Manuskripte

SWR3 Worte

der Schriftsteller Dimitri Dinev ist als junger Mann aus Bulgarien geflohen.
Barmherzigkeit ist für ihn

Jene erste Geste der Zuwendung
Die den anderen von seiner Einsamkeit erlöst
Die das Neugeborene an die eigene Haut drückt
Und es nach dem ersten Schreck des Seins tröstet.

Barmherzigkeit ist ein Privileg des Individuums.
Sie ist jene Eigenschaft, die uns unverwechselbar macht.

Sobald ich barmherzig zu andern Menschen bin,
entdecken sie mich, machen mich als Person fest.
Die Barmherzigkeit charakterisiert mich,
weil sie die Frage nach der Verantwortung stellt.
Und ich denke, dass unsere Individualität sich dadurch erschließt
Inwieweit wir bereit sind Verantwortung zu übernehmen.

(Barmherzigkeit. In d. Reihe: Unruhe bewahren, Residenzverlag 2010, S. 12-13)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17189

„Unruhe bewahren“ will der Schriftsteller Dimitri Dinev, er ist als junger Mann aus Bulgarien geflohen. Seine Flucht war für ihn eine Erfahrung von Barmherzigkeit:

Die Barmherzigkeit … verkörpert den Verzicht auf Gewalt
Sie ist oft blind, nicht steuerbar und jeglicher Logik enthoben.

Durch sie lässt sich kein Staat, keine Gesellschaft, …manifestieren,
und trotzdem ist sie eine Macht.
Sie ist die Macht, die jedem Einzelnen zur Verfügung steht.
Sie ist die Macht des Einzelnen.
Die Barmherzigkeit ist ein Korrektiv, das … von der eigenen Regierung
Gerechtigkeit fordert.

Was die Barmherzigkeit so unbequem und ungeeignet
für Politiker und ihre Programm macht, ist,
dass sie sich nicht vorankündigen, versprechen lässt.
Sie ist immer konkret… eine Handlung, eine Tat…
Sie ist die oppositionelle Kraft schlechthin.

(Barmherzigkeit. In d. Reihe: Unruhe bewahren, Residenzverlag 2010, S. 11-12)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17188

Zum Selber denken fordert die EKD Fastenaktion 7 Wochen ohne falsche
Gewissheiten auf. Der Poet Kurt Marti meint dazu:

 

Soviel aber

Lernte auch ich

 

Nicht alles glauben

Nicht alles schlucken

Nicht alles tun

 

Sie lügen wie gedruckt

Sie lügen wie am Bildschirm

 

Sei dir zu gut

Sei dir zu schade

Es geht um dein leben

 

(Selber denken! Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten, Die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2014. Edition chrismon)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17187

VinziRast ist eine Initiative in Wien die kreative Ideen für das Leben von Obdachlosen entwickelt. Cecily Corti eine der Initiatorinnen sagt:

Nicht ohnmächtig, mächtig wollen wir sein.
Viele von uns geben auf angesichts des Flüchtlingselends,
der Weltwirtschaftskrise, des Klimawandels
und der Not auf unserer Erde.

Unser aller Würde wird beschädigt,
indem wir auf diese Weise eine Gesellschaft der Zuschauer werden,
die sich nicht zuständig fühlt, weil es eh nichts bringt.

Es geht auch anders.
Ich muss mich selbst verändern.
Dafür gibt es viele Wege und ich muss mich für einen entscheiden.
Das kostet Kraft. Das tut weh. Aber es wirkt.
Für mich bewirkt es mehr als alle Ideologien und Systeme.

Es schafft zum Beispiel Anteilnahme.
Das wirkt nicht nur gegen die Ohnmacht, es ermächtigt mich zum Handeln,
zur aktiven Teilnahme an der Gestaltung unserer Welt.

