Manuskripte

SWR3 Worte

Ein Gedicht aus Irland: 

Gestern war ein Fremder als Gast in meinem Haus.
Ich teilte mit ihm meine Speise,
ich füllte ihm den Becher zum Trinken,
ich spielte ihm ein Lied.
Und im Namen der Dreifaltigkeit segnete mich der Fremde,
mich und meine Lieben,
mein Haus und mein Vieh.
Und über dem Dach jubelte die Lerche:
Oft, ja oft kommt Christus durch unseren Ort
im Gewand eines Fremden.

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Tomas Halik ist Theologe und Schriftsteller. Am Ende eines langen Schreib-Tages sitzt er über einem eben fertig gestellten Kapitel. Es geht darum, wie man Gott erahnen kann. Er schreibt: 

Ich tue nichts, ich sage nichts, ich denke nichts. Ich atme allein - so wie mich ein indischer Jesuit gelehrt hat: mit dem Ausatmen alle eigenen Sorgen, alle Angst und Traurigkeit von sich weggeben. Mit dem Einatmen schöpft man dann Frieden, Freude und Kraft. So als ob Wellen im Rhythmus an den Felsen schlagen und ins Meer zurückfallen. 

Tomas Halik in seinem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters".

 

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Stefan Klein denkt in seinem Buch „Der Sinn des Gebens" über Urzeitmenschen und deren Jagdmethoden nach. Und er zieht einen interessanten Schluss: 

Ein einzelner konnte es unmöglich mit dem Büffel aufnehmen; der hätte jeden, der sich ihm entgegenstellte, einfach niedergerannt. (...) Folglich müssen schon die frühesten Vertreter des modernen Menschen zur Zusammenarbeit fähig gewesen sein - und damit zwangsläufig zum späteren Teilen der Beute.

Dies war die neben der Sprache größte Errungenschaft unserer Art überhaupt. Ohne sie wäre die weitere Geschichte der Menschheit undenkbar. (...) Sie hätten nie die Meere überquert, (...) hätten selbstverständlich auch niemals die Musik (...) und die Annehmlichkeiten des modernen Lebens erfunden. (...)

Heute können wir uns kein anderes Leben mehr vorstellen - die Freundeskreise, Vereine (...) und Staaten, in denen wir uns bewegen, sind uns längst zur zweiten Natur geworden. So denken wir gar nicht mehr darüber nach, welch unwahrscheinlicher Zustand es ist, dass Menschen (...) kooperieren. 

Ein Zitat des Wissenschaftsjournalisten Stefan Klein.

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Heute ist der Aktionstag gegen Lärm. Dazu der Religionspädagoge Hubertus Halbfas mit vier Tipps für die Stille: 

  • - Lerne stillzusitzen! Anfangs kannst du erschreckt sein über das Maß der Unruhe, die in dir steckt. Aber wenn du (...) durchhältst, wirst du erfahren, dass mit der Stille des Leibes auch deine Seele frei wird.
  • - Sprich so leise wie möglich und nie lauter als notwendig! Höre dich bisweilen selbst sprechen und prüfe, ob deine Worte verhalten genug sind.
  • - Lerne zuzuhören ohne Ungeduld! Manche Menschen möchten immer nur selbst reden.
  • - Geh sparsam mit Unterhaltungsangeboten um. Lebe aus eigenen Kräften (...). Nur so entdeckst du deine Möglichkeiten. 

Aus dem Buch „Der Sprung in den Brunnen" von Hubertus Halbfas.

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Eine Geschichte darüber, dass jeder Mensch dieselbe Welt anders sehen kann: 

Vor vielen Jahren wollte ein großes Schuhunternehmen seinen Markt ausweiten. Die Geschäftsleitung beschloss, zwei verschiedene Mitarbeiter in die entlegendsten Teile Australiens zu schicken, wo jeder untersuchen sollte, welche Möglichkeiten dort bestanden, Schuhe zu verkaufen.

Nach einiger Zeit trafen zwei Telegramme ein. Im ersten hieß es: „Unmöglicher Markt. Alle gehen barfuß." Im zweiten Telegramm stand: „Unendlicher Markt! alle gehen barfuß!"

 Aus dem Buch „Oh!" vom Verein für Andere Zeiten

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Im Roman „Schiffbruch mit Tiger" wird ein jugendlicher Inder beschrieben, der mitten in der Natur spürt, dass Gott ihm ganz nahe ist: 

Ich stieg (...) auf mein Fahrrad (...) und (...) kam an eine Stelle (...) wo ich links von mir das Meer und vor mir ein langes Stück des Weges sehen konnte, und plötzlich fühlte ich mich wie im Himmel. Es war eine Stelle, an der ich erst vor ein paar Minuten vorbeigekommen war, aber nun sah ich sie mit neuen Augen. Es war ein wunderbar intensives, wohliges Gefühl (...). Wo zuvor Straße, See, Luft und Bäume jedes mit seiner eigenen Stimme zu mir gesprochen hatten, sprachen sie nun in einer gemeinsamen Sprache (...). Der Baum sah die Straße, die wiederum spürte die Luft, die sich alles Umgebende mit der Sonne teilte. Jedes Element lebte im Einklang mit seinem Nachbarn, und alles war in Harmonie miteinander. Als Sterblicher war ich gekommen, als Unsterblicher fuhr ich davon. 

Aus dem Buch „Schiffbruch mit Tiger" von Yann Martel.

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Ein Kollege von mir hat eine echte Krise hinter sich: Burn Out mit allem was dazu gehört. Er hat sich selbst nicht mehr gekannt. War schlapp und antriebslos und musste in ärztliche Behandlung. Als er nach mühevoller Aufbau-Arbeit seine Erschöpfungs-Depression langsam in den Griff bekommen hat, hat er ein Gedicht geschrieben. Es heißt: 

kaum zu glauben
ich konnte nicht mehr glauben
dass es einen Weg aus der Krise gibt
ich konnte nicht mehr glauben
dass die Hoffnung wieder wächst
und die Zweifel
in die Schranken weist
ich konnte nicht mehr glauben
dass mein Mut
zu tanzen beginnt
mit meiner Angst
ich konnte nicht mehr glauben
dass die Kreativität
mich beflügeln wird
andere haben es geglaubt
und es mich spüren lassen
und es mir gesagt
und langsam
fing ich an
an meinem Zweifel zu zweifeln
und Hoffnung wuchs
und die Lust auf´s Leben
kaum zu glauben
Gott sei dank 

Ein Gedicht von Manfred Fischer

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