Manuskripte

SWR3 Worte

Der Herbst weckt viele Gefühle. Rainer Maria Rilke verdichtet seine Erfahrungen mit dem Herbst so:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los
Und er verarmte mir in den Armen
Und wurde klein, und ich wurde groß:
Und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
Und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
Er lernte das Schweben,
ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

Herbst. Rainer Maria Rilke

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20862

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels erinnert Navid Kermani an die Verheißung, für die Europa in der Welt steht. Und nach der sich viele Menschen in der Welt sehnen:

Auch Europa hat sich nach den beiden Weltkriegen neu geschaffen.
Und vielleicht sollte ich angesichts der Leichtfertigkeit, der Geringschätzung und offenen Missachtung, die nicht nur unsere Politiker,
nein, die wir als Gesellschaft seit einigen Jahren dem europäischen Projekt der Einigung entgegenbringen, dem politisch Wertvollsten, was dieser Kontinent je hervorgebracht hat– vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen,

wie oft ich bei meinen Reisen auf Europa angesprochen werde:
als Modell, ja beinah schon als Utopie.
Wer vergessen hat, warum es Europa braucht, muss in die ausgemergelten, erschöpften, verängstigten Gesichter der Flüchtlinge blicken, die alles hinter sich gelassen, alles aufgegeben, ihr Leben riskiert haben für die Verheißung, die Europa immer noch ist.

http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/819312/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20861

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels erzählt Navid Kermani von einer Gemeinschaft, in der Christen und Muslime mit- und füreinander beten. Er fragt:

Gibt es Hoffnung? Es gibt bis zum letzten Atemzug Hoffnung, lehrt uns Pater Paolo,….
Am Tag nach der Entführung seines Schülers und Vertreters strömten die Muslime von Qaryatein ungefragt in die Kirche und beteten für ihren Pater Jacques.
Das muss auch uns Hoffnung geben, dass die Liebe über die Grenzen der Religionen, Ethnien und Kulturen hinaus wirkt.
Der Schock, den die Nachrichten und Bilder des „Islamischen Staats“ erzeugt haben, ist gewaltig, und er hat Gegenkräfte freigesetzt.
Endlich formiert sich auch innerhalb der islamischen Orthodoxie ein Widerstand gegen die Gewalt im Namen der Religion.
Und schon seit einigen Jahren sehen wir, …. in Asien, in Südafrika, in Iran, der Türkei und nicht zuletzt unter den Muslimen im Westen, wie sich ein neues religiöses Denken entwickelt.

http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/819312/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20860

Martin von Tour ist der erste Heilige, der wegen seiner Art zu leben, nicht wegen eines Märtyrertodes zum Heiligen erklärt wurde. Bekannt ist er dafür, dass er seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Sein Biograph notiert Martins Erklärung an den römischen Kaiser nicht mehr als Soldat kämpfen zu wollen:

„Bis heute habe ich dir gedient, Herr,
jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen.
Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten.
Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück. Wenn du meinst, ich sei ein Feigling, so will ich morgen ohne Waffen auf den Feind zugehen.“

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_von_Tours.htm

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20859

Was ist das Heilige? Der Journalist Matthias Dobrinsky meint:

Das Heilige ist einfach da – im Leben, so verletzt und unvollständig wie das Leben eben ist, gebrochen, widersprüchlich.
Es lässt das Heil ahnen im Unvollkommenen, die Heilung trotz der Wunde,
das heil Gebliebene im Trümmerfeld.
Die Musik des Paradieses kann man auch aus dem Misston des Alltags hören.
„There’s a crack in everything.
That’s how light gets in”
Schrieb der Musiker und Poet Leonard Cohen:
„Alles hat einen Riss
Doch nur durch diese Risse kann das Licht scheinen.“

Andere Zeiten. Magazin zum Kirchenjahr 2/2015

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Der Jude Fritz Rosenthal flüchtete 1935 vor den Nazis nach Palästina. Dort nannte er sich Shalom ben Chorin. Gegen die Hoffnungslosigkeit schrieb er 1942 in Jerusalem folgende Zeilen:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20857

Vor vielen Jahren musste das Volk Israe in der Fremde Heimat suchen. Ein Wunder dass dies vielen gelungen ist – dafür danken diese Worte aus Ps 85 neu übersetzt von Huub Osterhuis:

Du hast unser Leben zum Guten gewandt,
unsere Schande bedeckt,
unsere Schuld fortgetragen,
Du kehrtest dich um zu uns hin.
Ruf uns aufs Neue ins Leben…
Beuge uns einander zu,
wende unsere trägen Herzen,
dass wir ohne Misstrauen
jedermann zugewandt gehen,
offen und Frieden liebend.
Lass so die Welt werden:
Küsse aus Treu und Erbarmen,
Versöhnung aus Recht und Friede –
Friede eine Saat in der Erde,
Gerechtigkeit Sonne am Himmel.
In so einem Land willst du sein.

Psalmen. Huub Osterhuis

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20856