(www.vinzirast.at)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17186

Jewel Matthieson bittet zum Tanz, und wendet sich so Gott zu:

Wir sind gekommen um getanzt zu werden

Nicht den hübschen Tanz

Nicht den hübschen sieh mich nimm mich Tanz

Sondern den Heiligen,
Der alles aus den Angeln hebt
Den lass die Katze aus dem Sack Tanz
Den halte den kostbaren Augenblick in den Handflächen und Füssen Tanz.

den wring die Trauer aus unserer Haut Tanz

Den schlag aus unseren Schultern

Die Entschuldigung dass ich da bin Tanz

Wir sind gekommen um getanzt zu werden

Nicht den wir halten den Atem an und suhlen uns auf

Der sicheren Seite des Raums Tanz

Sondern den gib uns die Flügel zurück Tanz

und schlüpf in die leuchtende Haut der Liebe Tanz.

Den sing Halleluja Tanz
Den jeder darf in den Himmel kommen Tanz.

 

(Leidenschaftlich, Sieben Wochen das Leben vertiefen, Vandenhoek & Rupredcht, 2012, S. 105)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17185

Und wie fasten Sie?
Martin Buber erzählt von einem Chassid, der einmal von Sabbat zu Sabbat fastet.

Am Freitagnachmittag überkam ihn ein so grausamer Durst,
dass er meinte sterben zu müssen.

Da erblickte er einen Brunnen, ging hin und wollte trinken.
Aber sogleich besann er sich, um einer kleinen Stunde willen,
die er noch zu ertragen hätte, würde er das ganze Werk dieser Woche vernichten.

Er trank nicht und entfernte sich vom Brunnen.
Stolz flog ihn an, dass er die schwere Probe bestanden habe.
Wie er dessen inneward, sprach er zu sich
„Besser, ich gehe hin und trinke, als dass mein Herz dem Hochmut verfällt.“

Er kehrte um und trat an den Brunnen.

Schon wollte er sich darüber neigen, um Wasser zu schöpfen,
da merkte er, dass der Durst von ihm gewichen war.

Nach Sabbatanbruch betrat er das Haus seines Lehrers.

„Flickarbeit!“ rief ihm der an der Schwelle zu.
Was aber der Flickarbeit gegenüber steht,
ist die Arbeit aus einem Guss.
Wie aber vollbringt man Arbeit aus einem Guss?

Nicht anders als mit einer geeinten Seele

(Leidenschaftlich, Sieben Wochen das Leben vertiefen, Vandenhoek & Ruprecht, 2012, S.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17184

Wer klebt eigentlich die Preisschilder an die Menschen?
Die Autorin Cornelia Cornelsen fragt genauer nach

Manchmal frage ich mich, wie es eigentlich war,
als das erste Mal irgendwo ein Preisschild hing.
Ob Gott das überhaupt mitbekommen hat?

Ich kann mich nicht erinnern,
dass in der Schöpfungsgeschichte irgendwo die Rede von Preisschildern ist.

Tag und Nacht. Kostenlos. Himmel und Erde. Gratis.
Land, Meer und Pflanzen. Nulltarif.
Sonne, Mond und Sterne. Ohne Aufschlag.
Die Vögel und die Tiere. Umsonst. Und schließlich den Menschen.
Alles inklusive. Also, wie war das?

Wer erfand das Preisschild? Wer klebte das erste Etikett?
Wer entscheidet, was etwas wert ist?
Der Markt? Die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände?
Frau Merkel? Gott?

In der Bibel gibt es diese schöne Geschichte über die Arbeiter im Weinberg.
Die will uns sagen, dass Gott kein Preisschild an unsere Arbeit macht.
Dass er keinen Lohn bezahlt, für das was wir tun,
sondern dass er uns einfach gibt, was wir brauchen,
egal warum wir wann genau und wie mit der Arbeit beginnen.

(Predigt: Gott – Geld – Grundeinkommen, CityKirche Konkordien, 19.1.2014)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17183