Manuskripte

SWR3 Worte

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.
Die Menschheit geht auf Reisen
oder wandert sehr oder wandelt nur.
Und die Bauern vermieten die Natur
zu sehenswerten Preisen.

Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum Verlorenen Paradiese.

Der Mensch treibt Berg- und Wassersport
und hält nicht viel von Rätseln.
Er hält die Welt für ein Bilderbuch
mit Ansichtskartenserien.
Die Landschaft belächelt den lauten Besuch.
Sie weiß Bescheid.
Sie weiß, die Zeit überdauert sogar die Ferien.

Erich Kästner
http://www.erich-kaestner-kinderdorf.de/Gedichte/Juli.htm

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20196

Mit seinem riesigen Kopf auf riesigem Körper soll er alle erschreckt haben, die ihm begegneten– der heilige Christophorus.

Aber der Hüne Reprobus – wie er ursprünglich geheißen haben soll –
hatte ein gutes Herz  und wollte seine Größe und Kraft in den Dienst eines noch Größeren, Mächtigeren stellen.
Ein Einsiedler führte ihm vor Augen, dass dies nur Gott sein könne.

Fortan stellte sich Reprobus in einen menschenfreundlichen Dienst:
An einer tiefen Furt trug der bärtige Riese Reisende durch den reißenden Fluss.
Als er eines Tages einen Knaben auf die Schulter nahm,
so wird erzählt, trug sich das Kind anfangs sehr leicht.
Doch je weiter sie kamen, desto schwerer schien es zu werden.
In der Mitte des Stromes stöhnte Reprobus schließlich:
„Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen!“
Der Knabe antwortete:
„Wie du sagst, so ist es, denn ich bin Jesus, der Heiland.
Und wie du weißt, trägt der Heiland die Last der ganzen Welt.”
Am anderen Ufer angelangt, sagte das Kind zu ihm:
„Du hast den Christ getragen, von jetzt an darfst du Christophorus heißen.”

http://anderezeiten.de/glaubensinfo-himmelfahrt

 

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Ein Zimmermann und sein Lehrling gingen miteinander durch einen großen Wald. Als sie auf einen großen, knorrigen, alten, wunderschönen Eichbaum stießen, fragte der Zimmermann seinen Lehrling:
„Weißt du weshalb dieser Baum so groß, so knorrig, so alt und so wunderschön ist?“
Der Lehrling schaute seinen Meister an und sagte: „Nein… warum?“

„Deshalb“ sagte der Zimmermann, „weil er nutzlos ist.
Wäre er brauchbar gewesen, dann wäre er schon längst gefällt und zu Tischen und Stühlen verarbeitet worden.
Aber weil er unbrauchbar ist, konnte er so groß und wunderschön werden,
dass man sich nun in seinen Schatten setzen und sich unter ihm erholen kann.“

Henri J. M. Nouwen
Schenk dir Zeit. Texte – Bilder – Lieder für Schule, Familie und Gemeinde, RPI 1988

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Irgendwann hat mir mal jemand gesagt, mein Glaube an Jesus
wecke in ihm den Verdacht, dass ich intellektuell gesehen nachts
am Daumen lutsche.
Aber so gerne ich es manchmal auch täte,
ich kann nun einmal nicht so tun,
als hätte ich nicht die befreiende … Liebe
…Gottes … erlebt.
…..
Diese Sache ist für mich real.
Manchmal erfahre ich Gott,
wenn jemand mir die Wahrheit sagt,
manchmal in Momenten, in denen ich Irrtümer einsehe,
manchmal durch die Liebe zu jemandem,
den ich gar nicht liebenswert finde,
manchmal durch eine Versöhnung,
die sich anfühlt, als ob sie von irgendwo außerhalb von mir selbst kommt.

Aber fast immer nimmt meine Begegnung mit Gott
die Gestalt einer Art Tod und Auferstehung an.

Nadia Bolz Weber, lutherische Pfarrerin in Denver und Leiterin des House for all Sinners and Saints
Nadia Bolz Weber, „Ich finde Gott in den Dingen die mich wütend machen“. Pastorin der Ausgestoßenen, Brendow Verlag 2015

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Ein Vergissmeinnicht
Für die Vergessenen
Eine Goldrute
Für die Wegsucher
Ein Zweig Silberweide
Für die Traurigen
Eine Sonnenblume
Für die Lichtsucher
Eine Pusteblume
Für die Sicheren
Eine Glockenblume
Für die Ertaubten
Ein Jasmin für die Erblindeten
eine Schlüsselblume
für die Mutlosen
ein Glücksklee
für die Kinder der Welt
ein Jelängerjelieber für dich

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Ein Atheist bat Gott einmal darum, die Zukunft der Religionen sehen zu dürfen.
Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit.
Elia führte den Atheisten zuerst in einen großen Raum,
in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht stand.
Rundum saßen ein Pfarrer, ein Rabbiner und ein Imam mit langen Löffeln und schöpften alles aus einem Topf.
Der Atheist fragte sie, ob sie wohl die Weisheit mit Löffeln gegessen hätten.
Die drei schwiegen weise
und keiner wollte vor den anderen zeigen, dass er hungrig war.
Darauf führte Elia den Atheisten in einen zweiten Raum,
der genauso aussah wie der erste.
In der Mitte brannte ein Feuer und ein köstliches essen kochte.
Eine Pfarrerin, eine Rabbinerin und eine Imamin
saßen darum herum mit langen Löffeln.

Der Atheist fragte sie, ob sie wohl die Weisheit mit Löffeln gegessen hatten.
„Noch nicht!“ lachten sie und streckten ihm,
dem Atheisten einen gefüllten Löffel entgegen
„Guten Appetit und gute Mahlzeit!“

Evangelische Studierendengemeinde Stuttgart

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Zu dir hin flüchte ich.
Meine Seele ist am Ersticken –
Ausgetrocknet sind meine Augen, meine Gebeine gebrochen.
ich bin ein verlorener Weg.

Es wird über mich gemunkelt,
ein jeder schaut von mir weg.
Aber ich sage in meinem Herzen:
„Er allein, mein Gott, was ich noch zu leben habe, liegt in seiner Hand.“

Lass leuchten über mir dein Angesicht, Freund Gott.
Noch so viel Leben hast du in mir angelegt.
In deinem Angesicht bin ich geborgen.
Deine Augen eine Laubhütte, in der ich mich erhole
Von allen streitenden Zungen.
So verwirrt war ich, dass ich dachte,
ich bin abgeschnitten von seinen Augen.
Doch du hast mich gesehen und gesehen.
Sei stark sagst du, wanke nicht.
Ich warte auf dich, sag ich –
Nein ich warte nicht länger: Zu dir hin flüchte ich.

Aus einem Psalm übertragen von dem niederländischen Theologen Huub Osterhuis

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