Manuskripte

SWR3 Worte

Oskar ist erst zehn, aber er weiß, dass er sterben wird. Er bekommt im Krankenhaus immer wieder Besuch von einer Dame. Die bringt ihn auf die Idee, Briefe an den lieben Gott zu schreiben, in denen Oskar alles erzählt, was ihn bewegt. Oskar schreibt:

Lieber Gott, (...) ich habe gespürt, dass du da warst. Dass du mir dein Geheimnis verraten hast: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal.

Also habe ich deinen Rat befolgt und mich mächtig angestrengt. Ich habe auf das Licht geschaut, die Farben, die Bäume, die Vögel (...). Ich habe gespürt, wie die Luft durch meine Nase strömt und wie sie mich atmen lässt. Ich habe Stimmen auf dem Korridor gehört, die wie im Gewölbe einer Kathedrale hoch nach oben steigen. Ich habe gespürt, wie ich lebe. Ich bebte vor reiner Freude, vor Glück, da zu sein. Ich war überwältigt.

Aus dem Buch „Oscar und die Dame in Rosa" von Eric-Emmanuel Schmitt.

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Heute ist der Gedenktag des Heiligen Vinzenz von Paul. Er hat sich im 17. Jahrhundert um Arme und Kranke gekümmert und damals die ersten Helfergruppen gegründet. Er sagt:

Lieben wir Gott (...), aber auf Kosten unserer Arme und im Schweiße unseres Angesichts! (...) Darauf müssen wir ganz besonders achten; denn es gibt mehr als genug solcher Menschen, die meinen, es sei damit getan, sich äußerlich korrekt zu verhalten, im Innern erhabene Gefühle zu Gott zu pflegen. Wenn es aber dann auf Taten ankommt und Gelegenheit zum Handeln da ist, dann versagen sie. Nein, täuschen wir uns nicht: Unsere ganze Aufgabe ist Handeln.

Ein Zitat von Vinzenz von Paul.

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Der Arzt und Theologe Manfred Lütz fragt sich, warum das Alte Testament aus so vielen Geschichten besteht. Er kommt zu einem interessanten Schluss:

Eine Sache lernt man schlimmstenfalls durch eine Gebrauchsanweisung kennen; eine Person durch (...) ihre Geschichte. Wer hat sich nicht von einem Menschen, der ihn wirklich interessiert (...), Geschichten aus seinem Leben erzählen lassen, notfalls auch noch illustriert durch Fotoalben.

Daher haben die Juden keine theoretische Gebrauchsanweisung für ihren Gott verfasst, (sondern) sie haben jahrtausendelang erzählt von dem Gott, dem sie vertrauen. Ein Gott, der sie immer wieder errettet hat, aber der auch schreckliche Katastrophen zugelassen hat (...). In einer Zeit der Lebensabschnittspartner mag das allein schon ein (...) Wunder (...) sein: Die (...) in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Freud und Leid niemals unterbrochene Geschichte Gottes mit seinem (...) Volk (...) ist gewiss die längste und dramatischste Liebesgeschichte aller Zeiten.

Aus dem Buch „Gott" von Manfred Lütz.

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Ein Gebet für dunkle Tage:

Es gibt Tage, da bin ich nur schwer zu verstehn,

ganz ehrlich kapier ich mich selber kaum.

Wo ich auch hinschau, ich kann nur Mauern sehn.

Ich will abhaun, will fliehn, viel zu eng ist der Raum.

 

Es gibt Wege, die scheinen ins Dunkel zu führen,

ich seh keinen Sinn und weiß kein Ziel.

Tief im Innern kann ich nur Ohnmacht spüren,

Perspektiven sind weit, Zweifel lähmt mein Gefühl.

 

Schenk mir Flügel und Kraft, wieder aufzustehen,

bin zu lang schon gefangen im eigenen Turm.

Lass dein Beispiel in mir wie Samen aufgehen,

vertreib meine Trägheit, entfache den Sturm.

 

Ein Gebet von Rita Grindl

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Eine Geschichte über Schneeflocken und den Frieden:

„Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?", fragte die Tannenmeise die Wildtaube.„Nicht mehr als Nichts", gab sie zur Antwort.„Dann muss ich dir eine wundersame Geschichte erzählen", sagte die Meise.„Ich saß auf einem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln meines Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau 3.741.952 waren es. Als die 3.741.953. Flocke niederfiel - nicht mehr als Nichts, wie du sagst -, brach der Ast ab." Damit flog (die Meise) davon.

Die Taube (...) sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: „Vielleicht fehlt nur eines einzigen Menschen Stimme zum Frieden der Welt."

Eine Geschichte des Friedensaktivisten und Autors Kurt Kauter

 

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Das Gedicht „Die Maske des Bösen" von Bertolt Brecht:

An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk

Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack

Mitfühlend sehe ich

Die geschwollenen Stirnadern, andeutend

Wie anstrengend es ist, böse zu sein.

 

Ein Gedicht von Bertolt Brecht

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Im Roman „Schiffbruch mit Tiger" schreibt Yann Martell über Zweifel an Gott:

Eine Zeit lang ist der Zweifel ein nützliches Mittel. (...) Wenn Christus zweifelte, dann sollten wir es ebenfalls tun. Wenn Christus eine qualvolle Nacht im Gebet verbrachte, wenn er vom Kreuz sein „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" herunterschrie, dann wird gewiss auch uns der Zweifel gestattet sein. Aber wir müssen über den Zweifel hinauskommen. Den Zweifel zur Lebensphilosophie zu erklären, das ist, als wählte man den Stillstand zum Transportmittel.

Aus dem Buch „Schiffbruch mit Tiger" von Yann Martel.

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