Manuskripte

SWR3 Worte

Tilmann Röhl arbeitet in einem Krankenhaus in Stuttgart, wo Kinder mit schweren Herzfehlern operiert werden. Ein Junge ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben:

Der Junge, von dem ich erzählen will, hatte eine durch eine Infektion zerstörte Herzklappe. Es ging ihm sehr schlecht. Auf dem OP-Tisch, kurz bevor die Narkose wirkte, flüsterte er: „Ich komme wieder!“

Die Operation gelang, aber wochenlang schwebte der Junge zwischen Leben und Tod. Schließlich aber besserte sich sein Zustand, und wir konnten ihn in die Rehabilitation überweisen.

Nach Monaten erreichte uns ein Brief der Eltern: Ihr Sohn sei wieder zu Hause. Ein Bild war beigelegt, es zeigte einen blassen, dünnen, aber lachenden kleinen Jungen. Darunter stand in Kritzelschrift: „Ich bin wieder da!“

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/was-mein-leben-reicher-macht/page/281/

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Wenn man Freude teilt, wird sie größer. Diese Erfahrung hat auch Dominik Steinbeißer aus München gemacht:

Für unsere Hochzeit hatte eine Freundin die Kirchenbänke mit pastellblauen Blumen geschmückt. Als wir am nächsten Tag unsere gemeinsame Wohnung mit den Blumen verschönern wollten, waren sie verschwunden.

Viel später erfuhren wir, dass ein Gast die Blumen mitgenommen hatte. Auf dem Weg zur U-Bahn hat er einer alten Frau einen kleinen Strauß davon geschenkt. Und weil sich die so freute, wurden auch alle weiteren Blumen an fremde Menschen verteilt.
So ist unsere Hochzeitsfreude weiterverschenkt worden: Freude für Fremde.

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/was-mein-leben-reicher-macht/page/280/

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Es gibt Begegnungen, die sind kurz, aber intensiv. So wie die, von der Kerstin Moeller erzählt:

Eine Bahnfahrt im ICE von Frankfurt nach Hamburg. Mir gegenüber sitzt ein Ägypter, und er beginnt, das Buch von Jürgen Todenhöfer Mein Traum vom Frieden zu lesen.

Plötzlich laufen ihm Tränen übers Gesicht. Er erzählt von Kairo. Als wir in Hamburg ankommen, und zufällig gemeinsam aussteigen, nehme ich seine Hand in meine, wir umarmen uns kurz.
Man geht auseinander, aber es bleibt etwas zurück.

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/was-mein-leben-reicher-macht/page/89/

 

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Mit einem Augenzwinkern berichtet Jürgen Eulenpesch aus Ulm von einer Begegnung im Zug, die sein Weltbild auf den Kopf stellt:

Ein Mann, ganz offensichtlich afrikanischer Abstammung, steigt in die Tram. Ein Flüchtling? Ordentliche Kleider hat er ja an, aber Fahrschein kauft er keinen! Stattdessen geht sein Blick unsicher suchend durch den Wagen. Ob er Angst vor Kontrolleuren hat?

Doch nach der nächsten Haltestelle erhebt er sich plötzlich, zeigt ein Kärtchen vor und sagt, freundlich lächelnd und akzentfrei: »Guten Tag zusammen, Fahrscheinkontrolle, Ihre Fahrkarten bitte.« Voll integriert, der Flüchtling!

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/page/2/

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Integration kennt viele Wege. Das erlebt die Erzieherin Klara Kalinowsky in einem Lüneburger Kindergarten:

Wir bekamen einen neuen Jungen in unsere Gruppe, der nur Arabisch sprach und vor der Einschulung noch möglichst viel Deutsch lernen sollte. Wir freuten uns sehr, als sich eine Freundschaft zwischen ihm und einem anderen Jungen in der Gruppe entwickelte.
Dann nach einigen Wochen die große Überraschung: Die beiden unterhielten sich angeregt beim Spielen – aber auf Arabisch.
Hier hat ein Kind vom anderen gelernt - nur nicht ganz so, wie wir Erwachsenen uns das vorstellten.

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/page/10/

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Eigentlich will Peter Goebel in einem Berliner U-Bahn-Café nur schnell was kaufen. Aber dann erlebt er folgende Geschichte:

Eine südländisch aussehende junge Stadtstreicherin steht vor mir am Tresen und drückt sich an der Scheibe die Nase platt. Die Verkäuferin herrscht sie an: „Wat denn nu!“
Meine Nackenhaare stellten sich senkrecht. Ich frage die Stadtstreicherin, was sie möchte. Sie deutet stumm auf Kuchen und Kaffee. „Zahle ich“, sage ich. Die Stadtstreicherin zieht von dannen.
„Für mich eine Schokolade und ein Croissant.“ „Macht acht Euro“, kommt es barsch über den Tresen, „aber für Sie die Hälfte!“

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/page/4/

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Manchmal kann man mitten an einem grauen Tag leichte und leuchtende Augenblicke erleben. Wie zum Beispiel Felix Wolking aus Osnabrück:

Sonntagmittag. Ungemütliches Regenwetter. Mein Hunger treibt mich dennoch in die Stadt. An einer Fußgängerampel, die für ihre langen Rotzeiten bekannt ist, muss ich warten.
Da entdecke ich eine Seifenblasendose, die jemand mit Klebeband an der Ampel befestigte und dazugeschrieben hat: „…wenn es mal wieder länger dauert“.
Ich nutze die Zeit und verschönere für einen kurzen Augenblick das Grau.

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/page/5/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22482