Manuskripte

SWR3 Worte

Gast sein einmal.  
Nicht immer selbst  
seine Wünsche bewirten  
mit kärglicher Kost.   
Nicht immer feindlich  
nach allem fassen.    
Einmal sich alles 
geschehen lassen
und wissen:    
was geschieht ist gut. 

Rast – von Rainer Maria Rilke

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24567

Die Theologien Dorothee Sölle über das Beten: 

Beten bedeutet, nicht zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es bedeutet sich zu sammeln, nachzudenken, Klarheit zu gewinnen, wohin wir eigentlich leben, was wir mit unserem Leben wollen; Gedächtnis zu haben und darin Gott ähnlich werden; beten bedeutet Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder; die Wünsche laut und leise, zusammen und allein zu äußern. Und darin immer mehr dem Menschen ähnlich zu werden, als der wir gemeint waren.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24566

Gut oder schlecht, hell oder dunkel. Es kommt immer auch darauf an, was Du in Dir nährst. Dazu diese Geschichte: 

Schweigend saß der alte Indianer mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel. Nach einer langen Weile sagte der Enkel: „Manchmal fühle ich mich, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere aber ist liebevoll, sanft und mitfühlend.“ „Welcher der beiden wird den Kampf um mein Herz gewinnen?“, fragte der Junge. „Der, den du fütterst“ antwortete der Alte.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24565

Was nützt aller Reichtum, wenn man ihn nicht nutzt. Dazu diese Geschichte: 

Ein sehr geiziger Mann pflegte sein Gold unter einem Baum in seinem Garten zu verstecken. Jede Woche ging er einmal zu dem Baum, grub das Gold aus und betrachtete es stundenlang. Eines Tages aber fand er nur ein leeres Loch. Der Mann heulte vor Kummer so laut, dass die Nachbarn zusammenliefen, um zu sehen, was geschehen war. Als sie erfuhren was dem Mann geschehen war, fragte einer: „Hast du denn das Gold zu etwas gebraucht?“ „Nein“, heulte der Geizhals, „ich habe es mir immer nur jede Woche einmal angesehen.“ „Dann“, sagte der Nachbar, wenn du das Gold nicht direkt gebraucht hast, kannst du doch genauso gut jede Woche herkommen und das Loch anschauen.“

„Genauso gut“ - von Anthony de Mello

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24564

Wie weit Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung doch manchmal auseinander liegen. Dazu diese Geschichte:  

Als ich zum ersten Mal im Wartezimmer meines neuen Zahnarztes saß, sah ich auf einer Urkunde an der Wand seinen vollständigen Namen. Ich erinnerte mich, dass ein schlanker, fleißiger Junge gleichen Namens vor gut 30 Jahren in meiner Klasse war. Doch als ich den Arzt sah, verwarf ich den Gedanken. Dieser glatzköpfige, weißhaarige Mann mit den tiefen Falten war viel zu alt, um in meiner Klasse gewesen zu sein. Nachdem er meine Zähne untersucht hatte, fragte ich ihn trotzdem, ob er das örtliche Gymnasium besucht hätte. „Ja“, antwortete er. Ich: „Wann haben Sie das Abi gemacht?“, Er: „1972, warum?“ „Sie waren in meiner Klasse“ antwortete ich. Er betrachtete mich aufmerksam und fragte dann: „Und was haben Sie unterrichtet?“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24563

Am Montag rumpelt der Müllwagen. Dienstags lässt meine Waschmaschine die Küche vibrieren. Mittwochs klingelt der Bote mit dem Wochenblatt. Donnerstags wirft irgendwer den Staubsauger an, freitags feiert jemand Geburtstag. Samstags plärrt die Bundesligaschlusskonferenz. Dann ist Sonntag. Er klingt anders, schon beim Aufwachen: Jemand hat den Verkehr abgestellt. Ich höre den Wind und …zwischen zwei Atemzügen: Stille. Niemand soll es wagen, jetzt den Rasenmäher anzuschmeißen. Das Ticken der Uhr, das Gurren der Taube, klackernde Schritte der Spaziergänger unterm Fenster, die Glocke, wenn die Kirchgänger beim Vaterunser sind. Die Woche ist ein gemischter Chor, der Sonntag das Solo. Jemand singt es für mich.

Solo – von Susanne Niemeyer

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24562