Manuskripte

SWR3 Worte

Der Journalist Frank Hofmann erzählt von seinem letzten Urlaubstag mit seiner Freundin: 

Noch einmal erkunden wir (…) das Hinterland der Insel. Wir folgen dem engen Schluchtbett eines ausgetrockneten Flusses. Kein Mensch, kein Baum, kein Geräusch. In der Stille eilen unsere Gedanken voraus: Wie wird es weitergehen, wenn uns der Alltag wieder gefangen hat? Plötzlich taucht eine Pforte in der roten Felswand auf. Eine kleine Wallfahrtskapelle (…). Kerzenlicht flackert im engen Gewölbe. Wir reiben uns die Augen. Hunderte von Opfergaben drängen sich um den Altar, ein wildes, buntes Sammelsurium aus Plüschtieren, Passfotos, (…) kleinen Zettelchen und Plastikblumen. Die Minihöhle entpuppt sich als weiter Raum von Wünschen, Träumen und Bitten. Wir fassen uns an den Händen, (…) legen unsere Freundschaftsbänder auf den Altar und entzünden eine Kerze. 

Ein Jahr später heiraten wir. Unser Trauspruch (…): Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

 

Quelle:

Andere Zeiten e.V. (Hg.): Zeit, Andere Zeiten e.V. Hamburg 2014, S. 79

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Heute ist nicht nur der Gedenktag für die Opfer der Terroranschläge von 2001, sondern auch der „Tag der Wohnungslosen“. Der Journalist Christian Feldmann schreibt über einen Mann, der beide Gedenktage miteinander in Verbindung bringt: 

Der New Yorker Feuerwehrseelsorger Mychal Judge hörte die Nachrichten und handelte sofort. Eine Stunde nach dem Terrorangriff auf die Zwillingstürme (…) war der Priester am Ort der Katastrophe, um den Löschkommandos beizustehen. Während er einem schwer verletzten Helfer die Krankensalbung spendete, wurde er selbst von herabstürzenden Trümmern erschlagen. 

Unbändig war seine Freude (gewesen), als er Feuerwehrseelsorger werden durfte: „Als Kind wollte ich Priester oder Feuerwehrmann werden. Nun bin ich beides (…)!“ Zu seiner Beerdigung kam neben Tausenden Feuerwehrleuten auch der ehemalige (…) Präsident Bill Clinton (…). Unter dem Namen „Mychal´s Message“ werden seine Hilfsprojekte vor allem für New Yorker Obdachlose weitergeführt.

 

Quelle:
Christian Feldmann: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder Verlag Freiburg 20015, S. 432.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20492

Aus dem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ von Tomas Halik: 

Der Ausdruck „Gott weiß warum“ (…) bewahrt mich vor vergeblicher (…) Herumgrübelei. So kann ich manche rätselhaft erscheinenden Dinge einfach von mir weisen (…). Denn es liegt ja nicht an mir, dass ich alles zu kennen hätte, (…) verstünde oder gar noch erklärte. So kann ich ruhig in Nachbarschaft zum Geheimnis leben, denn mein Leben mit all seinen Überraschungen (…) ist ja keineswegs sinnlos: Allerdings kenne ich diesen Sinn jetzt noch nicht und verstehe ihn auch nicht, doch „Gott weiß schon, warum“. Darauf vertraue ich, und das reicht mir.

 

Quelle:

Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters, Herder Verlag Freiburg 2012, S. 195

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20491

Der Religionspädagoge Hubertus Halbfas schreibt, was man mit Gott alles machen kann – und was nicht: 

Man kann Gott verantwortlich machen für Hunger und Elend.

Man kann Gott leugnen, weil er sich nicht sehen lässt und Unglück nicht verhindert.

Man kann Gott mieten zu besonderen Anlässen: Er dient der Feierlichkeit und fördert den Umsatz.

Man kann Gott nur für sich haben wollen und anderen – besonders Andersdenkenden – Gott absprechen.

(…)

Man kann im Namen Gottes Kriege führen, Menschen verdammen und töten und sagen, das sei Gottes Wille.

(…)

Das alles aber ist gott-los. Man kann mit Gott nichts „machen“, weder ihn gebrauchen noch ausnutzen, denn Gott ist Liebe, und daran hat nur Anteil, wer diese Liebe in sich selbst groß werden lässt. 

Ein Zitat von Hubertus Halbfas.

 

Quelle:

Hubertus Halbfas: Der Sprung in den Brunnen, Patmos Verlag Düsseldorf 1996, S. 70f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20490

Jeden Dienstag besucht Mitch seinen alten Professor Morrie. Dieser ist schwer krank und weiß, dass er bald sterben muss. Mitch lernt bei jedem Besuch etwas fürs Leben und hat es in einem Buch aufgeschrieben. Es heißt „Dienstags bei Morrie“, und Mitch erzählt darin:

 Morrie kehrte deprimiert von einer Beerdigung zurück. „Was für eine Verschwendung“, sagte er. „All diese Leute, die all diese wunderbaren Dinge sagen, und (der Verstorbene) hat nichts davon hören können.“ 

Morrie hatte eine bessere Idee. Er rief ein paar Leute an und setzte einen Termin fest. So fand sich an einem kalten Sonntagvormittag (…) eine kleine Gruppe von Freunden und Familienmitgliedern ein, um eine „lebendige Beerdigung“ zu feiern. Jeder von ihnen hielt eine kleine Rede, sprach ein paar Worte der Anerkennung. Einige weinten. Einige lachten. (…) Morrie weinte und lachte mit ihnen. Und all jene tiefen Gefühle, die wir denen gegenüber, die wir lieben, niemals äußern, brachte Morrie an  jenem Tag zum Ausdruck. Seine „lebendige Beerdigung“ war ein gewaltiger Erfolg.

 

Quelle:

Mitch Albom: Dienstags bei Morrie, Goldmann Verlag München 2002, S. 23f.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20489

Hape Kerkeling über eine seiner Erfahrungen auf dem Jakobsweg:

Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen. Es ist wie in dem (…) Spiel, das Eltern mit ihren Kindern spielen. Und die Botschaft Jesu lautet: Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein. 

Und wenn ich es Revue passieren lasse, hat Gott mich auf dem (Jakobs)weg andauernd in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet.

 

Quelle:
Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg, Piper Verlag München 2006, S. 345

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20488

Charles Péguy war ein französischer Schriftsteller. Er ist vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg gefallen. In einem seiner Bücher hat er über das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen geschrieben. Er schreibt: 

Gott spricht: „Ich spiele oft gegen den Menschen, doch er ist´s, der verlieren will, der Dummkopf; ich aber will, dass er gewinnt.

 

Quelle:
Charles Péguy: Das Mysterium der Unschuldigen Kinder, Verlag Herolt, Wien / München 1958, Seitenzahl unbekannt.

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