Manuskripte

SWR3 Worte

Der Theologe Martin Gutl über Schein und Sein:

Tagsüber darf er keine Schwäche zeigen.

Tagsüber muss er sich korrekt verhalten.

Tagsüber muss er gepanzert sein.

Tagsüber darf er sich kein Gefühl erlauben.

Erst am Abend, im Kreis der Freunde,

hört man, wie ihm Steine vom Herzen fallen.

Erst nach Mitternacht sagt er ganz leise:

„Wenn ich ehrlich bin.“

Erst nach Mitternacht

hat seine Seele Ausgang.

 

Martin Gutl, Erst nach Mitternacht, in: ders., Loblied vor der Klagemauer

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Der Theologe Martin Gutl über Fremde und unsere Vorurteile:

Sie essen neben uns, sie reden neben uns, sie schweigen neben uns,

sie trauern neben uns, sie verbittern neben uns, sie verzweifeln neben uns.

Wie anders sind sie wirklich? Sie haben andere Ansichten über Politik und Religion, über Fußball und Musik. Sie machen andere Witze, sie tragen andere Kleider, sie richten ihre Häuser anders ein.

Weil sie äußerlich anders sind, sind sie uns fremd.

Im Grunde sind sie uns ähnlich. Alle haben Sehnsucht nach Liebe.

Doch so gründlich denkt man nicht.

 

Martin Gutl, Die anderen, in: ders., Loblied vor der Klagemauer

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Wie geht beten? Das hat die Zeitschrift Publik Forum ihre Leser gefragt. Der Leser August Schmale, der nach eigener Aussage an Gott und der Welt zweifelt, antwortet darauf so:

Ich habe einen Erker, und in diesem steht als Relikt aus einem anderen Leben ein Kirchenkniebänkchen. Morgen und abends schließe ich hinter mir die Tür zu diesem Raum. Dann knie ich mich für ein paar Minuten hin. Und in dieser nichtssagenden Gebärde fällt – wie ein Geschenk aus alten Tagen – eine Stille in mich ein und eine Ruhe steigt auf: Daheim. Und immer schaue ich aus diesem Erker empor, zum Himmel: ohne Fragen und ohne Antworten, aber daheim. 

Leserbrief von August Schmale auf die Frage „Wie geht beten?“, in: „Publik-Forum“ Heft 2 (2017)

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Die Autorin Sybille Berg über einen Londoner Pfarrer, der in seiner Kirche Obdachlose beherbergt:

Der Reverend, den ich liebe, … baute als Erstes eine Toilette zu einer Dusche um und sah, woran die meisten nie denken: Was Körperpflege aus jemandem macht, der sie vorher nicht haben konnte. … Er fand heraus, dass es einfache Dinge sind, die den Menschen ihre Würde zurückgaben. Kochen, Musik machen, mit Schülern reden, Sport treiben und eine Adresse haben.

Mit einer Adresse kann man zu einem Arzt, mit einer Adresse kann man sich Papiere besorgen, mit einem gewaschenen Körper, der Papiere hat, kann man eventuell einen Job finden, und andere reden wieder mit einem, satt eilig vorbeizulaufen. Aus irgendwem am Straßenrand wird wieder ein Mensch mit Träumen und Fähigkeiten. 

Sybille Berg, Warum nicht mal freundlich sein, in: Spiegel-Online vom 15.04.2017

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Der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, ist bekennender Christ. Er stört sich an einem Wirtschaftssystem, das zu oft noch immer den belohnt, der am rücksichtslosesten zockt:

Die Bibel, die Tora und der Koran regeln die Frage von Zinsen, Schulden und Schuldenerlass. Und sie regeln das in der Haltung: „Nimm erst, wenn etwas zum Verteilen da ist.“ Das westliche Wirtschaftssystem, das sich Kapitalismus nennt, handelt jedoch umgekehrt: Banker zahlen sich Boni aus, bevor sie erwirtschaftet sind. Da geht es um hemmungslose Gewinnakkumulation. Und wenn die Finanzkonzerne ins Trudeln geraten, ist auf einmal der Steuerzahler in der Pflicht, weil sie als systemrelevant gelten. Armut gilt dagegen nicht als systemrelevant. Das ist nicht ethisch, das ist nicht christlich, das ist krank! 

Bodo Ramelow, „Schaut doch rein ins Buch der Bücher“, in: Publik-Forum Heft 19 (2016)

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Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch mit einem sehr persönlichen Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an die Güte

Ich glaube an die geringste Freundlichkeit auf Erden

Ich glaube an den Sommer und an den Herbst

Ich glaube an die täglichen Versuchungen

Und an die nächtlichen Verlorenheiten

Ich glaube dies auf meinem Rücken auszutragen

Ich glaube an die Güte

An die geringste Freundlichkeit

Ich glaube an das Leben.

 

Hanns Dieter Hüsch, Credo, aus: Ders., Ich möchte ein Clown sein.

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Dialog ist oft schwierig. Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hat da ein paar Vorschläge:

Wer einen Dialog herbeiführen will, muss sich herablassen, herabsteigen, von sich absehen. Sich zuwenden und zuneigen. Muss nicht besitzen wollen. Darf nicht besitzergreifend sein. Nur wenige Vorschriften machen, besser keine. Gelegentlich vorsichtig Empfehlungen anbieten. Unsichtbar die Hand darüber halten. Unhörbar anders denken. ... Fehler nicht gleich als Schande empfinden. Irrtümer gestatten.

 

Hanns Dieter Hüsch, Dialog mit der Jugend, aus: Ders., Ich möchte ein Clown sein.

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