, auch wenn man einen Moment warten muss, kommen sie und lächeln.
Und sagen gleich, nur einen Moment, ich bin gleich bei Ihnen. Und dann weiß ich schon, dass es hier besonders ist, einfach weil die mich ansehen und anlächeln. Da weiß ich dann schon, dass ich nicht vergessen bin. Das fühlt sich so gut an!

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Hanns-Dieter Hüsch war ein Kabarettist, aber vor allem ein Träumer und Dichter. Er hat Psalmen neu gelesen und formuliert, so den Psalm 68:

Das Himmelreich hängt nicht am Himmel,
nicht in den Wolken, nicht im Wolkenkuckucksheim –
aber es liegt in der Luft.

Du kannst es fühlen, mit deinen Sinnen empfinden;
und riechen kannst du es, wenn du eine gute Nase hast;
und sehen, wenn dir noch nicht Hören und Sehen vergangen ist,
und du kannst es schmecken in Brot und Wein.

Das Himmelreich ist einem Menschen gleich aus Fleisch und Blut,
mit Herz und verständnisvollen Gedanken –
unscheinbar, der aus sich nicht viel Aufhebens macht;
der aber den Menschen aufhebt, der ihm begegnet.

Das Himmelreich durchbricht die dunkelsten Seiten der Welten.
Es erleuchtet die schwärzesten Seelen.
Die Todeszonen verwandeln sich in Friedenszeiten.
Die Erde blüht wieder auf.

Ich stehe unter Gottes Schutz. Psalmen für Alletage, Hanns Dieter Hüsch, Uwe Seidel

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25736