Manuskripte

SWR3 Worte

Brief an die Enkelin von Joachim Gauck
Liebe Josefine,
es ist ein großes Geheimnis, dass, wenn wir selber verzagt sind, oft Menschen da sind, die einen stabileren Grund unter den Füßen haben oder einen Kern in sich, dem sie trauen.
Die Menschen, denen ich nachlebe, hatten ihn aus ihrem Glauben. Sie vertrauten darauf, dass dieses Bibelwort stimmt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein…
Zu hören, zu glauben, sich darauf zu verlassen, dass wir ganz zuletzt … nicht mehr unserer Angst gehören, sondern Gott, dass eine stärkere Liebe existiert als die, die wir Menschen zustande bringen,
das, Josefine, lässt manche Menschen Hoffnung finden,
wenn andere aufgeben…
Wir können Angst nicht aus der Welt vertreiben. Aber Gott und Menschen sei Dank- sie bleibt nicht unsere Herrin. …
Weit wird das Land, wenn Menschen das glauben, und ruhig unser ängstliches Herz. Das meint, darauf hofft und das glaubt
Dein Großvater

Aus: Klaus Möllering (Hg), Worauf du dich verlassen kannst, Prominente schreiben ihren Enkeln, ev. Verlagsanstalt, Leipzig 2011, 11.Auflage

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Ich komm, weiß nicht, woher,
ich bin und weiß nicht wer,
ich leb, weiß nicht wie lang,
ich sterb und weiß nicht wann,
ich fahr, weiß nicht, wohin.
Mich wundert‘s, dass ich fröhlich bin.
Da mir mein Sein so unbekannt,
geb‘ ich es ganz in Gottes Hand-
die führt es wohl, so her wie hin:
mich wundert‘s, wenn ich noch traurig bin.

Ludwig Burgdörfer/ Marthe Kuhm, Bei Trost, Verlag Hartmut Spenner, Waltrop 2005, S.312

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Liebe macht nicht blind,
Liebe macht in einem Maße sehend,
dass andere mit ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten
oft nicht mehr mit- und standhalten können.
Wer liebt, ist Weltengründer,
daher die Vermutung, Liebe sei etwas Göttliches.
Der Theologe Friedrich Schorlemmer

Friedrich Schorlemmer, Klar sehen und doch hoffen. Mein politisches Leben. Berlin: Aufbau-Verlag 2012

 

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An meinen Schutzengel- von Mascha Kaleko
Den Namen weiß ich nicht.
Doch du bist einer der Engel aus dem himmlischen Quartett,
das einstmals, als ich kleiner war und reiner,
allnächtlich Wache hielt an meinem Bett.
Wie du auch heißt-
seit vielen Jahren schon Hältst du die Schwingen über mich gebreitet
und hast, der Toren guter Schutzpatron,
durch Wasser und durch Feuer mich geleitet….
Seit langem bin ich tief in deiner Schuld.
Verzeih mir noch die eine- letzte- Bitte:
erstrecke deine himmlische Geduld
Auch auf mein Kind und lenke seine Schritte.
Er ist mein Sohn. Das heißt: er ist gefährdet.
Sei um ihn tags, behüte seinen Schlaf-
Und füg es, dass mein liebes schwarzes Schaf
Sich dann und wann ein wenig weiß gebärdet.
Gib du dem kleinen Träumer das Geleit.
Hilf ihm vor Gott und vor der Welt bestehen.
Und bleibt dir dann noch etwas freie Zeit,
Magst du bei mir auch nach dem Rechten sehen.

Mascha Kaleko, In meinen Träumen läutet es Sturm, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977,

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Was mein Leben reicher macht?
Ove Stepputat aus Hamburg erzählt
Frühmorgens fahre ich mit dem Motorrad zur Arbeit. Klarer Himmel, am Boden Morgendunst.
Mehrere Pkw haben defekte Lichter,
ich blinke sie kurz an und frage mich:
Ob mich wohl auch jemand anblinkt, wenn ich etwas habe?
Da blitzt es in beiden Rückspiegeln so stark,
dass ich für einen Moment kaum was sehen kann.
Direkt hinter mir ist die Sonne aufgegangen.

Aus: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/category/was-mein-leben-reicher-macht/page/6/

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Engel wird sie genannt oder auch "Schwester Frieda". Niemand weiß, wie sie wirklich heißt und wie alt sie ist….Arm sieht sie aus, mit beiden Händen hält sie sich an ihrem mit Tüten bepackten Rollstuhl fest. Sie bittet nicht um Hilfe. Sie steht einfach da. Schon seit zwanzig Jahren. Mitten im Getümmel des Zürcher Hauptbahnhofes. Fast jeden Tag. Stundenlang. Es hat sich herumgesprochen, wofür sie da ist. Sie segnet. Das ist ihre Aufgabe.
Meistens tut sie es beiläufig-ohne große Gesten und lautlos segnet sie die vorbeieilenden Reisenden. Wie ein immerwährendes Gebet. Manchmal bleibt jemand stehen. Scheinbar sorgenvoll, weil etwas Schweres bevorsteht. Auch dann bleibt sie leise, oft mit geschlossenen Augen. Aber die Menschen in Zürich vertrauen ihrem Engel am Rande der Bahnhofshalle. Und sie wissen sich gesegnet für den Weg. Mitten im Getümmel. Fürchte dich nicht!

Aus: Der Andere Advent 2013/2014, Initiativen Zum Kirchenjahr, Hamburg
Frank Howald, 1.Dezember 13

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Der Student hatte sich alle Mühe gegeben, den frommen und guten Nikolaus darzustellen. Aber es half nichts. Das Kind schrie wie am Spieß. Die Mutter gab dem Studenten ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen.
Der ..nahm die Bischofsmütze vom Kopf, zog die Brille ab und legte … den weiten roten Mantel zur Seite.
Das Kind sah dem Entkleidungsspiel mit großen Augen zu. Es vergaß zu weinen… Jetzt löste der Student den langen Bart, ein junges verlegenes Gesicht kam unter dem Bart hervor…
... Der Student und das Kind…lachten miteinander. Und während sie miteinander lachten … nahm das Kind den falschen Bart, streifte ihn dem Studenten über, versuchte…ihm die Mitra aufzusetzen…Der Student erzählte währenddessen die Geschichte vom Nikolaus: dass er schon lange tot und ein guter Mensch gewesen sei…. Das Kind hörte mit großen Augen zu.
Der Zauber ist dahin, sagten die Erwachsenen. Was uns bleibt ist das Wunder, dachte der Student.

Aus: Der Andere Advent 2013/2014, Initiativen Zum Kirchenjahr, Hamburg
Gerhard Eberts. 6.12.

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