Manuskripte

SWR3 Worte

Bäume und Felder stehen zurzeit in voller Frucht und morgen feiern die Christen das Erntedankfest. Auch beim Laubhüttenfest, welches die Juden derzeit feiern, wird Gott gedankt.Die evangelische Theologin Dorothee Sölle meint:
Das Tischgebet oder das Segnen erinnern daran, dass die Nahrung geschenkt ist, und das ist ein Symbol dafür, dass das Leben geschenkt ist. Es ist eine religiöse Grunderfahrung, dass das Leben nicht selbstverständlich ist, etwas, was man kaufen kann oder über das man eben herrscht und verfügt.
Das Dankgebet integriert die Ehrfurcht vor dem Leben, die Erkenntnis von der Bedrohtheit des Lebens und ein Verständnis - um ein sehr großes Wort zu gebrauchen - von der Heiligkeit des Lebens.

Leben ist Geschenk; Dorothee Sölle: Den Rhythmus des Lebens spüren. Inspirierter Alltag, (Herder Verlag spektrum, Bd. 5413) Freiburg 2003, S. 45.

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Heute vor 56 Jahren wurde in Deutschland die erste Nummer der Telefonseelsorge geschaltet. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin erzählt, was sie in den vielen Gesprächen erfahren und gelernt hat:
Viele Menschen sind regelrecht gefangen zwischen zwei Polen, die in ihrem Inneren unversöhnlich gegenüber stehen : richtig oder falsch, Wunsch oder Regel, Sicherheit oder Freiheit.
Aber eine gute Entscheidung ist viel mehr als ein inneres Abwägen von Pro und Contra. Es ist ein Sich-überlassen und erfordert, dass wir unserer inneren Stimme zutrauen, uns richtig zu leiten. Um diese innere Stimme zu hören, braucht es Geduld, Aufmerksamkeit und einen Gesprächsstil, der auch Stille zulässt.
"Richtige" Entscheidungen sind keine, die sich dem einen oder anderen Pol verpflichtet fühlen. Es sind Entscheidungen, die reifen durften und Kraft haben, weil sie ganz eigen sind.

Anonymus; Die endlose Qual mit dem Entweder - Oder, in: Telefonseelsorge Stuttgart e.V.(Hg.): Empathie, Jahresbericht der Telefonseelsorge Stuttgart e.V. für das Jahr 2010, 10-11.
http://telefonseelsorge-stuttgart.de/cms/sites/default/files/Empathie2010.TS-Stuttgart.pdf

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Wie können wir Menschen mit unseren unterschiedlichen Kulturen und Religionen zusammenleben? Papst Johannes Paul II hat zum Dialog geraten:
Der Dialog übersieht nicht die realen Unterschiede, doch er löscht auch nicht unsere gemeinsame Pilgerschaft hin zu einer neuen Erde und einem neuen Himmel aus.
So lädt der Dialog alle Menschen zur Stärkung der gegenseitigen Freundschaft ein.
Wir alle müssen mutiger sein auf diesem Weg der Freundschaft, damit die Männer und Frauen dieser Welt - egal welchem Volk und Glauben sie auch angehören - sich als Söhne und Töchter des einen Gottes und als Brüder und Schwestern untereinander erkennen können.

Botschaft von Johannes Paul II. an Kard. Edward I. Cassidy anlässlich des XIII. interreligiösen Weltfriedenstreffen in Lissabon
In: http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/speeches/2000/jul-sep/documents/hf_jp-ii_spe_20000926_cassidy-lisbona_ge.html

