Manuskripte

SWR3 Worte

Das Gedicht „Der Frieden fängt beim Frühstück an“ vom Kabarettisten und Schriftsteller Hanns Dieter Hüsch:

 Der Frieden fängt beim Frühstück an

Breitet seine Flügel

Fliegt dann durch die Straßen

Setzt sich auf die Dächer dann

Großer Sehnsuchtsvogel

Breitet seine Flügel aus

Daß Friede sei in jedem Haus

Opa wiegt das Enkelkind

Auf den alten Knien

Zeigt dem Kind den Vogelflug

Wie der Knecht den Herrn ertrug

Und der Vogel fliegt sich wund

Von Bucht zu Bucht von Sund zu Sund

Trägt sein Zeichen vor sich her

Von Land zu Land von Meer zu Meer

Daß der Mensch sein Leid erkennt

Von Kontinent zu Kontinent

Bis die Taube nicht mehr kann: -

Frieden fängt beim Frühstück an

 

Ein Gedicht von Hanns Dieter Hüsch

 Quelle: Hanns Dieter Hüsch: Das Schwere leicht gesagt, Herder Verlag Freiburg, 2007, S. 21

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Ein Morgen-Segen der Theologin Antje Sabine Naegeli:

Möge dann und wann

deine Seele aufleuchten

im Festkleid der Freude.

 Möge dann und wann

deine Last leicht werden

und dein Schritt beschwingt

wie im Tanz.

 Möge dann und wann

ein Lied aufsteigen

vom Grunde deines Herzens,

das Leben zu grüßen

wie die Amsel den Morgen.

 Möge dann und wann

der Himmel

über die Schwelle treten.

Quelle:Martin Schmeisser (Hg.): Morgenlicht und Abendstern, Verlag am Eschbach der Schwabenverlag AG, 2003, S. 35

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Reinhold Stecher war österreichischer Theologe und Bischof von Innsbruck. Er macht sich Gedanken zur Stille:

Wie laut ist die Welt, die wir uns gebaut haben. Alles laut: Motoren, (…) Lautsprecher, Lichter, Farben (…)! Wir haben das Dasein zur Diskothek gemacht… Wenn ich (…) aber (…) in die (…) Bergketten, (…) Wände und Täler horche, dann weht mich die Stille an. Wenn ein Stein fällt, dann wird der Ton wie eine Kostbarkeit (…) im Echo weitergereicht.

Ist uns schon einmal aufgefallen, dass unsere Straßenzüge und Häuserschluchten kein Echo kennen? Das gilt aber nicht nur für die äußere Welt, das gilt auch für die Seele des modernen Menschen. In uns kann nichts mehr nachhallen. Die Eindrücke, Reize und Erlebnisse überschlagen sich. Da kann nichts mehr ausschwingen. Und so sind nicht nur unsere Trommelfelle lärmgeschädigt, sondern auch unsere Herzen. Der Mensch verliert die Dimension der Tiefe. (…)

Quelle:Michael Albus: Stundenbuch der Berge, Kreuz Verlag, Stuttgart 2003, S. 109

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Dr. David Dosa ist Facharzt für Altersmedizin, so genannter „Geriater“. Er macht sich Gedanken zu seinem und zu unseren Arbeitsplätzen:

Wenn man seinen Beruf liebt, kann einem an guten Tagen der Arbeitsplatz regelrecht schön vorkommen – egal, wie er in den Augen der übrigen Welt erscheinen mag: Ein Unternehmer in der Ölbranche betrachtet eine öde, staubige Ebene und sieht das Potenzial für ein unerschlossenes Erdöllager. (…) Ein Fernfahrer liebt die weiten Straßen und die Zeit, in der er mit seinen Gedanken allein ist (…).

Ich bin Geriater und arbeite auf der zweiten Etage (…) eines Pflegeheims. Manche Leute sagen mir, meine Arbeit erscheine ihnen deprimierend, was mich immer ein wenig verwundert. Wenn ich meine Patienten und ihre Angehörigen betrachte, habe ich einen beachtlichen Einblick in ein (…) Leben, eine tiefe Bindung und dauerhafte Zuneigung, und das möchte ich für nichts auf der Welt eintauschen. Freilich muss ich mich manchmal um Menschen kümmern, die in einem schlimmen Zustand sind, aber ich bin auch dabei, wenn sie ihre besten Augenblicke haben.

Quelle: David Dosa: Oscar, Droemer-Verlag-Verlag, München 2010, S. 5f

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Wenn ich an „Heilsarmee“ denke, dann fallen mir sofort uniformierte Menschen mit Spendendose ein. Die Heilsarmee ist eine Glaubensgemeinschaft. Wie sie gegründet wurde, beschreibt der Journalist und Theologe Christian Feldmann:

„Suppe, Seife, Seelenheil!“ Unter diesem Motto kämpfte der Prediger William Booth im 19. Jahrhundert gegen Armut, unter der (…) (das) frühkapitalistische England zu leiden hatte. Seine Sozialarbeit verband er mit der Predigt des Evangeliums, das er abends auf den Straßen und später in Zirkuszelten, Tanzsälen und Theatern verkündete.

Die beste Methode, Armut (…) zu bekämpfen, sah William Booth in einer Organisation seiner Helfertruppen nach militärischem Muster, mit Uniform und Blaskapelle. Deshalb taufte er seine 1865 im Londoner East End gegründete „Christliche Mission“ bald um in (…) „Heilsarmee“. Heute ist die Glaubensgemeinschaft in 106 Ländern mit einer Million Mitgliedern tätig und mit einem Mandat auch in der UNO vertreten.

Quelle:Christian Feldmann: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder-Verlag, Freiburg 2005, S. 406.

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Aus dem Buch „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel:

Ich liebte meinen Gebetsteppich. Es war nichts Besonderes daran, aber für mich war er ein Stück von großer Schönheit.  (…) Wo immer ich ihn ausbreitete, gewann ich sogleich das Fleckchen Erde darunter und die Umgebung lieb, und das ist für mich ein eindeutiges Zeichen, dass es ein guter Gebetsteppich war, weil er mir immer ins Gedächtnis rief, dass die Erde von Gott geschaffen ist und dass jeder Flecken auf ihr gleichermaßen heilig ist. Das Muster (…) war schlicht. Der Flor war weich. Wenn ich betete, waren die kurzen, unverknoteten Quasten am einen Ende des Teppichs nur Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt, am anderen Ende nur Zentimeter von den Zehenspitzen – eine anheimelnde Größe, mit der man sich überall auf dieser weiten Welt zu Hause fühlen konnte.

Quelle:
Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger, Fischer-Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 101

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Simone Weil ist eine französische Philosophin, die sich immer wieder die Frage nach Gott gestellt hat. Heute ist ihr Todestag. In ihrem „Brief an einen Ordensmann“ hat sie folgendes geschrieben:

Christus rettet nicht alle, die da sagen „Herr, Herr!“. Aber er rettet all jene, die mit reinem Herzen einem Hungrigen ein Stück Brot geben (…).

So steht ein Atheist, ein „Ungläubiger“, der des reinen Mitleids fähig ist, Gott ebenso nahe wie ein Christ und kennt ihn demnach ebenso gut, obwohl seine Kenntnis in anderen Worten zum Ausdruck kommt oder stumm bleibt. Denn Gott ist Liebe.

Quelle:
Simone Weil: Brief an einen Ordensmann, zitiert nach: Christian Feldmann: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder-Verlag, Freiburg 2005, S. 402.

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