Manuskripte

SWR3 Worte

Morgen ist Erntedank, wir schmücken die Kirche auch mitten in der Stadt und wir beten:

Gott
du schenkst den Auberginen ihr Lila, du machst die Kürbisse orange,
rote Hagebutte, und blaue und gelbe Pflaumen
und der Morgenröte malst du goldene Flügel

du erfüllst unsere Herzen mit Sehnsucht und Dank
schön malst du Lippen und Wimpernbögen
Töne, Klänge und Rhythmen machen Herzen weit und tief

du beschenkst uns mit so viel, was glücklich macht.
Lass uns dich und einander nie vergessen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25060

Was heißt „leben“- wenn man doch sterben muss? Der persische Mystiker Hafiz hat dazu ein Gedicht geschrieben:

Wäre diese Welt nicht
in Gottes Eimer gehalten,
wie könnte ein Meer jemals auf dem Kopf stehen
und nicht einen einzigen Tropfen verlieren?

Wäre dein Leben nicht
in Gottes Schale aufgehoben,
wie könntest du so unerschrocken sein
und lachen und tanzen im Angesicht des Todes?

Es gibt eine verborgene Kammer in der Seele,
die ein großes Geheimnis kennt,
unaussprechlich für jede Zunge.

Dein Leben mein Herzallerliebstes,
trägt des Geliebten Siegel und Zeichen.
„Zu heilig“ hat Er es beschriftet –
„zu heilig“, um jemals zu enden!

Tatsächlich hat Gott tausend Verheißungen
Auf dein Herz geschrieben.

Sie alle lauten:
Leben, Leben, Leben
Ist viel zu heilig,
um jemals zu enden.

Daniel Ladinsky: Gedichte inspiriert von Hafiz, Mein Herz im Spiegel Deiner Augen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25059

Die Jüdin Eva Mozes Kor wurde Opfer des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele. Dessen Buchhalter Oskar Gröning wurde mit über neunzig Jahren der Prozess gemacht. Im Prozess bekannte Gröning sich schuldig. Eva Mozez Kor gab ihm die Hand und vergab ihm. Und den anderen Opfern von Gröning sagte sie:

„Wer hasst, verletzt nur sich selbst. Den Tätern ist der Hass egal.
Ich habe durch Vergebung erlebt, dass ich frei von meiner Vergangenheit wurdeund wieder Macht habe.
Ich bin kein Opfer mehr, das immer nur auf das reagiert was andere tun oder sagen.“

„Der Gang durch die Hölle“ Thomas Walter

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25058

Wie ist das, wenn Kinder zum ersten Mal das Meer sehen? Und zwar erst mit 6, 8 oder 9 Jahren! Obwohl sie in Hamburg leben, eine Autostunde vom Meer entfernt. Einfach nur, weil sie in Armut leben. Noemi, Janina und Solveig unterhalten sich mit einem Reporter, der sie fragt:

Wie stellt ihr euch das Meer vor? Was erwartet ihr?
"Äh, na ganz viel Wasser und einen Strand", sagt Noémie.
"Autos, die durchs Meer fahren, äh, Boote! Vielleicht Delfine, die hochspringen."

Ihre Schwester Solveigh schüttelt den Kopf. Sie ist die Einzige, die schon mal am Meer war...
"Nein, nein, nein", sagt die Neunjährige. "Es gibt da Krebse, Quallen und Fische.
Alles harmlose Tiere!" Und ist es gut am Meer?
"Ich habe keine Worte, so toll ist es da", sagt Solveigh. "Ich glaube, das Meer gibt Vertrauen, weil es so groß ist."

http://www.zeit.de/2017/32/ostsee-kinder-hamburg-wilhelmsburg-insel-poel-ausflug

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25057

Kleine whatsapp von einer Freundin. Sie ist Muslima und ihre Eltern stammen aus der Türkei:

Heute war ein lustiger Tag. Bin nach Frankfurt… um mir die Peter Saul Ausstellung anzuschauen.… sehr ernüchternd. Irgendwann landeten wir auf der PEACE-Ausstellung, die wider Erwarten super cool war.

Kaum aus der Schirn raus…landeten wir auf einer Anti-Assad Demo. Wir liefen schnell zum Ort der Stille, zündeten eine Kerze an und bewunderten die Marienikone.

Draußen grölten die Demonstranten. Als wir rausliefen befanden wir uns plötzlich inmitten einer Pro Assad Demo. Wir hielten inne. Und meine Schwester sprach meine Gedanken aus:

Ich bin so froh und dankbar in Deutschland zu leben. Hier ist sowas möglich. Für alle Knalltüten und deren Gedanken ist Platz!

Genauso ist es. Schließlich fanden wir ein Plätzchen für uns. Ein Weinfest inmitten der City
… Love this country!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25056

Der Schriftsteller Ilja Trojanow engagiert sich für Menschenrechte weltweit und für das Übersetzen von Kulturen. Er stößt dabei auf viel Widerspruch. Trotzdem macht er weiter. Er meint:

Wer die Allgemeinen Menschenrechte heutzutage ernst nimmt, wird verunglimpft, als Gutmensch, …als unter Helfersyndrom leidend, …als Kosmopolit, …Welche Alternative wählen Sie?
...
Ich hege, was das betrifft, keinerlei Zweifel:
Ich bin verdammt froh, ein unter Helfersyndrom leidender kosmopolitischer Gutmensch zu sein.

Ilija Trojanow, TAZ, 23.8.2017

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25055

Inga Humpe die Sängerin von 2raumwohnung sagt im Gespräch über Politik

Ich glaube noch an den alten Satz:

Alles ist politisch. Deswegen glaube ich auch dass die Welt eine bessere würde, wenn jeder sich ein bisschen mehr um die anderen kümmern würde.

Wir müssen weg von dieser sehr menschlichen aber auch kindlichen Sichtweise immer das Beste für sich selbst haben zu wollen.

Und deshalb tragen das Feiern und die Musik übrigens auch zu einer besseren Welt bei. Denn das geht nur… wenn man aufeinander Rücksicht nimmt. Allein feiern, das geht nicht.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25054