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Seit es Menschen gibt, wandern wir. Seit es Menschen gibt, wandern wir und sind Migranten.
Adam und Eva verlassen ihr Zuhause, Kain erschlägt Abel und geht in die Fremde, Mose und Miriam ziehen aus der Knechtschaft in die Freiheit. Mit Neugier - und mit Angst vor Neuem. Mit Gastfreundschaft - und mit Konflikten, die gelöst werden müssen.
Es kommen Weise aus dem Morgenland zu Jesu Krippe, die Familie flieht dann nach Ägypten.
Gott selbst wandert um die Welt, und ein Wandersmann kann sich als Engel erweisen. Migration ist die Kraft der sozialen Veränderung und der kulturellen Weiterentwicklung.
Seit es die eine Menschheitsfamilie auf unserem einen Planeten gibt, wandern wir. Seit es die eine Menschheitsfamilie auf unserem einen Planeten gibt, sind wir Migranten.

Gottfried Rösch, deutscher Pfarrer, der in Tansania und England gelebt hat.
e-migration.de; http://www.e-migranten.de/text

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Heute vor 143 Jahre wurde Mahatma Gandhi geboren. Für den indischen Freiheitskämpfer, Rechtsanwalt und Politiker war das Gebet ein ständiger Begleiter. Er meint:
Gebet ist nicht einfach eine Übung des Sprechens oder des Hörens, es bedeutet auch nicht, dass man leere Formeln wiederholt. Auch eine noch so häufige Wiederholung des Gottesnamens ist nutzlos, wenn sie nicht die Seele in Bewegung bringt.
Beim Beten ist es besser, ein Herz ohne Worte zu haben als Worte, die nicht vom Herzen kommen.
Das Gebet soll eine klare Antwort auf den Hunger der Seele sein.

Mahatma Gandhi, Aus der Stille kommt die Kraft des Friedens. Auswahl und Übersetzung von Henrike Rick, (Herder Verlag) Freiburg im Breisgau 2007, S. 23.

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Günter Wallraff feiert heute seinen 70. Geburtstag. Was er im Laufe seines Lebens zutiefst begriffen hat, fasst er so zusammen:
Wir sollten uns hüten, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Keine Gesellschaft hat die Wahrheit gepachtet, keine.
Und eine Gesellschaft, die von sich behauptet, sie habe die perfekte, absolute Gesellschaftsform gefunden, stagniert in Wirklichkeit, ist in der Regel sogar schon rückwärts gewandt. Jede Gesellschaft muss sich nach besseren Möglichkeiten hin orientieren. Es gibt einen Spruch eines großen orientalischen Weisen, Ben Shoma, der sagt: 'Der ist weise, der von allen lernt.' Das heißt, auch vom Gegner. Wir müssen auch die verstehen lernen, die sich weigern uns zu verstehen.

Günter Wallraff; Wie halten Sie es mit der Wahrheit, Herr Wallraff?
Redet Wahrheit, Sacharja 8,16. Themenheft 2007
Hg: Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Deutscher Koordinierungsrat e.V., Postfach 1445, D-61214 Bad Neuheim (keine Verlagsangabe), S. 16-19, 16.

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Was für ein wundersamer Tag ist das, der Sonntag. Das meint der  Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil:
Der Sonntag ist ein Tag, dessen Verlauf und dessen Rituale mir aus den Kindertagen geblieben sind, es ist, als wäre ich damals für immer mit bestimmten Sehnsüchten und Erwartungen geimpft worden, ohne die ich mir einen Sonntag einfach nicht vorstellen kann.
In den Kindertagen war dieser Tag nämlich der Tag des ganz anderen Lebens, des Lebens mit festlichem Charakter, das mit dem sonstigen Werktagleben nur sehr wenig gemein hatte. Zum Sonntagleben gehörten die Gebete, der Besuch des Gottesdienstes und ein festliches Mittagessen, das an Schönheit und Feierlichkeit genau zu den sonntäglichen Gebeten und Gottesdiensten passte. Ich bekam die Ahnung von einer schöneren Welt.

Hanns-Josef Ortheil; Die Erfindung des Lebens, (btb Verlag, Random House GmbH) München, 8. Aufl. 2011, S. 54f und 71.

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