Manuskripte

SWR3 Worte

Der österreichische Autor Arno Geiger hat ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben und dabei Leid und Freud des Vergessens beschrieben:

In diesem Jahr verbrachte ich, wie in all den Sommern davor, mehrere Wochen im Elternhaus. Es war spürbar, wie sehr die seit meiner Jugend gewachsene Distanz zwischen dem Vater und mir wieder kleiner wurde, und auch der von der Krankheit aufgezwungene Kontaktverlust, den ich seit längerer Zeit befürchtet hatte, trat nicht ein. Stattdessen freundeten wir uns nochmals an mit einer Unbefangenheit, die wir der Krankheit und dem Vergessen zu verdanken hatten; hier war mir das Vergessen willkommen. Alle Konflikte, die wir gehabt hatten, blieben zurück. Ich dachte mir, solche Gelegenheit kommt nicht wieder.

 

Aus dem Buch „Der alte König in seinem Exil" von Arno Geiger.

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Heute ist der „Weltgebetstag der Frauen". In über 170 Ländern treffen sich Frauen verschiedenster Glaubensrichtungen um zu beten. Das diesjährige Motto lautet: Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. Dazu ein Gebet von Karin Schwendt:

Heimat, deine Sterne,

wie hell und strahlend

erscheinen sie aus der Ferne.

 

Verzweifelte Menschen

fliehen aus ihrem Land,

haben nur was sie tragen konnten

auf dem Rücken und in der Hand.

Ihr Elend und ihr Leid

graben tiefe Furchen

in das Gesicht unserer Zeit.

 

Du Gott, bist oft unbemerkt

den Weg der Menschen mitgegangen,

hast sie gestützt, getröstet und

in deinen Armen aufgefangen,

Deine Liebe und Barmherzigkeit

gab ihnen Hoffnung,

Schutz und Sicherheit.

 

Heimat, eine Sehnsucht, die lebenslang bleibt

und an neuen Orten

immer wieder frische Wurzeln treibt.

Ein Gebet zum Weltgebetstag der Frauen

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Mit den folgenden Worten hat Papst Benedikt seinen Rücktritt den versammelten Kardinälen bekannt gegeben:

Liebe Mitbrüder, ich habe euch (...) zusammengerufen, (...) um euch eine Entscheidung (...) mitzuteilen. Nachdem ich wiederholt mein Gewissen (...) geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte, infolge des vorgerückten Alters, nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. (...) Die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen (...) hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern (...) ist sowohl die Kraft des Körpers, als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen. (...) Ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.

Papst Benedikt XVI zu seinem heutigen Rücktritt

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Eine Geschichte über die Wirkung von Geld:

Behandelt man Menschen wie Egoisten, so werden sie es auch. Auf skurrile Weise illustriert dies die Anekdote von einem klugen jüdischen Schneider, den (...) Fanatiker aus seiner Stadt vertreiben wollten. Die Eiferer sammelten sich jeden Morgen vor seinem Geschäft und brüllten Unflätigkeiten. Als die Lage zu eskalieren drohte, hatte der Schneider einen (...) Einfall: Er (...) händigte jedem der Flegel „als kleine Anerkennung für ihre Mühe" einen Taler aus. Am nächsten Tag sammelte sich der Mob wieder und verlangte Geld. „Bedaure", sagte der Schneider, „(...)Heute kann ich jedem von euch nur einen Heller bezahlen." Etwas enttäuscht nahmen die Rowdys die kleinere Münze und begannen die übliche Schreierei. Tags darauf kamen sie erneut, aber der Schneider erklärte, dass er jetzt nur noch einen Kreuzer für jeden erübrigen könne. Da wurde der Anführer des Pöbels sehr wütend: „Für diesen schäbigen Lohn quälen wir nicht unsere Stimme!" Die Schreihälse verschwanden und erschienen nie wieder.

Aus dem Buch „Der Sinn des Gebens" von Stefan Klein.

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Der tschechische Theologe und Schriftsteller Tomas Halik schreibt, wie er sich wünscht, dass ein christ die Entstehung der Welt betrachtet.

Wenn ein Christ seinen Glauben mit den Worten „Ich glaube an Gott, den Schöpfer" bekennt, dann drückt er damit keineswegs aus, dass er denke, „dies alles habe ein unsichtbarer großer Onkel hinter den Kulissen vollbracht" - denn solche Annahmen sind seine persönliche Angelegenheit und aus der Sicht des Glaubens völlig irrelevant. Vielmehr bindet er sich damit an eine Wertschätzungshaltung gegenüber der Welt: Er bekennt nämlich so, dass die Welt ein ihm anvertrautes Geschenk ist.

Aus dem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters" von Tomas Halik.

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Bertolt Brecht erzählt eine Geschichte, in der es darum geht „Nein" zu sagen:

In die Wohnung des Herrn Egge (...) kam eines Tages (...) ein Agent. Der zeigte einen Schein vor (...) auf dem stand, dass ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlangte; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen (...) legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand (...): „Wirst du mir dienen?" Herr Egge (...) bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tag gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen.

Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die (...) Decke, schleifte ihn aus dem Haus, (...) atmete auf und antwortete: „Nein."

Eine Geschichte von Bertold Brecht.

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Ein Gebet des Theologen und Schriftstellers Christian Linker:

Kürzlich haben nach einem echt langweiligen Tag

der Glaube, die Hoffnung und die Liebe

noch auf dem Sofa rumgehangen.

 

„Ich glaube, ich geh ins Bett", sagte der Glaube.

„Kommt nix mehr im Fernsehen?", fragte die Hoffnung?

 

„Ich geh mir nur noch eben schnell

ein Päckchen Kippen zieh´n",

sagte die Liebe und warf sich den Mantel über. (...)

 

Es war kein Bier mehr im Haus.

Und auch sonst im Kühlschrank gähnende Leere.

Und im Fernsehen gab´s nur Mist.

 

Aber das hatte die Hoffnung schon gewusst und sagte:

„Ich schau bloß noch Nachrichten,

dann komme ich auch ins Bett."

 

„Ist okay", sagte der Glaube, aber seltsam,

als er beim Zähneputzen in den Spiegel sah und darin hinter sich die Uhr:

„Sag mal, wo bleibt die Liebe nur?"

 

Ein Gebet von Christian Linker.

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