Manuskripte

SWR3 Worte

Einerseits ist „Jetzt“ ganz kurz. Die Gegenwart hat keine Länge. Kaum da, ist sie schon wieder vorbei. Eigentlich ist „Jetzt“ nur die Berührung zwischen Zukunft und Vergangenheit.
Andererseits endet „Jetzt“ nie. Immer ist jetzt. Solange wir leben, befinden wir uns stets in der Gegenwart, und niemals können wir sie verlassen.
So ist also die Berührungsfläche zwischen Zukunft und Vergangenheit unser Zuhause und wir können doch keine Wurzeln schlagen. Jetzt ist Ankunft und Aufbruch und Heimat zugleich.
Und der einzige Moment, in dem mir Gott begegnet. Jetzt. 

Ein Text des Theologen Sebastian Schmid.

 Quelle:  Bischöfl. Jugendamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart u.a.: Rückwärts Vorwärts  (Wernauer Adventskalender), Verlag Kath. Bibelwerk Stuttgart, 2012, 7. Dezember
Nettozeit: 39 Sekunden

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Der Theologe und Schriftsteller Tomas Halik schreibt, was sich Naturwissenschaftler und Theologen gegenseitig zu sagen haben: 

Falls ein Physiker darüber reden sollte, wie das Weltall entstanden und ein Biologe dann darüber, wie die Entwicklung der Fauna (…) vor sich gegangen sei, muss der Theologe (…) schweigend zuhören, denn von seinem Fach her kann er überhaupt nichts dazu sagen. Wenn aber der Physiker anfangen würde, darüber zu reden dass seine Entdeckungen eine (…) Verbesserung weiterer Waffenarten (…) darstellten, und der Biologe darüber, dass es (…)möglich sei (…) Embryonen (…) als Versuchsmaterial zu nutzen, dann muss sich der Theologe erheben und (…) seine Kollegen (…) darauf aufmerksam machen, dass sie hiermit (…) sich auf eine Ebene begeben hätten, wozu er nun doch auch etwas zu sagen habe. 

Und hier muss er nun selber reden, dass das Leben (…) nicht nur eine biophysische Angelegenheit sei, sondern vielmehr auch ein Geschenk, das wir uns nicht gegenseitig überreicht haben und für dessen Schutz wir Verantwortung tragen.

Quelle: Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters, Herder Verlag Freiburg, 2012, S. 117f

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Die so genannte „Goldene Regel“ wurde oft und unterschiedlich formuliert. Zum Beispiel in dem Sprichwort: „Was du nicht willst, das dir man tu, das füg auch keinem andern zu!“ Der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein findet eine Version besonders schön. Er schreibt: 

Vielleicht die anrührendste von allen Formulierungen der Goldenen Regel ist die, die der jüdische Philosoph Martin Buber fand: „Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Ohne weitere Erklärungen versteht jeder sofort, was mit den schlichten vier Worten „er ist wie du“ gemeint ist. Statt zu mahnen und moralisieren genügt es, eine simple Wahrheit in Erinnerung zu rufen: Gemessen an all ihren Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede zwischen den Menschen verschwindend gering. Was auch immer ein anderer tut, was immer in ihm vorgehen mag – es ist uns nicht fremd. Wir haben dieselben Regungen schon selbst erlebt. 

Ein Zitat aus dem Buch „Der Sinn des Gebens“ von Stefan Klein. 

Quelle: Stefan Klein: Der Sinn des Gebens, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 248

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Die französische Schriftstellerin Madeleine Delbrel macht sich Gedanken darüber, wie Gott die Menschen führt. Sie vergleicht Gott mit einem Tanzpartner: 

Um gut tanzen zu können – mit dir oder auch sonst,
braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
darauf gestimmt sein,
schwerelos sein,
und vor allem: man darf sich nicht versteifen.
Man soll  dir keine Erklärung abverlangen
über Schritte, die du zu tun beliebst,
sondern ganz mit dir eins sein – und lebendig pulsierend
einschwingen in den Takt des Orchesters, den du auf uns überträgst.
Man darf nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen.
Manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.
Und man muss auch innehalten können
oder gleiten anstatt zu marschieren.
Und das alles wären ganz sinnlose Schritte,
wenn die Musik nicht eine Harmonie daraus machte.
Wir aber, wir vergessen sofort die Musik deines Geistes.
Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht. 

Quelle: Madeleine Delbrel: Der Ball des Gehorsams, in: Annette Schleinzer (Hg.): Gott einen Ort sichern, Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2010, S. 76

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Der Kabarettist und Autor Hanns-Dieter Hüsch macht sich Gedanken, wie man mit jungen Menschen reden kann:

Wer einen Dialog herbeiführen will
muss sich herablassen,
herabneigen,
von sich absehen
sich zuwenden und zuneigen
muss nicht besitzen wollen
darf nicht besitzergreifend sein
nur wenige Vorschriften machen
besser keine
gelegentlich vorsichtig Empfehlungen anbieten
unsichtbar die Hand darüber halten
unhörbar anders denken
(…)
Kummer aufspüren und teilen
Sich gegenseitig ernst nehmen
zusammen essen und trinken
die Fantasie fördern(…)
Aufbegehren durchhalten
zusammen traurig sein
nicht immer alles besser wissen
am besten nichts besser wissen
sondern trösten
Ratlosigkeit teilen
Wärme herstellen
Bindungen spüren lassen
Liebe
wer einen Dialog mit der Jugend Führen will
muss alle diese Anstrengungen
in besonderem Maße auf sich nehmen. (…)

Quelle: Hanns-Dieter Hüsch: Das Schwere Leicht gesagt, Herder Verlag Freiburg, 13. Auflage 2002, Seite leider unbekannt, aber: Kapitel 7b.

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Ein Text des Theologen Wunibald Müller: 

„Es gibt (…) keinen Gott, also hören Sie auf, sich Sorgen zu machen (…).“ Mit diesem (…) Slogan fuhren Anfang 2009 Busse in Großbritannien und (…) anderen Ländern (umher). 

Eine tröstliche Botschaft? So klingt es zunächst. Dabei wird suggeriert, dass das Leben (…) unbeschwerter sei, gäbe es Gott nicht. Gott wird hier wohl als eine Macht gesehen, die unser Leben beeinträchtigen will, die uns die Freuden des Lebens miesmachen will. Eine Vorstellung, die ich zum Teil kenne, wenn ich an meine religiöse Erziehung denke, (eine Vorstellung,) die mir aber inzwischen ganz fremd ist. 

Heute steht Gott für mich als eine Kraft, die mir Gutes will, die daran interessiert ist, dass ich aufblühe, dass ich wirklich lebe. (Es heißt): „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch.“ Das ist es, was Gott will. (…) Dass ich am meisten zu seiner Ehre beitrage, wenn ich mein Leben in seiner möglichen Fülle lebe. 

Quelle:
Anselm Grün, Wunibald Müller: Wer bist du, Gott? Kösel-Verlag, München 2010, S. 31f.
Nettozeit: 53 Sekunden

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Gott, dieser Tag
und was er bringen mag,
sei mir aus deiner Hand gegeben:
Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Du bist der Weg,
ich will ihn gehen.
Du bist die Wahrheit,
ich will sie sehen.

Du bist das Leben:
mag mich umwehen
Leid und Kühle,
Glück und Glut,
alles ist gut,
so wie es kommt.
Gib, dass es frommt!
In deinem Namen
beginne ich. Amen.

Quelle:
Hubertus Halbfass: Der Sprung in den Brunnen, Patmos-Verlag, Düsseldorf 1996, S. 146.

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