Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Gast der Mannheimer Vesperkirche, Daoud aus dem Irak. Todtraurig. Seit sieben Jahren versucht er, seine Familie nach Deutschland nachzuholen:
seine Frau, zwei Töchter, vier Söhne. Die jüngste Tochter kennt er nur von Fotos, das letzte ist schon alt… Immer wieder kommen ihm die Tränen im Gespräch. Aber dann sagt er:

„Ihr seid besser als saure Gurken.“
Ihr seid besser als saure Gurken, wiederholt er.
„Ich habe gelernt, sauer macht lustig und ihr seid besser als saure Gurken.

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Der Bürgermeister von Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, ist Muslim, stammt aus Marokko und hat zwei Pässe.
Am Abend des 7. Januar, nach den Anschlägen von Paris, erklärte er in einer niederländischen  Nachrichtensendung:

„Die Geschehnisse haben mich tief in der Seele getroffen…
Hier sitzt nicht nur der Bürgermeister von Rotterdam, sondern auch ein wütender Muslim.“
Dann wandte sich Aboutaleb direkt an Extremisten in Europa.
"Wenn ihr die Freiheit nicht wollt, packt um Himmels willen eure Koffer und geht!
Vielleicht gibt es einen Ort, an dem ihr ihr selbst sein könnt.
Seid dann auch ehrlich zu euch selbst und bringt keine unschuldigen Journalisten um.
Das ist so rückständig, das ist unbegreiflich.
Verschwindet, wenn ihr in den Niederlanden mit der Art,
wie wir unsere Gesellschaft leben wollen, euren Platz nicht finden könnt .
Wenn es euch hier nicht gefällt, wenn euch Karikaturisten nicht passen,
die eine Zeitung machen, dann lasst es mich so sagen: Haut doch ab!"

DIE WELT online, 14.1.201

 

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Rafik Schami, Schrifsteller aus Syrien bei einer Lesung in Mannheim über das Bilderverbot des Korans:

Im Koran steht EINmal, dass Gott es nicht gut findet,
wenn seine vollkommenen Werke unvollkommen wiedergegeben werden.
Es steht da tausendmal
Dass die Dichter lügen – und was sind die Muslime?
Lauter Dichter und Erzähler, erfinden Geschichten und fabulieren.
Dabei steht da im Koran, dass das Gott nicht gefällt.
Es ist nicht Gott, der den Muslimen die Bilder verbietet.
Es ist die Wüste!
Du läufst 60 km: Gelber Sand
Du läufst weiter 50 km: Hellgelber Sand
Weiter 30 km: grauer Sand
Was willst du malen?
Wenn das Auge nichts zu tun hat
Dann fängt der Dichter an sich Dinge auszudenken
Und erzählt sie abends am Feuer.
Schon lange vor 1001 einer Nacht gab es so viele Geschichten.
Wenn einer in der Schweiz in einer Schlucht steht,
dann sind die Augen weit vor Staunen
und der Mund ist zu.
Aber in der Wüste,
da quillt der Mund über vor Dichtungen und Erfindungen,
aber Bilder malen in der Wüste, wozu?

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Was darf Satire? Fragt der Schriftsteller Kurt Tucholski. Seine Antwort:

Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht.
Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird,
und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort:
Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.
Wir sollten nicht so kleinlich sein.
Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren
und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte …
wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen.
Und wir müssen nicht immer gleich aufbegehren…
wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt.
Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.
Das ist kein rechter Mann und kein rechter Stand,
der nicht einen ordentlichen Puff vertragen kann.
Er mag sich mit denselben Mitteln dagegen wehren, …
aber er wende nicht verletzt, empört, gekränkt das Haupt.
Es wehte bei uns im öffentlichen Leben ein reinerer Wind,
wenn nicht alle übel nähmen.
Was darf die Satire?
Alles.

Kurt Tucholsky:Gesammelte Werke in 10 Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1975. Band 2: 1919–1920. S. 42–44

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Daoud ist ein Gast der Mannheimer Vesperkirche, er kommt aus dem Irak.
Als er sieht, was wir machen - Essen verteilen an Arme, erzählt er uns eine Geschichte:

Eines Tages sollte Vater Ibrahim auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.
Da flog ein kleiner Vogel vorbei, der dachte sich:
Es ist nicht recht, dass Vater Ibrahim verbrannt werden soll.
Ich will versuchen, ihn zu retten.
Also flog der Vogel los bis zur Quelle in der Wüste.
Dort nahm er den ganzen Schnabel voll Wasser,
tauchte auch seine Flügel ins Wasser,
damit er sie würde ausschütteln können über Vater Ibrahim.
Dann machte er sich auf den Rückweg.
Unterwegs kam ein Engel Gottes an seine Seite und sprach: Was tust du?
Mit dem bisschen Wasser in deinem winzigen Schnabel
und in deinen Flügeln wirst du Vater Ibrahim nicht retten können!
Aber der Vogel antwortete:
Ich habe nur meinen Schnabel und meine Flügel und ich tu was ich kann.
So biete andere auf, die dasselbe tun,
dann werden wir Vater Ibrahim retten. Und flog weiter.
Das, sagt Daoud, ist, was ihr hier tut. Ihr seid wie der Vogel und tut was ihr könnt.

 

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In die Mannheimer Vesperkirche kommen jeden Tag bis zu 600 Gäste zum Essen.
Es sind Arme, arbeitslos, obdachlos.
Kalte Wohnungen, Kalte Seelen,
oft verwirrt, verzweifelt, ohne Hoffnung und einsam.
Aber eine erzählt:

„Ich war auf der ARGE,
ein Jahr hat es gedauert
das meine persönliche Ansprechpartnerin
krank war, nichts hat geklappt die ganze Zeit.
Aber jetzt ist sie wieder da.
Und hat sich gekümmert und jetzt bekomme ich endlich
Das Nötigste: die Wohnung.
Und dann hat mich schon wieder so ein Sicherheitsmann angemacht
Dem hab ich es aber gesagt. Ich habe gesagt:
‚Hören Sie mal: Auch wenn sie es nicht glauben,
wir haben nicht nur Pflichten
wir haben auch Rechte.
Wir haben Rechte, auch wenn wir arm sind!‘

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Die Vesperkirche in Mannheim. Vier Wochen lang haben hier Arme gegessen.
Jeden Tag bis zu 600 Rentnerinnen und Junkies,
Arbeitslose und Hoffnungslose,
Obdachlose und Verwirrte.
Mehr als 50 Ehrenamtliche haben sie bedient und versucht,
ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen.
Eine steht an der Tür, will gehen und wendet sich noch einmal zurück,
sieht mich,
hält mich am Ärmel und sagt:
„Sagen Sie das den Leuten;
Ich habe heute hier warm gegessen, das war so schön.
Und alle waren so freundlich
Und nichts davon ist in meinem Leben sonst selbstverständlich.
Es ist nicht selbstverständlich. Sagen Sie Ihren Leuten Danke dafür“

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