Manuskripte

SWR3 Worte

Eine Aufmunterung für alle, die die Fastenzeit anstrengend finden: Selbst der Heilige Antonius – berühmt für sein enthaltsames Leben in der Wüste – wusste es schon: immer nur anstrengen geht auf Dauer nicht. Es braucht auch Zeiten der Entspannung. Eine Legende erzählt folgendes:

Ein Bogenschütze sah einmal den heiligen Antonius, wie er sich mit seinen Brüdern freute. Das missfiel ihm. Da sagte Antonius zu ihm: "Nimm einen Pfeil und spanne den Bogen." Er machte es, und als Antonius es ihm ein zweites und ein drittes Mal tun ließ, sagte der Bogenschütze: "Wenn ich so sehr ziehe, werde ich den Bogen brechen, was mir leid täte." Antonius sagte nun: "So ist es auch mit dem Dienst an Gott; wenn wir uns über das Maß anspannen, werden wir zu schnell gebrochen. Es nützt also, zuweilen in der Strenge nachzulassen." Als der Bogenschütze dies hörte, ging er geläutert weg. 

Quelle: Jacobus de Voragine: Legenda Aurea (Legendensammlung aus dem 13. Jht.), zitiert auf der Homepage von Pfr. Jörg Sieger: http://www.joerg-sieger.de/isenheim/texte/hinweis/i_10g.htm

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17324

Der brasilianische Theologe Leonardo Boff erklärt mit Hilfe einer Zigarettenkippe, was ein „Sakrament“ ist. Leonardo Boff hat in München studiert. Eines Tages bekommt er einen Brief aus seiner Heimat: Sein Vater sei plötzlich gestorben. Er entdeckt im Briefumschlag einen kleinen Zigarettenstummel – den Rest der letzten Zigarette, die der Vater geraucht hat. Leonardo Boff schreibt:

„Von diesem Augenblick an ist der Zigarettenstummel kein einfacher Zigarettenstummel mehr. Denn er wurde zu einem Sakrament: (Er) lebt, spricht vom Leben und begleitet mein Leben. (…) Mein geistiges Auge sieht die väterliche Gestalt vor sich, wie sie (…) den Tabak rollt, das Feuerzeug anzündet, lang an der Zigarette zieht, (…) Zeitung liest bis tief in die Nacht hinein, im Büro arbeitet und dabei raucht (…) und raucht.“ 

Aus dem Buch „Kleine Sakramentenlehre“ von Leonardo Boff.

 Quelle: Leonardo Boff: Kleine Sakramentenlehre, Patmos Verlag, Düsseldorf 1976, S. 29f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17330

Pierre Teilhard der Chardin war Jesuitenpater und ist 1955 gestorben. Heute ist sein Todestag. Er war gleichzeitig Theologe und Geologe. Daher hat er versucht, Religion und Wissenschaft nicht als Gegensätze zu sehen. Er hat sich über jeden wissenschaftlichen Durchbruch gefreut, weil es für ihn gezeigt hat, dass hier Gott am Werk ist. Er hat ein besonderes Gebet verfasst und es „Hymne an die Materie“ genannt: 

Gesegnet seist du, machtvolle Materie, unwiderstehliche Evolution, immer neu geborene Wirklichkeit,

du, die du in jedem Augenblick unseren Rahmen sprengst,
uns zwingst, die Wahrheit immer weiter zu verfolgen.
Gesegnet seist du, universelle Materie (…), die du, unsere enge Masse überflutend und auflösend, uns die Dimensionen Gottes offenbarst (…). 

Ein Gebet des Jesuitenpaters Teilhard de Chardin.

Quelle: Christian Feldmann: Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Herder-Verlag, Freiburg 2005, S. 166

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17322

Heute ist der Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Er war evangelischer Pfarrer und Widerständler gegen das Nazi-Regime. Deshalb ist er auch im Gefängnis gelandet. Dort schwankt er zwischen Hoffnung und Todesangst und kommt doch zum Schluss, dass Gott, so fern er manchmal scheint, ganz nah sein muss. Das kommt auch in seinem bekanntesten Liedtext zum Ausdruck. Bonhoeffer hat ihn aus der Haft an seine Verwandten geschrieben:

 Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Ach, Herr, gib unser´n aufgescheuchten Seelen

das Heil, für das du uns bereitet hast.

