Manuskripte

SWR3 Worte

Meine Mutter sagt:
Du bist zu klein.

Der Lehrer meint:
Du bist schwer von Begriff.

Der Pfarrer schimpft:
Du bist verdorben

Meine Kameraden lachen:
Du hast verloren

Der Berufsberater weiß:
Du bist nicht geeignet.

Der Meister bestimmt:
Der andere ist besser.

Der Leutnant brüllt:
Du hast keine Haltung

Gott sagt:
Du bist mir ähnlich
Gott sei Dank!

Urs Boller, Schweizer reformierter Pfarrer
Spuren auf der Suche nach Gott, VKP Verband katholischer Pfadfinder, Zürich 1987

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19682

Die Pusteblume in meiner Hand
zeigt mir deinen Reichtum, mein Gott.
Unzählige Fallschirme bilden einen Samen-Ball.
Mein Atem schickt sie auf die Reise.
Überall wächst, blüht und samt es.
Gott, du musst ein Liebhaber des Lebens sein.
Du hast uns in keine graue Welt gesetzt.
Meine Seele freut sich an deinen Farben:
gelbe Rapsfelder und saftig grüne Bäume
unter blauem Himmel mit weißen Wolken.
Mein Gott, du bist wunderbar gut,
und das Leben ist schön.
Du schenkst uns eine Ahnung vom Paradies.
Kein Wunder, dass nun die Liebe
aufblüht.
Mann und Frau fassen Vertrauen
zueinander.
Du Liebender vertraust uns die Liebe an.

http://www.kirche-morsum.de/index.php/archiv/99-mai-psalm

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19681

Ich werde manchmal gefragt,
warum ich denn "immer noch" für Gerechtigkeit,
Friede und die gute Schöpfung eintrete.
"Immer noch?" frage ich zurück,
wir fangen doch gerade erst an,
aus der Verbundenheit mit dem Leben heraus,
zu kämpfen, zu lachen, zu weinen.
Wir können uns doch nicht auf das geistige Niveau
des Kapitalismus zurückschrauben
und ständig "Sinn" mit "Erfolg" verwechseln.

Das ist eine lebensgefährliche Verwechslung,
wenn wir das Leben zurückrechtstutzen
auf das Machbare und das,
was sich konsumieren lässt.
Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen!
Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln
und die Verbundenheit mit allem, was lebt,
die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben
und nicht später, sondern jetzt und hier.
Bei uns, in uns.

Die Theologin Dorothee Sölle
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/003223.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19680

Nein, es ist nicht leicht Kind zu sein! Es ist schwer, ungeheuer schwer.
Was bedeutet es eigentlich Kind, zu sein?
Es bedeutet, dass man zu Bett gehen, aufstehen, sich anziehen,
essen, Zähne putzen und die Nase putzen muss,
wann es den Großen passt,
nicht wenn man selbst es möchte.
Es bedeutet, dass man Knäckebrot essen muss,
wenn man viel lieber eine Scheibe vom frischen Brot hätte,
und dass man ohne mit der Wimper zu zucken
in den Milchladen rennen muss…
obwohl man sich's gerade mit einem dicken Buch gemütlich gemacht hat.
Es bedeutet ferner,
dass man ohne zu klagen
die persönlichsten Bemerkungen
jedes x-beliebigen Erwachsenen
über sein Aussehen,
den Gesundheitszustand,
die Kleidung die man trägt
und die Zukunftsaussichten anhören muss.
Ich habe mich oft gefragt,
was passieren würde
wenn man anfinge, die Großen in dieser Art zu behandeln.

Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren
http://efraimstochter.de/181-Astrid-Lindgren-Die-gute-Frau-von-Bullerbue.htm#content

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19679

Dass einer mich findet,
wenn ich selbst mich verliere,
dass einer meinen Namen
bei sich bewahrt.

Dass einer noch weiß
Wer ich bin
Und neu erzählt,
was ich längst vergaß.

Dass einer mich birgt
Im Haus einer Liebe,
die weiter reicht als das
was ich ahne von mir.

Tina Wilms
Fasten-Kalender, EKD Aktion 7 Wochen ohne 2015

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19678

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
(Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
- Dass Amseln flöten und dass Immen summen
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen und dass Fische schweigen)

Ich freu mich dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht…
Da steckt ein Sinn dahinter,
wenn auch die neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freu mich vor allem dass ich bin…

An solchem Tag erklettert man die Leiter
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben
Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben
Ich freu mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, dass ich… dass ich mich freu.

Die Dichterin Mascha Kaléko
Mascha Kaleko, In meinen Träumen läutet es Sturm, dtv München

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19677

Bläser blasen dir zur Ehre,
Geigen streichen deinen Namen. Du hast etwas vollbracht:
Diese Erde, Menschen.

Mauern von Wasser,
Durchzug auf trockenen Füßen
Sklaven befreit:
Großtaten

Deine Augen streifen über die Welt,
was sehen deine Augen?

Ich wankte, du hieltest mich fest.
Aufrecht stehen, leben, sagst du,
du kannst das.
Und dann begann es erst gut,
das Leben: Wasser und Feuer,
Räder rollten über meinen Kopf hinweg,
ich lag dort mit Beulen, doch kam zu mir.

Hab Dank, sagte ich, leise, demütig – und dann
mit sich überschlagender Stimme:
Dank, Dank, du meine Gnade, dass du mich gekannt und
Nicht zurückgewiesen hast
Hinab in den Abgrund.
Gesegnet du.

übersetzt von dem Niederländer Theologen Huub Osterhuis
Psalmen. Huub Osterhuis, Herder Verlag 2014

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19676