Manuskripte

SWR3 Worte

Als echter Philosoph, der er war, glaubte Sokrates, ein weiser Mensch würde instinktiv ein einfaches Leben führen. Er selbst pflegte noch nicht einmal Schuhe zu tragen. Und doch fühlte er sich immer wieder vom Marktplatz angezogen und besuchte ihn oft, um die dort angebotenen Waren zu betrachten. Als einer seiner Freunde ihn fragte, warum er das täte, sagte Sokrates: „Ich gehe gerne hin, um festzustellen, wie viele Dinge es gibt, ohne die ich phantastisch auskomme." 

Sokrates auf dem Marktplatz - von Anthony de Mello

 

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Ein alter Rabbi lag krank im Bett. Neben seinem Lager führten seine Schüler flüsternd eine Unterhaltung. Sie priesen seine beispiellosen Tugenden. „Seit Salomos Zeiten gab es niemand, der weiser wäre als er", sagte einer von ihnen. „Und sein Glauben! Er gleicht dem unseres Vaters Abraham", sagte ein anderer. „Seine Geduld ähnelt der Hiobs", sagte ein dritter. „Nur in Moses finden wir jemand, der so vertraut mit Gott verkehrt wie er", sagte ein vierter. Der Rabi schien keine Ruhe zu finden. Als die Schüler gegangen waren, sagte seine Frau: „Hast Du gehört wie sie Dein Lob gesungen haben?" „In der Tat", erwiderte der Rabbi. „Warum bist Du dann so mürrisch?" fragte sie. „Meine Bescheidenheit", klagte der Rabbi, „keiner sagte auch nur ein Wort über meine Bescheidenheit!"

Bescheidenheit - von Anthony de Mello

 

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Die Familie war um den Esstisch versammelt. Der älteste Sohn kündigte an, er werde das Mädchen von gegenüber heiraten. „Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Cent hinterlassen", sagte der Vater missbilligend. „Und sie selbst hat nicht einen Cent gespart", ergänzte die Mutter. „Sie versteht nichts von Fußball", wusste der Junior. „Ich habe noch nie ein Mädchen mit einer solch komischen Frisur gesehen", fand die Schwester. „Sie tut nichts als Romane lesen", sagte der Onkel. „Und sie zieht sich geschmacklos an", die Tante. „Aber sie spart nicht an Puder und Schminke, meinte die Großmutter. „Alles richtig, sagte der Sohn, aber sie hat, verglichen mit uns, einen großen Vorteil." - „Und der wäre?" wollten alle wissen. „Sie hat keine Familie"."

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Jemand fragte einmal den Meister: „Was sind die schwierigsten Dinge für einen Menschen?  Der Meister antwortete: „Die schwierigsten Dinge sind nicht körperliche Glanzleistungen oder intellektuelle Meisterstücke. Die schwierigsten Dinge für einen Menschen sind erstens:  Hass mit Liebe zu vergelten; zweitens: das Ausgeschlossene mit einzuschließen. Und drittens: zuzugeben, dass man unrecht hatte."

Schwierigkeiten - von Anthony de Mello

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Nachdem sich einer seiner Schüler eines ernsten Vergehens schuldig gemacht hatte, erwarteten alle, dass der Meister ihn exemplarisch bestrafen würde. Als ein voller Monat vergangen war, ohne dass er etwas getan hatte, machte man dem Meister Vorwürfe: „Wir können nicht übersehen was passiert ist. Schließlich hat uns Gott Augen gegeben." „Ja", erwiderte der Meister, „und Augenlider."

Augen und Augenlider von Anthony de Mello

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Der Meister und ein Schüler begegneten unterwegs einem Blinden, der am Straßenrand saß und bettelte. Sagte der Meister: „Gib dem Mann ein Almosen!"          Der Schüler warf eine Münze in den Hut des Bettlers. Sagte der Meister: „Du hättest deinen Hut ziehen sollen als Zeichen desRespekts". „Warum?" wollte der Schüler wissen. „Man sollte es immer tun, wenn man Almosen gibt".  „Aber der Mann war doch blind!" „Man kann es nie wissen" erwiderte der Meister, „vielleicht war er ein Schwindler.

Man kann nie wissen - von Anthony de Mello 

Quelle: Zeiten des Glücks - Geschichten für Herz und Seele. Hrsg. v. Anton Lichtenauer. Herder Verlag Freiburg, 2011. S. 79

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In einem Fischerdorf bekam ein Mädchen ein uneheliches Kind, und nach vielen Schlägen gab sie endlich den Namen des Kindsvaters preis: der Zen-Meister, der den ganzen Tag im Tempel außerhalb des Dorfes meditierte. Die Eltern des Mädchens, begleitet von vielen Dorfbewohnern, begaben sich zu dem Tempel, unterbrachen des Meisters Meditation, beschimpften ihn wegen seiner Heuchelei und erklärten, da er der Vater des Kindes sei, solle er nun auch die Last der Erziehung tragen. Der Meister antwortete nur:  „Sehr gut, sehr gut." Als die Menge abgezogen war, hob er das Baby vom Boden auf und vereinbarte mit einer Frau aus dem Dorf, das Kind auf seine Kosten zu nähren und zu kleiden. Der Ruf des Meisters war ruiniert. Niemand kam mehr zu ihm, um sich unterweisen zu lassen. Als schließlich ein ganzes Jahr vergangen war, konnte es das Mädchen, das das Kind geboren hatte, nicht mehr länger aushalten und bekannte, dass sie gelogen hatte. Der Vater des Kindes war der Nachbarjunge. Die Eltern und Dorfbewohner waren sehr zerknirscht. Sie warfen sich dem Meister zu Füßen, um seine Vergebung zu erhalten, und baten ihnen das Kind zurückzugeben. Und er sagte nichts weiter als: „Sehr gut, sehr gut." 

Der große Meister - von Anthony de Mello

Quelle: Zeiten des Glücks - Geschichten für Herz und Seele. Hrsg. v. Anton Lichtenauer. Herder Verlag Freiburg, 2011. S. 99

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