Manuskripte

SWR3 Worte

Gott ist immer da! Dieser Meinung ist die Punkmusikerin Nina Hagen:

Als ich 17 war, habe ich LSD genommen, weil ich hoffte, eine Gotteserfahrung zu erleben. Aber zuerst bin ich in einem Bereich gelandet, wo es kein Leben und kein Sterben, sondern nur Schmerzen gab. Und das Gefühl, dass es jetzt für immer so bleibt.

In diesem Moment habe ich gerufen: Oh mein Gott, hilf mir doch!
Plötzlich bin ich in eine tiefe Ruhe gekommen.
Als ich ihn erkannte, habe ich ihn gefragt: Gehst du etwa wieder weg, wie all die anderen?
Und da hat Gott mir geantwortet, dass er immer da war und immer da sein wird.

…. Gott hat mich mit einer Liebe angeschaut, die kann man nicht beschreiben. Diese Erfahrung hat mich durch alle dunklen Täler getragen, die dann gefolgt sind.

Nina Hagen in: Nikolaus Schneider (Hg.), Ich bin evangelisch. Menschen sprechen über ihren Glauben

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Heute vor 533 Jahren wurde Martin Luther geboren. Er war nicht nur ein großer Theologe, er  hat sich auch Gedanken über Konflikte im Alltag gemacht. Beim Essen hat er mal zu seinen Gästen gesagt:

 „Wenn sich’s begibt, dass zwei Ziegen einander begegnen auf einem schmalen Steg, der über ein Wasser geht, wie halten sie es dann? Sie können nicht rückwärts gehen. Sie mögen auch nicht nebeneinander gehen, der Steg ist zu eng. Sollten sie denn einander stoßen? Da könnten sie beide ins Wasser fallen und ertrinken. Was tun sie also?

Die Natur hat ihnen gegeben, dass sich eine niederlegt und die andere über sich hingehen lässt. So bleiben sie beide unbeschadet.

Genauso soll es ein Mensch gegenüber dem anderen auch tun: den anderen auf sich gehen lassen anstatt er sich mit dem anderen zanke, hadere oder Krieg führe.“

Martin Luther, Tischreden, Eisleben 1566 (Faksimile-Ausgabe), 590; hier sprachlich geglättet

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Heute vor 78 Jahren wurden Synagogen angezündet und Häuser von Juden zerstört. Der Anfang des Holocaust. Die Jüdin Etty Hillesum hat ein Jahr vor ihrer Ermordung in Auschwitz in  ihr Tagebuch geschrieben:

Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen.

(…) Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott.

Mit jedem Herzschlag wird mir klarer, dass (…) wir (…) deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.“

Aus: S. Niemeyer/M. Lemme (Hgg.), Brot und Liebe

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Gewalt, Krieg, Terror – könnte man doch sagen, wer die guten und wer die bösen Menschen sind. Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn hat schreckliche Jahre in einem politischen Straflager erlebt; sein Resümee:

„Wenn es nur so einfach wäre! – (…) Menschen mit böser Absicht (…) unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten? Während der Lebensdauer eines Herzens bleibt dieser Strich nicht unbeweglich, bedrängt einmal vom frohlockenden Bösen, gibt er dann wieder dem aufkommenden Guten freien Raum. Ein neues Lebensalter, eine neue Lebenslage – und ein und derselbe Mensch wird ein … anderer. Einmal dem Teufel näher und dann auch wieder einem Heiligen.“

W. Erk (Hg.), Literarische Auslese, S. 169: A. Solschenizyn

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Warum bin ich, wie ich bin? Und was hält mich am Leben? Der Theologe Traugott Giesen hat diese Antwort gefunden:

Am seidenen Faden hängt mein Dasein. …Wer will mich und die Menschen überhaupt? Das sind Fragen, die ‚gottesverdächtig‘ sind.

Sie lassen sich nicht mit Lexikonwissen stillen, sie zielen auf Halt und Sinn. … Wer spricht weiter, wenn wir abbrechen und woher rührt dein Drang zu leben? Wer bewirkt dich?

Diese … Sehnsucht zielt über biologische Tatsache und physikalische Gesetze hinaus. Du hängst am dünnen Faden – von Gott gespeichelt. Ein Wunsch für heute: sei gerne Du.

T. Giesen in F. Schorlemmer, Das soll dir bleiben. Texte für morgens und abends

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Da kann man nichts machen ‚ da ist man machtlos. Sagen wir manchmal. Aber stimmt das wirklich? Die Theologin Reinhild Traitler denkt da anders und meint:

Was ist, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Unter Umständen ist es nicht einmal der Weisheit Schluss, sondern der Triumph der Dummheit, der Gier und der schieren Gewalt. (…)

Auf dich kommt es an. Leiste dir eine Utopie. Lass dir nicht einreden, das sei wirklichkeitsfremd. Wirklichkeitsfremd sind vielmehr die, die meinen, dass an dieser Welt nichts mehr zu ändern ist.
(…)
Halte deine Träume nicht fest, sondern teile sie mit andern! Versuche sie zu leben. Gemeinsam! Erinnere dich an das Zauberwort der göttlichen Geistkraft und sag es dir immer wieder vor, wenn der Tag grau ist und  der Glaube klein: Es ist möglich!

Reinhild Traitler, Es muss nicht der siebte Himmel sein. Spirituelle Texte für alle Tage

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