 

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,

die du in uns´re Dunkelheit gebracht.

Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.

Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

 

Quelle: Diözese Rottenburg – Stuttgart: Erdentöne, Himmelsklang, Schwaben-Verlag, Stuttgart 2002, Nr. 122

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17321

Der Theologe und Autor Bernhard Spielberg macht sich Gedanken über Couch-Surfing und Carsharing:  

Es ist die innovativste Methode, Fremden mit Vertrauen zu begegnen: Couch-Surfing. Menschen bieten Leuten, die sie nicht kennen, ihr Sofa zum Übernachten in einer unbekannten Stadt an.

Es ist die nervenschonende Art individueller Mobilität: Carsharing. Viele Leute teilen sich ein Auto. Weil es sonst die meiste Zeit nur rumstehen würde – und Geld und Nerven kostet.

Es ist eine charmante Idee für gutes Aussehen: Swap in the City. Statt schicke Kleider nach drei Wochen auf Nimmerwiedersehen in den Schrank zu hängen, werden sie bei großen Partys getauscht. 

Ob Schlafplatz, Fahrzeug oder Klamotten (…): die Lust zum Teilen und Tauschen wächst. Schließlich muss man die meisten Dinge nicht besitzen, um sie benutzen zu können. 

Unter guten Nachbarn war das schon immer so. Durchs Netz können jetzt auch Fremde gute Nachbarn werden.

 

Quelle: Bernhard Spielberg: Tauschen und Teilen, in: Zeitschrift Lebendige Seelsorge 63. Jahrgang 1/2012, echter-Verlag, Würzburg 2012, S. 80.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17320

Im Roman „Schiffbruch mit Tiger“ beschreibt Yann Martell einen Jugendlichen, der monatelang auf dem Meer in einem kleinen Rettungsboot treibt. Neben den lebensnotwendigen Dingen wie Trinkwasser vermisst er am meisten etwas zum Lesen.

Mein sehnlichster Wunsch – von der Rettung abgesehen – war ein Buch. (…) Leider gehörte keine heilige Schrift zur Ausstattung des Rettungsboots. (…) Als ich später zum ersten Mal im Nachttisch eines kanadischen Hotelzimmers eine Bibel fand, brach ich in Tränen aus. (…) Ich kann mir gar keinen besseren Weg zur Verbreitung des Glaubens vorstellen. Kein Wettern von der Kanzel, kein kirchliches Strafgericht, kein Druck der Gemeinschaft, nur ein heiliges Buch, das geduldig wartet, bis es den Wanderer willkommen heißt, sanft und bewegend, als habe ein kleines Mädchen ihn auf die Wange geküsst. 

Aus dem Buch „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel.

 

Quelle: Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger, Fischer-Verlag Frankfurt am Main 2012, S. 254

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17326

Heute ist „Misereor-Sonntag“. Misereor ist eine der größten christlichen Hilfsorganisationen und bekämpft Hunger und Armut. Die Autorin Monika Schärtl möchte dazu ermutigen, selbst mit anzupacken. Sie schreibt:

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“ Was nun, wenn wir die kleinen Menschen sind? Wenn einer dieser kleinen Orte unserer ist? Wenn die kleinen Dinge, die zu tun sind, vielleicht wirklich klein sind? [...] Zumeist ist es nur ein kleiner Schritt: Indem wir mit wachem Verstand Informationen über die Nöte anderer aufnehmen. Indem wir mit offenem Blick den eigenen Lebensstil hinterfragen. Indem wir mit starker Stimme unseren Einfluss geltend machen. [...] Übernehmen wir die Verantwortung [...]! 

Quelle:
Monika Schärtl, in: Bischöfl. Hilfswerk MISEREOR (Hg.): Misereor, Liturgische Bausteine Fastenaktion 2014, Aachen 2014, S. 11.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17325