Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Gebet aus Südafrika:

Lass mich langsamer gehen, Gott.

Entlaste das eilige Schlagen meines Herzens

durch das Stillwerden meiner Seele.

(…)

Gib mir inmitten der Verwirrung des Tages

die Ruhe der ewigen Berge.

Löse die Anspannung meiner Nerven (…)

durch die sanfte Musik der singenden Wasser (…).

Lass mich die Zauberkraft des Schlafes erkennen, die mich erneuert.

Lehre mich die Kunst des freien Augenblicks.

 

Lass mich langsamer gehen,

um eine Blume zu sehen,

ein paar Worte mit einem Freund zu wechseln,

einen Hund zu streicheln,

ein paar Zeilen in einem Buch zu lesen.

 

Lass mich langsamer gehen, Gott

und gib mir den Wunsch,

meine Wurzeln tief in den ewigen Grund zu senken,

damit ich emporwachse zu meiner wahren Bestimmung.

 

Quelle:  International Kath. Hilfswerk missio (Hg.): Blick doch her, erhöre mich, Herr, mein Gott, Aachen 2014, S. 6

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Das Flugzeugunglück in den französischen Seealpen macht viele Menschen traurig, fassungslos, wütend. Nach dem ersten Schock setzt das Nachdenken ein. Vielleicht auch die Frage, wo Gott in dieser Situation geblieben ist. Ich bin sprachlos und finde Zuflucht in einem alten Text. Der Dichter des sechsten Psalms im Alten Testament beklagt sich laut bei Gott – und gleichzeitig vertraut er ihm ganz tief. Er schreibt:

Herr, (…) meine Seele ist tief verstört. Du aber, Herr, wie lange säumst du noch? (…) Herr, wende dich mir zu und errette mich, in deiner Huld bring mir Hilfe! (…) Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen. (…) Weicht zurück von mir, all ihr Frevler; denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört.  Gehört hat der Herr mein Flehen, der Herr nimmt mein Beten an. (…)

Aus dem sechsten Psalm  im Alten Testament.

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Im Buch „Der alte König in seinem Exil“ beschreibt der Schriftsteller Arno Geiger seinen Vater, der an Demenz leidet. Den Vater zieht es  immer wieder zurück in sein Elternhaus. Arno Geiger fragt sich, was es mit dieser starken Sehnsucht nach dem alten Zuhause auf sich hat. Er schreibt:

Erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält. Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort (…) nannte der Vater „Zuhause“, der Gläubige nennt ihn „Himmelreich“.

 Quelle: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, dtv-Verlag München 2012, S. 56.

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Der Pater und Schriftsteller Anselm Grün macht sich Gedanken zum Aussäen und Ernten :

Die ersten Feste, die Menschen gefeiert haben, waren Aussaat- oder Erntefeste. Aussaat und Ernte prägten das Bewusstsein der frühen Menschen. Davon hing ihr Wohlergehen ab. Beides waren auch Bilder für ihr eigenes Leben. (…) Es braucht die Anstrengung des Menschen, damit er ernten kann. Das ist ein Bild für seine Entwicklung. Ohne Anstrengung wird der Mensch nicht Mensch. Und wer nur daheim bleibt, ohne auszusäen, der wird auch in seiner persönlichen Entfaltung keine reiche Ernte einbringen. Aussäen bedeutet, sein Herz an etwas hängen, sich mit ganzem Herzen für etwas engagieren. Dann bekommen wir auch etwas zurück. Dann werden wir auch reichlich ernten.

 

Ein Zitat von Anselm Grün.

Quelle: Anselm Grün: Die Heilkraft der Natur, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach 2010, S. 70

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Ein Gedicht des Schriftstellers und Dichters Lindolfo Weingärtner:

Die Macht des Faktischen

Eine stachelige Raupe sprach zu sich selbst:

Was man ist, das ist man.

Man muss sich annehmen, wie man ist,

mit Haut und Haaren.

Was zählt, ist das Faktische.

Alles andere sind Träume.

Meine Lebenserfahrung lässt keinen anderen Schluss zu:

Niemand kann aus seiner Haut.

 

Als die Raupe das gesagt hatte,

flog neben ihr ein Schmetterling auf.

Es war, als ob Gott gelächelt hätte.

 

Quelle:

Lindolfo Weingärtner: Die Macht des Faktischen, aus: Einer soll heute dein Nächster sein, Schriftenmissions-Verlag, Neukirchen – Vluyn 1986.

 

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Die Fastenzeit inspiriert manche Menschen dazu, anders zu leben als bisher, etwas Neues auszuprobieren. Dazu ein Text der Autorin und Bloggerin Susanne Niemeyer:

Mach etwas anders als sonst. Iss Orangenmarmelade. Schreib mit links. Denk – aus Neugier – das Gegenteil. Fahr rückwärts Bus. Betrachte die Welt aus der Perspektive einer Fünfjährigen. Wechsel den Sender. Bestell ein neues Getränk. Sei unerwartbar. Versetz Dich in den Sandkastenmodus. Nimm aufgeschürfte Knie in Kauf. Schreib ein Sonett. Male Enten. Widersteh der Versuchung, das Ergebnis genial zu finden. Sei blutiger Anfänger. Steig aus den Bildern der anderen aus. Liebe jeden Tag. Erkläre den Irrtum zum festen Bestandteil des Seins. Überrasche dich selbst.

 

Quelle:
Andere Zeiten e.V. (Hg.): wandeln, Hamburg 2015, S. 20

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Heute wird in vielen Gottesdiensten für die Bewohner der Philippinen gebetet und gesammelt. Der Taifun Haiyan hat dort im November 2013 vieles verwüstet und zerstört. Den Opfern ist das Lied „One blood, one heart“ gewidmet worden und hat ihnen Mut gemacht. Übersetzt heißt der Liedtext so:

 

Tränen, die aus unseren Augen fließen, sind kleine Reiskörner;

die Füße, die sie hierher bringen, ein ernstes Gebet.

Und das Gewicht, das wir mit unseren Händen halten,

trägt die Last von Tausenden (…),

denn tief in unseren Adern fließt unaufhörlich

ein Blut, ein Herz.

 

So werden wir den Kummer, den wir schultern müssen, gemeinsam überwinden (…).

Wir sind Freunde und stehen in schwierigen Zeiten fest beieinander

und stützen uns gegenseitig und lassen nicht los

bis die Dörfer und Städte wieder auferstehen

und Lieder der Hoffnung in den Straßen erklingen.

(…)

Voneinander untrennbar

gehalten – für immer und ewig.

Ein Blut, eine Welt.

 

Aus dem Song „One blood, one heart” von Gary Granada.

 

Quelle:
Bischöfliches Hilfswerk Misereor (Hg.): Liturgische Bausteine zur Fastenaktion 2015, Aachen 2015, S. 36.

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