Manuskripte

SWR3 Worte

Vielleicht wird einer heilig, wenn er lang genug auf den Tod wartet
So wie der zum Tod verurteilte Häftling Reno
Arndt Pleitner schreibt über ihn:
Seit nunmehr 18 Jahren kenne ich Reno.
Als ich ihn kennenlernte malte er meist bunte Landschaftsbilder.
Er ist alt geworden. Er malt auch nicht mehr.
Er hat Herzprobleme.
Einmal wurde er nach einem Herzinfarkt
ins Krankenhaus gebracht.
Auch hier rettet man Todeskandidaten.
Vor ein paar Jahren verschrieb ihm ein Arzt mit den Worten,
er solle sich nicht hängen lassen, ein Antidepressivum.
Als er mir das erzählt müssen wir beide lachen...
Reno sagt, er sei unschuldig.
Er wurde für den Mord an drei Kindern verhaftet.
Beweise gab es keine,
alles beruhte auf seinem Geständnis.
Er sagt die Polizisten hätten ihn beim Verhör bedroht.
[Als der Fall wieder aufgerollt wurde]
hatte das zuständige Polizeipräsidium alle Unterlagen vernichtet.
Die Zeit ist um, er wird in Handschellen abgeführt...
In sein Haus, seine Zelle 2,80m x 1,60 m. Seit 12 431 Tagen

Publik Forum EXTRA Leben, Februar 2013, S. 36, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16305

Als Martin Luther 21 Jahre alt war
Geriet er in der Nähe von Erfurt in ein fürchterliches Sommergewitter.
Martin fürchtete vom Blitz getroffen zu werden,
betete [und] versprach Mönch zu werden
Und so geschah es:
Zwei Wochen danach wurde Martin Mönch.
Aber auch als Mönch konnte Martin studieren.
Er wurde zwar kein Anwalt,
dafür brachte er es zum Professor der Bibelwissenschaften.
Als Professor erklärte Martin den Studenten die Bibel
und machte dabei für sich selbst eine Entdeckung,
die sein Leben grundlegend veränderte.
Es war ein Fehler sich vor Gott zu fürchten.
Gott ist kein strenger, sondern ein liebevoller Vater.
Sofort fiel die Angst von ihm ab und er fühlte sich wie neugeboren.
Umso schlimmer fand er es, dass der Papst mit der Angst der Menschen
vor der Hölle, Geld verdiente.
Also schrieb er seine Erkenntnisse in 95 Thesen auf
und nagelte am 31. Oktober 1517 einen großen Zettel
an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg.
[Das war der Anfang der Reformation]

Frag doch mal... Fragen zu Gott, der Welt und den großen Religionen. 2013cbj Verlag, München

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16304

Angesichts der Ereignisse im Mittelmeer vor Lampedusa sagt
Arnd Brummer, Chefredakteur der evangelischen Zeitung Chrismon im Interview des Deutschlandfunks:
Europa sollte sich daran erinnern,
welche Flüchtlingsgeschichte es selbst hat.
Wie viele Millionen Europäer - Iren, Italiener, Deutsche, Polen -
flohen in den vergangenen drei Jahrhunderten vor Hunger,
religiöser und weltlicher Tyrannei
beispielsweise nach Nordamerika?
Das sollten sich jene fragen,
die kategorisch die Mauern gegenüber den Flüchtlingen erhalten wollen. Diese Öko-Nationalisten argumentieren mit der Devise:
Unser Geld darf nur für uns ausgegeben werden.
Dann reden sie gerne von europäischer Kultur und Wertegemeinschaft.
Das ist nicht komisch, das ist zynisch und hat mit Abendland,
zumal mit christlichem Abendland, nichts, aber rein gar nichts zu tun.
Und gerade die Deutschen dürfen es nicht sein,
die in besonders radikaler Weise die Abschottung Europas
gegenüber Hungernden und Verzweifelten betreiben.
Humanität ist unteilbar.
Menschenliebe ist gefordert, Großzügigkeit, Offenheit.
Und das nicht nur in Sonntagsreden...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16303

Arnd Brummer, Chefredakteur der evangelischen Zeitung Chrismon im Interview des Deutschlandfunks
Die neue Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa
mit mehr als 300 Toten
ist "eine Schande", eine Schande für Europa.
So hat es Papst Franziskus klar und deutlich genannt.
Und auch Bundespräsident Joachim Gauck sprach unmissverständlich aus, dass die jüngste Todesnachricht aus dem Mittelmeer
kein Randthema für Europa sein kann.
"Wegzuschauen und die Flüchtlinge hineinsegeln zu lassen
in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte",
sagte er.
Das sollten sich all die Selber-schuld-Achselzucker
auf diesem Kontinent hinter die Ohren schreiben.
Sich in Mittel- und Nordeuropa bräsig zurückzulehnen
und Italien mit dem Hinweis auf die sogenannte Drittstaaten-Regelung
allein zu lassen, ist nicht nur bürokratisch seltsam.
Es ist unmenschlich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16302

Der Schriftsteller und Weltensammler
Ilija Trojanow schreibt in seinem Buch „Der überflüssige Mensch"
Wir dürfen nicht verzagen, ...
„Nicht die Waffen strecken vor dem großen Streit".
So selbstverständlich dies auch klingen mag,
ja geradezu banal, es gerät uns häufig aus dem Blick.
Gerade jene Menschen,
die einen Wissensvorsprung haben,
gehen in die Knie vor den massiven Problemen,
Gefährdungen und Zerstörungen.
Gewiss es ist manchmal zum Verzweifeln,
dieses Gefühl kennt jeder von uns,
der die Übermacht der herrschenden Verhältnisse
zu untergraben versucht.
Aber wir müssen uns fragen, ob nicht die individuelle Verzweiflung
samt der daraus folgenden Lähmung ein Luxus der Wohlhabenden ist.
Die Menschen in den Slums von Bombay
Haben keine Freiräume um zu verzweifeln,
sie müssen ... weiterkämpfen.
Der oft geäußerte Aufschrei „Es ist eh alles verloren!"
ist im Grunde Ausdruck einer Haltung
[die nichts mehr ändern will].

Ilija Trojanow, Der überflüssige Mensch. 2013 Residenz Verlag

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Du Gott am Morgen und am Abend
Bis zum Abend unseres Lebens
Höre mein Rufen,
achte auf meine Bitten!
Frühmorgens schon umhülle mich
Mit dem Mantel deiner Güte,
damit ich nicht friere.
Sei mein Licht,
damit ich nicht umherirre,
wenn die Nacht mit ihren Schatten
über mich fällt.
Ich werfe mein Vertrauen auf dich.
Zeige mir den Weg,
der ins Leben führt.
Und wenn ich auf Umwegen bin,
in die Irre gehe
und die Nacht nach mir greift
dann stärke mir Herz und Sinn.
Sei mein Weg und mein Licht,
Gott, trage und leite mich.
Entzünde in mir deinen guten Geist,
damit ich sicher meinen Weg finde.

Gottesdienstbuch in gerechter Sprache, Gütersloher Verlag 2003, S.134

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