Manuskripte

SWR3 Worte

In vielen Städten, wie auch in Ulm, laufen die Vesperkirchen schon auf Hochbetrieb. Morgen kommen weitere Städte dazu: u.a. werden  in Pforzheim und Stuttgart Kirchen zu großen gemeinsamen Rasthäusern umgebaut. Dort bekommt jeder ein warmes Essen.
Der Ulmer Pfarr
er Adelbert Schloz-Dürr dazu:
„Was ist nicht aus dieser unserer alten Garnisonskirche, einer einst düsteren zugigen Bahnhofshalle Gottes, zur Zeit der Vesperkirche geworden: Ein Gasthaus Gottes mit offenen Kirchentüren für alle.
Es kostet letztlich keinen Eintritt. Notfalls reicht ein Gutschein.
Die Vesperkirchen sind wie Oasen, in denen wir - die wir alle wie Nomaden in unserem Leben unterwegs sind - auftanken können. Jede Oase ein kleiner Vorort vom Paradies."

Adelbert Schloz-Dürr; Achtzehnte Ulmer Vesperkirche; http://www.pauluskirche-ulm.de/index.php?option=com_content&task=view&id=54&Itemid=97

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14473

„Ich stelle mir vor, eine „Was-ich-schon-immer-tun-wollte"-Liste anzulegen. Segeln lernen würde ich darauf setzen. Eine Katze aufnehmen. Eine Pension eröffnen mit luftigen Zimmern. Abends würde ich für die Gäste Suppe kochen.
Ich weiß: Vieles davon wird Phantasie bleiben.
Und wenn schon - es gibt Träume, die müssen nicht sofort wirklich werden. Vielleicht werden sie es nie. Aber es ist schön sie zu träumen.
Eine Liste voll vertaner Chancen? Im Gegenteil: Dann und wann holte ich die Liste neugierig hervor. Sieh her, würde ich denken, das Leben bietet tausend Möglichkeiten. Und vielleicht irgendwann, wenn die Zeit reif ist, ergreife ich eine davon.
Und selbst wenn aus der Pension nur ein Suppenessen mit Freunden wird - was für ein Traum."

Susanne Niemeyer, Was ich schon immer tun wollte;Der Andere Advent, Meditationen und Anregungen 1. Dezember 2007 bis 6. Januar 2008, Sa. 5.1.08, Andere Zeiten e.V., Initiativen zum Kirchenjahr Hamburg.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14472

„Vor einiger Zeit besuchte ich mit meiner Enkeltochter eine Freundin, die ein Kind bekommen hat. Die Enkeltochter sah das Kind lange und bewegt an, und schließlich sagte sie: ‚Es hat so schöne unabgelaufene Füße!
So ist es auch mit dem neuen Jahr: Es hat so schöne unabgelaufene Füße.
Immer wenn etwas anfängt - ein neues Leben, die Ehe von zwei Menschen, ein neues Jahr, überkommt Menschen eine Art gerührter Hoffnung. Jeder Anfang hat die Zartheit und den Glanz des Unverdorbenen. Jeder Anfang ist eine Erinnerung und ein Versprechen; eine Erinnerung an alle die Anfänge, die in Hoffnung begonnen wurden. Und ein Versprechen: Einmal wird es einen Anfang geben, der nicht in Kürze überholt ist."

Fulbert Steffensky, Unabgelaufene Füsse; Ach. Das kleine Buch vom großen Staunen. Hamburg (Andere Zeiten e.V.) 2007, S. 52.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14471

Sieg oder Niederlage? Die US-amerikanische Folksängerin Joan Baez,die heute ihren 62. Geburtstag feiert, meint: es ist oft nur eine Frage des Blickwinkels und  erzählt ein Beispiel:
„Coretta King, die Witwe von Martin Luther King, und ich forderten 1972 die Frauen in unserem Land dazu auf, für die Frauen und Kinder in Vietnam einzutreten. Als symbolische Geste sollten sie einen Kreis um das Kapitol in Washington herum machen.
Die Regierung fühlte sich so bedroht, sodass es einen Feldzug gegen unser Projekt gab. Überall ließ man uns abblitzen, Zeitungen schrieben nichts mehr über uns, Fernsehsender luden mich aus. Das war eine schreckliche Enttäuschung. Statt einer halben Million Menschen kamen nur dreieinhalbtausend.
Wir haben es dennoch geschafft, einen Kreis um den Kongress zu bilden - mit weit ausgestreckten Armen. Also war das doch ein kleiner Sieg."

Joan Baez; „Ich bin die Stammesälteste"; http://www.merkur-online.de/nachrichten/kultur/joan-baez-interview-ich-stammesaelteste-305178.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14470

Wie kann man sich im Alltag einen Blick für das Besondere bewahren? Man kann sich „Alltagsgeländer" bauen, meint Michael Lipps, der Leiter der Telefon-Seelsorge Rhein-Neckar. Er sagt:
„Alltagsgeländer sind für mich Zeiten der Stille, des Schweigens, des Ausatmens, des Einatmens. Sonst nichts. Wichtig ist, diese Zeiten und Orte zu schaffen, sie bewusst zu suchen, sie sich zu nehmen und sich ihnen zu lassen.
Irgendwo ist immer eine Kirche offen. Oder den Radweg am Fluss entlang zur Arbeit nehmen und nicht den Straßenbahnschienen folgen -
einen klitzekleinen Teil meiner Kraft darauf verwenden,
zu spüren, was ich brauche, um nicht atemlos zu werden;
zu spüren, was andere brauchen und was uns zusammenhält.
Alltag ist immer mein Jetzt, ist unsere Gegenwart - und da mitten drin Gottes Zeit."

Michael Lipps; Der Alltag, da spielt das Leben; http://www.ekiba.de/2216.php

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14469

Das neue Jahr ist noch jung. Um zu einem guten Gelingen beizutragen, sagt Erich Kästner:
„Nein, das alte Jahr war keine ausgesprochene Postkartenschönheit, beileibe nicht. Und das neue? Wir wollen's abwarten.
Wollen wir's abwarten? Nein!
Wir wollen nicht auf gut Glück, nicht auf den Zufall
und nicht auf die Weisheit der Regierungen, die Intelligenz der Parteivorstände und die Unfehlbarkeit aller übrigen Büros hoffen.
Wenn Millionen Menschen nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben wollen, kommt es auf das Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf Instanzen.
Wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet oder Hass gesät wird - stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen. Jeder ist mitverantwortlich für das, was geschieht."

Erich Kästner; Die vier archimedischen Punkte; Die kleine Freiheit, Artium Verlag, Zürich 1952

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14468

Rezept für einen Tag voller Himmelslicht:
Noch eingehüllt in die wohlige Wärme der Decke,
einen großen Schluck leuchtende Morgensonne gegen das Dunkel der Nacht.
Eine kräftige Prise Fröhlichkeit, ein Lächeln versuchen.
Eine Handvoll Geduld und Nachsicht mit den eigenen Plänen,
dazu ein Hauch Milde und Achtsamkeit als Balsam für die eigene Seele,
ein großer Happen Mut und alles einen Moment wirken lassen -
innehalten vor diesem Tag voll noch unentdeckter Schönheit.
Und dann, mit einem tiefen Atemzug und einem ersten Schritt
den Tag öffnen, neuer Tag, neue Stunde - mir geschenkt."

Sabine Schaefer-Kehnert, Morgenstern; Der andere Advent 2010/11, hrsg. von Andere Zeiten e.V. Initiativen zum Kirchenjahr (www.anderezeiten.de) Text vom 02.01.11.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14467