Manuskripte

SWR3 Worte

Wo bleiben unsere Lieben, wenn sie uns für immer verlassen? Und was passiert dann mit uns? Auf diese Frage antwortet Jörg Zink mit einer Geschichte:
Auf einer Wanderung stand ich vor einem Baum,
in dem eine Christusfigur eingewachsen ist.
Vor hundert Jahren oder mehr hatte jemand ein Kruzifix an den Stamm befestigt.
Unmerklich ist der Baum um es herum gewachsen.
Eines Tages wird die offene Stelle ganz zusammengewachsen sein...
Unsere Lieben, wenn sie gegangen sind, wachsen in uns hinein. Werden ein Teil von uns. Geben uns ihre Liebe und Kraft.
Und am Ende bewahren wir sie unsichtbar in uns. Das gilt auch von Christus.
Wir empfangen sein Leben, indem er in uns hineinwächst...
Am Ende ist er in uns und vollendet uns zu dem Bild,
nach dem wir geschaffen sind.

Jörg Zink, Trauer hat heilende Kraft, Kreuz Verlag 1985

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Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
http://www.rilke.de/gedichte/herbst.htm

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Was ist Frieden? Er fängt ganz klein an erzähltKatrin Plarr aus Freiburg.
Die Müllabfuhr ist im morgendlichen Berufsverkehr auf einer engen Straße unterwegs. Der Verkehr staut sich.
Während der Wagen nur langsam vorwärtskommt, »joggt« der Müllmann jeweils voraus und stellt die Container bereit.
Plötzlich hupt eines der wartenden Autos. Der Müllmann blickt sich um, läuft hin, reißt die Tür auf, küsst das junge Mädchen auf dem Beifahrersitz... und joggt weiter.

http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/category/was-mein-leben-reicher-macht/

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Seht, das Himmelreich ist nah! Hat Jesus gesagt. Für mich ist es mit Händen zu greifen in der Geschichte von Karin Kascherus aus Essen:
Wir fahren nachmittags im überfüllten Zug von Rom nach Civitaveccia. Plötzlich großes Palaver.
Ein Fahrkartenkontrolleur ist aufgetaucht, doch eine junge Frau mit Kleinkind hatte offensichtlich keinen Fahrschein. Rund um uns kramen alle in ihren Geldbörsen, geben das gesammelte Geld dem Kontrolleur. Der entschuldigt sich dafür, dass er von der Frau Geld gefordert hat. Was für eine Rettungsaktion!

http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/category/was-mein-leben-reicher-macht/

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Die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho einen Verletzten rettet, ist hoch politisch, meint Martin Luther King im Jahr 1967:
Gewiss ist es unsere Verpflichtung,
die Rolle des barmherzigen Samariters für all die zu übernehmen, die am Wege liegengeblieben sind.
Aber... eines Tages müssen wir begreifen,
dass die ganze Straße nach Jericho geändert werden muss,
damit nicht fortwährend Männer und Frauen geschlagen und ausgeraubt werden. Wahre Solidarität ist mehr als die Münze, die man dem Bettler hinwirft.
Eine echte Revolution der Werte wird den schreienden Gegensatz von Armut und Reichtum sehr bald mit großer Unruhe betrachten....
Ein Volk, das seit Jahren mehr Geld für militärische Verteidigung  als für den Ausbau sozialer Reformen ausgibt, gerät in die Nähe des geistlichen Todes.

http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/001713.html#axzz2h7KTSvqd

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Das Sterben gehört mitten ins Leben. Daran erinnert heute der deutsche Hospiztag. Khalil Gibran sagt:
Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt, dann öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits.
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt,
träumt euer Herz vom Frühling.
Traut doch den Träumen,
denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.
Denn Leben und Tod sind eins, so wie der Fluss und das Meer eins sind.
Und denkt daran, was es heißt „nicht mehr zu atmen":
Heißt es denn etwas anderes,
als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien,
damit er emporsteigt und sich entfaltet
und ungehindert Gott- suchen kann?

Khalil Gibran, der Prophet, DTV 2013, 9. Auflage, S.81

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Ich habe sie selbst gezogen
aus einem winzigen Kern.
Nun hat sie die Blüte geöffnet
gleich einem Stern.
Ich stehe davor und schaue
und fühle nicht der Arbeit Last.
Mir ist so still zu Mute,
als sei ich bei Gott zu Gast.
Als wären meine Glieder
und Hände schon nicht mein.
Als müsste ich nur
wie die Blüte: geöffnet sein.

Matthias Claudius
http://www.garten-literatur.de/Leselaube/claudalt.htm

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