Manuskripte

SWR3 Worte

Eine Nachweihnachtsgeschichte des Theologen und Autors Dietrich Mendt:

Als ich letztes Jahr die (…) Krippe und die 32 Weihnachtsengel wieder einpackte, behielt ich den letzten in der Hand.

„Du bleibst“, sagte ich. „Du kommst auf meinen Schreibtisch. Ich brauche ein bisschen Weihnachtsfreude für das ganze Jahr.“

„Da hast du aber Glück gehabt“, sagte er.

„Wieso?“, fragte ich ihn.

„Na, ich bin der einzige Engel, der reden kann. (…) Übrigens heiße ich Heinrich.“

Seitdem steht Heinrich auf meinem Schreibtisch. In seinen Händen trägt er einen goldenen Papierkorb, oder vielmehr: einen Müllkorb. Ich dachte zuerst, es sei ein Kerzenhalter, aber da hatte ich mich geirrt.

Wenn ich mich über irgendetwas ärgere, hält er mir seinen Müllkorb hin und sagt: „Wirf rein!“

Ich werfe meinen ganzen Ärger hinein – und weg ist er!

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Der Kabarettist und Schriftsteller Hanns Dieter Hüsch hat sich die Frage gestellt, warum er manchmal nur so vergnügt ist. Hier seine Antwort in Gedichtform:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit

Gott nahm in seine Hände meine Zeit

Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,

mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.

 

Was macht, dass ich so fröhlich bin

in meinem kleinen Reich?

Ich sing und tanze her und hin

vom Kindbett bis zur Leich.

 

Was macht, dass ich so furchtlos bin

an vielen dunkeln Tagen?

Es kommt ein Geist in meinen Sinn

will mich durchs Leben tragen.

 

Was macht, dass ich  so unbeschwert

und mich kein Trübsinn hält?

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

wohlüber alle Welt.

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Der syrisch-deutschen Autor Rafik Schami hat einen Text über Horoskope geschrieben:

„Typisch Krebs“, sagt H. Er glaubt noch genau zu wissen, dass ich Ende Juni geboren sei. Wir haben zusammen studiert. Heute ist er ein erfolgreicher Astrologe. Nach 15 Jahren sehen wir uns das erste Mal wieder. Er will mir sofort ein exaktes Horoskop erstellen. Als ich ablehne, führt er das auf die für Krebse angeblich typische Schüchternheit zurück. (…) Typisch für den Krebs sei (auch) seine Neigung zur Kunst. (…)

Als er geht, rufe ich meine Mutter in Damaskus an und frage sie, wann ich geboren wurde, denn ich misstraue meinem Ausweis. „Anfang bis Mitte April“, antwortet sie. „Die Aprikosen standen in voller Blüte. Wir mussten uns aber wegen der Kämpfe in der Hauptstadt in den Bergen verstecken. Deshalb konnten wir dich erst danach in der Hauptstadt registrieren lassen, das war dann Ende Juni.“ Und ich freue mich hämisch auf die nächste Begegnung mit H.

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Ein Silvester-Text der Autorin und Bloggerin Susanne Niemeyer:

Wir sitzen uns gegenüber, vor jedem ein leeres Blatt Papier. Wir wollen unsere Wünsche aufschreiben. Weil wir von einem schönen spanischen Brauch gehört haben: Silvester isst man um Mitternacht zu jedem Glockenschlag eine Traube und darf sich dazu etwas wünschen. Zwölf Mal. (…)

Der Anfang ist gar nicht so leicht: Was soll man sich wünschen? Frieden vielleicht, und dass die Sonne immer scheint? Einen Sack voll Geld? Gesundheit? Zögernd beginne ich. (…)

Es ist aufregend, als wir schließlich abwechselnd anfangen zu lesen: Ich wünsche mir ein paar Sommernächte am Meer. Eine Traube.  Endlich einen guten Job. Eine Traube. (…) Anfangen, Klavier zu lernen. (…) In der Gegenwart leben …

Das Spiel wird zum Ritual: Lesen und eine Traube essen. Einen Wunsch verinnerlichen. (…) Heiter ist das und ernst zugleich. Ein Satz (…) kommt mir in den Sinn: „Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind. Wirklich arm ist nur

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Ausnahmsweise am Morgen ein Abendgebet – von der Schriftstellerin Luise Rinser:

Nun ist es Abend, bleib du am Tor sitzen in der Nacht,

überwache den Schlaf der Kinder, der weißen, schwarzen, gelben,

das leicht zugängliche Herz der jungen Mädchen,

schenk Liebenden schöne Umarmungen und den Kranken selige Träume,

den Sterbenden gib Einsicht in dein Geheimnis,

den Mördern lass die Opfer entschlüpfen,

den Dieben gib kleine Beute, doch nicht bei den Armen,

den Huren sei gnädig, die Einsamen besuche du,

(…)

und lass mich ein klein wenig wachsen über Nacht,

so wie Kinder unversehens wachsen im Schlaf oder während des Krankseins,

und werde du deiner Welt nicht müde,

gib uns ein Beispiel der Treue, damit wir den Mut behalten, dir treu zu sein,

dir und unsern Gefährten und allen Menschen,

bis zum nächsten Morgen, dann sehen wir weiter.

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Weil der Jahresanfang in verschiedenen Gegenden früher unterschiedlich festgelegt war, nannte man den Zeitraum vom 25. Dezember bis zum 6. Januar „Zwischen den Jahren“. In diesen zwölf Tagen geschah das Wichtigste und Wunderbare schon immer nachts. Der Volksglaube spricht von „Raunächten“, in denen angeblich haarige Dämonen ihr Unwesen trieben (und) die Toten umgingen. (…) Mit Amuletten (…) und Beschwörungen schützte man Haus und Hof (…). Frauen und Kinder durften in den Raunächten nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. (…)

Die Christen brachten Licht in diese dunkeln Nächte, sie setzten den Gespenstern (…) die Botschaft des gütigen Gottes in Gestalt eines kleinen Kindes entgegen. Sie heiligten die zwölf Nächte (…) und widmeten sie einem inneren Weg. Die Arbeit sollte auf das Lebensnotwendige beschränkt bleiben. Auch heute nutzen viele diese heilige, heilsame Spanne, um sich Vergebung für das Alte und Segen für das Neue schenken zu lassen.

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Die Sterne leuchteten, (…) die Milchstraße ergoss sich vom einen Ende des Himmels zum anderen, ein grüner Stern leuchtete wie ein Smaragd über uns.

 „Glaubst du“, sagte Sorbas, „dass Gott Mensch wurde und in einem Stall zur Welt kam?“

 „Darauf kann man schwer etwas antworten, Sorbas. Ich glaube es und glaube es nicht. Und du?“

„Was soll ich dir sagen! (…) Als ich noch ein kleiner Bengel war und meine Großmutter mir Märchen erzählte, hielt ich es für Unsinn. Und doch zitterte ich und lachte und weinte, als ob ich es glaubte. Als mir dann der Bart wuchs, warf ich alle diese Märchen zum alten Eisen und machte mich sogar lustig darüber. Aber jetzt, auf meine alten Tage, bin ich wie ein Kind geworden und glaube wieder daran… Was für ein komisches Geschöpf ist doch der Mensch!“

 Aus dem Roman „Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis.

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